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Die dunkle Seite des Lichts
Ivan Navarros aufgeladener Minimalismus


Ivan Navarro gilt als einer der wichtigsten jungen Gegenwartskünstler Chiles: Bekannt wurde er mit Skulpturen aus fluoreszierenden Leuchtröhren, die die Formensprache des Minimal politisch unterminieren. Im Rahmen der Ausstellung „Beuys and Beyond – Teaching as Art" tourt seine Werke gerade durch Lateinamerika. Oliver Koerner von Gustorf hat Ivan Navarro in seinem New Yorker Studio getroffen.


Death Row heißt eine von Ivan Navarros Arbeiten, die den Besuchern des Chilenischen Pavillons auf der letzten Biennale in Venedig entgegen strahlten: 13 Türen aus Glas und Stahl. 13 Ein- oder Ausgänge, durch die man in Lichttunnel aus Neon und Spiegeln blickt, die sich in allen Spektralfarben ins Unendliche fortsetzen – eine Art transzendenter Regenbogen. Navarros 2006 entstandene Arbeit vereint vieles, was für sein Werk so typisch ist: Licht und Tod, minimalistische Reduktion und Erzählung, konzeptionelle Strenge und bittere Ironie. Besonders deutlich wird das, wenn man weiß, dass die Installation eine Art Antwort auf Ellsworth Kelly ist: 1969 hatte der amerikanische Hard-Edge-Maler in seiner Serie Spectrum V auf 13 monochromen Leinwänden exakt das gleiche Farbspektrum durchgespielt.

Auch Kellys minimalistische Bilder kann man sich wie Türen vorstellen, die den Raum durch die physische Wahrnehmung der Farbe öffnen. Vier Jahrzehnte später baut Navarro tatsächlich Türen, samt Griff und Schloss – und auch wenn seine Objekte "flach" sind wie Bilder, wirken sie als würden sie durch einen Tunnel aus Licht, in eine andere Dimension führen. Navarros Death Row erscheint wie eine technoide Übersetzung von Kelly: Verführerischer, kälter und härter – und ein Bruch mit Gegenstandslosigkeit und reiner Geometrie. Navarro gehört zu einer jungen, internationalen Künstlergeneration, die das Formenvokabular von Minimal kritisch neu interpretiert. Doch anders als US-Stars wie Sterling Ruby oder Banks Violette infiltriert der seit 1997 in New York lebende Chilene die aseptische Formensprache des Minimal nicht mit expressiven oder gewaltsamen Gesten. Im Gegenteil. Das Dogma, dass alles Persönliche unterdrückt werden soll, das Faible der amerikanischen Minimal-Künstler für Normierung und industrielle Ästhetik werden von ihm aufgegriffen, um auf sehr zeitgemäße Weise politische, ökonomische und gesellschaftliche Unterdrückung zu thematisieren.

Zurzeit sind Arbeiten von Navarro in der Gruppenausstellung Beuys and Beyond – Teaching as Art im Museo de Artes Visuales (MAVI) in Santiago de Chile zu sehen, wo Werke von Beuys und seinen Schülern chilenischer Gegenwartskunst gegenüber gestellt werden. Auch wenn sich der 1972 geborene Navarro in seinen Neon- und Spiegelskulpturen im Laufe der letzten Jahre immer wieder auf Größen der amerikanischen Minimal- und Konzeptkunst wie etwa Dan Flavin oder Dan Graham bezogen hat, wäre sein Werk ohne die Bezüge zur jüngeren chilenischen Geschichte, zum Aufwachsen unter der Militärjunta Augusto Pinochets kaum denkbar. Während man die Lichttunnel von Death Row auch als Metapher für den Übergang in eine jenseitige Welt sehen kann, verweist der Titel in Verbindung mit den hermetisch verschlossenen Türen auf Gefängnistrakte und Todesstrafe, auf Verschwinden, Folter und Isolation.

