Bewusstseinsströme
Moshekwa Langas poetische Mind Maps

Es war James Joyces „Ulysses“, der Moshekwa Langas künstlerische Laufbahn entscheidend prägte. Der Jahrhundertroman inspirierte den Südafrikaner zu sehr persönlichen Bildern, die um seine Gefühle, Erinnerungen und Assoziationen kreisen. Gerade ist Langa auf der Berlin Biennale vertreten – und ab dem 27. September auch in „The World on Paper“, der Eröffnungsausstellung des PalaisPopulaire mit 300 internationalen Meisterwerken auf Papier aus der Sammlung Deutsche Bank.
Mit Berlin ist Moshekwa Langa seit langem vertraut. 1995 ist der damals gerade einmal 21-Jährige einer der 36 Künstler von Colours, der ersten internationalen Ausstellung südafrikanischer Gegenwartskunst nach Ende der Apartheid. Die Schau im Haus der Kulturen der Welt (HKW) wird von Nelson Mandela persönlich eröffnet. „Der jüngste der eingeladenen Künstler, Moshekwa Langa, der vor seinem Berlinbesuch noch nie zuvor in einem Flugzeug gesessen hatte, friemelte seine imaginären Landkarten-Tableaus zusammen und ging gelegentlich im Berliner Nachtleben verschollen“. So erinnert sich Sabine Vogel, die damals das Ausstellungsprogramm des HKW koordiniert. 2014 realisiert der Künstler dann ein eigenes Ausstellungsprojekt in der ifa Galerie. Im Zentrum steht die raumgreifende Installation Siren Song. Das Arrangement aus Garnrollen, Krawatten, Diskokugeln und spiralig gestreiften Objekten, die an riesige Zuckerstangen denken lassen, erzählt auf poetische Weise vom Reiz der großen Städte. Aktuell präsentiert er auf der Berlin Biennale einen anderen wichtigen Part seines vielfältigen Werks – abstrakte Malerei. Und ab dem 27. September ist Langa auch im PalaisPopulaire präsent – in The World on Paper, der Eröffnungsausstellung des neuen Forums für Kunst, Kultur und Sport der Deutschen Bank.

Im PalaisPopulaire ist Titus zu sehen, ein Gemälde auf Papier. Wolken aus Blautönen schweben hier zwischen roten Farbfeldern, Fragmenten von Fotografien und comicartigen Sprechblasen. „Solomon“, „Titus“ oder „Dinazulu“, der Name eines Zulukönigs, der einen Aufstand gegen die britische Kolonialmacht anführte, sind hier zu lesen. Ebenso Wörter wie „Isomiso“ (Dürre) oder „Ixilongo“, der Titel eines Songs. Die Arbeit aus der Sammlung Deutsche Bank ist typisch für eine Werkgruppe, an der Langa in den 2000er Jahren arbeitet. Index oder auch Legends nennt er sie und bezieht sich dabei auf die Kartografie. Hier bezeichnen Legenden die Symbolerklärungen, wie sie etwa auf Landkarten zu finden sind. Und tatsächlich handelt es sich bei diesen Bildern um Mind Maps, um Kartografien bestimmter Momente in Langas Leben. Textpassagen, die auf seine Zeit in einem Internat in Pretoria anspielen – boarding school / secrets and lies / the clock is ticking / the bell is ringing – finden sich hier ebenso wie die Namen von Stars, etwa der R&B-Sängerin Mary J. Blige oder von Hollywood-Diva Lauren Bacall.

