Raqib Shaw
Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies

Unglaublich schön und absolut unverwechselbar – Raqib Shaws Bilder verbinden die Brillanz von Renaissance-Gemälden mit der Opulenz von orientalischem und fernöstlichem Kunsthandwerk. Zwei seiner Zeichnungen sind gerade im Rahmen von „The World on Paper“ im PalaisPopulaire zu sehen. Achim Drucks ist in Shaws fantastischen Kosmos eingetaucht.
Unterwasserwelten haben Raqib Shaw schon immer fasziniert. Als Nichtschwimmer kann er sie allerdings nie selbst erkunden. Doch als Künstler schafft er sich sein eigenes maritimes Universum. Noch während seines Studiums an der renommierten St. Martin's School of Art in London entsteht ein bunt schillernder Kosmos, bevölkert von Kreaturen, die fantastischer sind als alles was tropische Korallenriffe zu bieten haben. The Garden of Earthly Delights betitelt Shaw diese Serie, an der er von 2002 bis 2005 arbeitet. Sie umfasst 15 teils großformatige Gemälde sowie zahlreiche Papierarbeiten. Seine Motive findet er auf alten naturwissenschaftlichen Darstellungen aus dem Natural History Museum. Den Titel entlehnt er Hieronymus Boschs berühmtem Triptychon, auf dem der niederländische Altmeister einen surrealen Paradiesgarten mit verstörenden Höllenszenen kombiniert. Boschs Warnung vor den Folgen eines sündigen Lebens verkehrt Shaws Serie allerdings ins Gegenteil: „Sie gleicht einer Feier. Es gibt absolut keine Andeutung von Tod. Hier herrschen totale Erregung und Hedonismus in Bestform“, so der Künstler.

The Garden of Earthly Delights gerät zum visuellen Overkill. In psychedelischen Farben erstrahlende Feuerfische, Quallen, Krustentiere und Korallen bevölkern Shaws Unterwasserlandschaft. Ihr Biotop teilen sie sich mit bizarren Chimären – Männern mit Widderköpfen oder bunt geflügelten Schmetterlingen, deren Körper sich als Phalli entpuppen. In diesem erotisch aufgeladenen „Garten der irdischen Gelüste“ ist alles in permanenter Metamorphose begriffen, alles scheint mit allem zu verschmelzen. So auch auf Shaws unbetitelter Zeichnung aus der Sammlung Deutsche Bank, die als Key Visual für The World on Paper, die Eröffnungsausstellung des PalaisPopulaire in Berlin, ausgewählt wurde. Der Künstler hat hier einem nur mit feinen schwarzen Linien umrissenen Männerkörper den Kopf einer Antilope aufgesetzt. Wie in Ekstase streckt die Figur ihre Arme in die Höhe und greift dabei nach einem gigantischen Schneckenhaus, aus dem ein Einsiedlerkrebs lugt. Den Unterkörper des Mannes umschlingt ein riesiger Oktopus. Es bleibt offen, ob ihn der Krake in die Tiefe des Ozeans herunterzieht oder ob er sich mit ihm vereinigen will.

Diese Zeichnung besitzt wie alle Arbeiten des aus Kaschmir stammenden Künstlers eine unglaubliche Präsenz, der Abbildungen kaum gerecht werden. Man muss diese Arbeiten wirklich erleben, sie abwechselnd aus der Ferne und Nähe betrachten. Von weitem wirken sie, als hätte Shaw indische Miniaturmalereien ins gigantische vergrößert und dabei mit Pollocks All-Over-Technik gekreuzt. Die Kompositionen aus The Garden of Earthly Delights wirkten ornamental, alles spielt sich auf einer Bildebene ab, wodurch die Gemälde an kostbare Wandteppiche erinnern. Tritt man heran, wird klar, mit welcher Präzision jedes einzelne Detail ausgearbeitet ist. Kaum ein zeitgenössischer Maler dürfte so häufig die Alarmsysteme der Museen in Gang setzen. Vor Shaws Gemälden beugt man sich unwillkürlich nach vorne, um herauszufinden, wie das gemacht ist, was da wie Schmuck vor einem funkelt.