Dieser Bezug findet sich bereits in Navarros frühen Werken, wie etwa You sit, You die (2002) – einem aus weißen Neonröhren konstruierten Liegestuhl, auf dessen Sitz die Namen sämtlicher Personen gedruckt wurden, die bis dato in Florida hingerichtet wurden. Weitergeführt wurde das Konzept 2006 mit dem White Electric Chair, einem Neon-Nachbau von Gerit Rietfelds legendärem Rot-Blauen Stuhl von 1918, die Navarro in verschiedenen Versionen umsetzte: Weiß, Rot-Blau und Pink. Die Adaption dieses Klassikers entzückte viele Designfans, weil in ihm gleichermaßen de Stijl, New Wave-Ästhetik wie auch die minimale Lichtkunst Dan Flavins nachhallen. Doch tatsächlich sind Navarros dekorative Stühle äußerst ambivalent. Während sie wie dreidimensionale Lichtzeichnungen im Raum stehen, könnten die fragilen Röhrenkonstruktionen bei funktionaler Nutzung Verbrennungen verursachen und tödliche Stromstöße herbeiführen. So sind diese Skulpturen alles andere als eine Weiterführung modernen Designs, ebenso wenig wie Navarro versucht, die Nachfolge der Heroen der Minimal-Art anzutreten. "Ich bin lange nach der Generation von Minimal aufgewachsen, deshalb habe ich ein eher distanziertes Verhältnis zu ihr", erzählt er beim Besuch in seinem Studio in Brooklyn, "doch in Chile erschien mir Minimal wie eine Stereotype für amerikanische Kunst – als Speerspitze einer Kunst, die mit Fortschritt und Industrialisierung verbunden ist."

Subtil vermitteln viele von Navarros Objekten die Gewalt, die mit diesem Fortschritt einhergeht – dem aus ideologischen und ökonomischen Gründen auch Menschrechte und Humanität geopfert werden. Das Licht, das seine Skulpturen und Spiegelarbeiten durchströmt, lässt sich dabei ebenso als eine Metapher für Aufklärung lesen, wie auch für wirtschaftliche und politische Macht, mit der in demokratischen und totalitären Systemen die unterschiedlichsten Energien kontrolliert werden: seien dies Finanzen, Elektrizität, Waren, oder Informationen. Die metaphorische Rolle von Licht und Energie wird besonders deutlich bei Resistance, einer Installation, die Navarro ebenfalls auf der letzten Biennale in Venedig zeigte: einen fahrbaren "Electric Chair", der wie eine Rikscha an ein Fahrradgestell montiert ist. Den Strom zur mobilen Neonskulptur liefert dabei der Fahrer, der in die Pedale tritt. Das dazugehörige Video zeigt, wie die Skulptur über den mit tausenden von Neonreklamen und Medienwänden erleuchteten New Yorker Times Square gefahren wird. Im Gegensatz zu diesem Brennpunkt der Unterhaltungs- und Industrie wirkt Resistance wie ein autonomes Mini- System, in dem der Konsument zugleich auch Produzent ist.

Während Navarros Arbeiten an bestimmte Parameter von Minimal Art wie etwa Reduktion, einfache geometrische Grundstrukturen, serielle Wiederholung oder den Einsatz von industriell gefertigten Materialien anknüpfen, lädt er diese formalen Elemente mit gesellschaftlichen Bezügen auf. Dabei können ganz unterschiedliche Werkgruppen entstehen. So verweist etwa The Brief Case (2004) ganz direkt auf politische Verbrechen: In einer Aktentasche sind fluoreszierende Röhren mit den Namen von vier amerikanischen Staatsbürgern installiert, die von der chilenischen Junta ermordet wurden.

Die Arbeit Joy Division I (2004) funktioniert auf andere Weise. Unter der Glasplatte eines modernistisch anmutenden Couchtisches findet sich eine rot strahlende, hakenkreuzförmige Konstruktion aus Neonröhren. Das Gegenstück, Joy Division II, zeigt eine Neonstruktur, in der sowohl der Davidstern, als auch das gelbe Dreieck zu erkennen ist, das Juden im Dritten Reich tragen mussten. Die Arbeiten könnten durchaus auf die zwiespältige historische Rolle Südamerikas anspielen – einerseits rettendes Exil für jüdische Emigranten aus Europa, andererseits tauchten gerade hier zahlreiche Nazi-Verbrecher unter und nahmen neu bürgerliche Identitäten an. Der Titel lässt aber auch andere Bezüge zu. So ist Joy Division der Name einer britischen Post-Punk-Band, der sich von so genannten "Freudenabteilungen" in Konzentrationslagern ableitet, in der Insassinnen für die deutsche Wehrmacht zwangsprostituiert wurden. War der Bandname ein sarkastischer Kommentar zu Militarismus und Faschismus, experimentierte die Band auch auf ihren Plattencovern mit Naziästhetik. Ebenso wie der provokante Umgang mit historisch belasteten Symbolen galt kaltes Neonlicht als Metapher für gesellschaftliche Härte, Normierung und Entfremdung – die schonungslos gefühlt und gezeigt werden sollten.

