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"Wir sind zwar nicht die größte Messe, aber die umkämpfteste"
Frieze Direktor Matthew Slotover im Interview


Nachdem sie 1991 gemeinsam das Kunstmagazin Frieze gegründet hatten, initiierten Matthew Slotover und Amanda Sharp 2003 die Frieze Art Fair, die seither im Londoner Regent’s Park stattfindet. Im achten Jahr ihres Bestehens ist die Kunstmesse wohlauf, auch dank der nachhaltigen Förderung durch die Deutsche Bank. Ossian Ward hat sich mit Matthew Slotover über die anhaltende Bedeutung der Kunstmesse unterhalten – und darüber, warum London immer noch „rockt“.


Ossian Ward: Die Deutsche Bank sponsert die Frieze dieses Jahr bereits zum siebten Mal. Was bedeutet diese Partnerschaft für Sie?

Matthew Slotover: Das Schöne an der Deutschen Bank ist, dass sie dort etwas von Kunst verstehen. Sie haben eine langjährige Verbindung mit der Kunst und besitzen die weltweit größte Unternehmenssammlung. Ihr Engagement ist langfristig ausgerichtet und ändert sich nicht, auch wenn es beispielsweise einen neuen Vorstandsvorsitzenden gibt. Für uns ist das eine großartige Förderung, die sich ja nicht nur auf eine rein finanzielle Unterstützung beschränkt. So gibt es große Überschneidungen zwischen ihren Private Wealth Clients und unseren Kunstsammlern. Aber auch unter den Mitarbeitern der Bank herrscht ein starkes Interesse, die Messe zu besuchen. Für die Galerien wirkt sich dieses Engagement ebenfalls positiv aus. Sie schätzen es, dass die Deutsche Bank auf der Messe Arbeiten für ihre Sammlung erwirbt.

Wenn Sie auf die lange Zusammenarbeit mit der Deutschen Bank zurückblicken – wie ist diese Partnerschaft entstanden und wie hat sie sich im Laufe der Zeit entwickelt?

Die Partnerschaft begann im zweiten Jahr der Frieze, als Mary Findlay und Alistair Hicks von der Kunstabteilung der Deutschen Bank auf uns zukamen und fragten, ob wir an einer Zusammenarbeit interessiert wären. Natürlich haben wir uns diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Auch Vorstandsmitglieder wie Pierre de Weck haben sich engagiert und nach vielen Diskussionen haben wir Wege gefunden, dass dies eine Partnerschaft geworden ist, von der beide Seiten sehr profitieren. Natürlich gibt es eine schriftliche Vereinbahrung, aber das Verhältnis zwischen uns ist so gut, dass wenn eine Seite einen Verbesserungsvorschlag hat, die andere glücklich ist zu helfen. Ich erinnere mich an verschiedene Situationen in den letzten Jahren, in denen dies passiert ist. Das hat sich sowohl positiv auf die Messe als auch auf den Wert des Sponsorings für die Deutsche Bank ausgewirkt. So etwas kennzeichnet meiner Meinung nach eine wirklich erfolgreiche Zusammenarbeit.

173 Aussteller nehmen dieses Jahr an der Frieze teil – also mehr als bei jeder vorangehenden Ausgabe. Warum diese Expansion?

Dieses Jahr haben sich so viele Galerien wie nie zuvor beworben. Vielleicht, weil die finanzielle Situation jetzt wieder ein bisschen rosiger aussieht oder weil die Messe selbst in einem so schwierigen Jahr wie 2009 ziemlich gut funktioniert hat. Die Zahl der Galerien mag zwar etwas gestiegen sein, die Größe der Messe ist allerdings fast gleich geblieben: Wir haben die Abmessungen der einzelnen Stände etwas angeglichen, so dass in der Hauptsektion jetzt 148 und in der jüngeren Sektion Frame 25 Galerien vertreten sind.

