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"Eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft"
Ein Interview mit dem chinesischen Künstler Yuan Shun


Vor kurzem eröffnete die Deutsche Bank ihre neuen Räumlichkeiten in Hongkong. Unter dem Motto Urban Utopia werden dort zahlreiche Arbeiten von Künstlern aus China, Hongkong, Korea, Singapur und Taiwan präsentiert. Eines der Highlights: Yuan Shun großformatige Zeichnungen aus der Serie Hundred Million Years Landscapes. Die Fotografien, Installationen, Videos und Performances des 1961 geborenen Künstlers kreisen um die Themen Landschaft, Stadt und Architektur. Yuan Shun pendelt zwischen Peking und Berlin. Aktuell ist er in der Ausstellung "Future Pass" im Rahmen der 54. Venedig Biennale vertreten.


Achim Drucks: In den Zeichnungen Ihrer Serie "Hundred Million Years Landscapes" verschmelzen die unterschiedlichsten Einflüsse – mythische Drachenfiguren, Science-Fiction, Abstraktion und detaillierte Gegenständlichkeit. Wie hat sich dieses Projekt entwickelt?

Yuan Shun: Im Herbst 2007 war ich das erste Mal in Taiwan, um an der Asian Art Biennale teilzunehmen. Ich begann, Material über bestimmte Phänomene der dortigen Kultur zu sammeln, woraus sich dann das Projekt One Hundred Million Years of Landscape entwickelte. Sein Konzept zielt nicht darauf ab, eine ganz bestimmte Welt abzubilden, sondern es basiert auf dem extrem gesteigerten Bewusstsein der Menschen. Die Arbeiten halten die Spuren fest, die das begrenzte, kurze Leben in einer schier unendlichen Zeit und einem unermesslichen Raum hinterlassen hat. Das Projekt arbeitet vor allem mit dem Prinzip der Collage. Ich setzte beispielsweise die Drachenfiguren aus verschiedenen Tieren zusammen, zeige Inseln, die keine bestimmten Charakteristiken aufweisen, oder unspezifische schwebende Formen. Aus diesen Elementen konstruiere ich eine imaginäre Welt, die eine Brücke schlägt zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Eines Ihrer zentralen Themen sind Landschaften. Sind diese Szenarien als spirituelle Landschaften zu verstehen oder als Anspielungen auf die sich rapide verändernden urbanen und natürlichen Landschaften in China?

Sie sind beides. Im Sommer 2005 bin ich nach dreizehn Jahren das erste Mal wieder in Peking gewesen. Außer den historischen Bauten bestand die Stadt zum Großteil aus Hochhäusern und einem Netz aus Highways. Ich kam mir vor, als befände ich mich inmitten einer mir unbekannten Stadt. Zu dieser Zeit musste der Stadtplan von Peking alle drei Monate aktualisiert werden. Im heutigen China scheinen die Städte von der Zukunft „ausgeliehen“ zu sein. Das ist ein verbreitetes Phänomen und sehr kennzeichnend für das Land: Es erreicht gerade einen Höhepunkt an kreativen Zerstörungen, die kontinuierlich und mit großer Geschwindigkeit in immer wieder neuen Formen auftreten. Das hat einige Folgen. Zeiten und Räume, die wir uns von der Zukunft ausleihen, lassen uns die Geschichte vergessen und auch die Menschen, die in der Alltagsrealität leben. Doch wenn wir in die Zukunft blicken, dann brauchen wir die Gegenwart und die Vergangenheit. Die Welt mit ihrem Überfluss an Waren braucht auch eine spirituelle Heimat. Das Thema meiner Arbeit kann sowohl das Vorspiel als auch das Ergebnis dieser immensen Umbrüche sein.

Ihre phantastischen Szenarien scheinen in einem virtuellen Raum zu existieren. Warum haben Sie diese Arbeiten als Zeichnungen realisiert und nicht mit Hilfe des Computers?

Für mich ist dieses klassische Medium das effektivste Mittel, um seine unmittelbaren Reaktionen festzuhalten. Auf ganz unterschiedliche Art und Weise fungiert es als eine Erweiterung der Körpersprache.

Welche Bedeutung haben die Drachenfiguren, die auf vielen Ihrer aktuellen Arbeiten zu sehen sind?

Der sagenumwobene Drache existiert nicht in der realen Welt. Doch dieses imaginäre, vom Menschen geschaffene Geschöpf interessiert mich, denn es ist ein spirituelles Wesen. Es besteht aus Körperteilen eines Löwen, einem Hirschgeweih, den Beinen einer Krabbe, dem Maul eines Krokodils, dem Hals einer Schildkröte und dem Körper einer Schlange. Es handelt sich also um ein zusammengesetztes Geschöpf. Der Drache unterscheidet sich aber von anderen Mischwesen wie etwa Dren aus dem Film Splice – Das Genexperiment, denn in China steht er für positive Energie und Wohlstand.

