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Doppelter Blick: Zoe Leonard

In ihren Fotoarbeiten setzt sich Zoe Leonard mit aktuellen gesellschaftlichen Themen auseinander: Geschlechterrollen, Globalisierung, unserem Verhältnis zu Natur und Geschichte. Doch gleichzeitig reflektiert die amerikanische Künstlerin, die in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, auch die unterschiedlichen Rollen des Mediums Fotografie. Dominikus Müller über Zoe Leonards große Retrospektive in der Münchener Pinakothek der Moderne.




Die analoge Fotografie unterhielt ein ganz spezifisches Verhältnis zur Welt und ihren Dingen. Egal, ob William Fox Talbot sie als "Zeichenstift der Natu"“ bezeichnete, Walter Benjamin ihr zuschrieb, die Wirklichkeit nicht nur abzubilden, sondern nachgerade zu durchdringen, oder Roland Barthes behauptete, dass der Referent auf wundersame, gleichsam mythische Weise auf dem Bild "haften" bleibe: immer wird der Fotografie eine seltsame Zwitterstellung zwischen Natur und Kultur zugeschrieben. Man unterstellt ihr, dass sie wie von Geisterhand betrieben, das "wirklichste" Bild der Wirklichkeit liefert und eine innige Komplizenschaft mit dem durch sie Abgebildeten unterhält. Begründet wurde das immer mit der scheinbaren Objektivität der Apparatur und der fotochemischen Art der Herstellung dieser Bilder. Doch dies gilt wohlgemerkt nur für die analoge Fotografie. Im Zeitalter der digitalen Technik und des umfassenden Wissens um die kinderleichte Manipulierbarkeit noch des akkuratesten fotografischen Abbildes liegen die Dinge völlig anders.

Eine Künstlerin, die sich an der Epochenschwelle der Fotografie mit Haut und Haar der alten, der analogen Technik verschrieben hat, ist die Amerikanerin Zoe Leonard. Obwohl die 1961 in New York geborene Autodidaktin schon seit gut dreißig Jahren fotografiert und ausstellt, wurde sie in Deutschland erst mit der documenta 12 2007, ihrer zweiten übrigens, so richtig bekannt. Derzeit ist ihr eine große Retrospektive gewidmet, die nach ihrem Start im Fotomuseum Winterthur jetzt in der Pinakothek der Moderne in München halt macht. Und schon beim ersten Rundgang durch den Ausstellungsraum fällt auf: Zoe Leonards fotografische Arbeit durchzieht ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Geschichte und Rolle ihres Mediums, für eben jene unterstellte Komplizenschaft der Fotografie mit der Realität.

Spürbar ist das etwa in ihrer Serie von Luftaufnahmen aus der zweiten Hälfte der 1980er Jahre. Aus dem Fenster eines Flugzeugs hat sie die monotone und akkurate Anlage namenloser und austauschbarer Vorstadtsiedlungen dokumentiert, hat Züge und Gleise fotografiert und die gewaltigen Niagarafälle auf Zelluloid gebannt. Ihre Bilder bekannter Städte wie Paris, Washington oder auch die in der Sammlung Deutsche Bank vertretene Luftaufnahme einer Siedlungsanlage in Istanbul irritieren dabei durch ihre Unverortbarkeit, durch die scheinbar willkürliche Auswahl des Bildausschnittes. Ohne genaue Kenntnis des fotografierten Ortes oder der Bildtitel sind diese Arbeiten nicht dechiffrierbar, ist das Gezeigte nicht lokalisierbar. Leonard hat diesen oftmals an militärische Aufklärungsfotografie erinnernden Luftaufnahmen Fotografien von Modellen, Globen oder Stadtplänen zur Seite gestellt. Schnell wird klar: Hier denkt jemand die Instrumentalisierung der Fotografie zu Vermessung, Erkundung und Dokumentation mit. Hier wird über die pure Abbildung der Realität hinaus die Rolle der Fotografie selbst thematisiert und in die Geschichte ihrer unterschiedlichen Gebrauchsmodalitäten eingeordnet – vom Bildjournalismus über Luftaufklärung bis hin zur zufälligen Schnappschussmentalität des Hobbyknipsers.

Diese "Wachheit" gegenüber dem eigenen Medium, gegenüber dem Akt des Fotografierens und ihr Wissen um das spezifische Verhältnis, das die Fotografie aufgrund ihrer technischen Vorraussetzungen mit der Realität pflegt, findet sich besonders auch in Leonards eindeutig gender-politisch aufgeladenen Museumsfotografien der frühen 1990er Jahre wieder. Sie zeigen anatomische Modelle, Perücken, altertümliche Keuschheitsgürtel oder gruselige Folterinstrumente, in Glaskästen ausgestellte Frauenpuppen oder obszöne Präparate, etwa den unter einer Glasglocke präsentierten Kopf einer bärtigen Frau. Doch begnügt sie sich nicht nur damit, diese für sich genommen schon recht nachdrücklichen Exponate zu fokussieren. Leonard zeigt auch die Glasvitrinen, Rahmen und Einfassungen, in denen sie präsentiert werden. Sie präsentiert nicht nur die Dinge der Welt, wie sie im Museum versammelt und für die Nachwelt aufbereitet sind, sondern auch die Bedingungen des Ausstellens selbst, den Akt des Zeigens – und reflektiert damit zugleich die Bedingungen des eigenen Fotografierens.

