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Freisteller
Das Deutsche Guggenheim präsentiert die aktuellen Villa Romana-Preisträger



Seit 1905 wird der Preis der Villa Romana an vielversprechende junge Künstler verliehen. Die Auszeichnung ist nicht nur der älteste deutsche Kunstpreis, sondern auch das am längsten bestehende kulturelle Engagement der Deutschen Bank. Mit der Ausstellung "Freisteller" im Deutsche Guggenheim findet diese Kooperation einen neuen Höhepunkt. Zudem setzt die Schau die Reihe der von der Bank konzipierten Ausstellungen in dem Joint Venture mit der Solomon R. Guggenheim-Stiftung fort. Silke Hohmann stellt die aktuellen Villa Romana-Preisträger vor.



Die Villa Romana in Florenz
Foto © Gregor Hohenberg

Als zeitgenössischer Bildender Künstler ausgerechnet ein Stipendium in Florenz zu bekommen, kann eine schwere Hypothek sein. Schließlich ist nicht nur die Kunst selbst hier in der "Wiege der Renaissance" seit Hunderten von Jahren in hoher Qualität allgegenwärtig. Sondern auch die Kunstbetrachtung hat hier eine lange Geschichte des Staunens, der Andacht, der Ehrfurcht. Wenn man als junger Künstler also ohnehin darum zu kämpfen hat, sich von dem zu emanzipieren, was in der Kunstgeschichte schon einmal dagewesenen ist, dann kann man Florenz bestimmt nicht als leichtes Pflaster empfinden.



Asli Sungu, Ganz die Mutter (quite her mother),
Videostill, 2006
© Asli Sungu


Wie fühlt es sich an, als Neuankömmling in der Fremde ausschließlich auf Experten zu treffen, die mit strengem Blick alles, was man tut, genau unter die Lupe nehmen? Wie findet man sich an einem Ort zurecht, an dem alle nur auf Fehler hinzuweisen scheinen? Die 1975 geborene Künstlerin Asli Sungu ist Absolventin der UdK in Berlin und eine von vier Preisträgern der Villa Romana 2008. Seit Februar dieses Jahres lebt und arbeitet sie in der klassizistischen Villa am Rande von Florenz. In einem Werk, das sie in der Ausstellung der Preisträger 2008 in der Deutsche Guggenheim Berlin zeigen wird, treibt sie das Gefühl des Irgendwie-immer-falsch-Seins auf die Spitze. Für ihr Video Faulty – was "fehlerhaft" bedeutet – lud sie vier Experten zu sich nach Hause ein, die hinter der Kamera stehend jeweils eine Alltagstätigkeit von Asli Sungu korrigieren: Der Dentalexperte weist auf fehlerhaftes Zähneputzen hin, ein Wäschefachmann referiert über korrektes Bügeln, ein Küchenchef macht kritische Anmerkungen beim Kochen, und sogar beim Fensterputzen gibt es Ratschläge.



Asli Sungu, Ganz der Vater (quite her father),
Videostill, 2006
© Asli Sungu

Diese groteske Überzeichnung des Über-Ich, das zwanghafte Erfüllen von fremden Erwartungen ist ein konstantes Thema in Asli Sungus Werk. Für Ganz die Mutter und Ganz der Vater (beide 2006) bat sie ihre türkischen Eltern, sie jeweils so einzukleiden, wie sie ihre Tochter am liebsten sähen. Es kamen zwei widersprüchliche Entwürfe heraus: Die Version der Mutter glich einem kleinen Mädchen, die des Vaters einer Business-Frau. "Mich interessieren die Erwartungen, und die Fehler und Enttäuschungen beim Versuch, diese Erwartungen zu erfüllen", sagt die Künstlerin, deren zweites künstlerisches Betätigungsfeld zwar anders aussieht, sich aber ebenfalls mit dem Begriff der Repräsentation beschäftigt. Sie versucht in ihrer Malerei, Bild und Bildmotiv zu einer Einheit zu verbinden. "Das heißt: Die Farbe und das, was die Farbe repräsentiert, sollen nicht zwei verschiedene Dinge sein", erklärt Asli Sungu, für die Farbe als Material ihren eigenen Charakter hat: Sie soll nichts weiter als sich selbst zeigen. "Mit diesem Gedanken mache ich jetzt eine Wand, die nur aus Acrylfarbe besteht, sodass die Farbe alleine frei stehen kann."



Asli Sungu,Frappant, 2005
©Asli Sungu


Frei stehen ist auch im übertragenden Sinne das Leitmotiv der Ausstellung im Deutsche Guggenheim. Die dort gezeigten Werke sind teilweise bereits in Florenz während des Aufenthaltes an der Villa Romana entstanden. Und tatsächlich mag es sich befreiend anfühlen, zwar eingebettet zu sein in einen großen historischen Rahmen, aber relativ losgelöst aus den aktuellen Debatten und Diskursen der großen Zentren der Gegenwartskunst.

