In dieser Ausgabe:
>> Dani Gal
>> Julia Schmidt
>> Asli Sungu
>> Clemens von Wedemeyer

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Das überrascht nicht. Sonst hätten sie ihre Tochter in ihrem Wunsch, Künstlerin zu werden, wohl kaum unterstützt. Asli Sungu kam 1975 in Istanbul zur Welt, wo sie auch aufwuchs und ihr Studium an der Mimar Sinan Universität der schönen Künste abschloss, bevor sie 2000 nach Berlin ging. Das erste Bild, das die Meisterschülerin der Bildhauerin Christiane Möbus an der Universität der Künste malte, maß drei Meter mal siebeneinhalb Meter und reproduzierte den Parkettfussboden ihres frisch bezogenen Zimmers als Wandmalerei. Ihre Professoren in Istanbul hätten Mein Zimmer (2000) wohl ebenso als modischen Unfug abgetan wie das unscharfe Bild von Gerhard Richter, das Asli Sungu als Vorlage wählte, um es für ihre Abschlussprüfung zu kopieren. Das streng an der westlichen Malerei von der Renaissance bis zur klassischen Moderne ausgerichtete Studium, wie sie es in Istanbul erlebte, führte bei ihr, wie sie im Gespräch mit der Leiterin der Villa Romana in Florenz, Angelika Stepken, bekannte, ziemlich schnell in die Krise. Glücklicherweise lernte sie während eines Jahres, in dem sie pausierte, Ayse Erkmen kennen. Die erfolgreiche Künstlerin machte ihr Mut und brachte sie auf die Idee nach Berlin zu gehen.






Asli Sungu, PFHH!, (Videostill),
© Asli Sungu



"Alles, was ich bis dahin gemacht hatte", so erzählt Asli Sungu im Gespräch mit Angelika Stepken, "hatte immer mit Wänden zu tun." So fiel, was immer sie etwa an den Gipswänden ihrer neuen Wohnung in Berlin aufhängte, wieder herunter. Dadurch entstand der Gedanke, den Vorgang zu filmen. PFHH! (2002) war ihr erster Versuch mit Video – ein Slapstick, in dem der Protagonist ein Regal mit Küchenutensilien ist, das ständig von der Wand fällt. Asli Sungu sah aber nicht nur das Regal von der Wand fallen. Bei ihr rutscht auch mal die Farbe von der Wand, wie im Deutsche Guggenheim zu sehen ist. Leuchtend Orange hat sich die Farbe in Brettstärke auf dem Boden zu einer kleinen Mauer aufgeschichtet. Es ging ihr darum, sagt Asli Sungu, dass die Farbe, und das, was die Farbe repräsentiert, nicht zwei verschiedene Dinge sind. Ob das wirklich so ist? Vielleicht braucht es einen Experten in Philosophie und Logik, um zu klären, ob Farbe, die sich dreidimensional im Raum ausdehnt, nicht doch schon etwas anderes darstellt, nämlich eine Wand oder eine Skulptur.


Asli Sungu, Frappant, 2005,
© Asli Sungu

In jedem Fall aber ist diese Arbeit ein Freisteller, wie es der Titel der Ausstellung der vier Villa-Romana-Preisträger verspricht: aus dem ursprünglichen Kontext herausgelöst, frei für die Platzierung in eine ganz andere Umgebung. Mit der Ortsveränderung hängt wieder die Frage, was als falsch oder richtig gilt, eng zusammen. Denn nicht nur mehr oder weniger begründete Erwartungen darüber, was sich gehört und was nicht, unterscheiden sich von Ort zu Ort. Selbst das Wissen, das zur Expertise qualifiziert, ist nicht überall gleich. Deshalb hat Asli Sungu den Alltag im häuslichen Umfeld als ihr genuines Kunstlabor so ausgezeichnet gewählt. In seinem, dem individuellen Eigensinn so förderlichen Klima, müssen kulturelle Identität, gesellschaftliche Normen, familiäre Rituale, ja sogar fachliche Kompetenz umso mehr hochgehalten werden.


Asli Sungu, Frappant (Detail), 2005,
© Asli Sungu

Unentwirrbar sind das Verlangen nach Kontrolle und das Gefühl der Verbundenheit ineinander verstrickt, korrespondiert Sorge mit Hilflosigkeit wie man in Vermisst (2005) erfährt. Die Kamera ist auf eine mit weißer Raufaser tapezierte Wand gerichtet, auf der wie von Geisterhand geschriebene kurze Sätze erscheinen. Sie fassen die Aufzeichnungen des Anrufbeantworters zusammen, denen man über Kopfhörer lauscht. Zweiundzwanzig Mal hört man die Mutter, die aus Istanbul anruft und fragt, was die Tochter mache, wo sie stecke, ob sie das Ticket schon gekauft habe und wann sie denn nun nach Hause fliegen werde. Obwohl ganz privat, scheint nichts allgemeiner als diese Anrufe, die jeder von uns kennt. Und obwohl sie in der Entfernung Istanbul Berlin besonders dringlich scheinen, sind sie von New Jersey nach Manhattan oder von Neukölln nach Berlin-Mitte nicht weniger brisant.



Asli Sungu, Vermisst (Videostill), 2005,
© Asli Sungu

Der Ausstellungstitel Freisteller trifft das Werk von Asli Sungu in seinem Kern: Ihre Kunst wirkt wie ein freigestelltes Foto auf einer Zeitungsseite, das von seinem ursprünglichen Entstehungszusammenhang getrennt und in einen neuen Kontext eingefügt wurde. Den neuen Hintergrund liefern dabei die persönlichen Erfahrungen der Betrachter. In Arbeiten wie PFHH!, Faulty oder Ganz die Mutter/Ganz der Vater stehen Fehler und Unzulänglichkeiten für viel universellere Rollenansprüche und Machtstrukturen, mit denen wir uns alle auseinandersetzen müssen. Das verleiht Asli Sungus privaten Geschichten einen enormen Wirkungsradius: Das Rad, das in ihrem häuslichem Bade- oder Wohnzimmer sperrt, ist Teil einer Maschine, die global funktioniert.

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