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Maha Maamoun
Gegen den touristischen Blick


Ab April ist im Dortmunder Museum Ostwall die Ausstellung "Stadt in Sicht" zu sehen - mit rund 300 Werken aus der Sammlung Deutsche Bank. Sie zeigen die Sicht internationaler Künstler auf urbane Räume und Lebenswelten. Vertreten sind auch aktuelle Fotoarbeiten von Maha Maamoun, der in den Frankfurter Deutsche Bank-Türmen eine ganze Etage gewidmet ist. Brigitte Werneburg über eine der wichtigsten Künstlerinnen Ägyptens.


Die acht Minuten Film, die Maha Maamoun vor einem Monat auf der Videoplattform Vimeo ins Internet gestellt hat, erscheinen uns sehr vertraut. Obwohl die Szenen von Night Visitor: The Night of Counting the Years (2012), im Frühjahr 2011 in Kairo aufgenommen wurden, meint man ähnliches schon vor mehr als zwanzig Jahren, hier in Deutschland gesehen zu haben – am 15. Januar 1990 in der Zentrale des Ministeriums für Staatsicherheit in der Berliner Normannenstraße. Damals stürmten Demonstranten das Stasi-Hauptquartiert und fanden sich zunächst im Versorgungstrakt des Gebäudes wieder, wo sie auf eine Fülle von West-Delikatessen stießen.

Die verräterische Verwandtschaft der Bilder vom jeweiligen Regimewechsel zeigt: Trotz vieler Unterschiede leben die Menschen in Nordafrika und im Zentrum Europas letztlich doch im gleichen kulturellen Raum. Die Differenz der Bilder beruht auf dem Fortschritt der Technik. Vor knapp einem Vierteljahrhundert fehlten den Demonstranten die Video- und vor allem Handykameras, die heute in Ägypten ganz selbstverständlich zum Einsatz kommen. Die Bilder von damals lieferten größtenteils professionelle Nachrichtenmedien. Die Bilder von heute stammen von den in das Geschehen involvierten Leuten.

Und die Menschen machen inzwischen nicht nur ihre Bilder selbst. Sie veröffentlichen sie auch. Die Bilder, auf die Maha Maamoun für Night Visitor: The Night of Counting the Years zurückgreift,  waren sämtlich auf YouTube zu sehen. Das seit 2005 existierende Internetportal ermöglichte es Maha Maamoun, mit den Machern in Kontakt zu treten und sie um Erlaubnis zu bitten, ihr Material benutzen zu dürfen. Es zeigt nicht die geschredderten Dokumente und die Folterwerkzeuge, sondern die "West-Delikatessen" der ägyptischen Staatsicherheit: Luxuslimousinen, holzgetäfelte Suiten mit Marmorbädern und Antiquitäten.

Mit dem "Night Visitor", dem nächtlichen Besucher, sind die Agenten des Regimes gemeint, die im Schutz der Nacht in die Häuser eindrangen, um Regimekritiker zu verhaften. Diese dringen nun, in einer ironischen Wendung der Geschichte, umgekehrt nachts in das Hauptquartier ihrer Verfolger ein. Maamoun verdichtete das Material in kurzen Schnittfolgen, in denen sie einen virtuellen Rundgang durch das Gebäude der Staatssicherheit inszeniert. Ihr Film besticht vor allem dadurch, dass die Kompilation weniger die Dokumentation der Erstürmung als vielmehr eine eindringliche Reportage über die Emotionen und die Erregung der Stürmenden selbst darstellt.

Dass Maha Maamoun die öffentlichen Bilder wieder für alle zugänglich ins Internet gestellt hat, ist konsequent. Die Künstlerin, Jahrgang 1972, arbeitet vornehmlich mit Fotografie und Video und hat 2004 in Kairo das Contemporary Image Collective (CIC) mitbegründet. Die unabhängige Initiative wendet sich an eine breite Öffentlichkeit und sieht ihre Aufgabe darin, die entscheidende Rolle der Fotografie in Gesellschaft und Medien kritisch bewusst zu machen. Sie bietet Kurse, Workshops und technische Einrichtungen an, um den lokalen und regionalen Gegebenheiten entsprechend die Medienarbeit zu fördern. Die Aktivitäten des CIC im Bereich der zeitgenössischen Kunst umfassen Ausstellungen, Residenzprogramme, Publikationen und Ausbildungsangebote.

Maha Maamoun wurde in Kalifornien geboren und kam erst mit fünf Jahren nach Kairo, wo sie seitdem lebt. Hier hat sie auch Wirtschaftswissenschaften studiert und ihren Magister in Nahöstlicher Geschichte an der American University gemacht. An der Universität arbeitete sie auch mehrere Jahre als Leiterin des Fotolabors im Studiengang für Journalismus und Massenkommunikation. Erfahrungen für den Aufbau einer solch ehrgeizigen Initiative wie das CIC sammelte sie auch als Projektmanagerin im Kairoer Büro der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Man kann sich leicht vorstellen, dass die Künstlerin zusammen mit dem CIC-Kollektiv den Sturz Mubaraks mit größter Intensität erlebt hat.

