Open House
Wie das PalaisPopulaire Kunst, Kultur & Sport neu denkt

Mit dem PalaisPopulaire eröffnet die Deutsche Bank im ehemaligen Prinzessinnenpalais am Boulevard Unter den Linden eine innovative Plattform, die Kunst, Kultur & Sport zusammenbringt. Dabei will das Haus nicht nur unterschiedliche Interessen, sondern auch Kulturen, Denkansätze und Weltsichten verbinden. Achim Drucks hat die Macher des PalaisPopulaire getroffen.
"Wir wollen weg vom sperrigen, oft als elitär empfundenen Kunst- und Kulturbegriff“, sagt Josephine Ackerman. Vom Balkon des Prinzessinnenpalais hat man einen grandiosen Blick über die Stadt. Auf dem Boulevard Unter den Linden zieht sich der Verkehr entlang, Autodächer funkeln in der Sonne. Hinter dem Humboldt Forum ragt der Fernsehturm in den strahlend blauen Himmel über Berlin. Man spürt Ackermans Begeisterung für das Haus, dessen Name bereits ein Statement ist: PalaisPopulaire, das hört sich nach Begegnung und Dialog an, nach einem Ort, an dem man Kunst und Kultur erlebt und darüber spricht – aber auch ein wenig so, als hätte das Volk einen Palast erobert. „Nein, hier entsteht kein neuer Volkspalast“, entgegnet Ackerman lachend. Es gehe – wegen „POPulaire“ – auch nicht um Pop Art, sondern um ein neues und innovatives Konzept, das möglichst vielen Menschen den Zugang zu Kunst, Kultur und Sport eröffnet. Populär soll es also sein, offen für alle, ohne dass der Anspruch auf der Strecke bleibt. Und Vergnügen soll das neue Haus natürlich auch bereiten.

Ackerman ist stellvertretende Leiterin von Art, Culture & Sports, dem Bereich, der seit 2016 besteht und von Thorsten Strauß geleitet wird. Hier werden das künstlerische, kulturelle und sportliche Engagement der Bank gebündelt und neue Formate für kulturelle und sportliche Begegnungen geschaffen. Strauß’ Vision war sofort nach Gründung von Art, Culture & Sports klar: Er wollte ein offenes Haus, das nicht nur ein Schaufenster für das Engagement der Bank ist, sondern alle drei Sparten neuartig verbindet. Schon im Vorfeld fragten die Medien scherzhaft, ob im Garten vor dem Palais dann wohl geturnt wird. Die Antwort darauf lautet: Ja, warum eigentlich nicht?

Tatsächlich wird es Sportworkshops geben, die in das Areal ums Haus, in die Stadt führen. Es wird Musik in Ausstellungen und DJ-Sets geben, Wandelkonzerte im ganzen Haus. Sportler werden mit Schauspielern und Künstlern diskutieren. Zugleich sind Ausstellungen mit Kunst der Post-Internetgeneration zu sehen – wie die Soloschau der jungen Libanesin Caline Aoun, „Künstlerin des Jahres“ der Deutschen Bank 2018/19.

Als globales Unternehmen steht die Deutsche Bank für einen globalen Kulturbegriff. Doch man weiß, dass heute viele Menschen auch in westlichen Ländern der Globalisierung kritisch gegenüberstehen. „Mit dem PalaisPopulaire setzen wir ganz bewusst ein Zeichen für Offenheit und schaffen einen Freiraum, an dem neu- und quergedacht werden kann“, sagt Ackerman und ergänzt: „Wir bieten ein Programm, das ebenso gesellschaftlich relevante Themen umfasst, wie auch Gemeinschaftserlebnisse schafft. Dabei setzen wir auf die Stärken der einzelnen Disziplinen: die Offenheit und Sinnlichkeit von Kunst und Kultur, die Fairness, die Leistung, den Teamgeist des Sports.“

Klingt gut. Doch man fragt sich, wie Fairness und Motivation im Sport ein Forum für Kunst und Kultur beflügeln sollen. Bis man Ben Scheffler kennenlernt. Der Dreißigjährige wird als Partner des PalaisPopulaire direkt vor Ort Parkour-Workshops anbieten.