„Treibgut eines autobiografischen Romans“ – so nennt der südafrikanische Kunstkritiker Sean O’Toole Langas Legends. Sie gleichen einem visuellen Bewusstseinsstrom, in dem sich Wahrnehmungen, Gefühle, Erinnerungen und Assoziationen überlagern. Diese Arbeiten sind auch ein Resultat von Langas James Joyce-Lektüre. Direkt nach seinem Schulabschluss las er den Ulysses. Der Jahrhundertroman schildert einen Tag im Leben des Anzeigenakquisiteurs Leopold Bloom in Form eines Bewusstseinsstroms. Es geht also weniger um äußere Geschehnisse, sondern um das, was sich im Inneren seiner Protagonisten abspielt, um ihre Gedanken, Assoziationen, Erinnerungsfetzen. „Ich hatte eine Menge Spaß dabei, diesem seltsamen, stumpfsinnigen, abstrakten, beschreibenden und alles mitteilenden Ding zu folgen“, erinnert sich Langa in einem Interview mit O’Toole. „Dabei war mir noch nicht einmal wirklich klar, worum es in dieser Geschichte, die mich so in ihren Bann zog, eigentlich geht.“

Er ist fasziniert von den unterschiedlichen literarischen Sprachen des Romans, in dem Lyrisches ganz unvermittelt neben nüchternen, manchmal fast wissenschaftlich anmutenden Passagen steht. Das Collage-Prinzip von Ulysses wird sich später immer wieder in Langas künstlerischem Werk wiederfinden – genauso wie die radikale Subjektivität des Romans. Denn so wie man das Buch nicht völlig entschlüsseln kann – und muss – entziehen sich auch Langas anspielungsreich mäandernde Legends einer vollständigen Interpretation. „Es ist eine nicht-faktische, nicht-lineare Darstellung all der Sachen, die mich interessieren“, erklärt der Künstler. „Wenn ich jemandem oder mir selbst erklären müsste, was ich tue, würde ich sagen, dass ich so etwas wie Traumlandschaften entwerfe.“

Ausgangspunkt dieser Traumlandschaften ist Bakenberg, ein kleines, etwa 300 Kilometer nördlich von Johannesburg gelegenes Dorf, wo er 1975 geboren wird. Es liegt damals in KwaNdebele, einem der „Homelands“, die das Apartheid-Regime für die schwarze Bevölkerung einrichtet. Als Schüler soll Langa seinen Klassenkameraden einmal zeigen, aus welchem Ort er stammt. Doch Bakenberg ist auf der Karte nicht zu finden. Zu klein, zu unbedeutend – und damit nicht existent. Das wird für den jungen Moshekwa ein einschneidendes Erlebnis und prägt auch sein späteres künstlerisches Werk.

Langa ist noch Teenager, als er anfängt Kunst zu machen. Für seine ersten Arbeiten übermalt er Landkarten. Vermeintlich objektive Darstellungen topografischer Verhältnisse lädt er dabei subjektiv auf, schreibt ihnen seine Existenz ein. Es sind die Erfahrungen und Gefühle eines jungen schwarzen Mannes, der in einem Land aufgewachsen ist, in dem die Politik der Rassentrennung den nicht-weißen Bewohnern Tag für Tag vor Augen führte, dass sie Menschen zweiter Klasse sind. So verlieren die Schwarzen, die in den abgegrenzten „Homelands“ leben, ihre südafrikanische Staatsbürgerschaft. Auf den damaligen Landkarten erscheinen diese pseudo-unabhängigen Gebiete wie kleine Enklaven, umschlossen vom Staatsgebiet Südafrikas. Landkarten veranschaulichen sehr viel mehr als nur Topografien, sie erzählen gleichermaßen von Geschichte und Politik.

Bereits bei den überarbeiteten Karten seines New Visual Atlas arbeitet Langa mit Collage-Elementen, beklebt sie mit Fotos und Fundstücken wie Folien, Zetteln oder Bindfäden. Für sein 1995 entstandenes Werk Skins benutzt er dann leere, aufgeschnittene Zementsäcke aus mehrlagigem grobem Papier, das er mit Vaseline, Terpentin, Kaffee und Rote-Beete-Saft bearbeitet. Die großen, an Tierhäute erinnernden Papiere hängt er auf die Wäschespinne im Garten seiner Großmutter. Mit Arbeiten wie den Skins, bei denen er natürlich auch aus ökonomischen Gründen auf Alltagsmaterialien zurückgreift, erfindet Langa seine eigene Version der Arte Povera. Dabei sind die Bezüge zwischen der Identität als schwarzer Südafrikaner und der Ausbeutung als unterbezahlter Arbeitskraft kaum zu übersehen.

