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Verweigerung auf Probe
Clemens von Wedemeyer blickt hinter die Kulissen des Politikbetriebs



Was passiert, wenn ein Wahlsieger die Wahl nicht annimmt? Ist die Kapitulation eines Politikers ernst gemeint oder nur Strategie? Diese Fragen wirft Clemens von Wedemeyer in seinem neuen Film "Die Probe" auf, der in der Ausstellung Freisteller im Deutsche Guggenheim zu sehen ist. Der Künstler lässt die Handlung auf der Hinterbühne des Politischen spielen. Daniel Völzke ist ihm dorthin gefolgt – und hat Parallelen zu realen Vorbildern entdeckt.



Clemens von Wedemeyer, Die Probe (Videostill), 2008,
© Clemens von Wedemeyer


Die beiden Männer sehen sich in die Augen, und für einen Moment meint man, sie würden gleich die Haltung verlieren, losprusten und sich auf die Schenkel klopfen: der designierte Präsident und sein Redenschreiber – in einem unbeobachteten Moment, kurz nach dem fulminanten Wahlsieg. Die Probe, ein Film von Clemens von Wedemeyer, der gerade in der Ausstellung Freisteller im Deutsche Guggenheim zu sehen ist, spielt auf der Hinterbühne des Politischen. Dort, wo nach Meinung der Bürger am Stammtisch im Grunde alles möglich ist. Also auch, dass die hochseriösen Politiker das Volk verhöhnen, das sie eigentlich vertreten sollen.


Clemens von Wedemeyer, Villa Romana 2008
Foto © Gregor Hohenberg

Der 1974 geborene Clemens von Wedemeyer interessiert sich für Räume, die im toten Winkel der alltäglichen und medialen Aufmerksamkeit liegen. Er hat in seinen Filmen Behördenwillkür als geheimnisvolles Ritual dargestellt (Otjesd, 2005), oder den kraftmeierischen Ehrgeiz der Stadtplaner und Lebensmanager an der urbanen Realität gemessen (Silberhöhe, 2003). Besondere Beachtung fand sein Beitrag zu den letztjährigen skulptur projekten in Münster. Das Metropolis, ein heruntergekommenes Bahnhofskino, nutzte der Filmemacher als Servicestation und Anlaufstelle für Reisende und Ausstellungsbesucher.



Clemens von Wedemeyer, Von Gegenüber, 2007,
Metropolis Kino, skulptur projekte münster 07,
Foto Mühlhoff/Vossiek

Zugleich wurde das Kino zum Projektionsraum für seine Doku-Fiktion Von gegenüber/From the opposite side, die das Leben im Viertel rund um den Bahnhof thematisierte. Aufnahmen mit versteckter Kamera kombinierte von Wedemeyer mit inszenierten Szenen, die mit Schauspielern im Bahnhof gedreht wurden. Dabei vertauschten sich die Rollen, Darsteller wurden zu Passanten, heimlich aufgenommene Passanten zu Darstellern. So spielte bei von Wedemeyer auch das Mitglied einer Obdachinitiative einen Polizisten, der im Bahnhof Streife läuft. Die in einem endlosen Loop gezeigte Arbeit assoziiert sowohl den Bahnhof als auch das Kino mit dem Verschwinden des öffentlichen Raumes. Und verknüpft nebenbei das Medium Film mit Skulptur und Installation.


Clemens von Wedemeyer, Von gegenüber (Videostill), 2007,
© Clemens von Wedemeyer
courtesy Galerie Jocelyn Wolff, Paris


Clemens von Wedemeyer kommt aus Göttingen und studierte an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Dort wurde in den neunziger Jahren mit viel Getöse der Studiengang Medienkunst eingerichtet, doch machten dann die vernachlässigten Maler das Rennen auf dem Kunstmarkt. Er hat hier Bildende Kunst studiert und nicht Medienkunst. Es ist aber gut möglich, dass man als Student in solch einer Konstellation genauer nachdenkt über die Mittel, die man zur Hand hat. "Ich versuche, mir selbst das Medium Kino oder Film anzueignen, und dabei kann ich den Rahmen des Mediums, dem ich misstraue, nicht ganz vergessen", sagt von Wedemeyer.



Clemens von Wedemeyer, Von gegenüber (Videostill), 2007,
© Clemens von Wedemeyer
courtesy Galerie Jocelyn Wolff, Paris


Dieses Misstrauen ist in seinem Werk elementar. Die Hinterbühne, das ist bei ihm der Ort des Zweifels. Man kennt den Blick in den Backstage-Bereich aus unzähligen "Making-Ofs", die die Entstehung von Filmen dokumentieren. Auch von Wedemeyer produziert zu seinen Filmen gelegentlich "Making-Ofs", wobei er aber die Dokumentation der Produktion beinahe den gleichen Wert beimisst wie dem eigentlichen Film. Durch dieses Vorgehen, in dem Brechts Idee eines epischen Theaters nachhallt, zeigt sich der Film als etwas Gemachtes, als medialisierte Realität, die ebenso gut anders aussehen könnte, eine andere Stimmung, eine andere Tendenz, einen anderen Anspruch haben könnte.


Bei dem zwölfminütigen Film Die Probe, von Wedemeyers jüngster Arbeit, wird nicht nur das mediale Instrumentarium freigelegt. Hektische Kameraleute, toughe PR-Berater, markige Sprüche rund um die Feier eines Wahlsieges: Auch wenn der Künstler einige Minuten lang das Genre der deftigen Medien-Polit-Satire zitiert, konzentriert sich Die Probe vor allem auf jene ruhigen Momente, in denen die Fernsehteams verschwinden. Wie durch eine unsichtbare Überwachungskamera schauen wir aus einer statischen Einstellung auf kurze Augenblicke des Leerlaufs, auf Sekunden, in denen Platz wäre für eine Utopie oder zumindest für etwas mehr Dialektik, Feinheit und Komplexität.






Clemens von Wedemeyer, Die Probe (Videostill), 2008,
© Clemens von Wedemeyer



Clemens von Wedemeyer, Die Probe (Videostill), 2008,
© Clemens von Wedemeyer

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