My Future is not a Dream!
Cao Fei in Hongkong, Düsseldorf und New York

Cao Fei gilt als eine der wichtigsten Gegenwartskünstlerinnen. Mit ihren Filmen, Fotoarbeiten und Installationen unternimmt sie eine Zustandsbeschreibung der modernen, durch rasanten technologischen und sozialen Wandel geprägten Gesellschaft – nicht nur in ihrem Heimatland China. In den Frankfurter Deutsche Bank-Türmen ist ihrem Werk eine ganze Etage gewidmet. Jetzt steht im neuen Tai Kwun Centre for Heritage and Arts in Hongkong A hollow in a world too full auf dem Programm – erstaunlicherweise ihre erste große Werkschau in Asien. Hier war New York schneller: Das MoMA PS1 präsentierte bereits 2016 eine Cao-Fei-Retrospektive, die ab Anfang Oktober im Düsseldorfer K21 gastiert. Aber auch in New York ist die 1978 geborene Künstlerin wieder präsent – im Rahmen der Gruppenausstellung One Hand Clapping im Guggenheim Museum.

Im Mittelpunkt der Schau in Hongkong steht Cao Feis neuester Film Prison Architect, der als Auftragsproduktion für das Tai Kwun entstand und von der Geschichte dieses Ortes inspiriert wurde. Bis 2006 beherbergte der Gebäudekomplex das Polizeihauptquartier und Gefängnis der ehemaligen britischen Kronkolonie. Das historische Ensemble wurde von Herzog & de Meuron aufwendig restauriert und mit zwei neuen Bauten ergänzt. Jetzt ist im Tai Kwun ein ambitioniertes, multidisziplinäres Kulturprogramm zu erleben. In Cao Feis einstündigem Film entspinnt sich ein poetischer Dialog über die Zeiten hinweg – zwischen einer Architektin, die den Auftrag bekommt ein Kunstzentrum in ein Gefängnis umzubauen, und einem Dichter, der während der pro-kommunistischen Aufstände in Hongkong der späten 1960er-Jahre von der Kolonialpolizei ins Gefängnis gesteckt wird. Prison Architect umkreist Themen wie Unterdrückung und die Sehnsucht nach politischer Freiheit. Dabei entstanden zahlreiche Aufnahmen in den historischen Räumen des Tai Kwun. Neben dieser Auftragsarbeit sind Installationen und weitere Filme der Künstlerin zu sehen. So etwa iMirror (2007), der in den virtuellen Welten von Second Life entstand und LA Town (2014), der in suggestiven Szenen Spielzeugfiguren durch eine postapokalyptische Metropole irren lässt.

Auch in Haze and Fog (2013) entwirft Cao Fei eine beklemmende Vision der nahen Zukunft. Nachdem der Film im Rahmen des Fotografie-Festivals RAY bis vor kurzem im Frankfurter MMK zu sehen war ist er jetzt eines der Highlights der Retrospektive in Düsseldorf. Bei Haze and Fog handelt es sich um einen Zombiefilm, in dem es weniger um Blut und Gewalt geht. In kühlen Bildern erzählt er vielmehr von Entfremdung und dem Verfall sozialer Beziehungen. Sehr viel optimistischer stimmt dagegen die Fotoserie My Future is not a Dream (2006), mit der Cao Fei auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist. Darin lässt sie junge Arbeiter einer Glühbirnen-Fabrik ihre Zukunftsträume „performen“ – mitten in den Fabrikhallen. Die Schau im K21 beleuchtet aber auch eine bislang kaum bekannte Facette von Cao Feis Werk, denn neben Videos, Fotografien und Multimedia-Installationen sind auch ihre Zeichnungen zu sehen, die noch nie zuvor in einer Ausstellung gezeigt wurden.
 
In New York ist Cao Fei mit ihrer Installation Asia One (2018) in der Gruppenausstellung One Hand Clapping vertreten, mit der das Guggenheim Museum die Auswirkungen der Globalisierung untersucht. Im Zentrum steht dabei ein Film, der in einem der modernsten Logistikzentren Chinas entstand. Dank der Automatisierung kommt man hier mit sehr wenig Personal aus. Asia One denkt diese Entwicklung zu Ende: In dem Film ist die Belegschaft auf gerade einmal zwei Arbeiter zusammengeschrumpft. Sie kontrollieren die automatisierten Prozesse – unter den Kameraaugen eines lächelnden Roboters. Wie in vielen ihrer Arbeiten entwirft Cao Fei auch hier ein beunruhigendes Bild der Zukunft, Einer Zukunft, in der die zunehmende Digitalisierung dazu führt, dass die Rollen und Aufgaben der Menschen neu definiert werden. „Wir leben in der Endzeit“ hat Cao Fei in ihrem Interview mit ArtMag erklärt. „Das Ende ist aber auch der Anfang von etwas Neuem.“ 
A.D.

A hollow in a world too full
bis 9.12.2018
Tai Kwun Centre for Heritage and Arts in Hongkong

Cao Fei       
06.10.2018 – 13.01.2019
K21 Ständehaus, Düsseldorf

One Hand Clapping
bis 21.10.2018
Guggenheim Museum, New York