Geschichtslabor: Kader Attias „Museum of Emotion“ in der Londoner Hayward Gallery

Für Kader Attia gibt es zwei Arten der Reparatur: Den Versuch, etwas zusammenzusetzen, zu heilen, zu rekonstruieren. Und eine Form der Reparatur, die eigentlich ein Austausch, ein Ersatz ist. Denn sie soll möglichst unsichtbar sein, den alten Zustand wieder perfekt herstellen. Ansonsten wird ein kaputter Gegenstand einfach durch einen neu gekauften ersetzt, seine Geschichte entsorgt. „Für mich ist es ganz wichtig, dass man sich wirklich erinnert“, erklärt Attia, der auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist. „Und der Westen hat eben oft den historischen Fehler begangen, dass er versucht hat, seine Wunden, seine Verletzungen, seine Narben zu verstecken, sie überhaupt nicht mehr zu thematisieren.“ Immer wieder hat der 1970 als Kind algerischer Einwanderer in der Nähe von Paris geborene Künstler die von Gewalt gezeichnete Geschichte und den kulturellen Austausch zwischen dem afrikanischen Kontinent und den ehemaligen Kolonialmächten Europas untersucht. Und er zeigt dabei die Verletzungen, Brüche, Spuren der Zeit – nicht nur in den afrikanischen, kolonialisierten Ländern, sondern auch in der westlichen Kultur.

Dabei geht Attia wie ein Ethnologe oder Archäologe vor, der historische Fundstücke sammelt, nur dass er sie in psychologisch aufgeladene Installationen, Fotoserien, Videos und Collagen transformiert. The Museum of Emotion heißt dann auch seine erste britische Retrospektive, die jetzt in der Londoner Hayward Gallery zu sehen ist. Die Ausstellung vereint wichtige Werke aus den letzten zwanzig Jahren, die fast sämtlich um den Gedanken der physischen und symbolischen Reparatur kreisen – so auch eine Version von Attias wohl bekanntester ArbeitThe Repair from Occident to Extra-Occidental Cultures, die er 2012 auf der documenta 13 zeigte.

Viele Besucher waren zutiefst betroffen und berührt von dieser Installation, die einem surrealen Geschichtslabor gleicht. In einem abgedunkelten, theatralisch ausgeleuchteten Raum finden sich Vitrinen und Industrie-Regale, in denen „primitive“ afrikanische Skulpturen, Fundstücke und Dokumente aus der Epoche des 1. Weltkriegs präsentiert sind. Dazu gehören ebenso auf den Regalen festgeschraubte naturkundliche und geschichtliche Bücher wie auch dekorative Fotorahmen, die in Afrika aus leeren Patronenhülsen europäischer Truppen gefertigt wurden. Und da sind die medizinischen Fotografien von Soldaten, die an der Front, etwa in Verdun, Höllenqualen durchlitten. Die Gesichter dieser Männer wurden durch Schüsse oder Granaten zerrissen und entstellt und von Chirurgen wieder „repariert“.  

Sie erinnern an die schreienden Gestalten auf den Gemälden von Francis Bacon, David Lynchs Elefantenmenschen oder an archaische Masken. Und tatsächlich sind viele der großen Holzmasken in den Regalen keine „Stammeskunst“, kein ethnologisches Sammelstück. Sondern Gegenwartskunst. Attia hat sie nach Fotos von Kriegsversehrten in Afrika schnitzen lassen. Genau dieser Transfer, die Rück- oder Zusammenführung kultureller Bedeutung interessiert ihn. Denn die Künstler der Moderne, des Kubismus waren in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg, als Europas Kolonialmächte noch ungeschlagen waren, von afrikanischer, „primitiver“ Skulptur fasziniert, in der sie das Unverfälschte, „Ursprüngliche“ suchten. Attia führt diese einseitigen Projektionen ad absurdum.

Viele seiner Werke in der Hayward Gallery, wie The Scream (2016) oder Mirrors and Masks (2013), beschäftigen sich mit dem immer noch unterbewerteten Einfluss afrikanischer Kultur auf die westliche Kunstgeschichte. Dabei zeigt er auch auf, wie museale Präsentationsformen und Kategorisierungen genutzt werden, um Gefühle zu kontrollieren und zu unterdrücken. In seiner Serie von Schaukästen Measure and Control (2013) stellt Attia afrikanische Masken und ausgestopfte Tiere westlichen optischen Geräten gegenüber, um zu zeigen, wie fundamental unterschiedlich die Kulturen Natur wahrnehmen und repräsentieren.

Seine Installationen und Werke, so Attia, „bewegen sich zwischen Politik und Poesie hin und her.“ Sie besitzen stets eine spirituelle Dimension. Denn sie zeigen, dass das Leiden unter Gewalt universell ist, nicht trennt, sondern verbindet. Als Masken bekommen die Gesichter der Soldaten in The Repair die Aura von uralten, mystischen Gottheiten und zugleich etwas exemplarisch Menschliches. Attia, das zeigt auch seine Schau in der Hayward Gallery, lenkt den Blick vor allem auf Menschen, die unterdrückt, marginalisiert, an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Das können entstellte Kriegsversehrte, illegale Immigranten oder wie in seiner Fotoserie La Piste d'atterrissage (Landing Strip) (2000–2002) algerische Transgender-Prostituierte in Paris sein, mit denen er sich anfreundete. „Die heutige Welt kann nicht verstanden werden, ohne die psychologischen und emotionalen Aspekte der Gesellschaft zu berücksichtigen“, sagt er. Das hört sich etwas nüchtern an. Doch sein Werk, das anstelle der Konfrontation zwischen westlicher und nicht-westlicher Welt eine universelle Perspektive sucht, verdeutlicht es noch klarer: Wir können die Welt nicht ohne Mitgefühl verstehen.  

Kader Attia: The Museum of Emotion
Hayward Gallery, London
13.02. – 06.05.