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Howard Hodgkin
Das Geheimnis der Farbe


Kritiker bezeichnen Howard Hodgkin gern als Englands sinnlichsten Maler. Und tatsächlich besitzen seine stets auf Holz gemalten Bilder dank ihrer glühenden Farben eine unglaubliche Präsenz. Die Arbeiten sind das Ergebnis eines intensiven Arbeitsprozesses, der sich oft über Jahre hinzieht. In der Sammlung Deutsche Bank ist Hodgkin mit zahlreichen Grafiken vertreten. Ossian Ward stellt den Ausnahmekünstler vor.


Ein Besuch in Howard Hodgkins Atelier ist zunächst alles andere als eine farbenfrohe Angelegenheit. Die Seitenstraßen in der Umgebung des British Museums, wo der 1932 geborene Brite lebt und arbeitet, scheinen für alle Ewigkeit in Dickenssches Kopfsteinpflastergrau und gemütliche, warme Brauntöne getaucht zu sein. Auch die Eingangshalle seines Hauses und das benachbarte Hauptatelier – es ist durch einen Steg im Hof mit dem Wohnbereich verbunden – werden von einer monochromen Farbpalette bestimmt: dunkel die Halle, strahlend Weiß der Raum, in dem er malt. Dieses Allerheiligste erscheint, verglichen mit seinen Gemälden, erstaunlich farblos und schlicht. Keinerlei kunsthistorisches oder sonstiges Referenzmaterial ist zu sehen. Selbst auf dem rissigen Betonboden ist kaum ein Farbspritzer zu finden. Die für Hodgkin so typischen auf Holz gemalten und gerahmten Bildobjekte lehnen und hängen nebeneinander an den Wänden. Doch nur die Rückseiten sind zu sehen. Manche wurden mit Tüchern verhüllt oder sind hinter Paravents verborgen “Ich kann an keinem Bild arbeiten, wenn ein anderes Gemälde im Raum zu sehen ist“, erklärt Hodgkin bei meinem Besuch im Studio. „Ich muss sie verstecken.“ Erst als er die Tafeln feierlich, eine nach der anderen enthüllt, erhält man einen Eindruck von diesem Farbfeuerwerk, für das er so berühmt ist.

Einige Journalisten und Schriftsteller haben beklagt, dass ihre Begegnungen mit der Person Hodgkin ähnlich glanzlos waren wie sein Studio. An dem Gerücht, er sei extrem schwierig zu interviewen und außerdem sehr wortkarg, wenn es um seine Arbeit geht, ist allerdings nichts dran. Er braucht ganz einfach Zeit, um mit dem jeweiligen Gesprächsthema warm zu werden. Und viel Zeit benötigt er auch, um seine Bilder zu vollenden: Über einige seiner Gemälde grübelt er jahrelang und zögert ihre Fertigstellung immer wieder hinaus, sodass sie häufig mit Datierungen wie 2001-2008 oder 2005-2010 versehen sind. Seit mehr als 40 Jahren hinterfragt er kontinuierlich seinen Stil, übermalt, überarbeitet, verwischt und ist dabei stets in Bewegung – als könne er nicht stillsitzen.

“Ich finde es schwierig, zu beschreiben, wie ich male. Je älter ich werde, umso mehr versuche ich, alles was möglich ist, in meinem Kopf zu erledigen.“ Es überrascht nicht, dass er um die richtigen Worte kämpft, um diesen stotternden und stockenden Malprozess zu beschreiben: „Manchmal füge ich etwas hinzu, einen anderen Tag verbringe ich damit, etwas wegzunehmen.“ Interviewer stellen ihm immer wieder die gleichen Fragen. Und die beliebteste lautet natürlich: Wann wissen Sie, dass ein Gemälde fertig ist? Hodgkins Antwort: „Wenn es ‚Stop’ sagt“. Ein anders Mal antwortete er: „Wenn das Motiv wiederkehrt.“

