Liquid Intelligence
Ellen Gallagher im Brüsseler WIELS

Als Zwanzigjährige verbrachte Ellen Gallagher 1986 ein Semester an Bord eines ozeanografischen Forschungsschiffs. Die Expedition erkundete das Verhalten der Seeschmetterlinge – kleiner Schnecken, die sich mit Hilfe von Flügeln unter Wasser fortbewegen. Die Nächte verbrachte Gallagher damit, die winzigen Wesen einzufangen, um sie dann tagsüber zu zeichnen. In ihrer zwischen 2001 und 2007 entstandenen Serie Watery Ecstatic klingt diese Erfahrung nach: Gallagher erschafft in diesem Zeichnungszyklus eine Unterwasserwelt, die zwischen wissenschaftlicher Präzision und purer Fantasie oszilliert: Quallen und Korallen treffen auf Meerjungfrauen mit Krakenköpfen und Algenhaaren. Diese aquarellierten Zeichnungen gehören zu den schönsten Arbeiten, die in Liquid Intelligence zu sehen sind. Die Ausstellung im Brüsseler WIELS zeigt, wie sich das Werk der 1965 geborenen afroamerikanischen Künstlerin in den letzten 20 Jahren entwickelt hat – von den frühen Papierarbeiten bis hin zu ihren jüngsten Multimedia-Installationen. Das WIELS gilt als eine der wegweisenden europäischen Plattformen für Gegenwartskunst. Zu den Partnern des Hauses zählt auch die Deutsche Bank: So waren hier die „Künstler des Jahres“-Präsentationen von Wangechi Mutu und Yto Barrada zu sehen.

Gallagher ist eine Meisterin der Montage und bedient sich der unterschiedlichsten Quellen: Werbung, Science-Fiction, Archivmaterial oder Relikte der Pop-Kultur. Und immer wieder finden sich Verweise auf die Kunstgeschichte. So lässt sie zwischen Minimal-Art-typischen Rasterstrukturen Reklamebilder aus afroamerikanischen Lifestyle-Magazinen wuchern, die Gallagher mit Perlen, Kulleraugen und Plastilin-Perücken grotesk verfremdet hat. Ausgefallene Techniken wie Photogravur, Tätowierung oder Blattgoldintarsien verleihen den Arbeiten ihren immensen ästhetischen Reiz. So etwa auf DeLuxe (2004-5). Das 60-teilige Portfolio ist im WIELS zu sehen und mit ihm ist Gallagher auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten. DeLuxe ist noch bis Anfang Januar in The World on Paper, der Eröffnungsausstellung des PalaisPopulaire in Berlin, zu sehen.

Herausragend ist auch Gallaghers zwischen 2008 und 2012 entstandene Serie Morphia. Die zweiseitigen Aquarelle mit ihren zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit changierenden Formen werden zwischen Glasscheiben präsentiert und zeugen von Gallaghers andauernder Faszination für Wandlungsprozesse. Das zentrale Thema der in New York und Rotterdam lebenden Künstlerin ist allerdings die Auseinandersetzung mit der afroamerikanischen Geschichte. So ist Watery Ecstatic viel mehr als ein fantastischer Ausflug in die Meeresbiologie. Die Serie bezieht sich auch auf „Drexciya“, das schwarze Atlantis – eine Erfindung des gleichnamigen Elektro-Musikduos aus Detroit. In diesem mythischen Unterwasserreich leben die ungeborenen Kinder der schwangeren Frauen, die während der Überfahrten der Sklavenschiffe von Afrika in die Karibik gestorben sind und über Bord geworfen wurden. „Drexciya“ gleicht einem „schwarzen Utopia“, einem Schutzraum fernab von den Grausamkeiten der Welt über Wasser.

Auch den Bau der Interstate 10, dem Highway, der im Süden der Vereinigten Staaten die Ost- und Westküste miteinander verbindet, ist mit einer brutalen Missachtung der schwarzen Kultur verbunden. Darauf verweist Gallaghers Installation Highway Gothic (2017), ein gemeinsames Projekt dem niederländischen Künstler und Filmemacher Edgar Cleijne. Die in den späten 1950ern begonnene Autobahn durchschneidet nicht nur das größte Sumpfgebiet der USA. Für sie wurden in New Orleans trotz massiver Proteste der Anwohner auch 5.000 Häuser abgerissen. Das bedeutete das Ende des traditionsreichen, afroamerikanisch geprägten Einkaufsviertels rund um die Claiborne Avenue. Für ihre Installation kombinieren Gallagher und Cleijne Filmprojektionen und bedruckte Banner, auf denen sich Bilder und Texte überlagern und die in zarten Blautönen leuchten. Wie viele Arbeiten Gallaghers erzählt auch Highway Gothic auf eine sehr poetische Weise von bitteren historischen Wahrheiten, die bis heute nachwirken.    
A.D.

Ellen Gallagher with Edgar Cleijne: Liquid Intelligence

02.02 – 28.04.2019
WIELS, Brüssel