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Nüchterne Schönheit
Die Fotografien von Berenice Abbott


"Changing New York" gilt als eines der ehrgeizigsten fotografischen Großprojekte, das jemals realisiert wurde. Zwischen 1935 und 1939 dokumentierte Berenice Abbott den rasanten Wandel der amerikanischen Metropole. Jetzt widmet das Jeu de Paume in Paris der Fotografin, die auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, eine große Werkschau. Achim Drucks über eine Künstlerin mit unbestechlichem Blick für die Schönheit der Realität.


“Die Welt mag keine unabhängigen Frauen. Warum das so ist, weiß ich nicht, aber es ist mir auch egal.“ Diese lakonische Bilanz zieht Berenice Abbott mit 92 Jahren. Kurz vor ihrem Tod 1991 kann die Fotografin auf eine sechs Dekaden umspannende Karriere zurückblicken – ihren Erfolg als Porträtfotografin in Paris, das Mammutprojekt Changing New York, ihre Pionierarbeit als Wissenschaftsfotografin, eine große Retrospektive, die ihr das MoMA widmet. Abbotts künstlerische Laufbahn lässt sich jetzt erneut im Jeu de Paume nachverfolgen. Das Ausstellungshaus in Paris widmet ihr eine großartige Werkschau, die danach auch in der Art Gallery of Ontario, Toronto, zu sehen ist. Unter den mehr als 120 Vintage Prints sind nicht nur ihre berühmten Architekturaufnahmen und Straßenszenen, sondern auch frühe Porträts und nur wenig bekannte Fotografien, die im Sommer 1954 während einer Reise auf der Route 1 von Florida bis Maine entstehen – eine faszinierende Momentaufnahme des American way of life in einer von großem Optimismus geprägten Ära. Ausgewählte Arbeiten von Abbott sind demnächst auch in Hamburg zu sehen: In der Ausstellung New York Photography 1890-1950 im Bucerius Kunst Forum dürfen ihre ikonischen Bilder der Metropole natürlich nicht fehlen.

Ebenso mutig wie beharrlich geht Abbott ihren Weg. Gesellschaftliche Konventionen sind der Frau aus Springfield, Ohio, die viele Jahre mit ihrer Freundin, der Kunstkritikerin Elizabeth McCausland zusammen leben wird, schon immer gleichgültig. „Am Tag nach meinem Abschluss an der Lincoln High School ging ich zum Friseur und ließ mir den langen, dicken Zopf abschneiden. Mein Bubikopf erregte Aufsehen auf dem Campus. Ein paar Studenten aus New York hielten mich sofort für ’sophisticated’. Wir wurden Freunde und für mich begann ein neues Leben.“ Und das führt sie aus der Provinz mitten hinein ins Zentrum der amerikanischen Avantgarde – nach New York, die „Heimat der Entwurzelten“, so ihr Freund, der Schriftsteller Malcolm Cowley. Hier schreibt sie zunächst, versucht sich dann als Bildhauerin. Sie gehört zur Bohème von Greenwich Village, teilt sich ein Apartment mit der Autorin Djuna Barnes, bringt Man Ray und Marcel Duchamp das Tanzen bei. Zu ihren Freundinnen zählt auch die exzentrische Elsa von Freytag-Loringhoven, als lebendes Kunstwerk trägt sie Tee-Eier als Ohrringe und Tomatendosen als BH. Die  „Dada-Baroness“ rät Abbott, nach Paris zu gehen. Die Hauptstadt der Moderne böte ihr eine noch inspirierendere Umgebung als New York.

Im Frühjahr 1921 besteigt die 22-Jährige das Schiff nach Frankreich. In Paris findet sie per Zufall zu ihrem künstlerischen Medium: Sie trifft Man Ray, inzwischen ebenfalls umgesiedelt, auf der Straße. Für sein Porträtstudio suche er einen Assistenten für die Dunkelkammer, „der nichts von Fotografie versteht“. Abbott übernimmt den Job. Als Man Ray ihr Talent erkennt, darf sie in seinem Atelier eigene Aufnahmen machen. Wie ihr Mentor arbeitet sie zunächst als Porträtistin. Dank des wachsenden Erfolgs kann sie bald ein eigenes Studio eröffnen, wo sie Künstler und Literaten wie Jean Cocteau oder James Joyce fotografiert. Dabei entwickelt Abbott ihren eigenen Stil. Setzt Man Ray oft auf experimentelle Techniken wie Verfremdungen oder Doppelbelichtungen, platziert sie die Modelle vor schlichten Hintergründen, setzt auf Natürlichkeit und Spontaneität. Die weich gezeichneten, an impressionistische Gemälde angelehnten Aufnahmen der Piktoralisten, die damals die Ästhetik der Fotografie dominieren, lehnt sie vehement ab.

