Im Labyrinth der Moderne
Victor Vasarely wiederentdeckt

Zu Beginn der 1970er-Jahre ist er allgegenwärtig. Mit seinen bunt flirrenden Geometrien hat Victor Vasarely nicht nur Museen und Galerien erobert. Auch bürgerlichen Wohnzimmern verleihen seine Bilder ein psychedelisches Flair – als perfekter Kontrapunkt zu weißen Schleiflackmöbeln und Flokatis. Doch irgendwann rollt der Zeitgeist über den Künstler hinweg. Bei seinem Tod 1997 ist er nahezu aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Das dürfte sich jetzt ändern: Eine große, von der Deutschen Bank geförderte Werkschau im Frankfurter Städel zeigt, dass Vasarely viel mehr ist als der Erfinder der Op Art. Sein medienübergreifendes Werk wirkt in seiner Verbindung von Avantgarde, Pop Kultur und einen zutiefst demokratischen Ansatz verblüffend aktuell. Zudem nehmen seine Kompositionen aus Quadern, Kugeln oder Rhomben die computergenerierte Ästhetik nachfolgender Generationen vorweg. 

Victor Vasarely. Im Labyrinth der Moderne beginnt mit einer spektakulären Installation – dem Speisesaal aus der Zentrale der Deutschen Bundesbank in Frankfurt, der für die Ausstellung im Städel Museum aufgebaut wurde. Auf golden und silbern glänzenden Wandpaneelen sind 582 kreisrunde Scheiben angebracht, die von gelb über grau bis schwarz changieren. Gemeinsam mit seinem Sohn Yvaral gestaltete Vasarely diese „architektonische Integration“ 1972 – dem Jahr, in dem er auch das Logo von Renault überarbeitet und ein offizielles Plakat für die Olympischen Spiele in München entwirft. Bereits zwei Jahre zuvor hat er in der Provence das Musée Didactique Vasarely au Château de Gordes eröffnet. In dem Renaissance-Schloss waren nicht nur 500 seiner Arbeiten zu sehen. Das Museum diente auch als Experimentierfeld: Architekten, Stadtplaner und Künstler forschten hier gemeinsam, wie Kunst den Städtebau und die Gesellschaft bereichern kann. Damals ist der vierfache documenta-Teilnehmer auf dem Höhepunkt seiner Karriere.

Der Entwurf für den Speisesaal steht für Vasarelys Bestreben, sein Werk von der Leinwand in den Raum zu erweitern und in den Alltag vorzudringen. Kunst hatte für den 1906 geborenen Ungarn nichts Elitäres, sondern sollte möglichst vielen Menschen zugänglich sein – auch deshalb die große Anzahl seiner Auflagenarbeiten und Multiples. Diese machten seine Kunst erschwinglich und sorgten für eine immense Verbreitung. Dazu kommt ihre universelle Verständlichkeit. Vasarelys optische Täuschungen werden von allen Betrachtern gleich wahrgenommen – etwa die Halbkugel auf dem Gemälde Vega Pal (1969), die sich aus dem Bildgrund heraus zu wölben scheint.

Von solchen in den 1960er- und 1970er-Jahren entstandenen Kompositionen aus Kugeln, Quadern oder Rhomben verläuft die Ausstellung umgekehrt chronologisch. Zu sehen sind Beispiele der wichtigsten Werkgruppen wie Noir-et-Blanc, die mit dem Kontrast von Weiß und Schwarz spielt, oder Folklore planétaire, bei der Vasarely mit leuchtenden Farben und geometrischen Formen experimentiert. Eine echte Entdeckung sind die Arbeiten aus der um 1950 entstandenen Serie Belle-Isle, am Meer gefundene Muscheln und Steine inspirierten ihn zu organischen Formen in sanften Grau-, Blau und Grüntönen.

Der letzte Teil der Ausstellung beleuchtet Vasarelys Anfänge in Budapest im Umfeld der damaligen Avantgarden. In Werken wie Hommage au carré (1929) oder Zèbres (1932) beginnt die Moderne zu flirren, in Bewegung zu geraten. Bereits in den frühen Arbeiten lösen sich die Geometrien auf, die Bildräume dynamisieren sich. Optische Täuschungen führen die Wahrnehmung in die Irre. Es sind diese Momente der Verunsicherung, die Vasarelys dekorativen Oberflächen ihren immensen Reiz und ihre Tiefe verleihen.
A.D.

Victor Vasarely. Im Labyrinth der Moderne

26.9.2018 – 13.1.2019
Städel Museum, Frankfurt a. M.