Feministisches Statement: Die Londoner Frieze Messen engagieren sich verstärkt für Künstlerinnen

Es gibt noch eine Menge zu tun: Der aktuelle Report der britischen Freelands Foundation zeigt, dass Frauen in der Kunstwelt auch heute noch extrem benachteiligt sind. So wurden 2017 nur 22 % der Ausstellungen in den bedeutenden Londoner Institutionen von Künstlerinnen bestritten. Bei den kommerziellen Galerien in der britischen Hauptstadt sieht es nicht viel besser aus: Hier beträgt der Frauenanteil unter den Künstlern gerade einmal 28%. Und auf der ArtReview Power 100 Liste ist das Verhältnis seit Jahren unverändert. 60% Männern stehen 40% Frauen gegenüber. Um dem entgegenzusteuern, stehen die Frieze London und die Frieze Masters dieses Jahr im Zeichen des Feminismus und feiern damit zugleich das 100. Jubiläum der Einführung des Frauenwahlrechts in Großbritannien.

Auch die Deutsche Bank, der Hauptsponsor der beiden Messen, engagiert sich. In ihren Lounges präsentiert sie ausschließlich Arbeiten von Künstlerinnen, die von Tracey Emin und ihrem Studio aus der Unternehmenssammlung ausgewählt wurden. Die 60 Arbeiten stammen unter anderem von Louise Bourgeois, Rosemarie Trockel, Kara Walker und Marlene Dumas. Emin hat außerdem alle lebenden Künstlerinnen aus der Sammlung kontaktiert und um postkartengroße Arbeiten gebeten, die auf der Messe und im Internet versteigert werden – zu Gunsten von Organisationen, die sich für benachteiligte Frauen einsetzen. Die Resonanz war überwältigend. Insgesamt 220 Künstlerinnen reichten mehr als 800 Arbeiten ein.

Um mehr Aufmerksamkeit für Künstlerinnen zu generieren, hat die Frieze London dieses Jahr die Sektion Social Work initiiert. Hier werden Arbeiten von sozial engagierten Künstlerinnen präsentiert, die in den 1980er-Jahren gegen den männerdominierten Kunstmarkt aufbegehrten. Social Work setzt Sex Work fort, in der Kuratorin Alison Gingeras 2017 Pionierinnen der feministischen Kunst wie Birgit Jürgenssen oder Dorothy Iannone vorstellte. Dieses Jahr hat ein Team von elf Kuratorinnen acht Künstlerinnen ausgewählt. Darunter die US-Amerikanerin Faith Ringgold, die in ihren detailreichen figurativen Gemälden und Quilts vom Stolz und der Selbstermächtigung der schwarzen Community erzählt. Dagegen setzt sich die Britin Helen Chadwick in ihren provokativen Fotografien, Skulpturen und Installationen mit ihrem eigenen Körper auseinander. Der beschäftigt auch die Südafrikanerin Berni Searle. Doch ihre Film- und Fotoarbeiten spielen zugleich auf die traumatischen Folgen der Apartheid an.

Südafrikanische Künstler sind auf der diesjährigen Frieze sehr präsent: Bei Stevenson Gallery sind neue Arbeiten von Moshekwa Langa zu sehen, der gerade bei The World on Paper, der Eröffnungsausstellung des PalaisPopulaire, gezeigt wird. Goodman präsentiert William Kentridge und Marian Goodman stellt auf der Messe neue Werke von Kemang Wa Lehulere vor, dem sie parallel dazu in ihrer Londoner Dependance auch eine Einzelausstellung widmet. Beide Künstler sind ebenfalls in der Sammlung Deutsche Bank vertreten. In der jungen Galerien gewidmeten Sektion Focus stellt Blank aus Kapstadt mit Bronwyn Katz, Donna Kukama und Cinga Samson die Newcomer der südafrikanischen Kunstszene vor.

Kemang Wa Lehulere wurde außerdem zu den Frieze Talks eingeladen. Hier wird dieses Jahr über die Rolle diskutiert, die die eigene Biografie für die Kunstproduktion spielt. Darüber spricht der „Künstler des Jahres“ 2017 der Deutschen Bank mit Sean O’Toole, einem der besten Kenner der Kunst aus Südafrika, der auch schon für ArtMag geschrieben hat. Bei den Talks sitzen auch zwei Ikonen der 1980er-Jahre auf dem Podium: die Multimedia-Künstlerin Laurie Anderson und Nan Goldin, deren sehr private, autobiografischen Serie The Ballad of Sexual Dependency eine ganze Generation von Fotografen geprägt hat.

Die Frieze Masters präsentiert historische Arbeiten, von altägyptischen Artefakten bis zur Avantgarde des 20. Jahrhunderts, aus einem zeitgenössischen Blickwinkel. Und auch sie setzt in ihrem Programm einen feministischen Akzent. Zu den Talks wurden hier ausschließlich Frauen eingeladen. So diskutieren Künstlerinnen wie Tacita Dean, Julie Mehretu oder Amy Sillman mit Kuratorinnen wie Thelma Golden vom Studio Museum in Harlem oder Ann Demeester vom Frans Hals Museum über ihre Arbeit und über Wege wie man zeitgenössische und alte Kunst in einen Dialog bringen kann.

Aber auch bei den mehr als 130 internationalen Galerien auf der Masters finden sich starke weibliche Positionen – vor allem in der Spotlight-Sektion, wo die Kunstgeschichte neu geschrieben wird. Jeder Stand widmet sich einer Position des 20. Jahrhunderts, die bisher wegen Geschlecht, Herkunft oder Eigenwilligkeit vom Kunstbetrieb übersehen wurde. Hier sind unter anderem die italienische Pop-Art-Künstlerin Titina Maselli, Dorothy Antoinette ‘Toni’ La Selle, eine Pionierin der gegenstandslosen Kunst, und die geometrischen Objekte der griechischen Bildhauerin Nausica Pastra zu entdecken.

Frieze London / Frieze Masters
5. – 7.10.2018
Regent’s Park, London

A.D.