Haben Sie nie daran gedacht, die Größe der Messe zu verdoppeln und einfach 300 Galerien zuzulassen?

Das können wir nicht, denn das verhindern schon die Bäume rund um das Messezelt. Wir finden aber, dass uns diese Situation auf eine gute Weise diszipliniert – besonders, wenn man sieht, wie enorm sich andere Messen vergrößert haben. Man kann dadurch zwar mehr Geld verdienen, aber meist leidet die Qualität darunter und die Besucher finden nichts mehr. Wir sind eigentlich ganz glücklich damit: Wir mögen zwar nicht die größte Messe sein, aber wir sind die wohl umkämpfteste.

Dieses Jahr sind viele Galerien aus Asien und Südamerika vertreten. Haben Sie sich bewusst auf diese Regionen fokussiert?

Es ist schwierig, einen bestimmten Fokus auszumachen, denn jede Galerie wird auf Grund ihrer Leistungen ausgewählt. Doch im Laufe der Jahre haben wir gemerkt, dass immer mehr Galerien aus Schwellenländern stammen. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen, weil dort die Kunstszene und die Wirtschaft expandieren.

Wie steht es mit den Sammlern aus diesen Regionen? Kommen sie auch zur Frieze?

Das tun sie. Das Beste an London ist seine unglaubliche Internationalität. Hier leben Leute aus dem Mittleren Osten, Russland, Hong Kong, Australien und so weiter. Wir haben zwar nur einen kleinen Kern von Sammlern hier, aber es ist ein unglaublicher Schmelztiegel – meiner Meinung nach sogar in stärkerem Maße als New York.

Wie lief Frame, die jüngere Sektion der Messe?

Sie lief so gut, dass unsere einzige Sorge darin bestand, wie man diesen Erfolg am besten fortsetzen kann. Im Auswahlprozess zählt allein die Qualität des jeweiligen Projekts, nicht die Galerie. Es geht darum, wie gut die Vorschläge sind und deshalb sind nur fünf der 2009 vertretenen Galerien dieses Jahr wieder dabei – es gibt also eine starke Fluktuation. Diese Sektion soll wirklich absolut frisch bleiben und den Hauptteil der Messe etwas aufmischen. Hier soll es viele Sachen geben, von denen selbst die abgebrühtesten Kritiker, Sammler und Kuratoren noch nichts wissen.

Betrachten Sie die Frieze noch immer als junge Messe?

Nein, eigentlich nicht. Ich betrachte sie als ziemlich breit aufgestellt. Bei uns sind die meisten der großen Galerien für Gegenwartskunst vertreten und eine stattliche Anzahl von Galerien aus dem mittleren Bereich. So etwa das Modern Institute, das noch zu den jungen Galerien zählte, als wir mit der Messe anfingen. Es dauert also nicht besonders lange, erwachsen zu werden. Ich würde sagen, unser Fokus, unser Dreh- und Angelpunkt, das sind die Galerien, die seit zehn oder zwanzig Jahren bestehen. Viele fingen während der Rezessionsjahre in den 1990ern an und ich glaube, dass im Augenblick wieder eine neue Gruppe heranwächst. Wir sind sehr stolz darauf, eine Generation von Galerien zu unterstützen, die auch jüngere Künstler zeigen und die immer dynamisch geblieben ist.

Betrachten Sie sich also jetzt als Teil des Establishments?

Das war einer der Gründe dafür, dass wir Frame initiiert haben. Wir fühlten, dass es eine ganze Generation von Galerien gab, die spannende Sachen machen, für die wir aber keinen Platz auf der Messe hatten. Deshalb arbeiten wir jetzt auch mit Beratern zusammen – dieses Jahr sind dies Daniel Baumann aus Basel und Cecilia Alemani, die in New York lebt. Sie sagen uns, welche Galerie aus Berlin oder Los Angeles gerade die beste ist. Man muss mit Experten zusammenarbeiten, um zu erfahren, was dort los ist.