Tatsächlich gleicht Shaws Arbeitsprozess eher dem Kunsthandwerk als der Malerei. Die detaillierten Vorzeichnungen für seine Bilder projiziert er auf grundierte Holzplatten, um sie dann nachzuzeichnen. Dafür verwendet er einen speziellen Konturenstift, dessen erhabene goldene Linien am Ende unzählige winzige Flächen umranden. Das erinnert an die uralte Emaille-Technik des Cloisonné, bei der dünne Golddrähte einzelne Felder abgrenzen, die dann mit Farben gefüllt werden. Shaw trägt seine Farben mit Hilfe von Spritzen mit feinsten Nadeln auf. Dabei bevorzugt er allerdings industrielle Glanz- und Metallic-Lacke, die eigentlich für Autos bestimmt sind. Mit den spitzen Stacheln eines Stachelschweins werden die Lacke dann auf dem Bildgrund ineinander gezogen. Daraus resultieren die für Shaw so typischen marmorierten Farbflächen, die wie bei einem Schmuckstück in Gold gefasst sind. Besondere Bildelemente wie Augen oder Schmuck betont er zudem mit aufgeklebten Strasssteinchen oder Halbedelsteinen.

„Es ging mir darum, eine neue Form von Malerei erschaffen und dafür suchte ich nach neuartigen Materialien“, erklärt Shaw in einem Interview. „Ich war immer von der Idee besessen, Industriefarben und Deko-Materialien in etwas zu verwandeln, das viel mehr als nur dekorativ ist. Ich wollte, dass die Gemälde die gängigen Vorstellungen von Ästetik in Frage stellen. Wenn die Menschen meine Arbeiten betrachten, möchte ich, dass sie an die Möglichkeit von Transzendenz glauben – daran, dass unedles Metall zu Gold werden könnte.“ Wie ein Alchemist transformiert er billige, triviale Materialien in begehrenswerte Kostbarkeiten. „The Garden of Earthly Delights“ wird 2004 bei Victoria Miro, einer der wichtigsten Londoner Galerien, präsentiert. Es ist Shaws erste Einzelausstellung und sie wird zu einem großen Erfolg: Sämtliche Bilder werden verkauft – noch vor der Eröffnung.

Die Schau markiert den Beginn einer internationalen Karriere. Shaw ist auf den Biennalen in Sydney und Gwangju vertreten, die Tate Modern und das Metropolitan Museum widmen ihm Ausstellungen. Während seines Studiums hauste der Künstler noch in einer unbeheizten Fabrikhalle, wo er alleine an The Garden of Earthly Delights arbeitete. Inzwischen residiert Shaw in einer ehemaligen Wurstfabrik im Süden Londons. Das heruntergekommene Gebäude hat er in sein privates Shangri La verwandelt, ein üppig mit Blumen und Perserteppichen dekoriertes, von Kerzen illuminiertes Privatparadies, das er sich mit seinen Hunden und einer der umfangreichsten Bonsai-Sammlungen in Europa teilt und das er nur selten verlässt. Hier entstehen auch seine Bilder – inzwischen mit Unterstützung zahlreicher Assistenten. Trotzdem kann die Arbeit an einem der Großformate mehr als ein Jahr in Anspruch nehmen.

Sein forciert britischer Akzent, der Hang zur Dekadenz und die Vorliebe für alles, was eigentlich „Too much“ ist, lässt Shaw wie den Wiedergänger eines Dandys aus einem Fin de Siècle-Roman erscheinen. Das Atelier ist für ihn dabei auch eine Art Schutzraum: „Für mich ist es ganz natürlich, Wege zu suchen, wie ich für mich eine Blase erschaffen kann. Ich möchte in einem Raum außerhalb der Gesellschaft und der Bevölkerung leben.“ Doch natürlich gibt es auch hier kein Entkommen vor den Zumutungen der realen Welt, die er dann auch in seinen späteren Arbeiten verhandelt.

Nach The Garden of Earthly Delights verdüstert sich Shaws Kosmos. Zwar glänzen seine makellosen Oberflächen noch immer verführerisch, doch in Serien wie Absence Of God oder Paradise Lost sind Gewalt und Tod allgegenwärtig. Statt sich miteinander zu vergnügen ist Shaws Menagerie jetzt dabei, sich gegenseitig zu zerfleischen. Fressen und gefressen werden: Diese Welt gleicht einer einzigen blutigen Nahrungskette. Nichts ist hier sicher, jede Idylle kann sofort ins Gegenteil umschlagen. Shaw verarbeitet hier nicht nur eine schwere Krebserkrankung, sondern auch traumatische Erinnerungen an seine Jugend im indischen Teil Kaschmirs. Der 1974 geborene Künstler stammt aus einer wohlhabenden muslimischen Familie, die seit Generationen mit Teppichen, Schmuck und Antiquitäten handelt. Raqib besucht eine christliche Schule, an der auch Hindus unterrichten. Das für Kaschmir so typische harmonische Miteinander unterschiedlicher Religionen prägt damals noch weitgehend den Alltag. „Wenn es ein Paradies auf Erden gibt, dann ist es hier, hier, hier!“ So beschrieb der persische Dichter Amir Chosrau einmal die landschaftlich und kulturell überaus vielfältige Himalaya-Region. Doch die Konflikte zwischen Muslimen und Hindus nehmen zu. Seit Ende der 1980er Jahre häufen sich Anschläge und Attentate. Als Jugendlicher wird Raqib Zeuge, wie ein Separatist an einem religiösen Schrein erschossen wird. „Kaschmir verwandelte sich vom absoluten Paradies in einen absoluten Albtraum, eine Hölle“, erklärt Shaw. „Der Fundamentalismus hat Kaschmir zerstört.“

