Deutsche Bank Gruppe  |  Gesellschaftliche Verantwortung  |  Sammlung Deutsche Bank  |  Deutsche Guggenheim  |  English  
Home Feature On View News Presse Archiv Service
Diese Kategorie enthält folgende Artikel
Imran Qureshi, der „Künstler des Jahres“ 2013 der Deutschen Bank
"Wenn es allen gefällt, dann habe ich etwas falsch gemacht" - Anselm Reyle in den Hamburger Deichtorhallen
Freie Radikale - Elad Lassrys hermetische Fotoarbeiten
Es ist interessant, unsicher zu sein - Ein Gespräch mit Lorna Simpson
Vom Verschwinden und Erleuchten - Michael Stevenson im Frankfurter Portikus

drucken

weiterempfehlen
„Wenn es allen gefällt, habe ich etwas falsch gemacht.“
Anselm Reyle in den Hamburger Deichtorhallen


Sammler lieben ihn, viele Kuratoren und Kritiker sind skeptisch – zu viel Glanz, zu viel Oberfläche. Kaum ein wichtiger Gegenwartskünstler wird so kontrovers diskutiert wie Anselm Reyle. In Hamburg hat man jetzt die Möglichkeit, sich ein eigenes Bild zu machen. Die Deichtorhallen widmen dem Berliner Künstler, der auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, eine große Werkschau. Kito Nedo hat Reyle im Vorfeld getroffen und bei ihm eine ganz neue Lust am Unperfekten entdeckt.


Chaos und Müllberge gehören zum vertrauten Vokabular der zeitgenössischen Kunst. Dennoch kommt der Müllhaufen in den Hamburger Deichtorhallen merkwürdig roh und unfertig daher: Mutilierte Leinwände, Kabel, Neonröhren, Holzreste und allerlei Metall ist man von Anselm Reyle gewohnt. Doch unterzieht er diese Materialien normalerweise einem gründlichen Arrangement und versiegelt ihre Oberflächen bis sie glänzen. Nicht umsonst eilt dem Berliner der Ruf eines perfektionistischen Kunsttechnokraten voraus, der nichts dem Zufall überlässt und seinen Treptower Atelierbetrieb im Stile einer mittelständischen schwäbischen Werkzeugschmiede führt. Sollten also vor Ort noch schnell neue Arbeiten produziert werden? Oder wurde bereits Existierendes verworfen? Also: Was ist hier los? Reyle klärt die Sache auf: Weil Atelier-Trash eine „ganz eigene Energie“ besitzt, hat er einfach eine Lasterladung nach Hamburg mitgebracht, um den Anfang des Ausstellungsrundgangs aufzuladen. Ein rostzerfressenes, einstmals blaues Kassenhäuschen aus dem längst stillgelegten Ostberliner Spreepark-Vergnügungspark rundet den Empfang ab. Mit dem Ergebnis ist Reyle zufrieden. Eine Lockerungsübung für die bislang größte Einzelausstellung des 1970 in Tübingen geborenen Malers und Bildhauers, der mit  großformatigen abstrakten Papierarbeiten in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist.

In der Mystic Silver betitelten Schau mit rund 80, hauptsächlich in den letzten fünf Jahren entstandenen Werken findet man sich gut zurecht, kennt man die Exponate doch aus unzähligen Magazinen und Katalogen: Die Folienbilder in ihren Schneewittchensärgen aus Acrylglas, die Streifenbilder mit ihrer frivolen Oberflächlichkeit, die wuchtigen chromversiegelten Skulpturen, die an Koons erinnern, regenbogenfarbene Fake-Schüttungen, Malen-nach-Zahlen, der fluoreszierende Heuwagen aus dem Boros-Bunker – überall Glitterlacke, Spiegel und Neonfarben. In der Mitte des Raums thront eine Art Farbschleuse in grellem Signalgelb, durch die man vom Tages- ins Schwarzlicht wechselt.

Der Künstler erzählt, wie ihm während seines Studiums in den Neunzigern in Karlsruhe sein Professor das Malen mit Neonfarben auszureden versuchte. Reyle, der nun selbst an der Hamburger Kunsthochschule unterrichtet, ist dennoch dabei geblieben. Er liebt die Farbtemperaturen nahe dem Siedepunkt, da wo die Augen zu tränen beginnen. Wer es bis jetzt nicht begriffen hat, der begreift es spätestens hier: Aus der Industriekultur hat sich der Künstler den kalten Kern seiner Farb- und Formenwelt entlehnt. Nicht von ungefähr muten auch seine dunkel glänzenden Kleinskulpturen wie ausgestülpte Weltraumschrotttechnoklumpen an, abgefallen von einem Klingonenschiff.

Der eigenwillige Reyle-Referenzen-Mix reicht von Achtzigerjahre-Punk-Kunst bis zur Hommage an den US-Maler Bob Ross, Erfinder und Star des 403-teiligen TV-Malkurses The Joy of Painting.  Außerdem mit im Spiel: afrikanisches Kunsthandwerk, der Lackiererwahn der Auto-Tuning-Kultur oder Relieffassadenelemente aus der DDR-Architektur. Wegen der jungenhaften Hingabe, mit der Reyle seine Objekte und Oberflächen aus dem Alltag in den Kunstbereich pimpt, könnte man das so entstandene ästhetische Gelände durchaus interessant, zeitgeistig oder zumindest lustig finden. Das tun viele seiner Kritiker jedoch nicht. Stattdessen grassiert seit Jahren das Reyle-Bashing. Da ist etwa die  amerikanische Bloggerin, die den Künstler im Netz für seine „flachen, überproduzierten Werke“ anprangert, als Produzent von „Trophäen für uninformierte Sammler, die sich einbilden, witzig zu sein“. Da ist aber auch der Kritiker der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der von den Streifenbildern behauptete, dass Reyle doch nur „Paul-Smith-Hemden abmalt und das Packpapier in Bilderrahmen nagelt“. Ein Kunstmagazin zierte im letzten Jahr seinen Titel mit einem der gefälligen, quietschbunten Puppy-Motive aus der Malen-nach-Zahlen-Serie, nicht ohne die Suggestivfrage zu stellen: „Kitsch oder Kunst?“. Wer sich mit der Reyle-Kritik beschäftigt, der lernt womöglich mehr über die distinktionsversessenen Kritiker als über den Künstler selbst.

