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Postcards from Indonesia

Längst haben sich Indien und China nicht nur als Finanzplätze, sondern auch als neue Hot Spots des globalen Kunstbetriebs etabliert. Auch Indonesien ist ein aufstrebender Handelplatz, doch von der einheimischen Gegenwartskunst ist vergleichsweise wenig zu hören. Das könnte sich allerdings ändern: Ein Blick auf die Neuerwerbungen für die Sammlung Deutsche Bank beweist, dass es auch in der indonesischen Szene durchaus eigenwillige Positionen zu entdecken gibt. Achim Drucks hat sich mit Enin Supriyanto, einem der wichtigsten jungen Kuratoren des Landes unterhalten.




Ganze 80 Prozent Discount verspricht die grellbunte Reklametafel. Auf den ersten Blick unterscheidet sie sich nicht von den zahllosen Billboards an den Straßen Jakartas. Nur der Name des Modehauses, für das hier geworben wird, könnte den Betrachter verunsichern: Fakery London. Das Label ist eine Erfindung von Ali Akbar, einem der vielen Teilnehmer der Jakarta Biennale 2009, die ihre Arbeiten im öffentlichen Raum der indonesischen Hauptstadt installiert haben. Ein möglicht großes Publikum zu erreichen, das ist eines der erklärten Ziele der Kunstschau.

Jakarta ist eine boomende Metropole. In ihrem Einzugsgebiet leben 23 Millionen Menschen. Doch anders als Shanghai, Peking oder Bombay gehört sie nicht zu den asiatischen Städten, die von westlichen Medien gerne als die neuen Kunstzentren gefeiert werden. Auf den Karten der internationalen Szene erscheit ganz Indonesien - immerhin das Land mit der viertgrößten Bevölkerung weltweit - als blinder Fleck. Dem möchten die Macher der Biennale entgegensteuern. Mit Teilnehmern wie dem britischen Videokünstler Phil Collins oder dem australischen Maler David Griggs wird die Internationalität der Veranstaltung forciert, um die Vernetzung der indonesischen Künstler mit anderen Ländern zu verbessern.

Für Enin Supriyanto, einen der wichtigsten jungen Kuratoren des Landes, resultiert die vergleichsweise geringe internationale Beachtung für indonesische Positionen auch aus einer schwach ausgebildeten Infrastruktur. "Die Gegenwartskunst in Indonesien entwickelt sich in einem sehr beschränkten institutionellen Rahmen - in Kunstschulen und vor allem im Umfeld kommerzieller Galerien. Wir haben jedoch keine Museen oder Nationalgalerien, die sich als öffentliche Einrichtungen dafür engagieren, die Menschen mit der Kunst der Moderne und der Gegenwart vertraut zu machen." An diesem Punkt setzte im Juni 2008 der Deutsche Bank Corporate and Art Day in Jakarta an, bei dem Arbeiten von einigen der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler des Landes gezeigt wurden. Die von Supriyanto kuratierte Ausstellung wollte nicht nur eine Bestandsaufnahme wagen, sondern zugleich ganz pragmatisch kulturelle Basisarbeit leisten und die indonesische Szene mit nationalen und internationalen Unternehmen in Kontakt bringen.

Die Deutsche Bank präsentiert seit der Eröffnung ihres Hauptsitzes in Jakarta Ausstellungen mit einheimischen Künstlern und hat zudem zahlreiche Werke aus Indonesien erworben. Das Spektrum reicht dabei von den Kohlezeichnungen des Bildhauers Anusapati, der in seinem Werk die reduzierte Formensprache der Moderne mit archaischen Elementen der Volkskunst kombiniert, bis zu EddiE haRAs poppig-bunten Gemälden. Wie Heri Dono und Eko Nugroho gehört er zu den Künstlern, deren Werke anlässlich des "Corporate and Art Day" angekauft wurden. Diese Neuerwerbungen wurden vor kurzem im Frankfurter Hauptsitz der Bank gezeigt und sind ab Ende 2010 als Teil der Kunstausstattung der modernisierten Zwillingstürme zu sehen.