1992 verlässt die Familie ihre Heimat und siedelt nach Neu-Delhi über. Dann geht Shaw nach London, um dort die die drei Läden seiner Familie in Mayfair zu managen. Doch die Begegnung mit Holbeins Doppelporträt The Ambassadors (1533) in der National Gallery bringt ihn dazu, der Geschäftswelt – und auch seiner Familie – den Rücken zu kehren und Künstler zu werden. „Was ich besonders an The Ambassadors liebte war, dass es auch ein Gemälde über Kaufleute ist. Und ich dachte mir, ich will kein Kaufmann sein, sondern der Typ, der ihn malt.“

Kaufleute schaffen es dann doch nicht in Shaws Bilderwelt, aber Alte Meister wie Holbein, Cranach oder Botticelli haben seine Arbeit entscheidend geprägt. Diese westlichen Einflüsse mischen sich mit einer von japanischen Lackarbeiten und Kimonos, Orientteppichen und indischer Miniaturmalerei beeinflussten Ästhetik. Und immer wieder mit Reminiszenzen an seine verlorene Heimat. So entpuppt sich Kashmir Danae als ein surreales Remake von Jan Gossaerts 1527 entstandenem Gemälde, auf dem sich Zeus der Königstochter Danae in Form eines Goldregens nähert und Perseus zeugt. Die erotische Szene mutiert bei Shaw in ein Memento Mori. Mitten in die Landschaft Kaschmirs hat er einen Renaissance-Tempel gebeamt, in dem er selbst als Danae posiert. Gehüllt in einen blauen Kimono und mit seinem Jack-Russel-Terrier Mr. C auf dem Schoß thront er auf einem roten Kissen und wird mit Gold überschüttet. Dabei beginnt sich sein Gesicht aufzulösen, wobei das unter der Haut liegende Fleisch sichtbar wird.

In ihrer Verbindung von Schönheit und Schrecken lassen solche Gemälde an die Collagen von Wangechi Mutu denken. Mit der kenianischen Künstlerin teilt Shaw eine Vorliebe für verführerische Oberflächen und bizarre Mischwesen. Beide leben in der Diaspora, beide mischen Einflüsse aus ihren Heimatländern mit westlichen Bilderwelten – einen Ansatz, den etwa auch Shahzia Sikander verfolgt. „In unserem Zeitalter, in dem die Welt immer stärker zusammenschrumpft, gibt es ziemlich viele Künstler, die die Grenzen zwischen den Kulturen verwischen – ein Phänomen, das immer häufiger wird“, konstatiert Shaw. „In einer solchen Situation ist es nur natürlich, die Ästhetik von Ost und West miteinander zu verbinden, um eine hybride Ästhetik zu schaffen.“

Doch in seinem Falle ist diese Ästhetik auch eine Herausforderung für den Geschmack vieler westlicher Kritiker. So ist etwa Roberta Smith von der New York Times ist kein Fan seiner visuellen Opulenz: „Können im Übermaß, Bling, überhitzte Farben, akribischer Realismus, historisches Recycling und mörderisches Melodrama – das alles hat die Züge von Kitsch.“ Doch Shaw begegnet solchen Vorwürfen ganz entspannt: „Es ist sehr einfach, etwas zu klassifizieren und in eine bestimmte Schublade zu stecken, damit man nicht darüber nachdenken muss. Es läuft doch darauf hinaus, dass Menschen einen ganz unterschiedlichen ästhetische Hintergrund haben. Ich komme eben aus einer völlig anderen Kultur. Meine Arbeit ist eine Verschmelzung, ein Hybrid, ein Cocktail. Das Fabelhafte daran ist, je intensiver Sie hinschauen, desto mehr werden Sie belohnt. Aber Sie müssen die Bereitschaft mitbringen, das, was Sie sehen, zu akzeptieren und sich damit auseinanderzusetzen.“

The World on Paper
PalaisPopulaire, Berlin
27.09.2018 –07.01.2019