„In jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung“
Okwui Enwezor (1963-2019)

Okwui Enwezor war einer der bedeutendsten Kuratoren seiner Generation. Mit der Documenta11 veränderte er die Sicht auf die Moderne und die Gegenwartskunst grundlegend, indem er eine wirklich globale und demokratische Perspektive einforderte. 2015 kuratierte er die 56. Biennale in Venedig, bis 2018 war er Leiter des Münchner Hauses der Kunst. Seit 2008 war Enwezor neben Hou Hanru, Udo Kittelmann und Nancy Spector, auf die Victoria Noorthoorn folgte, Mitglied des Deutsche Bank Global Art Advisory Council, das u. a. die Empfehlung für die Auszeichnung „Künstler des Jahres“ der Deutschen Bank ausspricht. Jetzt ist er letzten Freitag, dem 15. März, nach einer langen Krebserkrankung im Alter von 55 Jahren gestorben.

1963 im nigerianischen Calabar geboren, begann Enwezor seine Laufbahn Anfang der 1980er-Jahre in New York, wo er zunächst Politikwissenschaft studierte. Bereits damals interessierte er sich für Kunst und schrieb selbst Lyrik. 1993 war er Mitbegründer des Magazins NKA: Journal of Contemporary African Art, einem wichtigen Forum, das die Abkehr von einem Kanon einforderte, der die Moderne und die Gegenwartskunst lediglich als eine Leistung der europäischen und amerikanischen Industrienationen betrachtet. 1996 kuratierte er die Johannesburg Biennale und erregte auch in New York mit der Ausstellung In/Sight. African Photographers 1940 to the Present internationales Aufsehen. Enwezor rückte ein bis dato kaum beachtetes Medium in den Fokus der Rezeption afrikanischer Gegenwartskunst. 1998 wurde er zum künstlerischen Leiter der Documenta11 berufen und löste im Vorfeld eine Revolution aus. Anstatt die Weltkunstausstellung auf Kassel zu beschränken, richtete er erstmals Plattformen ein, auf denen in Wien, Berlin, Lagos, Neu-Delhi und Santa Lucia über Themen wie "Demokratie als unvollendeter Prozess" diskutiert wurde. Die Idee, dass es auf der Landkarte der globalen Kunst (und Politik) keine Zentren und keine Peripherien mehr gibt, schlug sich auch in der nicht hierarchischen Gestaltung der abschließenden Ausstellung nieder. Enwezor ging es um mehr als eine Aufarbeitung der Kolonialgeschichte. Gleichberechtigt integrierte er Politik, Geschichte und Wissenschaft in die Schau und stellte bis dahin im westlichen Kunstbetrieb unterbewertete Positionen Künstlerinnen und Künstler aus neuen Regionen gegenüber. Für viele Kritiker und Besucher war dies die erste wirklich „globale“ documenta, die auch einer neuen, durch das Internet und digitale Medien radikal veränderten Realität gerecht wurde.

Auch später, als er 2011 zum Leiter des Münchner Hauses der Kunst berufen wurde, war es Enwezor stets ein Anliegen, die Perspektiven von Menschen und Kulturen aus ehemaligen Kolonialgebieten, Ost, West, Pazifik- und Atlantikregionen einzubeziehen. Dabei entdeckte und förderte er Talente aus den neuen Kunstzentren – und setzte sich auch für die Nominierung wichtiger Positionen als „Künstler des Jahres“ der Deutschen Bank ein. Darunter waren Wangechi Mutu (2010), Yto Barrada (2011), Victor Man (2014), dessen Ausstellung er auch im Haus der Kunst zeigte, und Basim Magdy (2016). „Okwui Enwezor war in jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung“, so Friedhelm Hütte, Global Head Deutsche Bank Art. „Ein extrem intelligenter und inspirierender Gesprächspartner, eine humorvolle, beeindruckende Persönlichkeit. Als Kurator war er wegweisend. Unsere Sicht auf eine globale Kunstwelt, die heute so selbstverständlich erscheint, wäre ohne ihn nicht möglich gewesen. Sein über ein Jahrzehnt währender Einsatz für den ‚Künstler des Jahres‘ der Deutschen Bank hat diese Auszeichnung maßgeblich geprägt. Er wird uns allen schmerzlich fehlen.“

Die letzte von Okwui Enwezor kuratierte Ausstellung El Anatsui. Triumphant Scale ist bis zum 28.07.2019 im Haus der Kunst in München zu sehen.