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Solch ungeahnte Tiefen - Wangechi Mutu in der Kunsthalle Baden-Baden
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Solch ungeahnte Tiefen
Wangechi Mutu in der Kunsthalle Baden-Baden


Mit der Wahl von Wangechi Mutu initiierte die Deutsche Bank 2010 ihr Programm „Künstler des Jahres“. Die mit dieser Auszeichnung verbundene Schau im Deutsche Guggenheim stellte die Künstlerin erstmals einem breiten Publikum in Deutschland vor. Jetzt unterstützt die Deutsche Bank Mutus Ausstellung in der Kunsthalle Baden-Baden, die sich auf aktuelle Arbeiten der in New York lebenden Kenianerin fokussiert.


Es ist ein geradezu klaustrophobischer Raum, den jeder Besucher der Wangechi Mutu-Schau in der Kunsthalle Baden-Baden passieren muss. Seine dunklen Wände sind von Gewehrkugeln zersiebt oder mit Tierfellen behangen. In der Mitte ein gigantischer Holztisch. Darüber mehr als einhundert Flaschen, aus denen rote Flüssigkeit auf die Tischplatte tropft. Exhuming Gluttony hat die Künstlerin ihr Environment genannt, die Exhumierung der Völlerei. Und tatsächlich wirkt dieser Raum, als sei er noch vor kurzem Schauplatz eines opulenten Banketts gewesen. Überfluss und Verschwendung, aber auch Gewalt und Ausbeutung liegen in der Luft. Mutus Installation „verschmutzt“ den rationalen White Cube des Ausstellungsraums. Sie führt den Betrachter in ein düsteres, (alp)traum-artiges Arrangement, das an archaische Rituale, die blutige Kolonialgeschichte Afrikas oder ein Endzeitszenario denken lässt.

Mit Solch ungeahnte Tiefen / This Undreamt Descent feiert die Kunsthalle Baden-Baden das Werk einer der eigenwilligsten Künstlerinnen der Gegenwart. Neben Exhuming Gluttony und vier weiteren Installationen präsentiert die von der Deutschen Bank geförderte Schau 25 von Mutus meist großformatigen Collagen. In Deutschland wurde sie vor allem durch ihr Ausstellungsprojekt This Dirty Little Heaven 2010 im Deutsche Guggenheim bekannt. Als erste „Künstlerin des Jahres“ der Deutschen Bank verwandelte Mutu die Berliner Ausstellungshalle in ein suggestives Environment. Mit einfachen Mitteln wie grauen, filzartigen Decken oder braunem Paketklebeband fertigt sie organisch wirkende skulpturale Gebilde. Sie bedeckten Wände und Pfeiler der Ausstellungshalle und bildeten gleichzeitig Rahmen und Hintergrund für Mutus Papierarbeiten. Nach dem erfolgreichen Debut in Berlin war This Dirty Little Heaven auch im Brüsseler WIELS zu sehen.

Exhuming Gluttony ist ein passender Einstieg in Wangechi Mutus surrealen Kosmos, den eine ganze Armada hybrider, Alien-artiger Kreaturen zwischen Mensch, Tier und Pflanze, Monster und Maschine bevölkert. So auch ihre großformatige Collage Humming (2010). Sie zeigt den Körper einer schwarzen Frau – umgeben von wucherndem Steppengras, riesigen Moskitos und Kreaturen, die sich jeder Kategorisierung entziehen. Die Frauenfigur setzt sich aus Fragmenten von Anzeigen zusammen, die Mutu aus Hochglanzmagazinen ausgeschnitten hat. Sie werden mit einer Vielzahl anderer Materialien wie Glitter oder Plastikperlen kombiniert. Humming ist von betörender Schönheit – und erst auf den zweiten Blick entdeckt man die klaffende Wunde am Hals der Frau. Schönheit und Schrecken sind bei Mutu untrennbar miteinander verbunden.

Ihr visuelles Material stammt aus ganz unterschiedlichen Quellen: Motive aus der Vogue oder dem National Geographic kombiniert sie mit Abbildungen aus Sex-Magazinen oder anthropologischen und medizinischen Büchern. Obwohl Mutus Gestalten offensichtlich nicht aus dieser Welt stammen, scheinen sie zumeist doch weiblich zu sein. "Ich beschäftige mich damit, wie Frauen in den Medien dargestellt werden", erklärt die 1972 in Nairobi, Kenia, geborene Künstlerin in einem Gespräch mit ArtMag. "Ich schaue mir an, wie wir uns auf diesen Bildern geben, wo wir sitzen und was wir tragen. Für mich spiegelt das nicht nur wider, wie Frauen wahrgenommen werden, sondern auch, wie sich die Gesellschaft selbst sieht. Von diesem Thema bin ich wirklich besessen." Obwohl sie sich häufig mit Weiblichkeit, Afrika oder auch "Blackness" auseinandersetzt, stellt sie diese Begriffe zugleich in Frage.

Der Vorstellung, dass sie eine "afrikanische" Künstlerin ist, die in ihrer Arbeit von der Kultur ihrer Heimat zehrt, setzt Mutu, die seit längerem in New York lebt, multiperspektivische Entwürfe entgegen. Wie viele „Diaspora-Künstler“ verbindet sie Elemente ihrer Heimatkultur mit der des Westens. Dieses Spannungsverhältnis ist ein zentrales Thema ihrer Arbeit. Dabei bezieht sie sich auch auf Stars wie Josephine Baker, Eartha Kitt oder Grace Jones – schwarze Frauen, die als „exotische“ Kunstfiguren westliche Klischeevorstellungen verkörpern, diese Rollen aber immer wieder erfolgreich torpediert haben.

Mutus Mischwesen sind in einem Prozess permanenter Verwandlung begriffen und zeugen von dem Verlust einer eindeutigen Identität. Die Künstlerin entwirft dabei auch die Vision einer Zukunft, in der immer mehr Menschen als Migranten und permanent Reisende zu Bewohnern der "AlieNation" werden. Kulturelle Identität ist dann nicht mehr durch die geografische Herkunft, Abstammung oder biologische Anlagen determiniert, sondern wird zunehmend zum Konstrukt – und das kann man selbst bestimmen und verändern.

SOLCH UNGEAHNTE TIEFEN / THIS UNDREAMT DESCENT
Werke von Wangechi Mutu
14. Juli – 30. September 2012
Kunsthalle Baden-Baden




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