In dieser Ausgabe:
>> Porträt Collier Schorr
>> Interview Collier Schorr
>> Francesca Woodman
>> Interview Matt Saunders

>> Zum Archiv

 
Auf einmal diese Nähe:
Anmerkungen zu Collier Schorr



In den USA gehört Collier Schorr zu den einflussreichsten Vertreterinnen ihrer Generation. Auch in der europäischen Kunstszene wurde sie durch ihre inszenierten Fotografien von deutschen Jugendlichen, die in Uniformen des dritten Reiches, der US-Streitkräfte oder der israelischen Armee posieren, beinahe über Nacht bekannt. Jetzt ist im Deutsche Guggenheim ihr Ausstellungsprojekt "Freeway Balkonies" zu sehen. Doch was treibt Schorr dazu, sich mit den Männerwelten von Soldaten, Ringern oder Rennfahrern auseinanderzusetzen? Oliver Koerner von Gustorf über das kontroverse Werk der New Yorker Künstlerin.




Collier Schorr, Opium, 2005
Courtesy 303 Gallery, New York

"Ich blieb mit den Eltern zuhause, spielte Karten, sah Boxkämpfe im Fernsehen und trank Vogelmilch." Es klingt wie aus einer anderen Zeit, wenn Collier Schorr von ihrer deutschen Familie spricht. Vor ihr auf dem Tisch liegt ein Fotobuch mit Aufnahmen aus dem Vogelmilchland: unter einem weiten Himmel blickt ein Mädchen mit blonden Zöpfen über verwilderte Kornfelder, eine steinerne Maria hält das Grabtuch Christi in den Händen. Sonne fällt auf verlassene Fabriken, Fachwerkfassaden und heruntergelassene Jalousien. Jungen posieren in Uniformen der Wehrmacht oder der US-Armee, lümmeln sich im Gras. Neighbors/ Nachbarn heißt der Band, der zu Forests & Fields, Schorrs erster deutscher Einzelausstellung im Badischen Kunstverein, Ende 2006 erschien.



Collier Schorr, Brother and Sister, reflection, 2002
Courtesy 303 Gallery, New York


Wir sitzen in ihrem Brooklyner Atelier und nippen am mitgebrachten Cappuccino aus dem Coffee-Shop um die Ecke. Draußen säumen Backsteinbauten, Werkstätten und Garagen die Straße, ab und zu donnern LKWs die Driggs Avenue herunter. Während an diesem kalten Frühlingstag kleine Hunde in Mäntelchen ausgeführt werden und Kunststudenten auf Mountain-Bikes vorbeiradeln, wirkt das sommerliche Deutschland in Schorrs Buch fern wie ein hyperrealer Traum. Und der sieht so schwarz-weiß, kristallklar und schonungslos aus, als hätte Walker Evans seine Bilder von den verarmten Landarbeitern des amerikanischen Mittelwestens nicht während der großen Depression der 1930er Jahre, sondern in Schwaben aufgenommen. Oder genauer, in Schwäbisch Gmünd, jenem Ort, an dem Schorr seit 19 Jahren jeden Sommer verbringt. Der Ort, fünfzig Kilometer östlich von Stuttgart, ist ihre zweite Heimat. Hier leben jene Menschen, für die Collier die "amerikanische" Schwester ist, die mit ihnen Feste, Geburtstage und Beerdigungen zelebriert, deren Häuser, Kinder, Freunde und Verwandte sie immer wieder fotografiert hat. Doch was treibt eine New Yorker Künstlerin aus einem liberalen, jüdischen Elternhaus ausgerechnet in die Enge einer schwäbischen Kleinstadt?



Collier Schorr, The Master, 2007
Courtesy 303 Gallery, New York


Als sie erzählt, dass sie hier 1989 auf ihrer ersten Deutschlandreise mit 30 Dollar in der Tasche strandete und in der einzigen alternativen Bar im Ort ihre damals 18-jährige Freundin kennen lernte, scheint klar: so verliebt man sich mit den Leuten auch in die Städte und Länder. Tatsächlich klingt es zunächst wie eine Liebesgeschichte, wenn sie beschreibt, wie sie über Nacht von den Eltern ihrer Freundin aufgenommen wurde - Siebenbürger Sachsen, die als Aussiedler nach Schwaben gekommen waren, mit denen sie nachts unter gerahmten Puzzeln Karten spielte. Dann schildert sie ihre anfänglichen Trennungsversuche, die Panik, die sie bei dem Gedanken an die so unterschiedlichen Herkünfte überfiel. Sie spricht über die sanfte Beharrlichkeit ihrer Freundin, die Nachmittage, an denen sich die gesamte Großfamilie zum Grillen im Schrebergarten traf, und wie die bedingungslose Zuneigung sie ihre Ängste irgendwann vergessen ließ. Wenn Schorr ohne Zögern von "ihrer" Familie redet und in ihrem New Yorker Tonfall "Vogelmilsch" sagt, ganz so, als müsse jeder diese rumänische Süßspeise kennen, dann hat das den Beigeschmack von Eischnee und Zucker und erinnert an das milchige Weiß von Haut und blonden Haaren, das auf ihren Fotografien aufleuchtet: die Haut der Kinder, die aus dem Schatten von Obstbäumen treten, der adoleszenten Jungen, die in Camouflage-Hosen ausgestreckt auf Feldbetten oder in blühenden Landschaften liegen und in die Kamera schauen, als seien sie heroische Gefangene.