Wie Navarro diese Haltung aufgreift, verdeutlicht seine Videoinstallation The Missing Monument for Washington DC or A Proposal for a Monument for Victor Jara (2007). Der chilenische Aktivist und Folksänger wurde im Rahmen des Putsches gegen Salvador Allende von den Schergen Pinochets gefoltert und am 16. September 1973 mit 44 Einschüssen ermordet aufgefunden. In Anspielung auf die Mitwirkung der CIA bei diesem Verbrechen macht Navarro den zynischen Vorschlag für ein Denkmal in der US-Hauptstadt: Sein Video zeigt zwei Männer mit über die Köpfe gezogenen Tüten in einem steril-weißen Raum. Während der eine auf allen vieren kniet, steht der andere mit einer Gitarre auf seinem Rücken und rezitiert Lieder von Victor Jara. Victor heißt dann auch die Neon-Skulptur, die Navarro aus der Figur des Knienden entwickelte: Sein Körper ist auf ein leuchtendes Piktogramm reduziert. Auf dem "Rücken" der Konstruktion ruht eine Glasplatte: die Unterdrückung wird zum Kunstfetisch, zur High-End Inneneinrichtung stilisiert.

"Viele meiner Werke sind performativ ", erläutert Navarro, "meistens sehr mit dem Körper verbunden und immer haben sie einen funktionalen Aspekt." Um diese Ebenen zu verdeutlichen, stellt er seinen Skulpturen häufig Videos zur Seite wie auch in einem seiner bekanntesten Werke: Homeless Lamp, The Juice Sucker (2004). „Die Arbeit basiert auf einem echten Einkaufswagen, der mit Neonröhren nachgebaut wurde", erzählt Navarro. "Aber sie hat nichts mit Shopping und Konsum zu tun. Für mich verbindet sich der Einkaufswagen viel mehr mit den Obdachlosen in New York, die ihn brauchen, um ihr Zeug zu transportieren. Die grundlegende Idee war, eine Skulptur zu erschaffen, die man bewegen, vor sich herschieben und überall hinstellen kann, weil sie nirgendwo hingehört, an keinem speziellen Ort gezeigt werden muss. Also nahm ich das Teil und schob es durch die Straßen." Das Video zeigt, wie Navarro und ein Begleiter mit ihrem Neon-Einkaufswagen zu den Klängen des mexikanischen Revolutionsstückes Juan, der Landlose an den Galerien und Luxus-Boutiquen Chelseas vorbeiziehen. Dabei zapfen sie illegal Strom aus Buchsen in Straßenlaternen ab.

Während Homeless Lamp ganz offensichtlich Armut, Reichtum, Obdachlosigkeit thematisiert, entwirft Navarro mit seiner mobilen Lichtskulptur gleichermaßen das Bild einer heimatlosen Kunst, die sich außerhalb der Regeln der Institutionen parasitär ernähren muss, um zu überleben. Vielleicht ist dies auch eine gute Metapher um Navarros eigene künstlerische Strategie zu beschreiben. Nicht nur, dass seine Skulpturen den Besucher mit einem merkwürdigen Gefühl von Ort- und Körperlosigkeit konfrontieren. Mit Minimal und Post-Minimal hat er wie ein Parasit die machtvollsten und rigidesten Formen der US-Gegenwartskunst angezapft, um aus ihnen seine eigene Kunstform zu speisen. Die sieht zwar reduziert und kühl aus, ist aber alles andere als neutral.




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