Scheffler entspricht so gar nicht dem Klischee des urbanen Akrobaten, der von Dach zu Dach springt und halsbrecherische Choreografien an Hauswänden ausführt. „Das sind nur kleine Ausschnitte aus dem harten Training, das dahinter steht“, sagt er. Immer wieder betont er, dass Parkour kein Wettkampfsport, keine Solo-Show ist. „Die Bewegung kommt aus den französischen Banlieues, den Vorstädten, in denen verschiedene ethnische Gruppen aufeinander prallen, wo Probleme und Gewalt herrschen. Jugendliche haben es dort einfach geschafft, durch Training sich auch ein Stück weit davon zu distanzieren und andere Leute mitzuziehen.“ So versteht Scheffler Parkour nicht nur als körperliche Erfahrung, sondern auch als Mittel zur Persönlichkeitsbildung: „Was kann ich machen? Welche Ressourcen habe ich? Du begibst dich in sehr spannende Situationen, die außerhalb deiner Komfortzone liegen. Und dann versucht man, Wege da herauszufinden. Das kann jemand tun, der gut situiert ist, oder jemand, der Schwierigkeiten im Leben oder gesundheitliche Probleme hat.“ Er freue sich auf die unterschiedlichen Menschen im PalaisWorkshop, wenn Künstler, Besucher und hoffentlich auch Banker mitmachen.

„Wir verstehen uns als ein offenes Haus, das auch von den Impulsen seines Publikums und der Akteure lebt“, sagt Svenja von Reichenbach, die Leiterin des PalaisPopulaire. „Wir wollen die verschiedenen Aspekte von Kunst, Kultur und Sport unter ein Dach bringen. Doch das heißt nicht, dass lediglich Synergien geschaffen und möglichst viele Erwartungen erfüllt werden. Die Idee des ‚Populären‘ bedeutet nicht automatisch, dass die Angebote massentauglich oder leicht konsumierbar sind. Wir wollen unser Publikum begeistern, aber auch fordern.“

Das bekräftigt Friedhelm Hütte, der Kurator der Eröffnungsschau des PalaisPopulaire: „Das neue Haus gibt uns jetzt die Möglichkeit, die Sammlung Deutsche Bank in allen ihren Facetten vorzustellen. In The World on Paper zeigen wir auch konzeptionelle, sehr reduzierte, abstrakte Arbeiten. Wir präsentieren Werke, die sich auf historische und politische Ereignisse, urbane Planung, Technologie oder digitale Medien beziehen. Dazu braucht man Hintergrundwissen. Und das liefern wir. Mit einer App zur Ausstellung, in der man unterschiedliche Hörtouren machen kann, aber auch ganz gezielt Informationen zu einzelnen Arbeiten findet. Zusätzlich gibt es Vermittlungsprogramme und Workshops, die das Medium Papier erlebbar machen und dabei neue Erfahrungen bieten. Wir versuchen unseren Gästen eventuelle Berührungsängste mit Kunstgeschichte, mit komplexen Themen und anspruchsvollen Positionen zu nehmen.“

Dabei will man dezidiert aus Kategorien ausbrechen und mit dem Klischee aufräumen, dass Kunstinteressierte wenig für Sport übrighaben oder Sportfans mit Kunst nichts anfangen können. Unter dem Motto „Moving Arts“ im PalaisPopulaire wird ein Experiment gewagt, das neue Technologie mit Kunst und Sport verbindet. „Wir integrieren in die Ausstellung eine Installation, die mit der preisgekrönten Software Tilt Brush arbeitet, die Bewegungen in digitale Pinselstriche übersetzt“, erklärt Ackerman. „Wir laden junge, von der Deutschen Bank geförderte Sportler ein, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Mit Tilt Brush erschaffen sie ein Kunstwerk, das ihre Sportart repräsentiert. Dabei werden Energie, Bewegung, Körperbeherrschung in abstrakte Linien transformiert. Der Besucher kann dann mittels einer VR-Brille quasi durch die von ihnen geschaffene dreidimensionale Zeichnung hindurchgehen.“ Auf die Frage, ob das nicht ein Bruch mit dem üblichen Kunstverständnis sei, ergänzt von Reichenbach: „Genau solche Brüche sind beabsichtigt – in unserem gesamten Programm. Wir wollen den wechselseitigen Dialog zwischen Kunst und Sport anregen und sind bereit, dafür auch ungewöhnliche Wege zu gehen.“