Farbe ist eine der wenigen Konstanten in Hodgkins Werk. Das zeigt bereits eines seiner frühesten Bilder, Memoirs von 1949, das er mit gerade mal 17 Jahren gemalt hat. Es zeigt eine etwas merkwürdige Szene: Ein Mann starrt eine Frau an, die auf einem Sofa liegt. Die Farbe einer ihrer missgestalteten Hände beschrieb Andrew Motion, der 1999 von 2009 als britischer Hofdichter fungierte, als „Erstickungs-Blau“. Dieser Ton kontrastiert mit dem tiefroten Hintergrund des Interieurs, das an den Stil Patrick Caulfields erinnert, der Hodgkin als Kollege lebenslang begleitet hat. “Mein einziger wichtiger Künstlerfreund ist jetzt tot“, erzählte er mir. „Ich führe ein sehr isoliertes Leben. Alle meine Freunde sind Schriftsteller.“ Und so beschreibt Motions 1994 erschienener Essay über Memoirs Hodgkins Einsatz von Pigmenten fast ausschließlich mit literarischen Wendungen: „Strahlendes Rot hüpft und springt umher, verregnete Grüntöne schweben aus dem Nichts herein und heraus, erfrischen, Schwarz beleidigt und dämpft jäh ab.“

Dass einem Hodgkin in Gesprächen ständig zu entschlüpfen scheint liegt wohl auch an der Einsicht, dass Sprache den Akt des Malens, vor allem das Geheimnis seines Farbauftrags, nicht wirklich wiedergeben kann. Er hat immer wieder seine Vorliebe für lang vergessene Farbnamen betont, die Erinnerungen wachrufen: etwa Violet Solide oder Elephant’s Breath, eine Wortschöpfung, die die Modedesignerin Elsa Schiaparelli für einen speziellen Grauton prägte. Doch meist erscheinen ihm diese Bezeichnungen als nicht wirklich adäquat. „Alles, worüber wir wirklich sprechen, ist die Beziehung von Wörtern zu Farben und die ist zumeist eher unglücklich. Oder gescheitert. Oder leblos.“

Hodgkin hasst es, wenn man ihn einen Koloristen nennt, denn er assoziiert diese Bezeichnung mit schlechter Kunst. „Es ist den Leuten nie klar, dass Farbe auch Zeichnung und Form ist.“ Die Druckgrafik hat es ihm ermöglicht, reine Farbe direkt auf dem Papier zu entfesseln, indem er eine Collagraphie genannte Technik nutzt oder mit Carborundum-Radierungen experimentiert. Arbeiten, die in den 1970er und 80er Jahren mit diesen Verfahren gedruckt wurden, befinden sich auch in der Sammlung Deutsche Bank, etwa Bed and Breakfast (1978) mit seinen strahlenden Orangetönen oder Listening Ear (1986).

Farben besitzen für Hodgkin allerdings keine festgelegten Bedeutungen: „Rot ist die Farbe von Sonnenuntergängen, Schwellungen oder Blut“, erklärte er dem irischen Schriftsteller Colm Toíbín, „aber es kann genauso gut die Farbe von einem Paar Hosen sein. Genau wie Blau die Farbe deines Jacketts sein kann.“ Obwohl er sich mit verschiedenen Farbtheorien auseinandergesetzt hat, haben sie doch mit seinem nüchternen Verhältnis zu Farbe nur wenig zu tun, wie er dem Kunsthistoriker Alan Woods 1988 erläuterte. „Alle diese Systeme versagen an einem bestimmten Punkt. Sie zerbrechen am Fels der menschlichen Gefühle und der individuellen Persönlichkeit – ob es nun Seurat mit seiner Sprache der Farbe ist, oder Piero Della Francesca, der ein System des Ausdrucks erfunden hat. Farbtheorien, genau wie Formtheorien, brechen in sich zusammen. Kandinskys beste Arbeiten entstanden trotz und nicht wegen seiner Farbsystematik. Theorien können eine Unterstützung darstellen, aber nicht mehr. Farbe ist ganz einfach Farbe und Menschen setzen sich dazu in Beziehung. Das kann man nicht kontrollieren. Es geht um das Maß der Überzeugung.“

Spätestens hier merkt man, dass er in der Lage ist, intelligent und tiefgründig über sein Werk zu sprechen. Ich habe gehofft, erneut mit ihm reden zu können. Doch leider musste Hodgkin unser Treffen wegen eines Sturzes in seinem Atelier absagen. Obwohl der Künstler seit längerem gesundheitlich nicht auf der Höhe ist, beteiligt sich der 78-jährige regelmäßig an Ausstellungen. So zeigte Modern Art Oxford kürzlich Time and Place, eine Werkschau mit 25 neuen Gemälden. Derzeit ist sie in der De Pont Foundation im niederländischen Tilburg zu sehen, um dann ins San Diego Museum of Art weiterzuwandern.