Dono und haRA zählen zu der Generation, die in den 1980er Jahren für Aufbruchstimmung in der indonesischen Szene sorgte. "Beide erregten damals mit ihrer rebellischen Haltung großes Aufsehen", erläutert Supriyanto, "denn sie sagten sich demonstrativ von den Stilen, Haltungen und Gedanken los, die an den einheimischen Kunstschulen kultiviert wurden." Statt sich an abstrakten oder klassisch-realistischen Vorbildern zu orientieren, nutzten sie zeitgleich mit US-Künstlern wie Jean-Michel Basquiat oder Keith Haring ein visuelles Vokabular, das ursprünglich außerhalb des etablierten Kunstbetriebs entstanden war - Graffiti, Comics oder Kinderzeichnungen. Dezidiert setzten sie sich mit gesellschaftlichen und politischen Fragen auseinander: "Sie gehörten zu den jungen Intellektuellen, die die autoritäre Regierung von Präsident Suharto kritisierten." Donos eigenwillige Gemälde, Installationen und Performances sind ebenso von Street Art wie von dem javanischen Puppentheater Wayang geprägt . Wayang: from Gods to Bart Simpson lautet dann auch der programmatische Titel seiner Performance von 1991. Darin kombinierte Dono erzählerische Elemente und mythologische Figuren aus der indonesischen Volkskunst mit Zitaten aus der westlichen Pop-Kultur, um die Zuschauer ganz unmittelbar zu erreichen und in seine Aktionen mit einzubeziehen.

Auch EddiE haRA lässt in seinen Arbeiten östliche Tradition und westlichen Lifestyle verschmelzen. Dabei kommen so paradox-ironische Statements heraus wie die Serie Postcard from the Alps (1998-2008), aus der seine für die Sammlung Deutsche Bank angekauften Werke stammen. Und tatsächlich entstanden diese Arbeiten zumindest im Schatten der Alpen - in Basel, wo er seit 1997 mit seiner Frau, einer schweizerischen Bibliothekarin, lebt. Der Künstler, der gleichermaßen für Paul Klee wie Heavy Metal schwärmt, überarbeitet gebrauchte Briefumschläge und Postkarten. Er versieht sie mit Slogans wie Destroy Pop Art! Join the Resistance! Think Green!, Zeichnungen von gekreuzten Knochen, Robotern oder skurrilen Fabeltieren, beklebt sie mit ausgeschnittenen Zeitungsbildern und Stickern. Seine Alpengrüße changieren zwischen verspielten Art-Brut-Reminiszenzen, Dada-Collagen und absurden Kommentaren zu Kunst und Gesellschaft.

Was in den Achtzigern begann, wird heute von einer jüngeren Generation fortgeführt: Der 1977 geborene Eko Nugroho verbindet auf seinem Gemälde Pendatang Baru (2008) aus der Sammlung Deutsche Bank urbane Street Art und Science-Fiction-Comics. Häufig arbeitet er im öffentlichen Raum - sei es in seiner Heimatstadt Yogyakarta oder im Kreuzberger Wrangelkiez, wo er 2005 für das Ausstellungsprojekt Räume und Schatten des Hauses der Kulturen der Welt gemeinsam mit Jugendlichen die Fassade eines Nachbarschaftshauses bemalte. Wie der Astronaut auf Pendatang Baru sind auch die beiden riesigen Köpfe auf der Berliner Hauswand typische Vertreter von Nugrohos Figurenarsenal: Fantasy-Wesen, zusammengesetzt aus menschlichen Gliedmaßen und Maschinenelementen, die ihre Gesichter meist hinter Masken oder Helmen verbergen. Mit seinen Arbeiten reagiert der Künstler auf eine Gesellschaft, die einerseits islamisch geprägt und stark hierarchisch gegliedert ist, andererseits aber von den Images der Globalisierung und ihrem westlichen Wertesystem überschwemmt wird.