Neue Kuratorin der Frieze Projects ist die Londonerin Sarah McCrory. Wie haben Sie sie entdeckt?

Wir haben bereits vergangenes Jahr mit ihr zusammengearbeitet. Sarah McCrory und Daniel Baumann waren unsere Berater für Frame. Tatsächlich hat sie bereits bei der allerersten Frieze Art Fair mitgearbeitet, bei der sie sich um unser Auditorium gekümmert hat. Damals besuchte sie noch den Kuratorenkurs des Royal College of Art. Im Laufe der letzten Jahre hat sie sich in London mit Studio Voltaire und Swallow Street, einem von Hauser & Wirth unterstützten Ausstellungsraum, etabliert. Wir haben mit verschiedenen Kandidaten gesprochen, aber gefühlt, dass Sarah wirklich frische Ideen mitbringt und eng mit der Basis verbunden ist – sie weiß, womit sich die junge Szene gerade beschäftigt. Die Kuratoren, an die wir glauben, stellen die Künstler an erste Stelle. Sie sehen ihre Aufgabe darin, Künstler auszuwählen und es ihnen zu ermöglichen, großartige Arbeiten zu realisieren. Es geht uns nicht um Kuratoren, die Ausstellungen mit einem philosophischen Überbau realisieren möchten und die Künstler nur zur Illustration ihrer Thesen benutzen.

Also verstehen sich die Frieze Projects nicht als Gruppenausstellung, sondern als Serie individueller Werke, die im Rahmen des Messebetriebs funktionieren müssen?

Genau. Es handelt sich gerade durch diese Bedingungen um eine sehr interessante Aufgabe und das Projekt muss den maximalen visuellen Eindruck erzeugen, den ein Kurator hervorbringen kann. Auch die Künstler müssen diesen Kontext verstehen und bereit sein, damit oder auch ganz bewusst dagegen zu arbeiten. Doch dieses Jahr gibt es ein performatives Element, das die Projekte miteinander verbindet: Bei fast allen spielen entweder die Künstler eine aktive Rolle oder die Betrachter können sich an den Projekten beteiligen. Bei Matthew Darbyshires Vorschlag geht es allerdings mehr um die Architektur unserer Kasse, die sich außerhalb des eigentlichen Messezelts befindet. Er übernimmt die visuelle Sprache der Geschäfte in den großen Einkaufsstraßen, besonders der T-Mobile-Läden, und benutzt deren knalliges Pink für den Kundenschalter und die Uniformen unserer Mitarbeiter. Das ist eine echte Herausforderung für den ganzen Betrieb, nicht nur für die Besucher, sondern für die gesamte Messe.

Spartacus Chetwynds Projekt, "A Tax Haven Run By Women (In the Style of a Luna Park Game Show)" soll, was den Raum anbetrifft, das bislang größte der Messe sein.

Sie übernimmt einen Großteil des Cafés in der Nähe der Frame Sektion. Dort wird es ein großes skulpturales Element geben, das auf Catbus – einer Anime-Figur aus dem Studio-Ghibli-Film My Neighbour Totoro – basiert. Die Installation wird täglich eine Stunde lang von einer Performance begleitet. Sie entwirft auch Sitzsäcke, auf denen die Leute dann ihre Sandwiches essen können.

Dieses Jahr startet eine ganze Reihe neuer Messen, etwa die Multiplied, die sich auf Grafik spezialisiert, und die Sunday, die vorher in Berlin stattfand.

Die kleineren Messen sind uns willkommen, denn unsere räumlichen Möglichkeiten sind einfach begrenzt. Auf der Frieze gibt es zum Beispiel keine Editionsgalerien – das war keine politische Entscheidung. Wir geben aber immer Galerien den Vorzug, die die Hauptvertreter der Künstler sind. Ich bin gespannter auf die Sunday und denke, dass auch die Zoo eine gute Ergänzung war, obwohl ich weiß, dass das letzte Jahr für sie sehr schwierig war. Ich betrachte die Sunday fast als Ersatz für die Zoo. Ihre Chancen stehen nicht schlecht: die Räumlichkeiten sind in der Nähe der Frieze und der Fokus der Messe ist sehr international.

