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Der Views-Preis 2011
Junge polnische Szene im Aufbruch


Alle zwei Jahre zeigt die Schau der für den Views Preis nominierten Künstler die aktuellen Tendenzen in der polnischen Szene. Initiiert wurde der Preis für junge polnische Kunst 2003 als gemeinsames Projekt der Deutsche Bank Stiftung, der Deutschen Bank Polska und der Warschauer Zacheta Nationalgalerie. Mittlerweile gilt die 15.000 Euro dotierte Auszeichnung als der bedeutendste Kunstpreis des Landes. Hanna Wróblewska, Direktorin der Zacheta, erklärt, warum diese Auszeichnung so wichtig ist.


Dieses Jahr wurden sieben sehr unterschiedliche Künstler für den Views-Preis nominiert. Alle von ihnen wurden in den späten 1970ern oder frühen 1980ern geboren. Gibt es bestimmte Themen, die diese Generation verbindet?

Hanna Wróblewska: Mir scheint es, als ob die Kritiker, die die Nominierungen und die letztendliche "Shortlist" bestimmen, sich gerade bemüht hätten, zu viele ähnliche Themen oder Tendenzen zu vermeiden. Stattdessen haben sie auf Vielfalt gesetzt. Alle Nominierten sind etablierte Künstler und wurden bereits seit mehreren Jahren in der polnischen Kunstszene gezeigt. Aber ich habe sie in dieser Zusammenstellung noch nie in einem Gemeinschaftsprojekt oder einer Gruppenausstellung gesehen. Was sie allerdings verbindet, ist ein Hang zum "Multimedialen". Keiner von ihnen beschränkt sich ausschließlich auf ein Medium oder Material. Alle setzten gerne neuen Medien ein – selbst diejenigen, die wie Anna Okrasko, ganz klar von der Malerei kommen – und nutzen auch mit Sound, Musik und Komposition. Sie erkunden die Möglichkeiten von Grafik und Design, oder kuratieren Ausstellungen. Sie produzieren nicht mehr einfach Werke oder Projekte für Kuratoren, sondern nehmen auf Augenhöhe am Diskurs teil und kuratieren ihre eigenen Arbeiten und Projekte.

Nach welchen Kriterien wurden die Künstler in diesem Jahr ausgesucht?

Für mich ist es schwierig genau zu sagen, was die Ausgangskriterien der zehn Kritiker in der Jury waren. Das wird eigentlich immer erst in der abschließenden Diskussion deutlich. Wir bemühen uns, dass die Jury alle wichtigen Kunstkreise, Städte und Regionen repräsentiert. Jeder der Juroren machte zwei Vorschläge für die interessantesten polnischen Künstler der letzten zwei Jahre, mit einer detaillierten Begründung. Aber die sieben Endkandidaten wurden erst beim letzten Treffen gewählt, in Anwesenheit des Kurators und einer sehr lebhaften Diskussion.

Viele der nominierten Künstler arbeiten grenzübergreifend, wie etwa Konrad Smolenski, der bei mehreren Band mitspielt oder Anna Okrasko, die untersucht wie öffentlicher Raum zurückerobert werden kann und wie sich Gemeinschaften zusammenschließen. Ist dieser erweiterte Kunstbegriff typisch für die junge polnische Szene?

Natürlich lassen sich gerade junge Künstler nicht mehr durch ein Medium festlegen oder eingrenzen, es geht ihnen vielmehr um die "äußere" und "innere" Realität. Auch jene, die wirklich in der Malerei verankert sind, wie Jakub Julian Ziólkowski, wagen sich in die Bildhauerei oder das Design vor, ohne dass sie dabei aufhören, Maler zu sein. Aber das gilt wahrscheinlich nicht nur für junge polnische Künstler, sondern ist ein allgemeines Phänomen in der aktuellen Kunst, die ihre Inspiration und auch ihr Arbeitsmaterial in der Gegenwartskultur und unserer heutigen Gesellschaft findet.

Der Views-Preis wurde 2003 von der Zacheta Nationalgalerie und der Deutsche Bank Stiftung ins Leben gerufen. Wie hat sich die Zusammenarbeit seitdem entwickelt?

Wunderbar. Wir haben dieselben Ziele und eine klare Vorstellung von der gemeinsamen Sache. Zugleich sind wir uns bewusst, dass wir zwei Institutionen sind, die viel voneinander gelernt haben und beide auf ihren jeweiligen Gebieten enorm viel Expertise haben. Wir haben auch das Gefühl, viel von den Kuratoren und Künstlern zu lernen, mit denen wir im Rahmen des Preises zusammenarbeiten. Manchmal ist es anstrengend aber immer wahnsinnig interessant. Der Preis hält uns auf jeden Fall davon ab, in Routine zu verfallen.

