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And the winner is …
Mit einer großen Ausstellung stellt der Kandinsky Prize die junge russische Szene in Berlin vor



Die russische Hauptstadt hat sich zu einem boomenden Kunstzentrum entwickelt. Immer mehr neue Galerien zeigen aktuelle Positionen, Veranstaltungen wie die Moskau Biennale lenken die internationale Aufmerksamkeit auf die vitale russische Szene. Die Deutsche Bank engagiert sich seit mehr als zwanzig Jahren in Russland - mit Präsentationen ihrer Sammlung, Ausstellungsförderungen und jetzt auch mit dem Kandinsky Prize für junge russische Kunst. Während die Gewinner und Nominierten von 2007 zurzeit in einer großen Ausstellung in Berlin gezeigt werden, berät eine Jury internationaler Kunstexperten in diesen Tagen über die Positionen, die für 2008 ins Rennen ziehen. Olga Tararukhina über Hintergründe und Perspektiven des höchstdotierten russischen Kunstpreises.




Erste Verleihung des Kandinsky Prize im
Winzavod Center of Contemporary Art, Moskau


In Russland wird er mit dem britischen Turner Prize verglichen. Dennoch besitzt der Kandinsky Prize einen ganz unverwechselbaren Charakter. Auf die Frage, wie sich ihr zwischen Europa und Asien gelegenes Land entwickeln soll, antworten die Russen seit dem frühen 19. Jahrhundert, dass es seinen eigenen Weg gehen muss. Das gilt auch für die einheimische Kunst. Durch die Russische Revolution kam die lange humanistische Tradition privater Sammlungen im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts fast vollständig zum Erliegen. Diese Entwicklung sollte erst mit den aktuellen Umbrüchen in der russischen Gesellschaft eine radikale Wendung nehmen. Seit Anbruch des neuen Jahrtausends sind die Leidenschaft für Kunst und das Sammeln wieder "in": Plötzlich katapultierten Adjektive wie "international" und " weltbekannt" einige handverlesene zeitgenössische Künstler an Spitze des heimischen Kunstmarkts. Allerdings deuten Umschreibungen wie "einer der wenigen bedeutenden Künstler der russischen Kunstszene" auch an, dass diese Künstler auf dem internationalen Markt bislang eher eine Nebenrolle spielen.


Alexander Savko, Flag,
aus der Serie "Demons of my Dreams", 2007,
Courtesy Aidan Gallery, Moscow


Moskauer Galeristen zufolge gibt es in Russland gegenwärtig 200 bis 300 Sammler zeitgenössischer Kunst. Da der Staat Museen nicht beim Ankauf von Werken aus Galerien unterstützt, sind sie ausschließlich von Sammlern abhängig. Es gibt nur 50 Galerien für zeitgenössische Kunst in Moskau, zehn davon eröffneten erst zwischen Oktober 2007 und Mai 2008. Außerhalb von Moskau und St. Petersburg gibt es so gut wie keinen Markt, so dass die meisten Künstler dort nicht vom Verkauf ihrer Arbeiten leben können. Diese Situation spiegelt auch die hohe Anzahl wie geklont wirkender russischer Sammlungen zeitgenössischer Kunst wider, die alle dieselben etablierten Künstler aufweisen. Das homogene Bild entspricht dem kulturellen Klima. Während viel von Korruption, der Macht der Lobbyisten und einem neuen Hedonismus geredet wird, ist es zugleich möglich ist, dass Kunst und Kuratoren wegen "Extremismus" verfolgt werden, weil sie angeblich patriotische Gefühle verletzen. Kein Wunder, wenn die Gründer des Kandinsky Prize bemüht waren, jeglichem Vorwurf der Provokation aus dem Weg zu gehen.