Die gewisse Nüchternheit, die sie so schätzt, entdeckt Abbott dagegen in den Aufnahmen von Eugène Atget. Kurz vor seinem Tod lernt sie den Fotografen kennen, der unermüdlich die Straßen, Gebäude und Schaufenster der französischen Hauptstadt fotografiert hat. Als er stirbt, erwirbt sie trotz beschränkter finanzieller Möglichkeiten einen Teil seines Nachlasses. Auf der Suche nach einem Verleger für ein Buch über ihr Vorbild kehrt sie 1929 nach New York zurück. Nach acht Jahren Abwesenheit kommt sie in eine andere Stadt, eine Metropole, die gerade ihren zweiten Wolkenkratzer-Boom erlebt. „In New York herrschen Reichtum und Elend, stehen zahllose Backsteinhäuschen neben den Marmorpalästen der Banken und Unternehmen“, schreibt Bernard Fay in seinem damals erschienen Buche The Amrican Experiment. Für den französischen Historiker ist New York „die einzige Stadt, die sich die Moderne leisten kann“. Abbott erkennt sofort, dass diese sich so rasant verwandelnde Metropole mit ihrem Reichtum an Kontrasten weitaus aufregendere, zeitgemäßere Motive liefert als jede Porträtsitzung in einem Studio und beschließt zurückzukehren.

„Der wahrhaft moderne Künstler betrachtet die Großstadt als eine Verkörperung abstrakten Lebens“, konstatiert Piet Mondrian 1919. „Sie ist ihm näher als die Natur; sie wird ihm eher ein Gefühl der Schönheit vermitteln. Denn in der Großstadt erscheint die Natur schon geordnet und durch den menschlichen Geist reguliert. Die Proportionen von Linien und Flächen bedeuten ihm mehr als die Launen der Natur. In der Metropole drückt sich die Schönheit mathematisch aus.“ Doch nicht die Malerei erscheint als das geeignete Medium, um die Dynamik der großen Städte festzuhalten. Fotografie und Film, die beiden jungen, „mechanischen“ Künste, besitzen eine weitaus stärkere Affinität zu den Phänomenen des Maschinenzeitalters, dessen gesellschaftliche Umwälzungen sich vor allem im urbanen Raum manifestieren. Das Leben auf den Straßen, in die Höhe strebende Wolkenkratzer, Autos, Schaufenster, Reklame – all das steht für Bewegung und Aufbruch. Nicht nur das Alltags- und Arbeitsleben, auch die Künste werden mechanisiert. „Die Fotografie passt zur Geschwindigkeit unserer Zeit“, so Abbott. “Als realistisches Medium ist sie gerade für ein realistisches und wissenschaftliches Zeitalter geeignet.“

Abbotts neue Bilder sind eine Synthese aus Atgets Paris-Typologie, der Bildsprache der Moderne und einer straighten Ästhetik, gepaart mit einer „unsentimentalen Liebe“ zu ihrer Heimatstadt. Blickte Atget mit einem Anflug von Nostalgie auf das „alte Paris“, geht es Abbott vielmehr um die Gegenwart, um, wie sie es formuliert, „Realismus – das wirkliche Leben – das Jetzt“. Sie entwickelt die Idee zu einem Werkkomplex, der sich nur mit August Sanders Bildatlas Menschen des 20. Jahrhunderts vergleichen lässt. Versucht Sander das Spektrum der verschiedenen Gesellschafts- und Berufsgruppen der Weimarer Republik zu dokumentieren, geht es Abbott mit Changing New York um das Porträt einer Metropole im Umbruch. Lange sucht sie nach finanzieller Unterstützung für ihre Pläne, bis es ihr das Federal Art Project (FAP), ein staatliches Förderprogramm für bildende Künstler, ermöglicht, sich von 1935 bis 1939 ihrem ehrgeizigen Projekt zu widmen.

Um ihre Vorstellung von einer realitätsgetreuen Fotografie umsetzen zu können, verabschiedet sich Abbott von der Kleinbildkamera, mit der ihre ersten Bilder der Stadt entstehen. Etwa Building New York (1929). Diese Aufnahme eines im Bau befindlichen Wolkenkratzers zitiert mit ihren unterschiedlich beleuchteten und strukturierten geometrischen Flächen die Bildsprache des Kubismus. Doch die Qualität der Abzüge vom Kleinbild-Negativ genügt ihren Ansprüchen nicht. Deshalb beschließt sie, wie Atget mit einer 18 x 24 cm Großformatkamera zu fotografieren. Das bedeutet, dass sie jetzt mit Stativ und schwarzem Tuch arbeiten muss – und einem Equipment, das rund 30 Kilo wiegt. Die Flexibilität der Kleinbildkamera opfert sie dem wesentlich größeren Detailreichtum und der immensen Tiefenschärfe, die die großen Negative ermöglichen. Diese Entscheidung verändert auch ihre Motivwahl: Die Darstellung der Geschwindigkeit des American way of life weicht statischeren Bildern, in denen es eher um die Architektur als um die Menschen geht. Mit ihrem „kunstlosen“ Stil will sie sich ganz bewusst von modischer Künstlichkeit absetzen.