Sind Sie optimistisch, was die diesjährige Messe und die Finanzlage betrifft?

Es war ein merkwürdiges Jahr. Die Zuversicht in der Kunstszene und die Verkäufe hängen stark von den Entwicklungen an den Aktienmärkten ab, doch sie fluktuiert auch auf Grund der unterschiedlichen Beweggründe, aus denen gesammelt wird. Es gibt Ärzte oder Rechtsanwälte, die im Jahr 30.000-40.000 Pfund für Gegenwartskunst ausgeben. Damit möchten sie auch nicht aufhören. Sie lieben es und sind vermögend genug dazu. Dann gibt es die Leute, die vor allem an der Börse investieren. Wenn sie viel Geld verdienen, fühlen sie sich reich, gehen los und kaufen ein. Machen sie allerdings Verluste, hören sie damit erst einmal auf. Voraussagen für dieses Jahr sind sehr schwierig. Natürlich höre ich aber auch, dass Kunst für einige Leute etwas Reales ist – etwas, das sie kaufen und mit dem sie leben können. Das schätzen sie besonders jetzt, wo die Immobilien- und Aktienmärkte so unberechenbar sind.

Wie steht es mit den Kürzungen, die die neue britische Regierung bei der Kunst- und Kulturförderung plant? Wird sich das auch auf die Messe auswirken?

Die Museen ziehen ein großes Publikum an und ich bin mir sicher, dass die Regierung weiß, dass sie wirklich zu unseren wichtigsten Attraktionen zählen. Deshalb werden sie die Leute, die dort eine gute Arbeit machen, nicht mit Kürzungen bestrafen. Wir sitzen alle in einem Boot und tun alles, was wir können, um die Londoner Museen zu unterstützen. Wenn dies bedeutet, dass sie Geld aus dem privaten Sektor akquirieren müssen, können wir ihnen auch dabei helfen. Die Frieze bringt eine Menge Sammler, die auch Museen unterstützen, in die Stadt und wir werden alles tun, um sie mit ihnen in Verbindung zu bringen.

Glauben Sie, dass sich die Kunstwelt gerade verändert oder bewegt sie sich wieder langsam in Richtung business as usual?

Aus den Galerien höre ich, dass sie wieder Leute einstellen. Zwischen Ende 2008 und Anfang 2009 wurde sehr wenig Kunst verkauft, deshalb gerieten alle in Panik. Doch nur sehr wenige Galerien haben tatsächlich schließen müssen – das erwartete Blutbad blieb aus. Mein Eindruck ist, dass die Dinge nicht wieder so überhitzt sind wie 2006/07. Die meisten Leute arbeiten einfach recht zufrieden weiter. Das Grundmodell, dass Künstler kommerzielle Galerien benötigen, die ihnen dabei helfen, ihre Werke zu verkaufen, besteht seit über 100 Jahren und ich glaube nicht, dass sich dies ändern wird. Messen sind in den letzten 10 Jahren stärker ins Rampenlicht gerückt. Das wird sich meiner Meinung nach ebenfalls nicht ändern. Die Kunstwelt hat sich mittlerweile in so starkem Maße globalisiert, dass man nicht mehr überall sein und alles sehen kann. Weil alles virtueller wird, brauchen die Menschen zugleich verstärkt physische Begegnungen und deshalb wird es immer wichtiger, Leute tatsächlich zu treffen – und sei es nur, indem man sich auf der Messe zufällig über den Weg läuft.

Frieze Art Fair
14. – 17. Oktober 2010
Regent’s Park, London




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