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Per Kirkeby
Ein nordischer Solitär


Per Kirkeby erlebt zurzeit eine bemerkenswerte Renaissance, die nicht zufällig mit dem Revival von Informel und Abstraktem Expressionismus zusammenfällt. Die große Werkschau zum 70. Geburtstag des gestisch-expressiven Malers im Louisiana Museum bei Kopenhagen bildete vor zwei Jahren den Auftakt, eine Retrospektive mit Stationen in London und Düsseldorf folgte im letzten Jahr. Jutta von Zitzewitz über den dänischen Künstler, der mit zahlreichen Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist.


Viele Gebiete hat Per Kirkeby während seiner langen Karriere durchstreift. Konsequent hat er dabei alle Etiketten von sich gewiesen. Kirkeby war und ist ein großer Einzelgänger, ein nordischer Solitär abseits der großen Strömungen und kurzlebigen Moden. Der 1938 geborene Universalkünstler ist Geologe, Schriftsteller, Filmemacher, Architekt und Plastiker, doch sieht er sich selbst in erster Linie als Maler. Bereits während seines Geologiestudiums studierte Kirkeby ab 1962 in Kopenhagen Malerei und Grafik. Nach mehreren Grönland-Expeditionen und einer Dissertation über arktische Geologie trat er Mitte der 1960er Jahre in ersten Einzelausstellungen als bildender Künstler an die Öffentlichkeit.

Fasziniert von ihren utopischen Visionen, beteiligte sich Kirkeby an der Fluxus-Bewegung, war Mitspieler bei Performances von Joseph Beuys und Charlotte Moorman. Und wie viele andere europäische Künstler erlebte er die amerikanische Pop-Art als Offenbarung. Zur selben Zeit entdeckte der Künstler Masonitplatten im Format 122 x 122 cm als Malgrund. Bis heute nutzt er sie als Experimentierfeld. Cowboys, Filmstars, Comics und die It-Girls der Werbeagenturen geisterten als Schablonen und Zitate durch diese frühen Mixed-Media-Arbeiten - Antworten auf Warhol und Lichtenstein. Die Masonittafeln waren zugleich eine Flucht vor dem malereifeindlichen "Terror" der Fluxus-Künstler, wie Kirkeby den Zeitgeist später in einem Essay über den damaligen Leidensgenossen Georg Baselitz beschrieb.

Die Masonitbilder der späten 1960er und frühen 70er Jahre erscheinen wie das Kondensat seines ununterbrochenen Dialogs mit der Malerei. Das Gegenständliche dominiert noch, aber neben den popkulturellen Motiven drängen bereits der expressiv-abstrakte Gestus und die Natur als Grundkonstante seines Werks in den Vordergrund. Fast emblematisch wird sie in drei Urmotiven verdichtet: Baum, Wald und Hütte.

Sein Weg führte Kirkeby im Laufe der 1970er Jahre weg von Pop-Zitaten und Collagetechniken hin zur Peinture pure der Ölmalerei. Das Gegenständliche verschwindet allmählich, der Pinselduktus wird lockerer, die Formate werden größer und die Kunstgeschichte drängt in seine Malerei. Ganz bewusst stellt sich der Künstler in die große europäische Maltradition. In einem Schlüsselbild aus dieser Phase, Fram (1983), nehmen die beiden Pole Natur und Kultur die Gestalt von stark abstrahierten Bildzitaten an. Kirkeby kreuzt darin Das Eismeer des von ihm bewunderten Caspar David Friedrich mit einem niederländischen Prunkstillleben aus dem 17. Jahrhundert und lässt beides in einem Malprozess zwischen Aufbau und Zerstörung fast wieder verschwinden.

Die Schwebe zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion bestimmt von nun an sein Werk. Kurzzeitig verschiebt sie sich zugunsten einer gestisch-expressiven Abstraktion, aus der gelegentlich figurative Elemente wie Phantome emportauchen. 1981 nahm Kirkeby an der legendären Gruppenausstellung A New Spirit in Painting an der Royal Academy in London teil. Er galt nun als Vertreter der Neuen Malerei. Plötzlich fand er sich im Kreis der Neoexpressionisten wieder, wurde zusammen mit Georg Baselitz, A.R. Penck oder Anselm Kiefer rezipiert, was ihm wenig behagte. Als persönliche Krise erlebte Kirkeby die Feier der expressiven Figuration in der Zeitgeist-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau ein Jahr später: "Ich war allein und konnte die Euphorie um mich herum nicht teilen. Nur ein winziges gegenständliches Element wurde von mir verlangt. Ich tat, was ich konnte, doch es wollte sich nicht einstellen. Ich wurde fast ausgeschlossen, weil ich zu abstrakt war. Seitdem fühle ich mich als Außenseiter." Kirkeby ging seinen eigenen Weg, jenseits der figurativen Expressivität der Neuen Wilden, aber ohne den transzendentalen Anspruch eines Mark Rothko und ohne das existenzialistische Pathos, welches das europäische Informel in den 1950er Jahren beherrscht hatte.

Es ist ein Missverständnis, Kirkebys expressiven Gestus mit Impulsivität oder Emotionalität zu verwechseln. Die Louisiana-Werkschau von 2008/09 hat hier eine wichtige Kurskorrektur in der Wahrnehmung vorgenommen. Auch der Maler Carsten Fock, Meisterschüler bei Kirkeby an der Frankfurter Städelschule, betont den bei seinem Lehrer oft übersehenen reflexiven Anteil: "Die Malerei bei Kirkeby findet trotz ihrer vermeintlichen Direktheit und dem Affekt immer aus einer gewissen analytischen Distanz statt, das hat mich sehr begeistert, als ich 1997 begann, bei ihm zu studieren. Der Gestus ist ein kontrollierter Gestus, im Arbeitsprozess selbst gibt es einen sehr starken Reflektionsprozess. Dieses Denken hat mein eigenes Werk bis heute stark beeinflusst."