Vor der Zeichnung oder Fotografie steht bei Ihnen häufig das selbst gebaute Modell. Wie hängen in Ihrer Arbeit Modell, Fotografie und Zeichnung zusammen?

Ich betrachte mein Werk als Suche nach dem inneren Selbst. Diese Installationen, Gemälde und Fotografien entwerfen ein utopisches Reich. Es sind reale Szenarien unerreichbarer Räume, mögliche Wiedergaben von Unmöglichem.

Sie haben Ihre Ausbildung an der Art Army University China in Peking absolviert, wo Sie neben der künstlerischen auch eine militärische Ausbildung erhielten. Wie hat das Ihre künstlerische Arbeit geprägt?

Von 1979 bis 1983 habe ich an der Kunstschule der Volksbefreiungsarmee in Peking studiert. Damals ging es vor allem um zwei Dinge – Soldat zu sein und als Kunststudent ausgebildet zu werden. Nach dem Abschluss konzentrierte sich mein Leben darauf, Offizier und Künstler zu sein, weshalb ich mich gleichermaßen für Fragen der Philosophie wie der Strategie interessiere. So habe ich mich intensiv mit Sunzis Die Kunst des Krieges auseinandergesetzt – ein altes chinesisches Buch, das einen gewaltigen Einfluss auf die Militärstrategie hatte. Damals diente es mir als wichtigste Inspirationsquelle für meine konzeptuellen Kunstwerke und noch heute ist es ein Eckpfeiler meiner Arbeiten.

Seit den neunziger Jahren leben und arbeiten Sie in Berlin. Heute pendeln Sie zwischen Berlin und Peking. Wie hat das ihre künstlerische Arbeit beeinflusst?

Wie schnell sich ein Bezirk entwickelt, wie vital er ist, das lässt sich auch an der Geschwindigkeit festmachen, mit der sich die kommerzielle Infrastruktur für Kunst entwickelt. In New York hat die Entwicklung von SOHO zum Kunstbezirk 30 Jahre gedauert, 10 Jahre dauerte es in Berlin-Mitte. In Peking hat sich das Kunstareal 798 in nur fünf Jahren etabliert. Natürlich ist Berlin das vitalste Kunstzentrum in Deutschland und sogar in ganz Europa. Die Stadt ist stolz auf ihre Experimentierfreude und die Qualität der Kunstwerke. Im Vergleich dazu befindet sich die Gegenwartskunst in Peking noch in der Entwicklungsphase. Und obwohl diese Entwicklung rasch voranschreitet, übersteigt die Quantität der produzierten Arbeiten bei weitem deren Qualität. Mein Nomadenleben zwischen diesen beiden Städten erlaubt mir eine ganz besondere Arbeitsweise. In Berlin arbeite ich vor allem experimentell. Oft schließe ich mich im meiner 12-Quadratmeter-Küche ein und denke nach, während ich durchs Fenster nach draußen schaue – in den Himmel oder auf die Bäume. Während die Alten von "Seelenreisen" oder "Strategieentwicklung auf Papier" gesprochen haben, bezeichne ich mich als "Küchenkünstler". Die meisten meiner Papierarbeiten sind ein Resultat dieser imaginativen Vorarbeiten, auch One Hundred Million Years of Landscape. Meine eigentliche Werkstatt ist dagegen in Peking angesiedelt, wo ich eine ehemalige Fabrikhalle als Studio nutze, um die großformatigen Arbeiten zu realisieren. Der tägliche Informationsstrom, Entscheidungen über die vielfältigen Materialien, die ich verwende, oder die Zusammenarbeit mit meinen Assistenten – all das beeinflusst natürlich auch mein Denken und die Richtung, in die sich die Werke entwickeln. Das gilt ja für alle Lebensbereiche.

Gab es in Deutschland einschneidende Erlebnisse, die Ihre Sicht auf die Kunst verändert haben?

Ja. 1993 habe ich im Frankfurter Museum für Kunsthandwerk ausgestellt. Ich fragte Kasper König, ob er interessiert sei, sich an einer meiner Aktionen zu beteiligen. Es ging darum, Haare von verschiedenen Menschen zu sammeln. Er hat sofort zugesagt. Ich brachte also eine Schere mit ins Museum und bat eine Assistentin – sie stammte aus Japan – die Performance zu fotografieren. Ganz entspannt hat er sich dann ausgezogen, sich ein Paar Schamhaare abgeschnitten und sie mir in einem Plastikbeutel überreicht. Die Assistentin hat auf den Auslöser gedrückt und lief danach weg. Alle waren schockiert. Diese Erfahrung öffnete mir die Augen für die Wahrhaftigkeit, die Möglichkeiten zum Ausdruck der Persönlichkeit und die freiheitliche Auffassung der europäischen Künstler.

Future Pass - From Asia to the World
4. Juni - 6. November 2011
Abbazia di San Gregorio & Palazzo Mangilli-Valmarana, Venedig




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