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Semantik der Krise:
Birgit Brenners analytische Alltagsinstallationen



In ihren raumgreifenden Arbeiten kombiniert Birgit Brenner Holzlatten, Styropor und billige Pappschilder mit lakonischen Texten. Private Dramen transformiert die Meisterschülerin von Rebecca Horn in ebenso lakonische wie präzise Bestandsaufnahmen gesellschaftlicher Zustände. Vor kurzem hat die Sammlung Deutsche Bank eine Reihe von Zeichnungen der Berliner Künstlerin erworben. Brigitte Werneburg über Birgit Brenners Exkursionen in die kapitalistische Wirklichkeit.




Soll von Birgit Brenner und ihrer Kunst die Rede sein, muss man mit einem typischen Brenner-Satz beginnen. Es führt kein Weg daran vorbei. Die Schärfe, ja geradezu die Gemeinheit, mit der so ein Brenner-Satz unsere gedanklichen Alltagsmontagen aufspießt, ist ein zentraler Moment ihres Werks. Ein typischer Brenner-Satz geht so: "Sie beten jeden Tag. Dafür, dass sie gesund bleiben und dass das Auto fährt." Ja, wir brechen jederzeit den Wert des hohen Guts Gesundheit auf den eines banalen Konsumguts herunter. Im Alltag ist der Körper auch nur ein Auto und beide sollen doch bitte, bitte funktionieren.

Der typische Brenner-Satz findet sich in den großen, ausgreifenden Installationen der 44jährigen Künstlerin, auf schäbigen Digitalprints amateurhaft geschossener Fotos, auf Pappschildern, die Brenner gerne auf Dachlatten nagelt oder zuletzt in fragmentarische Körperskulpturen aus Styropor rammt. Und er findet sich im Fließtext, der im Hintergrund ihrer Ölskizzen und Zeichnungen zu entziffern ist. "Jetzt nicht" ist auch so ein Brenner-Satz. Wir lesen ihn – und sofort entschuldigen wir uns innerlich dafür, dass wir stören. Wir können nicht anders. Kurz und gut: Der typische Brenner-Satz funktioniert wie ein Readymade. Er ist eine sprachliche Brillo-Box.

Wie viele andere zeitgenössische Künstler bewegt sich auch Birgit Brenner in den Niederungen des Alltags, womit sie ihr Werk im popkulturellen Kontext der Gegenwartskunst verortet. Die banale Alltagsästhetik fand durch die Popkultur erstmals ungefiltert und frei von weiteren Absichten Eingang in die Kunstproduktion. Diese Zusammenführung von Kunst und Leben faszinierte vor allem dadurch, dass sie nicht mit dem Ruch des Dokumentarischen und den damit einhergehenden kultur- oder gesellschaftspolitischen Ambitionen behaftet war. Das Mittel, mit dem die Pop-Art solche Ambitionen zurückwies, war just das Readymade, in dem der Alltag zu seinen Bedingungen Gestalt anzunehmen und in all seiner schnöden Gewöhnlichkeit zu Wort zu kommen schien.

Diese Redewendung wird nun im typischen Brenner-Satz ganz unzweideutig wahr. Und dafür muss er gar nicht eins zu eins aus dem Tagesgespräch übernommen sein. Er kann durch ein Gespräch am Nebentisch im Café inspiriert sein, oder einen Gedanken zitieren, der in einem der vielen Chats und Foren des Internet geäußert wurde, in dem Birgit Brenner regelmäßig zwei, bis drei Stunden am Tag recherchiert. Dass der Alltag, den sie in der künstlerischen Miniatur des Psychodramas konzentriert, ebenso erfunden wie gefunden ist, versteht sich von selbst. Denn natürlich hat sich die Definition des Readymade seit den 60er Jahren verändert, ebenso wie der Umgang mit ihm. Im Überwältigungsgestus der Mega-Installationen, in denen zum Beispiel Jason Rhoades das Readymade zuletzt noch einmal spektakulär in Szene setzte, entwickelte es sich zur puren Materialschlacht Deshalb konnte man auch meinen, der verstorbene Künstler sei in seinem Werk weniger dem Geist des popkulturellen Alltags verpflichtet gewesen als dem Geist der Pop-Ökonomie, die mittlerweile nicht nur die Wall Street, sondern gleich die globale Finanzwelt in den Ruin getrieben hat.

Von diesem Ruin aber handelt der typische, schon geraume Zeit vor dem Zusammenbruch des internationalen Investmentbankings formulierte Brenner-Satz, "Das Geld muss reichen. Bis ans Lebensende". Manchmal braucht es eben ganz wenig, um zu überwältigen. Und dabei war es vor dem Zusammenbruch von Lehmann Brothers weiß Gott verwegen, sich vorzustellen, man stehe vor dem finanziellen Aus, obwohl man doch gerade noch Millionen besaß – so wie es Birgit Brenner in ihrer sechsten Einzelausstellung in ihrer Stammgalerie Eigen+Art im Herbst 2007 tat, in der die Künstlerin Armut zum Thema gemacht hatte. Vielleicht auch deshalb, weil sie seit drei Jahren an der Kunstakademie in Stuttgart unterrichtet, wo sie ihren Studenten erklären muss, dass Künstler zu sein, ein harter Kampf ist, der mit größter Wahrscheinlichkeit doch nur in die Armut führt. Ganz anders, als es ihre Schilderung des perfekten Lebens des perfekten Managers mit sexy Frau, gut bezahltem Job und tollen Kindern zeigt, der bei Eigen+Art allerdings unter dem Menetekel des typischen Brenner-Satzes "Heute Nicht" stand.