Die Idee des kreativen Bruchs äußert sich bereits im Erscheinungsbild des Hauses. Im Inneren des Rokokopalais verbirgt sich moderne Architektur: klare, gerade Formen, Sichtachsen, Betonpfeiler. Gestaltet hat sie das Büro Kuehn Malvezzi, Berlin. Doch was wie ein Bruch mit der historischen Hülle erscheint, ist tatsächlich ein Weiterschreiben der Geschichte, wie Wilfried Kuehn erklärt: „Der Ort ist historisch, aber auf andere Weise, als es scheint.“ Das Anfang des 18. Jahrhunderts erbaute Prinzessinnenpalais gehörte bis 1918 den Hohenzollern. Hier residierten die Töchter des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III., drei Prinzessinnen, von denen eine sogar den russischen Zaren ehelichte. Im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, musste es abgerissen werden. „Was wir hier sehen, ist im Grunde ein Neubau aus den frühen 1960er-Jahren“, sagt von Reichenbach, „eine Nachkriegsarchitektur des DDR-Architekten Richard Paulick. Er rekonstruierte die Fassaden des barocken Ursprungsbaus, stattete aber das Innere mit einer modernen Betonkonstruktion aus.“

Tatsächlich atmet dieses gleich neben der Staatsoper gelegene Haus Geschichte. Es erzählt von Königen und Kriegen, aber auch von der Moderne in der DDR. Das Operncafé im Palais zählte schon in der DDR zu den beliebtesten Treffpunkten für Berliner und Touristen. Es fungierte sogar als Drehort für eine der erfolgreichsten DEFA-Produktionen, Die Geschichte von Paul und Paula. Hier gehen Paul und Paula, die beiden Protagonisten des 1973 entstandenen Kultfilms, tanzen. Und hier trifft sich Mitte der 1980er-Jahre die Subkultur und Modeszene Ostberlins.

„Es war ein Ort der puren Lebensfreude, an dem man etwas anderes erlebt hat“, erinnert sich der Schauspieler Frank Büttner, der Mitglied von Frank Castorfs Ensemble an der Berliner Volksbühne war. „Es sprach sich immer mehr herum in der Stadt, dass sich dort die interessanten Leute aus der New-Wave-Szene treffen und tolle Musik gespielt wird. Also Disco, der Philadelphia Sound von Barry White, aber auch die Temptations oder Gloria Gaynor. Jeder konnte sich hier ausdrücken, durch den Tanz, den Look. Ich hatte eine Woche wasserstoffblonde Haare, dann waren sie wieder kobaltblau. Es war nicht politisch. Da sind die Models und ganz viele bildende Künstler hingegangen und viele Leute von der Uni. Wir haben einfach frei gelebt, waren inspiriert durch diese Musik. Man hat an einem Abend wirklich zwei Liter Wasser verloren. Hauptsache, der Move stimmte.“

Diese Tradition soll mit dem ClubPopulaire wiederbelebt werden, erzählt von Reichenbach. Zu jeder Ausstellung spielen bekannte DJs ihre Sets, wobei die Musik auch in die Ausstellungsräume übertragen wird. Auch das Operncafé, das nach der Wende mit seinem legendären Angebot von über 500 Torten Gäste wie Sophia Loren und Alain Delon anzog, findet einen innovativen Nachfolger – das LePopulaire. Betrieben wird es von dem internationalen Cateringunternehmen Kofler & Kompanie.

Und wie Branislav Cucic, Executive Head Chef von Kofler & Kompanie, erklärt, hat der Konditor, der schon das Operncafé belieferte, eigens für das PalaisPopulaire eine neue Torte kreiert. Außerdem gibt es viele Neuerungen, erzählt er: „Wenn die Ausstellungen abends schließen, bleibt das Restaurant bis 23 Uhr geöffnet. Kulinarisch haben wir uns von der Berliner Küche inspirieren lassen und interpretieren klassische Komponenten mit internationaler Küche. Das Angebot reicht von Frühstück über Lunch bis hin zum abendlichen Dinner. Und auch die Tortenliebhaber werden hier verwöhnt.“

Von Reichenbach sagt, man wolle mit dem Haus ebenso Berliner wie Gäste aus aller Welt anziehen: „Das PalaisPopulaire geht als Institution auf die ganz spezifischen kulturellen und sozialen Bedingungen in der Stadt ein. Zugleich setzen wir auf ein global orientiertes Programm. Die Idee des ‚offenen Hauses‘ ist ganz pragmatisch gedacht. Im Idealfall möchten Gäste einfach einen Kaffee trinken oder kommen wegen einer Sportveranstaltung, werden dann neugierig und sehen sich auch eine unserer Ausstellungen an – oder umgekehrt – und nehmen somit wirklich etwas Neues mit nach Hause.“