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Chitra Ganesh: Subversive Mythen

Sie lässt Geschlechterrollen mit verdrängten Ängsten und Sehnsüchten kollidieren. 2006 war Chitra Ganesh in der Ausstellung "pa.per.ing" in der 60 Wall Gallery der Deutschen Bank New York vertreten. Danach wurde eine Auswahl ihrer Arbeiten für die Unternehmenssammlung angekauft. Achim Drucks stellt die in Brooklyn lebende Künstlerin vor.


Die Königin ist tot. In ihrer silbrig glänzenden Rüstung liegt die Rani von Jhansi im blutbefleckten Schnee, den Blick verzückt himmelwärts gerichtet – wie Jeanne d'Arc auf einem Märtyrerbild des 19. Jahrhunderts. Awakening, Erwachen, hat Chitra Ganesh ihre 2004 entstandene Fotoarbeit betitelt. Sie ist selbst in die Rolle der Rebellin geschlüpft, die den indischen Aufstand von 1857 gegen die britischen Kolonialherren beflügelte. Nach ihrem Tod auf dem Schlachtfeld im Alter von nur 21 Jahren avancierte die Rani zum Inbegriff weiblicher Tapferkeit. Doch der Künstlerin geht es hier nicht um die Apotheose einer indischen Nationalheldin. Stattdessen zeigt Ganesh die Königin, wie sie sagt, "im Moment ihres Todes, in dem ihr Aufbegehren und Scheitern aufeinanderprallen". Zugleich verlegt sie ihr tragisches Ende im Sommer 1858 in eine winterliche Gegenwart: dabei konterkarieren die zahlreichen Schuhabdrücke im Schnee jede nostalgische Sentimentalität.

Die "Rebel Queen of Jhansi" verkörpert einen Gegenentwurf zum konservativen hinduistischen Frauenbild. So wird auch in einem Werbetext zu einem Comic über ihr Leben extra betont, dass "sie nicht von Natur aus aggressiv war, sondern nur deshalb zu den Waffen griff, weil die Briten drohten, ihr kleines Königreich zu annektieren." Für Ganesh allerdings ist die Rani gerade wegen ihres Aggressionspotentials interessant. Denn die Gemälde, Zeichnungen, Wandarbeiten und Filme der 1975 in Brooklyn, New York, geborenen Künstlerin lassen sich als eine einzige Auseinandersetzung mit dem Thema weiblicher Stärke verstehen. "Über alle Medien hinweg setzt sich ein großer Teil meines visuellen Werks mit dem Begriff 'junglee' auseinander – was 'wild' oder wörtlich übersetzt 'aus dem Dschungel stammend' bedeutet", erklärt die Künstlerin in einem Interview mit der Dichterin Louise Bak. "Mit dieser alten, aus der indischen Kolonialzeit stammenden Bezeichnung wurden Frauen charakterisiert, die als aufsässig galten und soziale Normen sprengten. (…) Weil die Junglee die patriarchale Autorität herausfordert, wird sie als Wilde wahrgenommen. Ich glaube diese Vorstellung von einer 'ungezähmten Frau' wird als eine zugleich verführerische wie abstoßende Kategorisierung benutzt."

Eine zentrale Rolle in Ganeshs visuellem Kosmos spielen Comics. Neben X-Men oder Archie gehörte auch Amar Chitra Katha zu ihrer bevorzugten Jugendlektüre. Die in einer Auflage von mittlerweile über 90 Millionen Exemplaren verbreitete Serie wurde Ende der 1960er Jahre initiiert, um Kindern in Indien und in der Diaspora hinduistische Mythen sowie die Geschichte des Landes nahe zu bringen – und dabei natürlich auch ganz bestimmte Rollenbilder und Verhaltenweisen zu propagieren. Zwischen 2002 und 2007 verarbeitete Ganesh Bilder aus den ACK-Comics zu der 21-teiligen Arbeit Tales of Amnesia (2002-2007), mit der sie auch vor kurzem in der Ausstellung The Empire Strikes back - Indian Art Today in der Londoner Saatchi Gallery vertreten war.

Als kulturübergreifendes Medium erscheinen ihr Comics als ideal, um unterschiedliche Betrachtergruppen anzusprechen. Wenn sie sich aber die Bilder genauer ansehen, beginnt die Verunsicherung: Anstelle von Texten und Sprechblasen, die die Handlung erklären, wird man mit rätselhaften Sätzen konfrontiert, die an "ecriture automatique" denken lassen, jene Schreibtechnik der Surrealisten, mit der unterbewusste Bilder und Gedanken ans Licht gebracht werden sollten. Die schönen Heldinnen von Ganeshs digitalen Collagen bewegen sich durch die typischen Comic-Kulissen, doch sie erinnern in ihrer nonchalanten Gewalttätigkeit eher an Lara Croft als an die sanftmütigen Frauen aus den ACK-Büchern. Mit unschuldigem Augenaufschlag metzeln sie sich durch eine surreale Erzählung, deren Chronologie immer wieder unterlaufen wird. Und wenn sie nicht kämpfen, sieht man sie in Szenen, in denen die Künstlerin exotistische Haremsfantasien à la Ingres parodiert.