Dabei ist der Ausstellungstitel Freisteller weniger programmatisches Diktum, als der gelungene Versuch, vier sehr unterschiedliche Positionen gleichermaßen zu benennen – und gleichzeitig auf die Tradition des Hauses zurück zu verweisen. Denn der Zustand des "Herausgelöstseins", der Unabhängigkeit, den ein Stipendium in der Villa Romana in Florenz für Künstler bedeuten soll, hat seit 1905 Tradition: Gegründet wurde die Villa vom Deutschen Künstlerbund mit privaten Mitteln als ein vom Staat unabhängiges Institut. Auch der Preis wurde damals ganz gezielt als Gegenmodell zu den Auszeichnungen der staatlichen Akademien ins Leben gerufen. Die Deutsche Bank, mit der Deutsche Guggenheim jetzt Gastgeber der Ausstellung, fördert das die Villa Romana bereits seit den zwanziger Jahren.



Dani Gal, La Battaglia,
Video-Audio-Installation, 2007
© Dani Gal


Der 1977 in Israel geborene Künstler Dani Gal ist Experte im Herauslösen, im Isolieren von Phänomenen. Er schält historische Dokumente aus ihren Zusammenhängen, um einen neuen, anderen Blick darauf zu ermöglichen. Sein Material sind Dokumente der Weltgeschichte, wobei er nicht unterscheidet zwischen Fundstücken aus dem Alltagsleben und bedeutenden Ereignissen: Einmal widmet er sich einer US-amerikanischen Unterrichtseinheit der siebziger Jahre, in der über die Bedrohung durch Terrorismus aufgeklärt wird. Ein anderes Mal sucht er den israelischen Tontechniker Avi Yaffe auf, der während des Yom-Kippur-Krieges 1973 sein Aufnahmegerät mit in den Bunker genommen und damit die ersten sieben Stunden des überraschenden Angriffs aufgezeichnet hatte.



Dani Gal, The talking mountain of Israel,
Video-Audio-Installation, 2007
© Dani Gal


Dani Gal zerlegt das akustische und visuelle Material, das er bei seinen Recherchen sammelt, noch weiter und trennt zum Beispiel Text und Bild voneinander, was zu großer Eindringlichkeit führt. Vor allem aber sucht er nach Wegen, innerhalb einer Ausstellung Sprache und Raum, das Individuum des Betrachters und die kollektive Geschichte in ein physisch erfahrbares Verhältnis zueinander zu setzen. Für Freisteller verzichtet er ganz auf die Bildebene und konzentriert sich auf Raum und Sound: Er manipuliert zwei Plattenspieler so, dass ein herannahender Betrachter die Lautstärke und die Geschwindigkeit des Klangs beeinflusst und selbst zum Performer wird. Dani Gal zeigt uns mit seinem Verweis auf die Subjektivität, dass unser Bild von der Wirklichkeit aus Zufällen besteht, aus Fehlern, Statistiken, aus gesammelten Momenten, die auch ganz anders hätten erinnert werden können. In seinen Installationen lässt er den Betrachter selbst Variablen davon anfertigen.



Dani Gal, La Battaglia,
Video-Audio-Installation, 2007
© Dani Gal


Die Malerin Julia Schmidt hat zwar vollkommen andere Methoden, doch auch sie sammelt Fundstücke des Zeitgeschehens, isoliert sie und stellt sie in neue Zusammenhänge. Die Bildmotive der Absolventin der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig sind zwar höchst verschiedenartig, doch jeweils mit großer Genauigkeit und intellektuellem Anliegen gewählt. Ihre Vorlagen können dabei aus verschiedenen Printmedien oder aus dem Internet stammen, und während des Malprozesses verschwinden sie teilweise wieder.



Julia Schmidt, Untitled (shellac), 2007
Courtesy Casey Kaplan Gallery
© Julia Schmidt


Oft sind die Zentren von Julia Schmidts Bildern leer, die Zusammenhänge der einzelnen Elemente bleiben vage. Es ist eine widerspenstige Malerei, die zunächst mit vertrauten Formen und Motiven lockt, doch einen erzählerischen oder emotionalen Zugang zum Bild spröde verweigert. "In der Ausstellung im Deutsche Guggenheim wird es eine neue Konstellation von Bildern mit einem heterogenen Spektrum an Motiven zu sehen geben", kündigt die Künstlerin an. "Die provisorische Konstruktion eines Kiosks, Ausschnitte aus einem Bettlerbild von Edgar Degas, der schmuddelige Schritt einer männlichen Figur, die auf einem barocken Stuhl lümmelt. Schweineborsten, die zur Herstellung feinster Künstlerpinsel verwendet werden."



