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Zweite Natur
Tue Greenfort infiltriert die Kunst mit ökologischem Bewusstsein


Für die diesjährigen Frieze Projects entwirft er eine Lounge, die ihre Besucher unmerklich dehydriert. Das Innere einer Müllverbrennungsanlage erscheint in seiner Edition für die Print-Ausgabe von db artmag als hyperästhetisches Inferno. Tue Greenfort setzt sich in seinen Arbeiten mit Ökologie und Klimawandel auseinander – allerdings ohne sein Publikum belehren zu wollen. Stattdessen verbindet der junge Däne akribische Recherchen und hintersinnigen Humor Silke Hohmann stellt den in Berlin lebenden Künstler vor, der auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist.




Tue Greenforts Augenfarbe ist grün. Es ist noch nicht lange her, da galt ein Umweltfreund als blauäugiger Romantiker, der vom Fortschritt nicht viel verstanden hat und lieber realitätsfernen linken Idealen hinterher träumt, anstatt mal an Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum zu denken. Wenn Tue Greenfort gelegentlich "Umweltkünstler" genannt wird, dann haftet diesem Begriff zu Unrecht ein naives, aktionistisches Image an. Tue Greenfort, geboren 1973 im ländlichen Süden von Dänemark, ist Realist und vollkommen in der Gegenwart verankert. Er hat nur bestimmte Notwendigkeiten schon früh verstanden - noch bevor der umständliche Begriff "Nachhaltigkeit" dafür populär wurde. Realitätsfern und blauäugig ist daran nichts.

In seiner Kunst, die oft ganz ortsbezogen entsteht, verzichtet er auf vordergründiges Moralisieren. Anstatt die Position der ersten Generation von Öko-Aktivisten, "Gute Natur - böser Mensch", zu beziehen, macht er vielmehr auf die komplexen Zusammenhänge zwischen dem einen und dem anderen aufmerksam. Greenfort fokussiert sich auf versteckte Abhängigkeiten und unerwartete Verknüpfungen, die sich erschließen, wenn man genauer hinschaut. Dazu gehört es, Experten zu befragen und den Blick auf vermeintlich eindeutige Dinge wie den - scheinbar bösen - Müll oder - scheinbar liebe - bedrohte Tiere vom Schwarz-Weiß-Denken zu befreien.

Dazu muss man erst mal verstehen, sagt Tue Greenfort, dass es "die Natur" gar nicht gibt. Was schon bei Karl Marx "Zweite Natur" genannt wurde, hatte er bereits als Kind am eigenen Leib erfahren. Während er durch die Landschaft lief und von Bauern, Förstern und Waldarbeitern jeweils unterschiedliche Verhaltensweisen nahe gelegt bekam, verstand er intuitiv, dass Natur ein Schauplatz für die unterschiedlichsten Interessen ist. Und als der See, in dem er als Kind geschwommen ist, immer schmutziger wurde, begriff er, was all das mit ihm zu tun haben könnte - und mit jedem anderen Menschen. Es musste etwas geschehen, beschloss er. Was sich anhört wie die rührselige Vertreibung aus Bullerbü, wurde für Greenfort zu einem befriedigenden Lebensauftrag.

Warum aber ist er Künstler geworden, und nicht Politiker oder Aktivist? "In erster Linie, weil ich Kunst mache", sagt er ohne Ironie und erklärt, dass er die fein codierte, spezialisierte und kunsthistorisch verwurzelte Sprache der Bildenden Kunst für eine sehr geeignete Kommunikationsplattform hält. Eine Sprache, die ein Feedback bis ins Verhalten des Betrachters zu senden vermag, so hofft er jedenfalls.

Greenfort hat ungestraft den Müll in die Kunst zurück gebracht. Nicht so, wie er manchmal mit anklagendem Unterton - "So leben Nordseefische" - in Naturkundemuseen zu klumpigen Skulpturen zusammengeballt wird. Vielmehr denkt Tue Greenfort weiter und macht deutlich, wie wirtschaftliche Interessen, globale Vermarktung und lokale Probleme zusammenhängen. Ausgerechnet in der Müllmetropole Neapel hatte er letztes Jahr ein Stipendium - wenn das nicht nach ortspezifischer Aktion riecht! Doch Greenfort war des Medienrummels um den Müll in der Altstadt sehr schnell überdrüssig. Waren doch nicht drei vor pittoresken Postkarten-Fassaden liegen gebliebene Müllsäcke das eigentliche Problem. Der Kern der Sache lag unbearbeitet in den verarmten Außenbezirken der Stadt, wo die ganze Industrie Norditaliens ungestraft ihren Abfall ablädt.

