The World on Paper
Ein Gespräch über die ungebrochene Faszination des Mediums Papier

Für die Eröffnung des PalaisPopulaire konzipierten Friedhelm Hütte, Leiter der Kunstabteilung, und das Projektteam des Bereichs Art, Culture & Sports die Ausstellung „The World on Paper“. Mit über 300 Werken von 133 Künstlern gibt sie neue Einblicke in die Diversität, Geschichte und internationale Ausrichtung der Sammlung. Ein Gespräch über abstrakte Formensprachen, künstlerische Selbstbilder und die ungebrochene Faszination des Mediums Papier.
Oliver Koerner von Gustorf: Für The World on Paper, die Eröffnungsausstellung des PalaisPopulaire, haben Sie eine Art Bestandsaufnahme der Sammlung Deutsche Bank gewagt. Sie konzentrieren sich dabei auf ein sehr klassisches Medium in der Kunst: Papier. Warum?

Friedhelm Hütte: Wohl jeder Mensch hat schon einmal seine Gedanken, Gefühle und Ideen zu Papier gebracht. Papier ist ein demokratisches Medium, leicht verfügbar. Es ist einfach zu nutzen, es bietet sich an, damit zu experimentieren. Dem Papier fehlt das Spektakuläre, das Pathos. Eine künstlerische Setzung, die auf einer Leinwand oder in der Bildhauerei kühn, für die Ewigkeit gemacht erscheint, kann auf dem Papier temporär, poetisch wirken. Es hat eine unprätentiöse, intime Aura. Zugleich ist es sehr subtil, haptisch, reagiert sofort auf die geringsten Einflüsse wie Bewegung, Feuchtigkeit, Druck. Papier ist auch im Zeitalter der Digitalisierung einfach das Medium, auf dem sich die Welt – oder besser, Welten – abbilden lassen.

OKvG: Die Sammlung Deutsche Bank hat sich ja auch von Anbeginn auf das Medium Papier fokussiert.

FH: Absolut. Für die Kunst nach 1945 zählt unsere Sammlung im Hinblick auf das Medium Papier heute zu den bedeutendsten Kollektionen weltweit. Papier hat das Erscheinungsbild der Sammlung seit den 1970er-Jahren nachhaltig geprägt. Von Beginn an einbezogen war auch die Fotografie, die ja das Medium Papier als Träger nutzt, und die zu Beginn der 1980er-Jahre noch weitgehend ein Schattendasein in den Museen und privaten Sammlungen führte. Wegen ihrer besonderen Entwicklung und Bedeutung werden wir der Fotografie eine oder mehrere separate Ausstellungen widmen.

OKvG: Neben dem Medium Papier betont The World on Paper die Internationalität der Sammlung. Wie hat sich dies entwickelt?

Britta Färber: Während viele Unternehmen ihre Kunstsammlung vor allem als Wertanlage und Mittel zur Repräsentation betrachteten, entstand in der Deutschen Bank eine sehr junge, experimentierfreudige Sammlung. Und die orientierte sich nicht nur an den Epizentren und bekannten Protagonisten der Kunstwelt. Wir finden aktuelle Kunst auch dort, wo neue Künstler und Werke heranwachsen, Ideen noch im Entwicklungsstadium sind oder bestimmte Aspekte eines Werkes übersehen wurden. Das gilt ebenso für die europäische Nachkriegskunst, wie auch für die neuen Kunstzentren des 21. Jahrhunderts in Afrika, Asien, Osteuropa oder Lateinamerika, wo wir bereits früh Werke auf Papier von Künstlern erwerben konnten, die heute international bekannt und gefragt sind. In der Eröffnungsausstellung wollten wir das Medium Papier als Folie nutzen, um zu zeigen, wie global die Sammlung Deutsche Bank heute wirklich ist.

OKvG: Dabei gab es seit ihrem Bestehen viele internationale Ausstellungen mit Werken aus der Sammlung Deutsche Bank.

Christina März: Das stimmt. Teile der Sammlung wurden bisher weltweit in fast 150 Ausstellungen gezeigt. Dennoch waren zahlreiche Werke in der Öffentlichkeit kaum oder gar nicht zu sehen, einfach, weil es so viele fantastische Arbeiten in der Sammlung gibt und oft der Platz gefehlt hat. Man kann sich die Sammlung Deutsche Bank als imaginäres Museum vorstellen, als einen großen Pool von Themen, inhaltlichen und formalen Ideen, aus dem zahlreiche, sehr unterschiedliche Ausstellungen kuratiert werden könnten. Jetzt gibt unser neues Haus, das PalaisPopulaire, uns erstmals die Möglichkeit, Stück für Stück, in die Tiefe zu gehen. Wir werden in einer Serie von thematischen Ausstellungen in den nächsten Jahren das ganze Spektrum der Sammlung erlebbar machen.

OKvG: Wie nähert sich diese Ausstellung dem Medium Papier an?

Steffen Zarutzki: Die Ausstellung nimmt die Architektur des Gebäudes auf und präsentiert auf drei Etagen drei thematische „Welten“, die sich mit zentralen Aspekten der Gegenwarts- kunst auf Papier beschäftigen. Die Schau beginnt mit einer Sektion, die sich den dynamischen und konstruktiven Ausprägungen der Abstraktion widmet. Es geht um Material, Formfindung, das weiße Blatt, das so etwas wie eine transzendente, leere Fläche bildet. Man kann erleben, wie sich auf dem Blatt ein reduziertes Formenvokabular bildet – das eine ganze Welt entstehen lässt oder die bestehende Welt in der Abstraktion dekonstruiert. Da sind die großen Entwürfe des Bauhauses, der konstruktiven Kunst, wie etwa Josef Albers’ Farbexperimente, die dann ihre Entsprechungen in den geometrischen Werken von Imi Knoebel, den Farbfeldern von Katharina Grosse oder auch den konzeptionellen Collagen der koreanischen Künstlerin Haegue Yang finden.