Reyle kennt das Spiel mittlerweile und reagiert routiniert: „Wenn es allen gefällt, dann habe ich etwas falsch gemacht“. Besonders das Kitsch-Argument kann er aber nicht mehr hören. „Politische Kunst im Sinne von Themendekoration kann ebenso Kitsch sein.“ Das ist richtig. Trotzdem bleibt es schwer vorstellbar, dass man seine Bilder oder Installationen irgendwann auf einer Berlin-Biennale oder einer documenta zu sehen bekommen könnte. Dafür glänzen sie einen Tick zu sehr, ihnen haftet der Ruch von Miami an. Seine Kunst ist ein bisschen wie eine gebräunte Sonnenstudioschönheit, die bei der coolen Intellektuellenparty leider draußen bleiben muss.

Muss man sich deswegen nun Sorgen machen? Nein. Denn Reyle-Kunst wird nicht so sehr von den Kuratoren und Kritikern, dafür umso mehr von den Sammlern geliebt. Und diese Zuneigung wird auch produktiv bedient. „Ich spreche offen über den Markt und tue nicht so, als ob das nicht dazugehört.“ Es ist so: Je mehr Ablehnung ihm aus einer Ecke entgegenschlägt, desto heftiger wird er anderswo umarmt, sehr heftig von der Design- und Modewelt. Hedi Slimane etwa ist ein bekennender Fan. Einst lichtete der Franzose das Kreuzberger Atelier so ab, als fotografiere er in der Küche eines futuristischen Alchimisten. Auch der schelmische Regalproduzent Rafael Horzon hat das Reyle-Atelier in seinem Bestseller Das Weisse Buch ausführlich beschrieben und ihm so ein kleines Denkmal gesetzt. Jeder will auf seine Weise das Geheimnis des Erfolgs dieses Künstlers ergründen. Fast erdrückend wurde die Zuneigung im letzten Jahr, als der Dior-Konzern den Künstler einlud, die Luxusmarke mit Camouflage-Mustern aufzufrischen. Die Zusammenarbeit funktionierte prächtig, am Ende gab es die Reyle-Palette sogar als Dior-Nagellacke zu kaufen.

Die Dior-Linie hat er sich in Hamburg gespart, ebenso wie die monströsen Sofaobjekte, die er im vergangenen Jahr in seiner Berliner Galerie CFA präsentierte. Dafür ist der Zusammenarbeit mit dem jüngst verstorbenen Franz West ein separater Raum gewidmet: Über zweieinhalb Jahre gingen zwischen dem Reyle-Atelier und dem Studio des befreundeten Österreichers unfertige Objekte hin- und her, die von der jeweiligen Gegenseite bearbeitet wurden. Im Frühjahr, kurz vor Wests Tod, wurden die Stuhlobjekte und Collagen erstmals im Berliner Schinkelpavillon präsentiert. West ermunterte Reyle zur Improvisation, wofür ihm der Berliner dankbar ist. „Auf diese Art von der eigenen Perfektion wegzukommen – das war befreiend.“ Insofern zeigt die Ausstellung in den Deichtorhallen doch mehr als das, was man von Reyle schon kannte. Mystic Silver handelt einerseits davon, wie sich ein Künstler treu geblieben ist. Die Ausstellung zeigt aber auch, dass es in der Zukunft womöglich vielmehr um das Loslassen geht, um den Abschied von der unbedingten Kontrolle und Detailperfektion. Denn die Momente der Schönheit finden sich gerade auch in der Umarmung des Chaos.

ANSELM REYLE – MYSTIC SILVER
09.11. 2012 – 27.01.2013
Deichtorhallen, Hamburg




Newsletter
Bleiben Sie immer Up to Date in Sachen Gegenwartskunst – mit ArtMag. Abonnieren Sie hier unseren Newsletter.
 

Alternative content

Get Adobe Flash player

On View
Radikale Experimentierfreude und Originalität - Visions of Modernity im Deutsche Guggenheim / New. New York - Junge Kunst aus Brooklyn im Essl Museum
News
Kunst und Diplomatie - Hillary Rodham Clinton zeichnet Künstler aus der Sammlung Deutsche Bank aus / Im Frühjahr 2013 eröffnet die „Deutsche Bank KunstHalle“ in Berlin mit dem „Künstler des Jahres“ Imran Qureshi / Poesie und Politik - Yto Barrada im Fotomuseum Winterthur / Poetische Topographie - Gabriel Orozcos "Asterisms" jetzt in New Yorker Guggenheim Museum / Schau mich an! Die Schirn erkundet die Privatspäre / Berlin - Plein Air: Deutsche Bank fördert Christopher Lehmpfuhl-Werkschau / Material ist alles - Tony Cragg mit dem Cologne Fine Art-Preis ausgezeichnet
Presse
Die Presse über Gabriel Orozcos Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim / Pressestimmen zur Frieze Masters und Frieze London
Impressum  |   Rechtliche Hinweise  |   Zugänglichkeit  |   Datenschutz  |   Cookie Notice
Copyright © 2012 Deutsche Bank AG, Frankfurt am Main


+  ++  +++