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Kunstbücher für Beach, Bett und Balkon

Reisezeit ist Lesezeit. Weg mit den schweren Coffee Table Books. Die werden sowieso meist nur als Deko ausgelegt. Die ArtMag–Redaktion empfiehlt Bücher zur Kunst, die man mit auf Tour oder in den Zug nehmen kann. Bücher, die auf aktuelle Diskurse eingehen, die bilden oder einfach nur schön sind.


Luc Boltanski, Arnaud Esquerre, Bereicherung - Eine Kritik der Ware, Suhrkamp, 2018

Wer dieses Buch liest, wird die Kunstwelt anders sehen: Museen, Kunst, Luxusgüter, Immobilien, Tourismus - für die Soziologen Luc Boltanski und Arnaud Esquerre sind dies zentrale Felder einer neuen Ökonomie der Anreicherung, die zunehmend unsere Gesellschaften prägt und vor allem der Bereicherung der Reichen dient. Ihr Ziel ist nicht mehr die industrielle Warenproduktion, die in die Entwicklungs- und Schwellenländer ausgelagert wurde, sondern die Anreicherung von Dingen, die bereits da sind. Das können Antiquitäten, alte Bauernhäuser, seltene Weine, durch Wildkatzenkot gegerbte Kaffeebohnen sein. Als Ware dienen auch Stadtviertel oder Regionen, die gentrifiziert und für den High-End Tourismus erschlossen werden. Auch Nachlässe von „vergessenen“ oder autodidaktischen Künstlern sind gutes Material. Die unglaublichen Summen, die Jean-Michel Basquiat erzielt, zeugen von dieser Aufwertung. Eine ganze Armada von Künstlern, Autoren, Kuratoren ist mit dieser Art der Bedeutungsproduktion beschäftigt, die vor allem zum Ziel hat, exklusive Waren zu schaffen oder Bilder der Begehrlichkeit für alle, die sich diesen Lebensstil nicht leisten können.



Armen Avanessian, Miamification, Merve, 2017

Er ist der Philosophenstar der aktuellen Kunstszene. Armen Avanessian ist einer der Mitbegründer des Spekulativen Realismus, der den Treibstoff für die Post-Internet-Generation bildet. Miamification, das er während einer zweiwöchigen Künstlerresidenz in Florida schreibt, ist ein cooles, schnelles Gedankentagebuch. Es ist ein Index von Gegenwarts-Schlagwörtern: Trump, Big Data, Einwanderung, Post-Internet, Post-Kapitalismus. Wir leben in einem neuen Zeitregime, sagt Avanessian, in dem die Zukunft die Gegenwart bestimmt. Sein Ausweg: die Re-Poetisierung der Welt. Schafft zahlreiche Visionen der Zukunft, neue Wirklichkeiten!




Iris Apfel: Accidental Icon, Harper Design, 2018

“Während ich an meinem neuen Buch arbeitete, habe ich erfahren, dass ich mehr als 750.000 Instagram-Follower habe. Das ist unglaublich, wenn man bedenkt, dass ich nicht mal eine E-Mail-Adresse besitze“, sagt Iris Apfel. Sie ist Geschäftsfrau, Innenarchitektin und vor allem mit 96-Jahren noch immer eine Fashion-Ikone. Als erster lebenden Person, die kein Designer ist, hat das Costume Institute des Metropolitan Museum of Art ihrer Mode und ihren Accessoires 2005 eine Ausstellung gewidmet. Während ihre Firma „Old World Weavers“, die auch Greta Garbo zu ihren Kundinnen zählte, auf die Reproduktion antiker Stoffe spezialisiert ist, beriet sie selbst über neun Amtszeiten amerikanischer Präsidenten hinweg das Weiße Haus bei der Inneneinrichtung. In ihrem Buch Iris Apfel: Accidental Icon sind nun auf über 170 Seiten persönliche Fotos, Illustrationen, Lebensweisheiten, Anekdoten und kurze Essays versammelt, die einen Einblick in dieses schillernde, exzentrische und immer glamouröse Leben bieten.




Bruno Latour, Das terrestrische Manifest, Edition Suhrkamp, 2018

Streitbar und spannend. Latours Manifest berührt drei drängende Themen, die auch die aktuelle Kunstszene beschäftigen: Den Klimawandel, die Ungleichheit zwischen Arm und Reich, Migration. Und er bringt sie in einer Kernthese zusammen: Die reichen Eliten haben erkannt, dass der Klimawandel in vollem Gang und kaum umkehrbar ist. Sie ziehen die Mauern des Nationalstaates hoch, um offshore zu gehen, das Eigene und ihren feudalen Lebensstil zu schützen. Latour hält dieser Ausgrenzung, der Aufkündigung der Solidarität, die Idee entgegen, dass wir alle durch den Zerfall des Planeten mehr und mehr heimatlos werden und uns daher als Weltenbürger „erden“ müssen, weil es schlichtweg keinen Zufluchtsort mehr gibt.





