In dieser Ausgabe:
>> Joseph Beuys und seine Schüler
>> Vik Muniz - Kunst in den Favelas
>> Ayse Erkmens Interventionen
>> Deutsche Pop Art: Thomas Bayrle

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Wer etwas kann, der unterrichtet es
Vik Muniz und seine Kunstschule für die Kinder der Favelas



Der brasilianische Künstler Vik Muniz ist seit 2006 der Leiter des Centro Espacial in Rio de Janeiro – einer Kunstschule, an der er Aufsehen erregende Projekte mit Kinder aus den städtischen Slums realisiert hat. Die Arbeit "Pictures of Junk" zum Beispiel: Installationen aus Wohlstandsmüll, so groß wie Fußballfelder, die aus der Vogelperspektive betrachtet, berühmten Gemälden der Alten Meisten ähneln. Morgan Falconer hat Muniz in seinem New Yorker Studio besucht und herausgefunden, weshalb Lehrer nie aufhören, selbst zu lernen.



Vik Muniz, Marlene Dietrich, 2004
Sammlung Deutsche Bank
© Vik Muniz/VG Bild – Kunst, Bonn 2008

Viele Künstler haben bei Ebbe im Geldbeutel schon mal die eine oder andere Stunde als Lehrer in einem Klassenzimmer oder in einem Hörsaal abreißen müssen – während sie im Studio noch nach ihrem eigenen Weg in der Kunst suchten. Vik Muniz macht da keine Ausnahme. Anfang der Achtziger kam er aus seinem Heimatland Brasilien nach New York, heute ist er bekannt für seine ironische Aneignung der Appropriation Art. Er verarbeitet flüchtige und sehr exzentrische Materialien wie Schokoladensoße, Fäden und Müll, um das bestehende Bildgedächtnis der Kunstwelt noch einmal neu zu schaffen. Danach hält er das Ergebnis seiner Arbeit in Fotografien fest.

Die Deutsche Bank hat zwei bemerkenswerte Beispiele in ihrer Sammlung: Bei Sunflowers (after Van Gogh) aus dem Jahre 2002 lässt Muniz das berühmte Werk des holländischen Malers aus den Blättern eines Farbmusterbogens neu entstehen. In Marlene Dietrich (2004) verwendet er dagegen ausschließlich Diamanten, um das Gesicht der Filmdiva zu erschaffen. Muniz Fotografien haben auf den Kunstkenner eine ähnliche Wirkung wie eine hochkonzentrierte Droge: Sie wirken schnell und unmittelbar – und sie haben dem Endvierziger beträchtlichen Erfolg beschert. So kann er es sich mittlerweile leisten, sein Studio in Brooklyn als eine Wunderkammer der Renaissance auszustaffieren. Ölgemälde von Courbet und Tiepolo zieren die Wände, einen Bärenfell ist auf dem Boden ausgebreitet, das Regal hinter seinem Schreibtisch quillt über von alten Fotos und präparierten Insekten. Doch trotz seines Erfolgs ist es vor allem eines, was den Künstler wirklich beschäftig: der Zusammenhang von Kunst und Bildung. "Es gibt ein geflügeltes Wort im Englischen", sagt er. "'Wer etwas kann, der tut es. Wer etwas nicht kann, der unterrichtet es.' Ich denke, das ist falsch. Das Unterrichten zwingt den Künstler nicht nur, seine Ideen in eine Form zu bringen, so dass er sie an andere weitergeben kann; die Studenten bringen oft auch eine Energie mit, die man in der Kunstwelt oft vergeblich sucht."



Vik Muniz
Foto: Barney Kulok
Courtesy of Sikkema Jenkins & Co.



Vik Muniz, Sunflowers, after Van Gogh, 2002
Sammlung Deutsche Bank
© Vik Muniz/VG Bild – Kunst, Bonn 2008

Ans Unterrichten hat er in letzter Zeit häufig gedacht. 2006 steckte er einiges an Geld und Energie in die Gründung des Centro Espacial Vik Muniz – eines Bildungsinstituts in Rio de Janeiro für Kinder, die in den Favelas leben. "Es sind typische raue, harte Favela-Kinder, wenn sie zum ersten Mal bei uns auftauchen", sagt er. Das Centro Especial Vik Muniz ist in eine andere Schule, die Galpão Aplauso, eingegliedert. Sie bietet Schauspiel- und Theater-Workshops an und wird jedes Jahr von 400 Schülern aus den 200 Favelas der Stadt besucht. Dieses Engagement der Schüler sei schon allein ein Erfolg, meint Muniz, da der lange Arm und die unterschiedlichen Interessen der Drogenkartelle Feindschaften zwischen den verschiedenen Favelas entstehen lassen.

Muniz ist sehr glücklich über die Wirkung seines Centro Espacial. Er beschäftigt mehrere ehemalige Schüler als Mitarbeiter in seinem Studio. Kürzlich haben sie zusammen an der Serie Pictures of Junk gearbeitet, mit der Muniz Gemälde Alter Meister noch einmal neu schafft – dieses Mal allerdings in enormer Vergrößerung und mit Industrieabfällen statt Ölfarbe. Das Studio des Künstlers hat die Ausmaße eines Basketballfelds. Um die Bilderserie zu schaffen, kauerte Muniz auf einem Gerüst knapp unter der Decke und dirigierte die Arbeiten am Boden mit Hilfe eines Laser-Pointers. So dient jetzt ein Haufen industriell gefertigter Netze, um das Maul des monströsen Giganten in Saturn devouring one of his sons (after Goya) abzubilden. In Narcissus (after Caravaggio) verleihen alte Eimer, Kühlschränke, Räder und rostige Ketten dem "Gemälde" Textur.




Vik Muniz, Narcissus, after Caravaggio,
aus "Pictures of Junk", 2006,
Courtesy of Vik Muniz and Sikkema Jenkins & Co.

Muniz stammt zwar aus Sao Paulo, doch haben seine über die Jahre angesammelten Erfahrungen in Rio den entscheidenden Ausschlag gegeben, sein Bildungszentrum genau dort zu gründen. "Rio ist wie San Tropez – allerdings mit dem Speckgürtel von Mogadishu drum herum", erklärt er. "Als Brasilianer glaube ich, dass ich auf beiden Seiten des Grabens arbeiten muss, um hier zu leben und die Kultur der Stadt wirklich genießen zu können." Manche mögen bezweifeln, dass die Kinder der Favelas ausgerechnet ein Kunstzentrum brauchen. Doch Muniz sagt, er wisse durchaus über die Bedürfnisse seiner Schüler Bescheid. "Ihre Realität ist vollkommen anders als die eines gewöhnlichen Kunststudenten. Sie wollen eine Ausbildung, einen Job, und es ist ihnen sehr wichtig etwas in der Hand zu haben, das sie einem Arbeitgeber zeigen können." Deshalb hat er einen Kurs mitentwickelt, der von den Ideen des Bauhaus beeinflusst ist und die Schüler letztlich in die Lage versetzt, an einem Projekt, einer Ausstellung oder einem Katalog mitzuarbeiten.


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