Wie ein Reporter geht er vor Ort den Fakten auf den Grund und entwickelt dann aus seinen Erkenntnissen etwas, das sich ausstellen lässt. Formal ist er dabei stets sehr präzise, was im wohltuenden Verhältnis zu den oft komplizierten Zusammenhängen steht. Etwa im Falle der Edition für die db artmag Printausgabe zur Frieze Art Fair: Diese Fotografie eines Flammeninfernos lässt an die aufgewühlten Himmel Turners, die Gewalten der Natur in der romantischen Landschaftsmalerei denken. Doch was wie ein archaischer Ausbruch von Naturgewalt anmutet, ist tatsächlich das Innere des Ofens in einer norddeutschen Müllverbrennungsanlage. Dorthin nämlich wurde ein Teil des Problem-Mülls aus Süditalien gebracht. "Die Edition dokumentiert nicht nur das in unserer Zeit umstrittene Umweltproblem der Entsorgung von Haushaltsmüll", erklärt der Künstler, "sondern auch das globale Geschäft mit dem Müll".

Tue Greenfort schafft den schwierigen Spagat zwischen formaler Eleganz und inhaltlichem Anliegen. Wenn Dan Flavin oder James Turrell das Licht zum Mittelpunkt ihrer Kunst machen, dann stellt Greenfort klar, dass auch das Licht keineswegs selbstverständlich ist, sondern erst durch ein äußerst komplexes, empfindliches Zusammenspiel technischer, ökonomischer und ökologischer Faktoren bereit gestellt werden kann. Auf der Sharjah Biennale in der Nähe von Dubai veränderte er die Temperatur der Klimaanlage des Museums, in dem er ausstellte, um zwei Grad - jene magische Zahl, die laut der Erderwärmungs-Prognosen in Zukunft eine wachsende Rolle spielen wird. Von dem nach seinen Kalkulationen eingesparten Geld ließ er ein Stück Regenwald in Ecuador kaufen.

Tue Greenfort hat an der Frankfurter Städelschule unter der Leitung von Daniel Birnbaum bei Thomas Bayrle studiert. Er nahm sich nicht vor, Umweltkunst zu machen, sondern begann, sich in seiner nächsten Umgebung umzusehen. Zum Beispiel in dem Industriegebiet im Frankfurter Osten, wo sich die Städel-Ateliers befinden. Mit den Füchsen, die dort leben, schloss Tue einen Pakt: Er legte Wurst aus und versah sie mit einem Selbstauslöser, der an eine Kamera angeschlossen war. Wurst gegen Fotos - das war der Deal. Die so entstandene Fuchs-Serie ist heute noch eine seiner populärsten Arbeiten. Für eine Schau in Istanbul leitete er einfach eine Ameisenstraße in den Ausstellungsraum um. Und als eine Firma in der Nähe der Akademie den Parkplatz einzäunte, den die Studenten stets als Abkürzung zur Tankstelle nahmen, baute er einfach eine Treppe über den Zaun. Gewissermaßen ist die Katastrophenbrücke des Technischen Hilfswerks, die zurzeit den Braunschweiger Kunstverein mit dem Freibad verbindet, eine Fortsetzung dieser Arbeit. Im Sommer kam es zum regen Austausch von Badegästen und Museumsbesuchern. Tue Greenfort will Barrieren und Berührungsängste abbauen. Auch zwischen Kunst und Naturwissenschaft.

Dass sich seine Kunstwerke manchmal nicht von naturkundlichem Anschauungsmaterial unterscheiden, stört ihn dabei nicht. Nehmen wir die Mittelmeerqualle, die in der Öffentlichkeit meist gleich "Quallenplage" genannt wird. Greenfort lässt das zarte Tier, das sich wegen Überfischung, überdüngten Meeren und steigenden Temperaturen Jahr für Jahr explosionsartig vermehrt und den Adria-Tourismus ins Wanken bringt, von venezianischen Glasbläsern in Murano nachbilden. Die Plage wird zu einem atemberaubend schönen Objekt - nicht in erster Linie das Produkt eines Künstlers, sondern der Natur.

Greenforts Aktionsradius bewegt sich zwischen Architektur, Urbanistik, Design und Kunst. Es ist ihm bewusst, dass er mit seinen zugänglichen Arbeiten und seinem transparent formulierten Anliegen nicht dem Bild des wilden Party-Künstlers oder des verrätselten intellektuellen Superschwergewichts entspricht, mit denen sich die Kunstszene heute gerne zeigt. "Ich habe nichts dagegen, aber ich finde, man muss sich als Künstler bewusst sein, dass man sich einer gewissen ästhetischen Geschichte verpflichtet", sagt Tue Greenfort. "Diese Geschichte verlangt, dass man die Dinge weiter nach vorne treibt. Und da wäre es mir einfach zu wenig, als Vorzeige-Bohème ein im Grunde total bürgerliches Künstlerbild zu bedienen." So gesehen muss die Beschäftigung mit der Umwelt zwangsläufig ein neues Betätigungsfeld der Kunst werden. Alles andere wäre naiv.

Tue Greenfort - Linear Deflection
Kunstverein Braunschweig
bis 16. November 2008






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