In dieser Ausgabe:
>> Dani Gal
>> Julia Schmidt
>> Asli Sungu
>> Clemens von Wedemeyer

>> Zum Archiv

 

Wie so etwas klingt, demonstrierte er Anfang des Jahres im historischen Ambiente der Villa Romana auf den Hügeln über Florenz. Als Höhepunkt der Eröffnung seiner Einzelausstellung zeigte der Villa-Romana-Preisträger dort die Performance voiceoverhead. Bei klirrender Frühlingskälte standen die Besucher bis in den Hof an, während Gal und sein Partner Achim Lengerer als DJ's hinter schwarzen Objekten agierten, die aussahen wie Hybride aus Rednerpult und Lautsprecher. Aus den Boxen drang keine Musik, sondern Beispiele aus Gals Schallplatten-Archiv: Die Stimmen von Angela Davis und Erika Mann mischten sich mit den Signalen von U-Boot-Radaren, Tonfragmenten der Nürnberger Prozesse oder dem Gemurmel von Menschenmengen. "Bei voiceoverhead behandeln wir die historischen Aufnahmen als Geräuschmaterial", sagt Gal. "Wir pendeln ständig zwischen der Abstraktion des aufgenommenen Ereignisses und seinem verständlichen Inhalt. Wenn wir eine bestimmte Aufnahme manipulieren oder verändern, versuchen wir ihre besondere Atmosphäre zu betonen. Töne haben die Möglichkeit, ein Ereignis sozusagen 'zurück ins Leben' zu holen."




Voiceoverhead, Performance in der Villa Romana Februar 2008,
Foto © Gregor Hohenberg



Bei seiner Performance in der Villa Romana war das historische Material nur an einigen Stellen deutlich zuzuordnen. Über weite Teile ließ der Künstler es zu einer diffusen, beinahe musikalischen Klangfolie verschwimmen. Mit genau diesem verstörenden Widerspruch machte er spürbar, wie subjektiv und willkürlich die Konstruktionen von historischer "Wahrheit", nationaler und kultureller Identität sind. Die Assoziationen eines Geräusches scheinen so vielfältig wie die Erfahrungen der Zuhörer: "Als Kind hatte ich richtig Angst, wenn ich am Knopf des Radios drehte und zufällig auf einen Sender stieß, der arabische Musik spielte", erinnert sich Gal. "Das lag nicht nur daran, dass ich gelernt hatte, dass das die Musik des Feindes ist, sondern auch an der besonderen Qualität der Kurzwellenübertragung, die die Musik bedrohlich wirken ließ."



Mit ihren akustischen Störungen und thematischen Überlagerungen, Samples und Brüchen wirkte Gals Performance fast schon programmatisch für die Zukunft der Villa Romana. Denn in diesem traditionsreichen Haus, in dem schon Max Beckmann, Georg Baselitz oder Jungstars wie Amelie von Wulffen und Marc Brandenburg gearbeitet haben, geht es darum, immer wieder mit Klischees zu brechen und den eigenen Status Quo permanent zu hinterfragen. Angelika Stepken, die neue Direktorin der Villa, arbeitet entschieden gegen die Vorstellung, dass es sich bei dem Haus auf den Hügeln um eine Herberge für deutsche Künstler-Stipendiaten handelt, die sich hier an der "Wiege der Renaissance" in romantischer Abgeschiedenheit von italienischer Lebensart, Architektur und alter Kunst inspirieren lassen.


Dani Gal, La Battaglia, 2007 Video / Audio Installation,
© Dani Gal


Dani Gal, La Battaglia 2, 2007 Video / Audio Installation,
© Dani Gal


Spätestens nachdem das Haus 2007 mit einer Millionen Förderung vom Bund komplett modernisiert und endlich auch mit einem Internetanschluss und einer Website ausgestattet wurde, ist Schluss mit dem Bild eines altmodischen Refugiums in toskanischer Zypressenidylle. Mit nur einem Mausklick ist die Villa an das globale Kunstgeschehen angeschlossen. Das inzwischen älteste deutsche Künstlerstipendium, das seit den zwanziger Jahren von der Deutschen Bank gefördert wird, war stets ein Experimentierfeld für die künstlerischen Strategien seiner Zeit. Jetzt soll die Villa Romana nach dem Willen Stepkens noch stärker als Plattform für den Austausch mit der italienischen Szene dienen, und zugleich seine internationale Bedeutung ausbauen.


Dani Gal und Achim Lengerer bei ihrer Performance
The Ballot or the Bullet! - voiceoverhead
im Atrium des Deutsche Bank Gebäuders Unter den Linden,
Foto Mathias Schormann

Dazu gehört auch die Präsentation der Stipendiaten im Deutsche Guggenheim, die zugleich eine Herausforderung für die Teilnehmer ist. Das galt auch für die Aufführung von Gals Performance voiceoverhead, Anfang Mai im Deutsche Guggenheim. "Es war sehr interessant hier aufzutreten, weil der Ort so eine Konzernatmosphäre ausstrahlt", sagt Gal. "Der Auftritt fand in der Haupthalle statt, wo für gewöhnlich die Reden gehalten werden. Wir haben versucht, diese Situation in der Konzeption unserer Performance zu betonen." Hatte die Villa-Romana-Variante eher Clubatmosphäre, erinnert das Arrangement von voiceoverhead tatsächlich eher an einen Vortrag bei einer Hauptversammlung. "Der Sound in der Halle ist unglaublich", erinnert sich der Künstler. Die Besucher in Berlin waren allerdings ebenso irritiert wie die in Italien – ein Gefühl, das typisch für die Rezeption von Gals Kunst ist. Seine Arbeiten unterlaufen Erwartungen, werfen Fragen auf und bieten doch am Ende keinen Ausweg, um das Kunsterlebnis in einer affirmativen Aussage zu kanalisieren. So bleibt es offen, ob Gal mit dem Sampling von Geräuschen und den modifizierten Plattenspieler eine tiefere Erkenntnis über die Welt vermitteln will. Auch der Künstler schweigt dazu. Zumindest eines steht für ihn fest: Der Kommunikation ist nicht zu trauen.

[1] [2]