Collier Schorr,
Matti, Back (There I was...), Ellwangen, 2001
Courtesy 303 Gallery, New York


Angesichts von Schorrs fotografischen Exkursion wird ein weiteres Motiv ihrer Faszination für deutsche Kultur offenbar: die Möglichkeit, in eine andere Identität zu schlüpfen, in ein bis zur Feindlichkeit fremdes Land zu gehen und all das zu absorbieren, dessen völliges Gegenteil man eigentlich verkörpert. Doch erst nach vier Jahren, Mitte der Neunziger, fing sie tatsächlich an, in Schwäbisch Gmünd zu fotografieren. Genau in dem Moment, als die US-Armee abzog. Sie konnte in Deutschland an keinen Gleisen vorbei gehen, ohne an die Deportationen ins KZ zu denken, und rauchende Schornsteine lösten bei ihr ein bedrückendes Gefühl aus. Sie hätte sich als Jüdin damals nur in dem Bewusstsein hier aufhalten können, sagt die 1963 geborene Schorr, dass sie als Teil einer Siegermacht in einem okkupierten Land war, in dem sie von der US-Armee beschützt wurde: "In der Minute, in der sie den Stützpunkt schlossen, wurde ich geradezu davon besessen, ihre Präsenz in der Stadt in meiner Arbeit wiederherzustellen. Ich begann gleichzeitig die Familie zu fotografieren und ganz verschiedene Projekte um diese Charaktere herum zu entwickeln, die sich mit ihrer Identität beschäftigten."



Collier Schorr, Fussball Spieler, 2004
Courtesy 303 Gallery, New York


Aufgrund von Schorrs offensivem Umgang mit männlichen Ritualen, Militär- und Sport-Fetischen ist ihr fotografisches Interesse häufiger auf eine homoerotische oder "queere" Perspektive reduziert worden. Dazu beigetragen hat auch eine ihrer bekanntesten Äußerungen. Als sie vor Jahren gefragt wurde, warum sie denn Wrestler und Soldaten aber keine Mädchen aufnehme, antwortete sie: "Tue ich doch, ich nutze nur Jungs dafür." Allerdings hat sie ziemliche Probleme, wenn ihre Arbeit vor allem einem schwulen Kontext zugerechnet wird: "Das Wort 'queer' hat einfach zu viele Bedeutungen. Ich würde lieber als Künstlerin, denn als 'queer' verstanden werden. Ich sehe mich als Teil der Kunstszene, genauso wie auch zum Beispiel Thomas Demand. Es ist allerdings schwer, Deutschland davon zu überzeugen, weil meine Arbeit so radikal anders wirkt. Dabei fußt sie auf dem Werk von August Sander, der mit seinen fotografischen Porträts versuchte, ein weites Spektrum der Gesellschafts- und Berufsgruppen der Weimarer Republik festzuhalten. Alles in meiner Arbeit beruht auf dieser Idee, verschiedene Charaktere zu erfassen, und in ein bestimmtes Format zu bringen. Auch Sander brachte Kostüme und Kleidung mit und suchte sich bestimmte Menschen als Stellvertreter aus."



links:
Collier Schorr,
Helmet, Kindling and Deer Feed (Winter), Durlangen, 2000
Courtesy 303 Gallery, New York

rechts:
Collier Schorr, 2 Clicks North, 2000
Courtesy 303 Gallery, New York


Stellvertretend für eine ganze Generation hat Schorr 2007 die Geschichte des 19-jährigen Drag-Car Rennfahrers Charlie "Astoria Chas" Snyder und seiner '67 "Ko-Motion" Corvette als Grundlage für ihre Installation There I Was in der New Yorker 303 Gallery genutzt. Bereits als Kind begleitete sie ihren Vater, der als Motorsport-Journalist und Fotograf arbeitete, zu Rennen, an denen Jugendliche wie Snyder mit ihren hoch frisierten Wagen teilnahmen. Ein Artikel ihres Vaters aus den späten Sechzigern dokumentiert das damalige Lebensgefühl: "Während Astoria Chas in Vietnam sein Ding durchzieht, fahren seine Freunde mit seiner L-88 das Rennen weiter." Der Traum von Geschwindigkeit und jugendlicher Rebellion wird vom Beigeschmack politischer Realität und der Ankündigung eines Todes überschattet. Als der Beitrag veröffentlicht wird, ist Snyder bereits gefallen.



Collier Schorr, Chas Posing For My Dad, 2007
Courtesy 303 Gallery, New York

[1] [2]