Die Welt, in der der Absturz dieses Erfolgsmenschen undenkbar war, weil Reichtum politisch, ökonomisch und gesellschaftlich privilegiert wurde und Geld entsprechend Sicherheit garantierte, ist inzwischen untergegangen. Der Absturz in die Armut, der lange nur die durchschnittliche Mittelstandsfamilie beunruhigte, erweist sich inzwischen als regelrechter Systemabsturz, in dem jeder zu Fall kommen kann.

Birgit Brenners Alltag ist der Death & Desaster-Alltag von Andy Warhol und der frühen Pop-Art. (Und tatsächlich recherchiert sie gerade zum Thema Unfälle im Internet.) Denn dort, wo die Ereignisse – oder im Brennerschen Sinne die Gedanken und Selbstgespräche – aus dem Ruder laufen, werden sie künstlerisch relevant. Denn nur dort, wo die Ereignisse und Gedanken aus dem Ruder laufen, wo sie krude werden, schlagzeilenträchtig und melodramatisch, zum Unfall im weitesten Sinne, verdichten sie sich zu jener spröden und geradezu idiotischen Präzision, die sich dem dokumentarischen oder soziologischen Zugriff entzieht. Und damit fordern sie einfach den Versuch heraus, ihrer im ästhetischen Zugriff habhaft zu werden.

Birgit Brenner geht es um eben diesen ästhetischen Zugriff, der die Fragen nach Verrat und Betrug zu Fragen nach Farbe, Material und Maßstab umformuliert, aber auch zu einer möglichen Pointe, wie im sofort negierten Vorwurf "Du lügst, aber erzähl weiter". Die Künstlerin ist nicht die "Fachfrau für Zwischenmenschliches", als die sie die Kritik hier und da auf den Begriff zu bringen versucht. Es stimmt zwar, dass sie die Grausamkeiten des Lebens stets auf das persönliche Drama des krisengeschüttelten Paars und der Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs herunterbricht. Dennoch wäre es ein Missverständnis zu glauben, es sei das Psychodrama, das Birgit Brenner interessiert. Das Psychodrama dient ihr als Mittel zur Bildfindung. Deshalb bauen ihre Bilder szenisch auf dem Psychodrama und seinen Akteuren auf. Deshalb arbeiten sie mit der Drehbuchskizze und bemühen den Roman in großer Schrift, wie Brenners Ausstellung anlässlich der Verleihung des Tisa von Schulenburg-Preises 2004 hieß. Doch all diese Verfahren sind eben Teil der "spröden und sehr präzisen Schichtungen aus Farbe, Sprache und Form", in denen sich für die Kunsthistorikerin Marion Taube der ästhetische Charakter von Brenners Bildern ganz wesentlich definiert.

Die besten Jahre heißt eine dieser spröden und sehr präzisen Schichtungen: Zusammengetürmte, billige Holzlatten und Schilder, die "Geh weg", "ich", "du" und "widerlich" sagen, monumentale Fotodrucke eines Schlafzimmers, Wandmalereien und eine blaue, sternförmige Farbexplosion fügen sich zu einer ebenso monumentalen wie kargen, scheinbar schnell und billig ausgeführten Rauminstallation. Eben war sie bei Christiane zu Salm zu sehen, die die Arbeit angekauft und neu eingerichtet hat für ihre Sammlungspräsentation About Change im Chipperfield-Haus von Heiner Bastian. Und gerade hat auch die Deutsche Bank eine Serie von zehn Zeichnungen aus diesem Werkkomplex für ihre Sammlung erworben.

Es könnte an den Zeitläufen liegen, dass Die besten Jahre jetzt noch einmal so zünden. Denn eben mit dieser Installation hatte Birgit Brenner schon 2005 eine triumphale Galerieschau bei Eigen+Art gestemmt. Ausgerechnet in Leipzig. Anlässlich der mit großem Tamtam und internationalen Sammlergrößen gefeierten Eröffnung des neuen, prestigeträchtigen Kunststandorts auf dem Areal der ehemaligen Baumwollspinnerei. Etwas anderes als die große, repräsentative Ausstellung der neuen Leipziger Schule um Neo Rauch, die Eigen+Art, wenn nicht überhaupt erfunden, so in jedem Fall aber international groß herausgebracht hatte, schien undenkbar. Doch dann war in den riesigen Galerieräumen statt teurer Malerei billiges Holz zu sehen. Und statt auf Neo Rauchs illustrativ-polemische Manöver gegen die Modellbau-Moderne stieß man auf das großartige Plädoyer für Bastelei und grauen Alltag. Auf das ironische Melodrama von der Beziehungsbastelei an der schlechten Durchschnittsliebe, von der Textblöcke berichteten, aber auch das nicht minder ironische Wunder der Kunstbastelei, von der die raumgreifende Installation und die fett auf die Wand gemalten Worte "Die besten Jahre" sprachen. Für Birgit Brenner könnten die jetzt angebrochen sein. Ganz ohne Ironie.






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