Das Mantra, das seine ganze Karriere begleitet – Farbe als gleichwertig mit Zeichnung, Form, Komposition und Bildraum zu betrachten – kommt auch in seinen jüngsten Tafeln zum Ausdruck. Das zwischen 2007 und 2008 entstandene Red, Red, Red zeigt den späten Hodgkin in minimalistischer Höchstform: ein Wirbel aus sich schlängelnden, orangefarbenen Linien. Auch bei Saturday (2005-08) beschränkt er sich auf eine Farbe, ein tiefes Azurblau. Es wird nur durch einen kleinen gelblichen Fleck gestört, der dort entstanden ist, wo der hölzerne Untergrund die Ölfarbe aufgesogen hat. Andere Titel wie Leaf, Snow Cloud, Big Lawn oder Rough Sea suggerieren bereits die Farben, die er für sie verwendet hat, nicht allerdings die jeweiligen Motive. Hodgkin erklärt, dass es ihm bei den Titeln eher auf Erinnerungen oder Gedanken ankommt, als auf das, was auf dem Bild zu sehen ist. Die Behauptung, sein gesamtes Werk sei figurativ – „Ich habe in meinem Leben noch nie ein abstraktes Bild gemalt“ – ist eine seiner einprägsamen, aber absichtlich falschen Behauptungen. „Ich hasse das Malen“, lautet eine andere. In unserem 2008 geführten Gespräch hat er diese Aussage präzisiert: „Es ist harte Arbeit. Dinge, die man nur aus Liebe macht – das ist etwas für Amateure.

In Hodgkins Fall ist es schwierig, die Einflüsse aufzuspüren, die seinen Umgang mit Farbe geprägt haben. Dass Matisse, Vuillard und Seurat zu seinen Malerhelden gehören, ist gut dokumentiert. Und er kennt sich aus –von den Alten Meistern bis zu den Vertretern des französischen Klassizismus wie Ingres und David. Sein Gespür für Farbe mit zeitlich so begrenzten Strömungen wie dem Abstakten Expressionismus oder der Farbfeldmalerei in Zusammenhang zu bringen, erscheint angesichts der langen Liste von Künstlern, auf die er sich bezieht, eher schwierig. Dennoch hat Hodgkin erklärt, dass die New York School die letzte große Schule der Malerei gewesen sei und bezeichnet Arshile Gorky, Ellsworth Kelly, Barnett Newman und Willem de Kooning als ihre bedeutendsten Vertreter. Letzteren kennt er besonders gut: Mit seinen Arbeiten hat er sich eingehend beschäftigt, als er 1995 zusammen mit dem britischen Kunstkritiker David Sylvester für die Hängung der De Kooning-Retrospektive in der Tate verantwortlich war.

Doch Hodgkins wahre Leidenschaft und Wertschätzung gilt der indischen Miniaturmalerei der Moghul-Epoche – seine Sammlung besitzt weltweites Renommee. Kurz nach dem Besuch seiner Malereiausstellung in Oxford, erkannte ich ganz zufällig im Ashmolean Museum, wo ein Teil seiner Sammlung gerade als Leihgabe zu sehen ist, was Hodgkins Einsatz von Farbe vor allem inspiriert hat. In einem der kleinen, dort präsentierten Gemälde sind zwei Beo-Vögel vor einem roten Hintergrund zu sehen, der so zu vibrieren scheint, als habe ihn Hodgkin gemalt. Das rötliche Braun und die Umbra-Töne oder das aggressive Orange, alles, was sich Hodgkin nur wünschen könnte, ist hier zu finden – in einem endlosen Farbrausch. Der assoziative, fast symbolische Realismus der indischen Malerei, den der Künstler als das „Ergebnis einer ungeheuer verfeinerten Imagination im Angesicht der Natur“ bezeichnet hat, charakterisiert auch die ehrliche, reale Anmutung seiner Farben – nicht nur das strahlende Blau des Meeres oder das Smaragdgrün des Grases, sondern jede nur vorstellbare Schattierung dazwischen. So erklärte er einmal einem viel begabteren Interviewer als ich es bin: „Alles kann immer in Frage gestellt werden. Ich habe Bilder gemalt, die anfangs weiß waren und zum Schluss schwarz. Ich versuche, mir so viele Optionen wie möglich, so lange wie möglich offen zu halten.“

Howard Hodgkin
Time and Place – paintings 2000-2010
De Pont Foundation, Tilburg
2. Oktober 2010 – 16. Januar 2011

San Diego Museum of Art
29. Januar 29 – May 01, 2011




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