OKvG: Sie zeigen auch Künstler der 1960er- und 1970er-Jahre, Vertreter der ZERO-Gruppe oder den Künstlerkomponisten John Cage, einen Wegbereiter des Fluxus.

FH: Diese Generation brach mithilfe des Papiers aus den Konventionen der Kunst aus. Sie machten die unglaublichsten Sachen. Sie spielten mit den verschiedensten Materialien wie Stein, Metall, Wasser, Schnüren. Sie zerrissen und bearbeiteten das Papier, um neue Bilder, Kompositionen oder auch Klänge hervorzubringen. Daneben treffen wir auf große expressive Malereipositionen wie die Abstrakte Expressionistin Joan Mitchell oder die Dithyrambe von Markus Lüpertz, aber auch die abstrakten Aquarelle von Gerhard Richter oder die tief schwarze, meditative Arbeit des Chinesen Yang Jiechang. Diese Sektion verdeutlicht, wie sich das abstrakte Vokabular der Nachkriegsmoderne, von Minimal, Postminimal und Konzeptkunst entwickelt hat und wie Künstler die visuelle Sprache der Abstraktion heute weiterführen. Zugleich wird untersucht, wie mit der Idee der „künstlerischen Handschrift“ verfahren wird – wie sehr die Idee des Autors für das Werk prägend ist, oder ob, wie in vielen Fällen, das Material oder das Konzept die Gestalt des Werkes bestimmt.

OKvG: Das sind komplexe Themen, mit denen man sich wirklich beschäftigen muss.

Sara Bernshausen: Natürlich, aber es lohnt sich. Es gibt so viel zu entdecken. Außerdem wird die gesamte Ausstellung von einem Katalog, von Führungen, Vorträgen und einer App begleitet, die zielgruppengerecht viele Informationen geben und Hintergründe anschaulich erläutern. Den Mittelteil der Schau bildet eine Sektion, in der es um die kollektiven und individuellen Bilder des Selbst, des Körpers, des Menschen geht, um Erinnerung und Geschichte. Das Energiezentrum bildet hierbei ein Block mit frühen Zeichnungen und Aquarellen von Joseph Beuys, die er bis in die 1960er-Jahre als Konvolut zusammenhielt. Sie korrespondieren mit Werken, in denen sich Künstler mit dem eigenen Körper auseinandersetzen und dabei dem Papier eine geradezu körperliche Qualität verleihen – etwa den Tuschezeichnungen der japanischen Performancekünstlerin Atsuko Tanaka, die sie in den 1950er-Jahren zu ihrem Electric Dress machte, oder den Bildern des indischen Malers Bhupen Khakhar. Ein weiterer Abschnitt der Sektion widmet sich der subjektiven, künstlerischen Sicht auf unsere kollektiven Erinnerungen, zeigt wie sich Geschichte in unser Gedächtnis, aber auch unsere Körper einschreibt.

OKvG: Die Ausstellung beginnt im Obergeschoss. Wieso haben Sie sich für diese ungewöhnliche Lösung entschieden?

CM: In der abstrakten Anfangssektion reicht das Spektrum von den riesigen, farbigen Papierbahnen Katharina Grosses bis zu der wie hingehaucht wirkenden Silberstift-Miniatur Wilhelm Müllers. Für diesen Auftakt, für diese Vielfalt, bietet der größte Ausstellungsraum den passenden Rahmen. Manche Blätter sind aber auch geradezu leer. Unser Gedanke war, so etwas wie die kreative Genesis zu zeigen, die sich auf dem weißen Blatt abspielt. Aus Grundformen wie Strichen, Linien, Schraffuren, Punkten entstehen ganze Welten, die sich weiter ausdefinieren – durch Zeichen, Schrift, Zahlen, Ornament, Serialität. Dafür wollten wir den Arbeiten im Obergeschoss mehr Raum und Platz für den Dialog geben. Die zweite Sektion thematisiert, wie gesagt, die künstlerische Selbstwahrnehmung. Den Abschluss bildet dann im Untergeschoss die Sektion Ultraworld, deren Titel einer Collage-Serie von Doug Aitken entlehnt ist. Hier geht es um die Auseinandersetzung mit neuen städtischen Räumen, Technologien und ökonomischen und symbolischen Funktionen von Bildern und Produkten. Einen wesentlichen Aspekt bilden hierbei die Oberflächen der heutigen Welt: die Fassaden und Architekturen der globalen Metropolen, Comics, massenmediale Bilder. Es geht auch um den Overload dieser Bilder, die zunehmende Virtualisierung, den Versuch, sich zu orientieren.

OKvG: Was wollen Sie den Besuchern mit dieser Ausstellung auf den Weg geben?

FH: Dass sie durch die ausgewählten Arbeiten noch unbekannte Seiten an bekannten Künstlern entdecken oder neue, globale Positionen. Uns würde es freuen, wenn die Faszination des Papiers erlebbar wird. Aber das wichtigste Anliegen ist, dass sie danach ihre eigene Umgebung aufmerksamer wahrnehmen, mit einem anderen Bewusstsein durch die Stadt gehen und Formen und Farben neu, anders wahrnehmen. Unser Wunsch für The World on Paper ist ganz einfach: dass man etwas mitnimmt von dieser Ausstellung – in die eigene Welt.