Sinn und Sinnlichkeit
Valeska Soares in der Pinacoteca de São Paulo

Valeska Soares Installationen sprechen alle Sinne an. Sie arbeitet mit Sounds, Licht und Gerüchen. Mit „Entrementes“ präsentiert die Pinacoteca de São Paulo jetzt eine umfassende Werkschau der Konzeptkünstlerin, die von der Deutschen Bank gesponsert wird.
„Heutzutage wird mehr über Kunst gelesen, als dass sie wirklich angeschaut wird“, konstatiert Valeska Soares. Die in New York arbeitende Brasilianerin bevorzugt es, wenn man ihren Arbeiten ganz unvoreingenommen begegnet. „Jedes dieser Werke sollte ganz persönlich erfahren werden.“ Mit diesem Ansatz tritt sie in die Fußstapfen von Künstlern wie Hélio Oiticica oder Lygia Clark, die bereits in den 1960er-Jahren die Betrachter aufforderten, selbst aktiv zu werden und das Werk dadurch zu vollenden. Mit den Protagonisten der brasilianischen Avantgarde teilt Soares die Vorliebe für ungewöhnliche Materialien. So setzt Soares in ihren Ausstellungen gern Gerüche ein.

Auch in ihrer von der Deutschen Bank gesponserten Werkschau in der Pinacoteca de São Paulo spielen gleich mehrere Installationen mit olfaktorischen Reizen. So auch eine Arbeit aus benutzten Kaffeefiltern aus ihrer 1992 konzipierten Serie Private. Wie der Titel bereits andeutet, bezieht sich diese Werkgruppe auf den häuslichen Bereich. In der Pinacoteca haben sich die Kaffeefilter wie ein Schwarm seltsamer Insekten an der Wand eines Ausstellungsraums niedergelassen und erfüllen ihn mit leichtem Kaffeeduft. Soares schafft es, selbst Dingen, die eigentlich für den Müll bestimmt sind, eine poetische Aura zu verleihen.

Um Partynächte und Exzesse scheint es dagegen in Epilogue zu gehen, einer der aktuellsten Arbeiten in der Schau. Auf fünf antiken Tischen mit verspiegelten Platten hat Soares ein opulentes Ensemble aus den unterschiedlichsten Gläsern und Karaffen arrangiert. Alle sind mit Schnäpsen, Likören und Weinen gefüllt. Ein schier überwältigender Geruch von Alkohol liegt in der Luft – und setzt unwillkürlich vielerlei Assoziationen in Gang. Was ist hier passiert? Was hat diese anscheinend sehr wohlhabende Gesellschaft dazu gebracht, die Tische so fluchtartig zu verlassen, dass sie noch nicht einmal ihre Gläser ausgetrunken haben?

Diese Einladung zur freien Assoziation kennzeichnet auch Soares‘ atmosphärisch überaus dichte Rauminstallationen. Für Vaga Lume (2007) hat sie an der Decke lange Reihen von Glühbirnen montiert. Jede ist mit einer dünnen Metallkette versehen, an der man ziehen kann, um das Licht ein- und auszuschalten. Das „Vaga Lume“, das „wandernde Licht“, entsteht also erst mithilfe der Ausstellungsbesucher, die sich durch einen dichten Wald aus Metallschnüren bewegen müssen.  

An der Präzision ihrer manchmal fast magisch wirkenden Rauminszenierungen macht sich auch Soares' Architekturstudium bemerkbar, das sie 1987 in Rio de Janeiro abschloss, um sich danach der Kunst zuzuwenden. Auch Meanwhile, ihre Auftragsarbeit für die Deutsche Bank Lounge auf der diesjährigen Frieze New York, besaß diese Qualität. Wände und Böden der Lounge tauchte sie in ein intensives, kosmischen Blau, auf dem goldene Spiralen leuchteten. Diese Symbole für Unendlichkeit bestanden aus Textfragmenten, in denen es um unsere Wahrnehmung von Zeit ging, und finden sich jetzt in ihrer Schau in der Pinacoteca wieder, die mit Entrementes, der portugiesischen Übersetzung von „Meanwhile“, auch den Titel mit der Präsentation in der Lounge teilt.  

Doch nicht nur Text ist ein wichtiges Motiv in Soares‘ Oeuvre. Häufig arbeitet sie auch mit Büchern bzw. Buchcovern, in der Lounge wie in der Pinacoteca. Bereits als Kind spielte Literatur für sie eine wichtige Rolle. Soares wuchs als Tochter einer Künstlerin und eines Journalisten in einem sehr lebendigen, kreativen Umfeld in der Großstadt Belo Horizonte auf. Trotzdem kam sie sich damals in den frühen 1970ern „wie eine Gefangene“ vor. Doch Bücher gaben ihr die Möglichkeit, ihren Alltag hinter sich zu lassen, ganz gleich, ob es die fantasievollen Geschichten von Monteiro Lobato waren oder die Kriminalromane von Agatha Christie. Heute eröffnet Soares mit ihren poetischen Kunstwerken selbst Wege in imaginäre Welten.
A.D.

Valeska Soares: Entrementes
04.08. - 22.10.2018
Pinacoteca de São Paulo