Kirkebys Malerei ist das Ergebnis eines Dialogs, den der Künstler mit der Natur führt, ohne diese aber naturalistisch abzubilden. Per Kirkeby ist ehrgeiziger. Die Natur ist bei ihm kein Sujet im klassischen Sinn, auch wenn er mit Landschaftselementen wie mit "Attrappen oder Kulissen" (Kirkeby) spielt, auch wenn gerade rein abstrakte Großformate wie Nikopeja I&II, Flugten til Aegypten oder Portugalien oft an Landschaften erinnern. Diese Assoziation rührt aus einer tiefer liegenden Verwandtschaft her. Kirkeby nimmt die Natur als Vorbild. Aus einem tiefen Verständnis der in ihr wirkenden Kräfte bezieht er sein ästhetisches Verfahren. Das All-over seiner Gemälde kommt ohne Zentrum aus, ist aber dennoch stark strukturiert - "eine Sedimentation hauchdünner Schichten", wie er sagt. "Ich bin mir allmählich darüber im Klaren, dass alle meine Gemälde von Löchern oder von Höhlen handeln. Löcher in der Stofflichkeit, wie in einer Höhle leben und hinausschauen. Oder in eine Höhle hineinschauen. Diese seltsamen, schwindelerregenden Blicke durch den Stoff hindurch."

Die Farbräume seiner Malerei hat Kirkeby auch als "Höhlen aus Licht" bezeichnet. Farbe ist für ihn das wesentliche Mittel, Andeutungen von Natur in reine Malerei zu überführen. "Unsere Farbe", schrieb er, "ist eine Art Zeichen eines Traumes von Natur, die stillsteht, wo Erlebnisse aufbewahrt werden können. Die Farben der Natur fließen immer, wir versuchen, unsere Farben stabil zu machen." In großformatigen Gemälden wie Leiser Wellenschlag, grün (2005), in denen feinste Grünabstufungen in einer dichten Komposition reich orchestriert werden, entwickelt Kirkeby über den Einsatz der Farbe eine Auflösung des Raums und eine Sogwirkung, die den späten Seerosen von Monet vergleichbar ist. Seine Virtuosität ist umso bemerkenswerter, wenn man weiß, was für eine Herausforderung gerade die Farbe Grün für Maler darstellt. "Die ist so unbeliebt, weil sie an Landschaft erinnert", so Carsten Fock. "Es ist unglaublich, wie Kirkeby das hinkriegt, dass Grün sich nicht mit bestimmten Assoziationen oder Bedeutungen verbindet, sondern als bloße Farbe innerhalb der Malerei wahrgenommen wird."

Die intensive Auseinandersetzung des Malers und Forschers Kirkeby mit Licht und Farben des Nordens haben seine Palette im Laufe der Jahre ständig erweitert, während er dem Prinzip einer reichen Schichtung der Farbe treu geblieben ist. Im Vergleich zu den oft düsteren, metallisch-kühlen Farbklängen seiner früheren Werke hat sich das Spektrum zudem merklich aufgehellt. In Flugten til Aegypten erreicht Kirkeby ein Leuchten, das an Mackes Werkzyklus der Tunisreise denken lässt, während er in Portugalien, das auf der Insel Laesø enstand, dem dänischen Sommer eine fast südliche Glut verleiht.

Viele Bildzeichen, mit denen Kirkeby seine farbigen Großformate überzieht, erinnern an Felsformationen, Kristalle, Geäst, Gräser oder Holzmaserung. Das Vokabular seiner Gemälde entwickelt Kirkeby aus der Zeichnung heraus. Sie ist seine Art zu denken, kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um "etwas herauszufinden" (Kirkeby). Im Sprung über die Gattungen nähern sich bei Kirkeby das Anorganische und das Organische. Zeichnungen und Druckgrafiken enthalten architektonische Elemente ebenso wie Naturmotive - etwa seine unbetitelte Lithografie aus der 2002 entstandenen Serie Bauen Wohnen Denken aus der Sammlung Deutsche Bank.

Seine zutiefst ernsthafte Auseinandersetzung mit der Natur hat allerdings nichts mit ihrer Verkitschung im Rahmen des aktuellen ökologischen Bewusstseins zu tun. Gegenüber Begriffen wie "Landschaft" und "Romantiker" nimmt Kirkeby eine instinktive Abwehrhaltung ein. Dass man den dänischen Künstler heute wieder verstärkt diskutiert, hat vielleicht nicht nur mit der Wiederentdeckung der gestischen Abstraktion der Nachkriegszeit zu tun, die die Ausstellungskalender zwischen Köln und Berlin zurzeit bestimmt. Wenn es denn mehr als ein Trend sein sollte, der den Zyklen des Kunstmarkts entspringt, spiegelt sich darin womöglich auch ein Überdruss an als leblos empfundenen konzeptuellen Positionen oder der Tendenz zur Verschmelzung von Kunst und Design. Kirkebys prozesshaftes Werk hingegen erfüllt eine Sehnsucht: die authentische, unmittelbare Verbindung zwischen Künstler und Werk, in der das Tun zugleich Denken und Fühlen ist.




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