Während dieser Zeit konstatiert Maha Maamoun im Internet: „Ich bin keine geübte Schreiberin, aber ganz generell ist zu sagen, dass sich Positionen, Haltungen und Emotionen mit jeder Schlagzeile ändern. ... Die Ereignisse ziehen eine Menge Energie von meiner Arbeit ab. Ich verbringe die meiste Zeit damit, den Nachrichten zu folgen und zwar in jeder Form. ... Persönlich fühle ich, dass die Richtung, die meine Arbeit früher genommen hat, jetzt zu einem Ende gekommen ist beziehungsweise sich stark verändert hat. Jetzt ist es nötig einzuhalten, zu recherchieren und zu schauen, dass man einen neuen Schwerpunkt findet.“

Night Visitor: The Night of Counting the Years ist das Ergebnis ihres Eintauchens in die Nachrichten, das sie zu einem eigenständigen Kunstwerk verarbeitet hat. Gleichzeitig nimmt sie jedoch wieder eine Spur aus ihren früheren Arbeiten auf. Der weiterführende Titel The Night of Counting the Years zitiert den Titel eines berühmten ägyptischen Films von 1969, der auch als The Mummy bekannt ist. Der Film des Regisseurs Shadi Abdel Salam erzählt die wahre Geschichte eines oberägyptischen Clans, der 1881 – Ägypten war gerade unter britischen Einfluss gekommen – einen Schatz alter Mumien in einem Grab nahe dem Dorf Kurna fand, den er illegal auf dem schwarzen Markt verkaufte. Nach einem Konflikt innerhalb des Clans, entschloss sich eines seiner Mitglieder der Polizei und dem staatlichen Antiquitätendienst bei der Suche nach den verlorenen Stücken zu helfen.

Die Geschichte vom altägyptischen Erbe, das nicht wertgeschätzt, sondern stattdessen verscherbelt wird, repräsentierte für Shadi Abdel Salam die Suche und den Kampf der Ägypter nach einer eigenen nationalen Identität. Der Frage nach Geschichte, Staat und Nation ist auch Maha Maamoun 2009 in ihrem Film Domestic Tourism II nachgegangen. Über 62 Minuten hinweg montiert sie Szenen des ägyptischen Kinos in Form einer Zeit-Pyramide – von heute bis in die 1950er Jahre und wieder bis in die aktuelle Gegenwart zurück. „In diesen Szenen sind im Hintergrund immer die Pyramiden zu sehen“, erklärt Maamoun. „Es interessierte mich, wie und wann dieses Symbol Ägyptens als Hintergrundfolie ins Bild kommt und inwiefern seine Instrumentalisierung und Politisierung durch die verschiedenen politischen Regime dabei in den Blick gerät – die unterschiedlichen politischen Botschaften, die den Pyramiden im Lauf der Zeit zugeschrieben wurden."

Dieser Aspekt interessiert auch das ägyptische Kunstpublikum, bei dem die Filmausschnitte vielfältige Emotionen und Erinnerungen wachrufen – seien sie persönlicher oder politischer Natur. Dagegen ist das internationale Kunstpublikum mit der langen und reichen Geschichte des ägyptischen Kinos, der ältesten Filmindustrie im Nahe Osten, kaum vertraut. Es ist, so hat die Künstlerin beobachtet, vom Facettenreichtum der Filmproduktion überrascht, von den Bildern, die sich so deutlich von jenen unterscheiden, die es durch die westlichen Medien von der arabischen Welt kennt. Für viele der Zuschauer ist auch die große Nähe der Pyramiden zu Kairo verblüffend: „Das war dann auch einer der raisons d’etre dieses Films, zu zeigen, wie sehr die Pyramiden Teil des städtischen Raums und damit in die Erzählungen der Stadt eingefügt sind, ob im Film oder in der Realität.“

Gleichzeitig trifft der Titel der Filmmontage Domestic Tourism auch für das westliche oder internationale Kunstpublikum zu. Denn ähnlich wie bei Night Visitor kommen ihm viele Szenen doch seltsam vertraut vor. Nicht nur das nordafrikanische Kunstpublikum, sondern auch das westliche ist hier zu Besuch in der eigenen Medien- und Sozialgeschichte. Denn wären da nicht die Pyramiden, würde man die eine oder andere Szene in den italienischen oder französischen Film der 1950er und 1960er Jahre oder in das amerikanische Kino der 1970er Jahre verorten. Und mit der Zeit läge man gar nicht falsch. Sie verrät sich in dem Design der Autos ebenso wie im Lidstrich der Hauptdarstellerinnen.