Julia Van Haaften, Berenice Abbott: A LIFE IN PHOTOGRAPHY, W.W. Norton & Company, 2018

Mit ihrer über sechzig Jahre dauernden Karriere, schrieb sie sich in die Geschichte der amerikanischen Fotografie ein, doch ihre Biografie und ihr Privatleben blieben lange mysteriös und dunkel – bis jetzt. Denn mit Berenice Abbott: A Life in Photography legt Julia Van Haaften die erste umfassende Biografie über das Leben und die Arbeit von Berenice Abbott, deren Werke in der Sammlung Deutsche Bank vertreten sind, vor. Geboren 1898 in den USA, wurde Abbott in 1920ern während ihres Studiums in Paris die Assistentin von Man Ray, der ihr empfahl, mit dem Fotografieren zu beginnen. Schnell wurde sie mit ihren Porträts berühmter Künstler und Schriftsteller bekannt: James Joyce, Jean Cocteau, Coco Chanel. Doch als Abbott 1925 Fotografien von Eugène Atgets entdeckt ist sie so beeindruckt von seinen Aufnahmen des Pariser Alltags, dass sie selbst zur Chronistin einer sich rasant verändernden Metropole wird: Mit ihrer Serie Changing New York legt sie nach ihrer Rückkehr in die USA den Grundstein für ein beeindruckendes Archiv, das die Metamorphose dieser Stadt zeigt.




Will Gompertz, Was gibt’s zu sehen?, DuMont, 2013

Will Gompertz ist der originellste und einflussreichste Kulturjournalist Englands. Sieben Jahre lang war er einer der Direktoren der Londoner Tate Gallery, bis die BBC ihn zu ihrem ersten Kunstkorrespondenten machte. 2009 trat er mit einem selbstgeschriebenen Ein-Mann-Comedy-Programm zur modernen Kunst bei den Edinburgh Festivals auf. Seitdem ist Gompertz in Großbritannien der Kunstlehrer der Nation – extra für ihn richtete die BBC die Stelle eines Kunstkorrespondenten ein. Dieses Buch versammelt alles, was ihn ausmacht: Fundiert und gewitzt erklärt Will Gompertz im besten britischen Stil, was moderne Kunst ist und warum wir sie entweder hassen oder lieben. Er lädt ein zu einem kurzweiligen Ausflug von Monets Seerosen zu Van Goghs Sonnenblumen, von Warhols Suppendosen zu Hirsts eingelegtem Hai – und offenbart dabei die Geschichten hinter den Meisterwerken und die Geheimnisse der Künstler.




Teju Cole, Blinder Fleck, Hanser Berlin, 2018

Blinde Flecken entziehen sich dem Bewusstsein. Sie stehen für das, was nicht gezeigt oder gesehen werden kann. Für den nigerianisch-amerikanischen Autor und Kunsthistoriker Teju Cole stehen sie für die poetische Beziehung zwischen Bild und Sprache. Sein Romandebut präsentierte Cole 2011 mit Open City. Darin ließ er seinen schwarzen Protagonisten durch ein verwundetes New York streifen, das getroffen war von den Nachwirkungen des 11. Septembers und der Ungleichheit zwischen Rassen und Klassen. Im selben Jahr erblindete Cole kurzzeitig. Diese Erfahrung scheint in seinem neuen Buch nachzuhallen, in dem er eigene Fotografien und Kurztexte so miteinander verschränkt, dass der Text zum blinden Fleck des Bildes wird - und umgekehrt. Was Cole sichtbar macht sind die Leerstellen und die Komplexität unserer Gesellschaft.




Night Fever - Design und Clubkultur 1960 - heute, Vitra Design Museum, 2018

Nachtclubs und Diskotheken sind Epizentren der Popkultur. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts versammeln sich hier Avantgarden, die gesellschaftliche Normen infrage stellen und neue ästhetische Strategien entwickeln. Viele Clubs werden so zu Gesamtkunstwerken, bei denen sich Innenarchitektur und Möbeldesign, Grafik und Kunst, Licht und Musik, Mode und Performance auf einzigartige Weise verbinden. Mit Night Fever hat das Vitra Design Museum den ersten umfassenden Überblick zur Architektur- und Designgeschichte des Nachtclubs herausgebracht. Das reicht vom Chic der italienischen Clubs der 1960er Jahre, die von Vertretern des Radical Design geschaffen wurden, über legendäre New Yorker Discos wie dem Studio 54, oder dem Palladium, das von Arata Isozaki entworfen wurde, bis zu neuen Entwürfen von Rem Koolhaas’ Architekturbüro OMA für den Nachtclub Ministry of Sound II in London.