Die Universitätsstadt Yogyakarta ist neben Jakarta das wichtigste kulturelle Zentrum des Landes. Hier arbeitete der international wohl bekannteste indonesische Nachkriegskünstler Affandi, der 1954 auf der Biennale in Venedig vertreten war. Und an der Kunstakademie ISI studierten wichtige Gegenwartskünstler wie Anusapati, S.Teddy D. oder Nindityo Adipurnomo. Neben zahlreichen Galerien existiert in der 500.000-Einwohner Stadt auch eine vitale Underground Kunst- und Musikszene. Mit dem Cemeti Art House hat sich hier auch einer der wenigen nicht-kommerziellen Kunsträume Indonesiens etabliert. 1988 von Adipurnomo gemeinsam mit seiner Frau, der niederländischen Künstlerin Mella Jaarsma gegründet, ist das Ausstellungshaus seit langen eine der bedeutendsten Plattformen für die künstlerische Avantgarde des Landes. Hier zeigte Heri Dono seine erste Einzelschau, und Eko Nugroho stellte hier sein Ausstellungsprojekt Hidden Violence vor, in dem er sich, wie Dono eine Generation vor ihm, mit dem traditionellen Wayang Theater auseinandersetzt.

"Einheimische Volkskunst war schon immer eine wichtige Inspirationsquelle für die moderne und zeitgenössische Kunst in Indonesien", erklärt Supriyanto. "Man kann sich hier diesen Einflüssen kaum entziehen, denn in Indonesien begegnet man auf Schritt und Tritt den Zeugnissen einer reichen kunsthandwerklichen Tradition. Es fällt häufig auf, dass sich in den Werken der indonesischen Kunst zwei verschiedene Elemente verbinden: lokales Kunsthandwerk und die Moderne. Nicht immer gelingt diese Synthese. Doch in diesem Spannungsfeld bildet sich die Dynamik einer Gesellschaft ab, die dabei ist, mit den Herausforderungen des Lebensstils der Gegenwart wie auch ihrer Geschichte zurechtzukommen. Wenn Künstler ihre eigene Identität in diesem riesigen global village in Frage stellen, werden dabei letztendlich die Kultur und Tradition vor Ort immer eine wichtige Rolle spielen."

Doch genau diese Strategie führt häufig zu Problemen. Das liegt auch an der inflationären Vermarktung von "Trends", die in den neu ausgerufenen Kunstzentren Asiens in Windeseile produziert werden. Die Mixtur aus westlicher Pop-Art und kommunistischer Propaganda etwa, die für die junge chinesische Malerei in den letzten Jahren prägend war, schlug zunächst wie eine Bombe auf dem westlichen Kunstmarkt ein - ist jedoch bereits nach kürzester Zeit bereits in Verruf geraten. Zu oberflächlich, zu dekorativ, zu spekulativ, lautet hier das Urteil der Kritik. Und während der westliche Markt gerade im Osten beständig Ausschau nach neuen "authentischen" und gesellschaftskritischen Positionen hält, geschieht dies häufig noch immer unter dem mehr oder minder unverhohlenen Blickwinkel des Exotismus.

Dies gilt gerade für Werke aus allen so genannten Schwellenländern - nicht nur Indonesien. Verwenden Künstler eine traditionelle Formensprache, werden ihre Werke als folkloristisch oder dekorativ abgetan, orientieren sie sich an westlichen Stilen, gelten sie als Imitatoren. Sowohl dem schnelllebigen Markt, als auch der Kunstkritik, die immer wieder neuen Strömungen folgt, scheint es hierbei oft an Wissen über die Traditionen und das lokale Bezugssystem, in denen sich die Künstler bewegen, zu fehlen. "Ich glaube, dass es in der etablierten westlichen Kunstszene immer noch eine Menge Vorurteile gibt über Kunst, die aus einem Land wie Indonesien kommt", so Supriyanto. "Das sind die Überreste einer modernistischen Ideologie bei Kunstkritikern, Kuratoren oder Journalisten, die immer noch dem linearen Modell der westlich geprägten Kunstgeschichtsschreibung anhängen. Wenn wir diese Sichtweise überwunden haben, wie das gerade im Hinblick auf die chinesische Gegenwartskunst geschehen ist, dann erfährt auch die Kunst aus Indonesien die nötige Aufmerksamkeit und Anerkennung."






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