Die Ära zwischen den 1950er und den 1970er Jahren, das ist die Blütezeit der Mittelklasse und ihrer Kultur des Konsums, des Ausgehens, des Reisens, der Sehnsucht nach Bildung – und des ersten Aufbegehrens der Frauen. Diese Mittelklassenkultur ist ein internationales Phänomen das schon bald darauf in Ägypten wieder Geschichte ist, wie es der Fortgang der Montage in die heutige Zeit deutlich macht. Die Arbeiterstreiks und Revolten am Ende der 1960er Jahre weisen bereits auf genügend gesellschaftlichen Sprengstoff hin – auch wenn dieser erst im 21. Jahrhundert zur Explosion kommt.

Deutlich wird in ihren Filmen wie Maha Maamoun die Funktion des Kinos als Repräsentationsmedium nutzt, um es in ein Medium der kritischen Analyse fortzuschreiben. Das gilt gleichermaßen für ihren Umgang mit dem fotografischen Bild. Die vierteilige Serie Domestic Tourism I, die für die Sammlung Deutsche Bank angekauft wurde, ist von den gängigen Postkartenmotiven inspiriert wie sie an touristischen Hotspots angeboten werden. Sie zeigt vier Motive, ParkBeachCairo at Night und Felluca, über die Maha Maamoun bemerkt, dass sie sehr weit „von der Alltagswirklichkeit der Ägypter entfernt sind“. Deswegen wollte sie diese Motive so umgestalten, „dass sie für die gewöhnlichen Leute greifbarer werden und den emotionalen Raum dieses öffentlichen Raums mitreflektieren.“ Denn wie Maamoun erklärt, ist „dieser gefühlsmäßige Raum viel dichter und komplexer als es die anämischen Touristenbilder zeigen, die von allem gesäubert sind, was die Touristen abschrecken könnte.“

Also hat Maha Maamoun digital in ihre Aufnahmen eingegriffen, um die eigene gefühlsmäßige Lektüre dieser Plätze zu verdeutlichen. Sie hat die Straßenlampen im hellen Tageslicht erstrahlen lassen, über den Liebespaaren, die im Park sitzen und in Cairo at Night hat sie die Motive der Plakatwände gegen eine Großaufnahme von Mubaraks Lächeln ausgetauscht. Heute ist das Leben in Kairo zwar nicht mehr von der Herrschaft Mubaraks überschattet, die Situation hat sich aber, wie gerade in den letzten Wochen deutlich wird, nicht zum Besseren gewandelt.

Weder die gegenwärtige Regierung Mursi noch die Opposition hat ein Konzept, die dringenden politischen und sozialen Strukturreformen anzugehen. Die Zukunft Ägyptens ist unklar. Sie ist ein Unding ähnlich den Ufos, das auf dem Kinderspielplatz im El-Sayyida Park gelandet sind, den Maha Maamoun in einer weiteren Reihe von Einzelaufnahmen fotografiert hat. Man kann die Bilder LandingTo the Future and Back sowie El-Sayyida Park #01 und El-Sayyida Park #02, die ebenfalls von der Deutschen Bank erworben wurden, als politisch-poetische Metapher lesen, für ein Kairo, das zugleich Megacity und Gefühlszustand ist.
 
Auch hier ist der emotionale Raum, den der öffentliche Raum in seiner jeweiligen Gestaltung entfaltet, das eigentliche Motiv der Aufnahme. Das Ufo-Karussell zitiert die technische Moderne als utopische Verheißung auf ein besseres und im Fall der Kinder, ein lustigeres Leben. Doch diese Utopie ist sichtlich ramponiert. Ob das Ufo noch funktioniert und die Kinder auf eine luftige Fahrt mitnimmt, ist fraglich. Zu sehen ist Maamouns Serie ab April in der Ausstellung Stadt in Sicht im Dortmunder Museum Ostwall zu sehen. Die Schau aus der Sammlung Deutsche Bank zeigt, wie internationale Künstler urbane Räume und Lebenswelten wahrnehmen und welchen Beitrag die aktuelle Kunst im Hinblick auf die Zukunft der Städte leisten kann.
Maha Mamouns Aufnahmen vom El-Sayyida Park zeigen, welche Grenzgänge Künstler bei der Erkundung des Phänomens "Stadt" einschlagen. Obwohl sie deutlicher noch als Doemstic Tourism I im Genre der dokumentarischen Fotografie verwurzelt sind, überschneidet sich in ihnen vermeintliche Authentizität mit der fotografischen Inszenierung. Es geht um den "touristischen Blick", um das touristische Bild, das sich ja ebenfalls als dokumentarisch ausgibt, obwohl es den Alltag inszeniert. Auch Maha Maamoun inszeniert und bearbeitet den Alltag, freilich nicht, um sein geschöntes Bild zu liefern, sondern um sein Bild kritisch zu hinterfragen und uns die Komplexität des Alltags visuell überhaupt zugänglich zu machen.

Stadt in Sicht
Werke aus der Sammlung der Deutschen Bank

20.04. – 04.08.2013
Museum Ostwall, Dortmund




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