Oleg Kulik. Tennis Player, 2002, Ausstellungsansicht, "Chronicle. 1987-2007",
Central House of Artists, Moscow,
Courtesy of the XL Gallery, Moscow

Dennoch war die erste Verleihung des Kandinsky Prize 2007 auch ein Statement für die Freiheit der Kunst. Zu Ehren des Namensgebers fand sie am 4. Dezember statt, dem Geburtstag von Wassily Kandinsky. Als die Zeremonie im Moskauer Winzavod Center of Contemporary Art gerade beginnen sollte, stürmten plötzlich zwei uniformierte Polizisten die Bühne. Leidenschaftlich umarmten und küssten sie sich, was das Publikum mit heftigem Beifall quittierte. So demonstrierten Veranstalter und Gäste, wichtige Vertreter aus Kultur und Wirtschaft, ihre Solidarität mit dem Künstlerduo Blue Noses. Deren Fotografie Era of Mercy (2005) durfte auf Veranlassung des russischen Kultusministers nicht in einer Pariser Ausstellung gezeigt werden, obwohl das provokante Bild - zwei knutschende Polizisten in einem sibirischen Birkenhain - zuvor unbehelligt in der staatlichen Tretjakow-Galerie in Moskau zu sehen war.
Doch nicht nur als Bekenntnis zur freien künstlerischen Äußerung kam der Preis gerade zur rechten Zeit. Für die russische Kunstszene war er längst überfällig. Während es in den Bereichen Theater, Kino und Musik bereits seit langem nationale Auszeichnungen mit internationaler Resonanz gibt, lag die Kunst bislang eher im Hintertreffen. Außer dem staatlichen "Innovation" Preis erfuhr keiner der bestehenden russischen Kunstpreise größere Medienresonanz. Und keinem von ihnen gelang es, der russischen Kunst mehr internationale Aufmerksamkeit zu verschaffen.


Anatoly Osmolovsky. aus der Serie "Goods", 2007,
Courtesy Stella Art Foundation, Moscow


Es bereitet vor allem nicht-russischen Jurymitgliedern immer wieder Probleme, dass sie mit den historischen und gesellschaftlichen Hintergründen eines Werkes häufig einfach nicht vertraut sind. Bis auf einige Schlüsselfiguren, wie etwa Ilya Kabakov oder Oleg Kulik, ist die einheimische Szene kaum in bedeutenden internationalen Ausstellungen vertreten. Trotz großer Schauen wie Moskau-Berlin (2003-2004) und Russia! (New York, Bilbao 2006) ist sie im Westen weitgehend unbekannt. Nur die kleineren Ausstellungen in kommerziellen Galerien in Europa und den USA oder die Beteiligung der Moskauer XL Gallery an führenden Kunstmessen bilden eine Ausnahme. Die regionalen Kriterien stimmen nicht mit den internationalen überein.


Die eigentliche Schwierigkeit besteht laut Andrei Erofeev, Jurymitglied und früherer Kurator der Kunstsammlung der Staatlichen Tretjakov Galerie, darin, "dass es Künstler gibt, die wir in Russland bewundern, während im Westen andere Positionen geschätzt werden, die wir hier nicht unbedingt kennen". Friedhelm Hütte, Jurymitglied des Kandinsky Prize und Direktor der Deutsche Bank Kunst, attestiert hingegen einen Wandel unter jungen russischen Künstlern: "Sie leben nicht auf einer Insel: sie wissen, was international los ist. Allerdings würde das interessanteste Werk für mich auch etwas spezifisch russisches, eine russische Seele haben - einen gewissen Geist, etwas der Kunstgeschichte und Gesellschaft des Landes verwandtes." Der neue Preis bietet seiner Meinung nach russischen Künstlern eine exzellente Möglichkeit, sich den wichtigen internationalen Kuratoren, Galeristen und Experten vorzustellen und sich in Ausstellungen wie jetzt in Berlin zu präsentieren, und so in das Kunstestablishment einzugliedern.



Sergei Saigon, Hally From Behind the Pierce, 2006.
aus dem Projekt "Stereotypes. Bang Bang"

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