Denn wenn Leonard durch den Sucher ihrer Kamera auf die Welt blickt, dann blickt sie immer auch auf die Modalitäten ihres Sehens. Sie ist sich der "produktiven" Kraft des Blickes bewusst und der Komplizenschaft, die die von ihr bevorzugte Fotografie mit diversen Diktaten der Sichtbarkeit von Anbeginn an unterhalten hat – sei es mit der militärischen Aufklärung oder mit dem zurichtenden und klassifizierenden männlichen Blick auf den weiblichen Körper. Leonards Fotografien dokumentieren auf eindrückliche Weise, dass diese Blicke die Realität nicht nur erfassen, sondern zu gleichen Teilen auch immer schon mitstrukturieren.

Ist diese Reflexionsebene bereits in der Wahl von Motiv und Ausschnitt angelegt, so findet sie ihren offensichtlichsten Ausdruck doch vor allem im Abzugsverfahren: Jede der ausgestellten Fotografien ziert der bekannte schwarze Rand des Negativs. Was spätestens hier in den Blick gerät, ist die Fotografie selbst, ist nicht nur der Akt des Schauens und das Drücken des Auslösers, sondern eben besonders auch die Fertigung eines Bildes als Gegenstand, als Ding, das ebenso Teil der materiellen Realität ist, wie das, was auf ihm abgebildet ist.

Am vollkommensten hat sich dieses Wissen um die Verfertigung fotografischer Bilder, dieser doppelte Blick, sowohl auf die Welt als auch auf die Mechanismen ihrer Abbildbarkeit wohl in ihrem opus magnum, der beinahe 400 Bilder umfassenden Serie Analogue materialisiert, von der in München 40 zu sehen sind. Mit einer alten Rolleiflex-Kamera hat sie über einen Zeitraum von annähernd 10 Jahren (1998-2007) die Effekte der Globalisierung direkt vor der eigenen Haustür festgehalten und im Wissen um deren Verschwinden kleine Ladenfassaden und Schaufenster in der New Yorker Lower East Side fotografiert: eine schier endlose Reihe von Schaufensteransichten, mal mit Klamottenballen davor, mal mit heruntergelassenen Rollläden, mit T-Shirts in der Auslage, mit Pappbechern, Nähmaschinen und allerlei anderem Krimskrams.

In langer Reihe nebeneinander gehängt ergibt sich eine Art Dokumentation ihrer Nachbarschaft, repräsentiert durch kleine Eckgeschäftchen und Tante-Emma-Läden, die heute, zum Zeitpunkt der Retrospektive, schon längst nicht mehr existieren. Anschließend begann sie, die Waren aus jenen Läden, die ausgetragenen Schuhe oder die zu Stoffballen gepressten alten T-Shirts auf ihrem Weg rund um die Welt zu begleiten und in Osteuropa oder Afrika aufzuspüren. Auf stille und lakonische Weise gelingt es Leonard, der zumeist schmerzlich abstrakt wirkenden Rede von der globalen Interdependenz und der unentwirrbaren weltumspannenden Ökonomie in den Zeiten der Globalisierung ein griffiges Bild unterzuschieben. Doch Analogue ist nicht nur Requiem auf eine in der Gentrifizierung untergehende Welt eines immer auch lokal eingefärbten Mikro-Merkantilismus, sondern auch – der Titel deutet es bereits an – eine Trauerarbeit am Medium der guten alten Analogfotografie. Analogue ist ein letztes Aufbäumen, ein letztes Zeigen der Macht der alten Fotografie und ihres privilegierten Zugangs zu Realität wie auch ihrem spezifischen Verhältnis zu Zeit und Geschichte. Die Fotografien dieser Serie erinnern nicht nur an verschwundene Dinge und Realitäten, sondern sind als Requiem auf die erinnernde Kraft der Analog-Fotografie selbst zu verstehen.

Und so scheint auch Zoe Leonard mit diesem Werk zu einer Art Wendepunkt in ihrem Schaffen gelangt zu sein. Zu einem Punkt, der eine radikale Neuorientierung erfordert. Das ist nur konsequent. Denn ein stures Festhalten an der analogen Fotografie als ihrem bevorzugten Medium ließe sich heute nicht mehr mit ihrem stets präsenten Bewusstsein für die Bedingungen des Mediums in Einklang bringen. In der Welt von heute ist die Fotografie digital. Das der analogen Fotografie eigene Verhältnis zur Welt, ihre Komplizenschaft mit dem Gegenstand oder anders gesagt: die wundersame, fast schon mythische Naturalisierung der analogen Fotografie, erschiene inzwischen als arg gewollter Kunstgriff – nicht mehr als dokumentarischer Zugang. Da verwundert es kaum, dass Zoe Leonard seit dem Ende der Arbeit an Analogue keinen Fotoapparat mehr zur Hand genommen hat. Stattdessen arbeitet sie mit alten, gefundenen Fotografien und Postkarten. So gesehen ist diese Retrospektive tatsächlich genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen.

Zoe Leonard - Fotografien
1. April bis 5. Juli 2009
Pinakothek der Moderne, München






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