John Berger, Landscapes, Verso, 2016

In den Siebzigern definierte er für eine ganze Generation den Blick auf die Kunst neu: Der britische Kunstkritiker und Maler John Berger galt als begnadeter Autor und Schriftsteller. Mit seinem Buch Ways of Seeing und der daraus folgenden BBC-Serie stellte er die bisherigen Sehgewohnheiten auf den Kopf. Für seinen Roman G. gewann er 1972 überraschend den Booker Prize. Bergers Kritiken, Romane, Gedichte und Drehbücher passten in keine Kategorie. Und er stellte ständig die traditionellen Interpretationen von Kunst und Gesellschaft und die Verbindungen zwischen beiden infrage. Die Textsammlung Landscapes erschien nur kurz vor dem Tod Bergers im Januar 2017. Die großartige Auswahl unterschiedlicher Textgattungen – Essays, Kurzgeschichten, Gedichte, Übersetzungen – belegt die lebenslange Leidenschaft Bergers für die Kunst, die er als Spiegel unseres Selbst begriff und der er als brillanter Geschichtenerzähler ein schriftstellerisches Denkmal setzte.




Stephanie Buhmann, New York Studio Conversations. Seventeen Women Talk About Art, The Green Box, 2016
Berlin Studio Conversations. Twenty Women Talk About Art, The Green Box, 2017


Für ihre Studio Conversations hat sich Stephanie Buhmann in New York und Berlin mit Künstlerinnen in ihren Ateliers getroffen. Auf der Suche nach den Inhalten, die außerhalb der medialen Fixierung auf den Kunstmarkt liegen, unterhielt sie sich mit ihnen über ihre Philosophien, Inspirationsquellen und Herangehensweisen. Beiden Städten ist ein Band gewidmet, in denen jeweils 20 Künstlerinnen erzählen. In Berlin u.a. Birgit Brenner und Katharina Grosse, welche auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten sind, Angela Bulloch, Alicja Kwade, und Jorinde Voigt. In New York: Shirin Neshat und Carolee Schneemann. Auch Julie Mehretu und Shahzia Sikander, deren Werke ebenfalls Teil der Sammlung Deutsche Bank sind, wurden von Buhmann zu „conversations“ eingeladen.




Hanno Rauterberg, Wie frei ist die Kunst? - Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus, edition suhrkamp, 2018

Bilder werden von den Wänden der Museen gehängt, Gedichte an Hauswänden übermalt und Schauspieler nachträglich aus Filmen entfernt. Hinter all dem sieht der Kunstkritiker Hanno Rauterberg einen tiefgreifenden kulturellen und gesellschaftlichen Wandel: die Krise des Liberalismus, die sich in den Debatten um die Autonomie und Freiheit der Kunst manifestiert. Es geht nicht länger um Fakten und Argumente, meint Rauterberg, sondern um Gefühle. Doch wenn die „Verträglichkeit“ mit den Emotionen und Ansichten der Besucher zum einzigen Kriterium für die Qualität von Kunst wird und Kunstwerke für die Verfehlungen des Künstlers büßen müssen, verlieren Museen und Kulturinstitutionen ihre Bedeutung, kritisch gesellschaftliche Themen zu beleuchten und zu hinterfragen. Ein Buch, über das gerade viel gestritten wird.




Harun Farocki, Zehn, zwanzig, dreißig, vierzig. Fragment einer Autobiografie, Verlag der Buchhandlung Walther König, 2017

Ein Leben in Dekaden: Harun Farocki ist einer der wichtigsten und international einflussreichsten deutschen Filmemacher. Sein Oeuvre umfasst mehr als 100 Filme und Produktionen. Und auch als Video- und Installationskünstler war er international erfolgreich. Untrennbar mit seinen filmischen Arbeiten verbunden war das Schreiben. Farockis Arbeit am Bildbegriff bedeutete immer auch eine Übersetzungsleistung vom Bild zum Text und umgekehrt. Seine aus dem Nachlass publizierte Autobiografie bildet hier aber eine Ausnahme. Denn Farocki konnte sie nicht beenden, er starb im Juli 2014. Doch ist es gerade das Unfertige dieses Werks, das eine besondere Faszination ausübt: Geschildert wird sein Leben, angefangen bei der bedrückenden Kindheit in Indonesien und Deutschland, seine Flucht nach Westberlin, das Glück, den Film entdeckt zu haben, obwohl er Schriftsteller werden wollte, seine Zuwendung zum Außenseitertum. Aber auch seine Radikalität des Denkens, sein Weitblick, seine Beobachtungsgabe, die wachsende Fähigkeit zur Analyse gesellschaftlicher Strukturen und die Politisierung des Lebens werden hier geschildert.