Wie unterstützt der Views-Preis die junge Szene in Polen?

Durch die konstante und regelmäßige Präsenz von jungen, talentierten Künstlern in der Zacheta. Dadurch, dass wir den bestmögliche Rahmen schaffen um, ihre Arbeiten zu zeigen: mit einem sorgfältig ausgewählten Kurator, einem Katalog, entsprechender Werbung und der Ausstellung selbst. Wir helfen indem wir Arbeiten und Projekte produzieren und koproduzieren, indem wir Prestige schaffen und anderen Sponsoren zeigen, dass es wer ist, in junge Künstler zu investieren. Diese Liste könnte unendlich weitergeführt werden.

Unsere Besucher nehmen sehr aktiv an all den Projekten und Events teil, die im Rahmen von Views stattfinden. Und es wahrscheinlich der größte Erfolg für die Zacheta und die Deutsche Bank Stiftung, dass der Wettbewerb um den Preis nicht nur eine Angelegenheit der Kunstwelt, sondern genau so interessant für die breite Öffentlichkeit ist. Das haben wir auch von Anfang an angestrebt. Deswegen haben wir uns auch dafür entschieden, zuerst die Ausstellung mit allen Nominierten zu zeigen und dann erst den Gewinner zu verkünden. Wir tun uns auch mit Medienpartnern zusammen, um öffentliche Abstimmungen für den Publikumspreis, Treffen mit den Künstlern und andere Aktionen zu organisieren.

Wie hat sich die Karriere der Preisträger weiterentwickelt?

Es gibt kein einheitliches "Karrieremodell". Bis jetzt sind alle Gewinner und die meisten Nominierten weiterhin in der internationalen Kunstwelt aktiv, viele von ihnen arbeiten im Ausland. Sie befinden sich bei der Entwicklung ihrer Kunst und ihrer Rolle als Künstler in der wohl kreativsten und interessantesten Phase, wobei das nicht unbedingt identisch mit Karriere sein muss. Viele ihrer Werke wurden von den wichtigsten polnischen Sammlungen, wie etwa dem Museum Sztuki in Lódz angekauft. Ich denke, sämtliche Preisträger und Nominierten einmal zusammen auszustellen wäre ein sehr interessantes kuratorisches Projekt, das sehr viel über die Welt aussagen würde, in der wir leben. Ich werde versuchen, unsere internationalen Partner dafür zu gewinnen.

Die polnische Kunstszene lebt zurzeit auf: Paulina Olowska oder Wilhelm Sasnal sind bereits bekannte Namen im internationalen Kunstbetrieb, während Projekte wie das Museum für Moderne Kunst in Warschau große Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wie würden Sie den Stand der Dinge in der polnischen Kunst beschreiben?

Ich glaube, die polnische Kunstszene birgt nach wie vor enorme Potentiale in sich. Noch immer gibt es große Defizite in der Infrastruktur, einen schwachen Kunstmarkt, ungenügende Finanzierung und so weiter, aber es gibt die Sehnsucht und den Willen das zu ändern. Wir versuchen in Bewegung zu bleiben, uns für Veränderungen, Debatten, andere Standpunkte zu öffnen. Diejenigen die uns dabei beständig auf Trab halten, sind die Künstler selbst, und mehr denn je die polnische Öffentlichkeit. Wie es in Yael Bartanas Film heißt, der auf der diesjährigen Biennale in Venedig gezeigt wird, "werden wir in unserer Schwäche stark sein". Diese Stärke der polnischen Szene wird nicht nur von Künstlern, Kuratoren, Galeristen erkannt, die auf Stippvisiten hier sind, sondern auch von jenen, die sich entschlossen haben ein längerfristiges Verhältnis mit Polen und seiner Kunstszene einzugehen: Fabio Cavalucci, der Direktor des CCA Schloß Ujazdowski in Warschau; Dobrilla de Negri, der künstlerische Leiter des CCA Znaki Czasu in Torun; Yael Bartana, eine israelische Künstlerin, deren Polnische Triologie im polnischen Pavillion auf der Biennale in Venedig gezeigt wird und viele andere.

Interview: Achim Drucks


Views 2011 – Deutsche Bank Foundation Award
20.09 - 13.11.2011
Zacheta Nationalgalerie, Warschau

Die diesjährigen Gewinner werden des Views Preises werden am 20. Oktober im Rahmen einer festlichen Veranstaltung bekannt gegeben.




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