Julia Schmidt, Untitled (atelier) I, II , 2007
Courtesy Casey Kaplan Gallery
© Julia Schmidt


Julia Schmidt wird ihre Bilder an einer eher provisorisch aussehenden, in einem leichten Winkel schräg stehenden Wand als Gruppe präsentieren. Hier gibt es zwar keine Protagonisten, keine thematische Klammer. Ein Thema hat Julia Schmidt trotzdem: Jene spezifischen Fragen, die das Medium Malerei heute selbst aufwirft – einschließlich der Frage nach Wert und Ware. Julia Schmidt bearbeitet dieses Thema nicht vordergründig, sondern in dem sie innerhalb des jeweiligen Bildes selbst während des Malens Wichtiges und Unwichtiges einander auslöschen lässt, Bedeutung und Bedeutungsverlust austariert, Pracht und Zerstörung gegeneinander antreten lässt, ohne dabei je auf ein versöhnliches Ergebnis abzuzielen. Die Malerei von Julia Schmidt verkörpert Ambivalenz, sie ist die Bild gewordene Weigerung, sich einig zu werden. Und das interessanter und widersprüchlicher Weise mit großer Souveränität.



Julia Schmidt, Untitled (kiosk), 2007
Courtesy Casey Kaplan Gallery
© Julia Schmidt


Die Ambivalenz als größtes Merkmal der postmodernen Gesellschaft beschäftigt auch Clemens von Wedemeyer. Der 1974 in Göttingen geborene Absolvent der Hochschule Leipzig produziert nicht mehr als zwei Filme im Jahr und hat schon an wichtigen Großausstellungen wie den Skulptur Projekten Münster 07 teilgenommen. In seinen inszenierten, oftmals aber dokumentarisch aussehenden Filmen behandelt er gesellschaftspolitische Themen wie etwa Stadtplanung, Grenzpolitik oder das Verschwinden des öffentlichen Raumes. Gleichzeitig hinterfragt er in seinen Werken auch immer das Medium Film selbst und stellt die Autorität des Erzählers, die er selbst schafft, wieder in Frage.



Clemens von Wedemeyer, Die Probe (the test),
Videostill, 2008
© Clemens von Wedemeyer


In seinem Beitrag für Freisteller geht es um den Moment des souveränen Scheiterns, des Alles-in-Frage-Stellens im Augenblick des größtmöglichen Triumphes. Er erzählt in seinem Film Die Probe (2008) die ersten Minuten des neu gewählten Präsidenten eines nicht näher bestimmten Landes unmittelbar nach der Wahl: Hinter den Kulissen der Wahlveranstaltung der Siegerpartei probt er, wenige Momente nachdem er gewonnen hat, seine Antrittsrede. Doch anstatt seinen Sieg selbstbewusst und kämpferisch zu zelebrieren, zeichnet sich der vorbereitete Text durch Zweifel aus – nicht nur an seiner Person, sondern am gesamten Machtapparat. Würde er sie vor dem Publikum halten, das draußen jubelt, wäre es eine Rücktrittsrede. Anstatt nochmals die Überlegenheit seines Wahlprogramms zu betonen, bekennt er: "Meine Worte waren nur Mittel zum Zweck." Er will sich verweigern.



Clemens von Wedemeyer/Maya Schweizer, Metropolis,
Report from China, Videostill, 2004-2007,
© Clemens von Wedemeyer/Maya Schweizer


Als er sichtlich zweifelnd den Backstage-Bereich Richtung Bühne verlässt, erfährt der Betrachter nicht mehr, ob der Präsident die Rede wirklich so hält. Und wenn, ob es nicht doch nur wieder Teil einer perfiden Strategie zur eigenen Machtsteigerung ist. Der Loop beginnt von vorne, man sieht Die Probe also gegebenenfalls zwei oder mehrmals mit unterschiedlichem Vorwissen. Man denkt an die vom Politikwissenschaftler Thomas Meyer geprägte Formulierung von der "Politik als Theater", und setzt in Zusammenhang mit dem Standort der Villa Romana noch einmal andere Bezüge – schließlich ist die medienwirksame Ausrichtung von Politik kaum irgendwo so ausgeprägt wie in Italien.



Clemens von Wedemeyer, Von Gegenüber (over the way), 2007
für 'Skulptur Projekte Münster 07'
Foto: Mühlhoff/Vossiek
© Clemens von Wedemeyer


Die Künstler werden sich zum Zeitpunkt der Eröffnung von Freisteller erst drei Monate in ihrer Residenz Villa Romana befinden, doch ergibt sich – bei aller Unterschiedlichkeit der Positionen – eine erstaunliche Kohärenz im Umgang mit Perspektiven auf die Welt: Alle vier Künstler beschäftigen sich auf ihre Weise mit der Frage nach Objektivität, alle vier schaffen neue Bezugssysteme, um damit letztlich – ganz in Florentiner Tradition – zu neuen Erkenntnissen über die Gegenwart zu gelangen.