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Der Norden als Sehnsuchtsland
Pressestimmen zu True North im Deutsche Guggenheim



Mit True North präsentiert das Deutsche Guggenheim Werke sieben zeitgenössischer Künstler, die sich in ihren Foto- und Videoarbeiten mit den Bildern eines "ewigen", unberührten Nordens auseinandersetzen. Diesen auf der Landschaftsmalerei der Romantik basierenden Stereotypen setzen Stan Douglas, Olafur Eliasson, Elger Esser, Thomas Flechtner, Roni Horn, Armin Linke und Orit Raff Darstellungen entgegen, die kritische Standpunkte zu Geschichte, Umwelt und Politik beziehen. Die von Jennifer Blessing, Kuratorin für Fotografie am New Yorker Solomon R. Guggenheim Museum, organisierte Schau stieß in der Presse auf ein geteiltes Echo.

"Die Illusion Norden" überschreibt Malena Bubenheimer von der art ihren Artikel zu True North. Für sie geht es in der Ausstellung vor allem darum, "die Vorstellungen von der Unberührtheit und Unantastbarkeit der endlosen Weiten des Nordens zu widerlegen." – "Die Künstler der Schau haben alle ihre ganz eigene, faszinierende Sicht auf den Norden. Einerseits unantastbar und für Menschen nur unter schwersten Bedingungen bewohnbar, andererseits aber auch Angriffsfläche: Die Natur wird durch die Menschen und deren Lebensart bedroht." Auch für Pitt Herrmann vom Herner Feuilleton widersetzen sich die Künstler im Deutsche Guggenheim "dem Ideal eines unberührten, unwandelbaren Nordens. In vielen der melancholisch gestimmten Fotos und Videoprojektionen (…) klingt der Verlust einer ursprünglichen Reinheit an." Der Norden biete "viel Platz für (künstlerische) Projektionen", so Gabriela Walde von der Berliner Morgenpost. True North greife ein Thema auf, dass in der Luft liegt: "Der erhabene Norden erlebt in letzter Zeit eine erstaunliche Renaissance. Erderwärmung, Klimakatastrophe, Artensterben, aber auch die Sinnsuche in einer sich immer weiter aufsplitternden Welt mögen einen Erklärungsrahmen dafür geben." Das Handelsblatt bringt die Schau auf diesen Nenner: "Dass der Norden mehr zu bieten hat als die Postkartenmotive der Landschaftsmalerei, zeigen Stan Douglas oder Olafur Eliasson mit ihren kühlen Video-Loops und Dia-Symphonien. True North im Deutsche Guggenheim Berlin – eine virtuelle Reise nach Skandinavien. Buchen!"

Wenig begeistert zeigt sich dagegen Christina Tilmann im Tagesspiegel. "Vorhersehbar" erscheint ihr die Auswahl der präsentierten Werke zum "Sehnsuchtsland" Norden. "Wintersport, Klimakatastrophe und die Entfremdung des modernen Menschen von der Natur. Das Thema ist groß, die Räume Unter den Linden sind klein, und die Auswahl der New Yorker Kuratorin Jennifer Blessing aus der hauseigenen Sammlung nimmt sich ziemlich beliebig aus." Auch Kito Nedo von der Zitty überzeugt das Konzept der Schau nicht. Er fragt, ob sich Thomas Flechtners Fotoarbeit Glaspass (Walks #10), die eine von Skispuren durchfurchte Schneelandschaft zeigt, "wie von der Guggenheim-Kuratorin Jennifer Blessing behauptet, tatsächlich auf die Tradition der romantischen Landschaftsmalerei des frühen 19. Jahrhunderts bezieht oder nicht viel eher in der Echokammer der Land- oder Environmental Art aus den späten 60er arbeitet." Obwohl für Nedo "die Romantik-Klammer der Ausstellungsthese" auch bei den anderen Exponaten nicht wirklich greift, "die Qualität der einzelnen Werke schmälert dies nicht. Besonders Roni Horns sagenhafte (…) Fotoinstallation PI aus den Jahren 1997/1998 und die fast ebenso alte Videoarbeit Nu.tka. von Stan Douglas (…) lassen die fragwürdige Ausstellungsthese schnell vergessen."

Vor allem am Ort der Ausstellung stört sich Carsten Probst in seinem Beitrag für Deutschlandradio Kultur. Nachdem Jennifer Blessing in einer Interviewpassage betont hat, dass die Künstler der Ausstellung sich auch mit den Einflüssen der Globalisierung und der Ausbeutung des Nordens auseinandersetzten, fragt er polemisch: "Findet diese Ausstellung nicht zufällig in den Räumen der Deutschen Bank statt? Hat diese Ausstellung am Ende auch die Funktion, das schlechte Gewissen dieser Bank über ihre Rolle in eben dieser Globalisierung auszudrücken? (…)Viele mögliche Interpretationen schafft diese Ausstellung, und Freude über dieses repräsentative Bekenntnis mag an diesem Ausstellungsort denn auch nicht so recht aufkommen."

An das Thema Klimawandel denkt auch Ingeborg Ruthe von der Berliner Zeitung angesichts von Olafur Eliassons Aufnahmen von Gletschermassiven, die "rasant und damit bedrohlich zu graubraunen Geröllhalden abschmelzen" oder Armin Linkes "gezähmter Winterlandschaft" in einer Skihalle in Tokio. "Man möchte glauben, eine Klimaschutzliga habe namhafte Künstler beauftragt, Landschaften in all ihrer grandiosen Schönheit und zugleich in ihrer Bedrohtheit durch den Menschen zu zeigen." Doch in ihrem Bezug zur romantischen Landschaftsmalerei haben die gezeigten Arbeiten "eher etwas elegisches, als offensiv Umweltkritik zu üben. Und doch zeigen sie, still und unaufgeregt, gerade so die Verlogenheit des von der Touristik- und Freizeitindustrie aufrecht gehaltenen Klischees, der Norden sei 'die letzte Grenze', hinter der man spirituelle Erneuerung und Glück erlangen könnte".




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