Bei ihrer Präsentation in Langas erster Einzelausstellung 1995 in einem Kunstraum in Johannesburg erregen die Skins großes Aufsehen und werden später von der South African National Gallery erworben. Die Schau des damals 20 Jahre alten Künstlers wird zum Startpunkt einer bemerkenswerten internationalen Karriere. Schon bald wird er zu den Biennalen in Johannesburg (1997), Istanbul (1997), Venedig (2003/2009) eingeladen. Außerdem nimmt er an bedeutenden Wanderausstellungen wie Africa Remix (2004-7) teil. Hier ist Langa mit Collapsing Guide (2000-3) vertreten – großformatigen schwarzen Plastikfolien, auf denen er mit farbigen Klebestreifen Liniengeflechte angebracht hat. Diese Bilder wirken, als hätte er U-Bahn-Pläne mit den abstrakten Malereien des südafrikanischen Ndebele-Stammes und dem von den Rhythmen des Jazz beeinflussten Spätwerk Mondrians gekreuzt und in die Gegenwart gebeamt. Auch in seiner Arbeitsweise bezieht sich Langa auf den Pionier der geometrischen Abstraktion: Mondrian war einer der ersten Künstler, der mit Klebestreifen experimentierte, etwa bei seiner bahnbrechenden Komposition Broadway Boogie Woogie (1942/43).

Immer zeichnen sich Langas Arbeiten durch ihre Materialität aus – von den bemalten, collagierten Landkarten und den Skins über Collapsing Guide bis zu seinen abstrakten Gemälden auf der Berlin Biennale, die er auf Kraftpapier gemalt hat. Aus diesem groben, extrem reißfesten Papier werden Säcke gefertigt, es wird aber auch zum Abdecken benutzt und kommt so etwa auf zahlreichen Baustellen in Johannesburg zum Einsatz. Langa hat das Papier mit Schichten aus Acryl und Pigmenten überzogen. Dabei entstanden grünblau oder rotorange changierende Farbfelder. Aus dem Prozess des Übermalens resultieren auch die unregelmäßigen Oberflächen, die den Bildern eine taktile Qualität verleiht.

Langas Gemälde erinnern unwillkürlich an die Wasserflächen auf Claude Monets berühmten Seerosenbildern. Mit dieser Assoziation liegt man gar nicht so falsch, denn dem Künstler geht es darum, in diesen Bildern „die Empfindung zu zeigen, die man hat, wenn man auf Wasser blickt“ – sei es auf das Blau des Meeres oder das Grün des tiefen Sees, der sich im Kimberly Hole, dem Überrest einer aufgegebenen Diamantmine im Norden Südafrikas, gebildet hat. In dem Katalog zu seiner Ausstellung im MAXXI schreibt die Künstlerin Nicola Brandt, dass Langas abstrakte Arbeiten einer „Materialisierung von Gefühlen und Emotionen durch Farbe und Oberflächenstrukturen“ gleichen. Wenn man seine flimmernden, unglaublich lebendigen Bilder für Berlin betrachtet, kann man sich Langa als glücklichen Menschen vorstellen – zumindest während der Arbeit an diesen Gemälden.
Achim Drucks

Arbeiten von Moshekwa Langa sind in diesen Ausstellungen zu sehen:

The World on Paper. Sammlung Deutsche Bank
27.09.2018 bis 07.01.2019
PalaisPopulaire

Moshekwa Langa - Relatives
bis 15.09.2018
Blain|Southern London

Berlin Biennale
bis 09.09.2018
Akademie der Künste

Road to Justice
bis 14.10.2018
MAXXI, Rom