Ganeshs Werk ist bevölkert von weiblichen Figuren, die sich gesellschaftlichen Stereotypen und Festlegungen entziehen. Sie sind zugleich schön und brutal, begehrenswert und verstümmelt. Salome und Pandora finden sich neben hinduistischen Göttinnen, Ikonen des Bollywood-Kinos oder Riot Girls. Ganeshs temporäre wandfüllende Installation für die Lobby des New Yorker P.S.1 wurde von einer lesbischen Superheldin aus dem 1980er Jahre Comic-Roman The Watchmen inspiriert – The Silhouette, die nach ihrem Coming Out zusammen mit ihrer Geliebten ermordet wird. Ganesh verschmilzt die beiden Frauen zu einer zweiköpfigen Femme fatal, bestückt mit Fangzähnen und tentakelartigen Armen, umkreist von Nachtfaltern und abgeschlagenen Köpfen. Auch in ihrer Installation Untitled (Her Accident) (2007) mischt sie Motive von Gewalt und Verstümmelung mit ästhetischem Raffinement. Weibliche Torsi, die durch Nabelschnüre miteinander verbunden sind, überdimensionale Augen oder eine geflügelte Wasserpfeife schweben wie Bilder aus dem Unterbewusstsein vor einem lavendelfarbenen Hintergrund. Gezeichnete Zöpfe und Wimpern setzen sich ins Dreidimensionale fort – ein psychedelischer Kosmos, in dem die Logik von Träumen herrscht. "Indem ich ganz unterschiedliche Materialien und visuelle Sprachen übereinander schichte, deute ich alternative Lesarten an – Erzählungen über Sexualität und Macht in einer Welt, in der nicht erzählte Geschichten an die Oberfläche drängen. Der Körper wird dabei zum Ort für Grenzüberschreitungen und Regelverstöße, im sozialen wie im psychischen Sinn, er verdoppelt sich, wird zerstückelt und wächst über seine natürlichen Grenzen hinaus."

Ob in den großen Wandinstallationen oder ihren Papierarbeiten wie Another Script (2005) in der Sammlung Deutsche Bank, Ganeshs Motive erscheinen wie Hybride: alles wuchert, mischt sich, verweigert sich jeder Kategorisierung. Das Werk wird von ihren indischen Wurzeln ebenso beeinflusst wie dem Leben in New York oder ihrem Selbstverständnis als Teil der queeren Community. Street Art, die Bilderwelt des Hindutempels in Flushing, Queens, den sie als Kind häufig mit ihren Eltern besucht, Cover von Girl Rock Bands wie The Slits, handgemalte Poster von Bollywood-Filmen oder der Besuch einer Max Beckmann-Ausstellung – ganz unterschiedliche Einflüsse haben ihre künstlerische Arbeit geprägt. Und nicht zu vergessen ihr Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Semiotik, das sie mit magna cum laude abgeschlossen hat.

Die Verweise auf die Kultur Indiens bzw. Südasiens sind zwar ein wichtiges Element ihrer Arbeiten, doch will sich Chitra Ganesh nicht auf die Rolle einer indischen Künstlerin, die indische Themen verhandelt, festlegen lassen. "Ein häufiger Fehler, den die Leute hinsichtlich meiner Arbeit machen, resultiert zum Teil daraus, wie Südasien seit 30 Jahren in den Massenmedien dargestellt wird", erklärt sie in einem Interview mit dem Magazin Art & Deal. "Sie betrachten meine Arbeiten und denken, sie drehen sich um die so genannte Misere der indischen Frau oder um die Machtlosigkeit von Frauen in nicht-westlichen Gesellschaften. Natürlich kritisiere ich geschlechtsspezifische Darstellungen und Machtverhältnisse, aber nur, weil die Bildsprache südasiatische Konnotationen hat, bedeutet das nicht automatisch, dass ich mich auf die südasiatische Community beziehe. In meinem Werk geht es mir vielmehr darum, verschiedene Bilderwelten und visuelle Sprachen wie Comics oder ikonische Darstellungen von Göttinnen zu nutzen, um Themen anzusprechen, die viel allgemeingültiger sind, als dass man sie auf Südasien beschränken kann."

Deshalb ist es im Grunde genommen nicht wirklich wichtig, ob man bei den bezopften Mädchen mit ihren herausgestreckten Zungen an die hinduistische Göttin Kali denkt oder an Pippi Langstrumpf – oder an beide. Ganeshs hybride Bilderwelt eröffnet dem Betrachter ein weites Feld der Assoziationsmöglichkeiten: "Ich versuche Mythologien zu schaffen, die Fragen stellen statt klare Antworten zu geben." Und diese Fragen zu Macht und Ohnmacht, Begehren und Bestrafen stellen sich in New Delhi wie in New York.




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