Die von Mondrian propagierte „mathematische Schönheit“ kennzeichnet auch Abbotts Aufnahmen, mit denen sie in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, so etwa Theoline, Pier 11, East River, N.Y. (1936) oder Rockefeller Center (1932). Wie ein gigantischer, scharf konturierter Kristall ragt der Art Déco-Hochhauskomplex in die Höhe – ein perfektes Sinnbild für die kühle Ästhetik des technischen Zeitalters. Die am Pier 11 entstandene Fotografie des Schoners Theoline, hinter dem die Skyline von Manhattan aufragt, ist eine meisterhafte Komposition. Das Gewirr von Schrägen und Vertikalen – Schiffsmasten, Takelage, die Gebäude im Hintergrund – erhält durch die Fläche des Decks am unteren Bildrand seine Basis. In Verbindung mit der Tiefenschärfe, die sich von dem Segeltuch im Vordergrund bis zu den Wolkenkratzern am Ufer erstreckt, sorgt diese Basis dafür, dass das Bild nicht auseinanderfällt. Das Motiv stellt für Abbott eine echte Herausforderung dar: „Andauernd hebte und senkte sich das Boot und ich musste mit dieser enormen Schärfentiefe zurechtkommen. Ich wollte, dass all diese Linien scharf sind. Wenn das Boot oben war, waren die Gebäude unten, so musste ich alles sehr sorgfältig und langsam arrangieren.“

Auch eine ihrer spektakulärsten Fotografien der Stadt erfordert minutiöse Vorbereitungen. New York at Night soll die nächtliche Metropole aus der Vogelperspektive zeigen, erhellt vom Licht der zahllosen Büros. Die meisten Angestellten arbeiten allerdings nur bis fünf Uhr, danach werden die Lampen ausgeschaltet. Um dieses Motiv ihren Vorstellungen gemäß realisieren zu können, muss Abbott also den Tag des Jahres auswählen, an dem es am frühesten dunkel wird. Am 20. Dezember 1934 ist es so weit: Sie hatte ein Gebäude gefunden, das den richtigen Blick auf Manhattan bietet. Es war ihr gelungen, den Vermieter zu überreden, sie aus einem Fenster hinaus fotografieren zu lassen. Denn nur ein Innenraum bietet ein erschütterungsfreies Ambiente, in dem sie ihr Negativ 15 Minuten belichten kann, ohne dass die Aufnahme verwackelt. Glücklicherweise ist das Wetter gut und ihr gelingt ein ikonisches Bild.

Auf Grund politischen Drucks läuft das Federal Art Project 1939 langsam aus und kann Abbott nicht mehr unterstützen. Obwohl Changing New York für sie längst noch nicht abgeschlossen ist, muss sie sich einem neuen Thema zuwenden. Sie beginnt mit Aufnahmen von wissenschaftlichen Experimenten. Ein konsequenter Schritt, ist die Fotografie für Abbott doch ein „Nachkomme von Wissenschaft und Kunst“. Auch diese Bilder zeichnen sich durch ihre „mathematische Schönheit“ aus. Die Wissenschaftsfotografie kulminiert in den Aufnahmen, die 1958 für das Physical Science Study Committee am Massachusetts Institute of Technology (MIT) entstehen und für Physiklehrbücher bestimmt sind. Sie visualisieren Phänomene wie Schwerkraft, kinetische Energie und Elektrizität. Die Aufnahmen von Lichtwellen, die von einer dreieckigen Glasplatte gebrochen werden, oder der Bewegung einer Kugel an einem Pendel vor einem schwarzen Hintergrund sind zugleich präzise Dokumentationen und ungemein elegante abstrakte Kompositionen, deren Ästhetik an Man Rays experimentelle Fotografie aus den 1920ern anknüpft. Dabei ging es Abbott allerdings nicht darum, „Kunst“ zu produzieren, sondern Wissenschaft verständlich zu machen.

Ob sie den Wandel New Yorks festhält oder physikalische Phänomene, Abbotts Arbeiten dokumentieren die ganz selbstverständlich wirkende visuelle Kraft gekonnter Straight Photography. Sie selbst hat das bewährt lakonisch auf den Punkt gebracht: „Die Leute behaupten, sie müssten ihre Emotionen ausdrücken. Das hängt mir zum Halse raus. Fotografie bringt dir nicht bei, wie du deine Gefühle ausdrückst, sie bringt dir bei zu Sehen.“

Berenice Abbott
21.02. – 29.04. 2012
Jeu de Paume, Paris
23.05. – 19.08. 2012
Art Gallery of Ontario, Toronto

New York Photography 1890-1950 – Von Stieglitz bis Man Ray
17. Mai 2012 – 02. September 2012
Bucerius Kunst Forum, Hamburg




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