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MACHT KUNST – Die Preisträger:
Grauzonen: Radoslava Markovas Gefühlslandschaften


Ihr Gemälde wurde in der Alten Münze mit dem Publikumspreis ausgezeichnet: In ihrer Malerei entwickelt die bulgarische Künstlerin Radoslava Markova psychologisch aufgeladene Momentaufnahmen körperlicher und emotionaler Beziehungen.


„Für dich sieht es aus wie ein Abschied“, sagt Radoslava Markova, „aber es war als ein Wiedersehen gedacht“. Es ist einer der ersten wirklich heißen Sommertage in Berlin, einer dieser Morgen, an denen man lieber ins Schwimmbad als zur Arbeit gehen will. Draußen, vor den weit geöffneten Fenstern, strahlt der Himmel tiefblau über Neukölln. Im Fabrikhof lässt die gleißende Sonne jedes Detail fast überdeutlich hervortreten: den Staub auf Autodächern, blitzende Fahrradstangen, die Klinker in der Fassade. Hier im Atelier ist es noch schattig. Inmitten der Gemälde der 35-jährigen bulgarischen Malerin hat man den Eindruck, als befände man sich in einer völlig anderen Welt. Auf diesen Bildern – oder besser, in ihnen – hat das Licht eine fast gegensätzliche Wirkung. Es beleuchtet keine Details, sondern modelliert dunstige, weite abstrakte Landschaften, aus denen die Gegenständlichkeit beinahe gänzlich verschwunden ist. So, als ob sie nur vom Wesentlichen ablenkt: der menschlichen Existenz.

Sie habe die Menschen aus der konkreten Situation herausgenommen, sagt Markova: „Nur die Beziehung zueinander steht im Fokus. Alles andere finde ich überflüssig.“ In ihrer Reduktion auf Farbe, Licht, Horizont haben diese Bildräume etwas enorm Weites. Die Protagonisten in ihrer Malerei erscheinen häufig fast verloren in dieser Weite, auf sich selbst zurückgeworfen: Paare, Passanten, Einzelgänger. So auch in Landstraße – jenem 2013 entstandenem Gemälde, das in der zweiten MACHT KUNST Ausstellung in der Alten Münze vom Publikum unter 1.790 ausgestellten Werken als bestes Bild ausgewählt wurde. Es zeigt zwei schemenhafte Figuren, die sich auf einer dämmrigen Ebene umarmen. Geschlecht und Alter der Personen bleiben im Ungefähren, ebenso, ob es sich nun um ein Wiedersehen oder einen Abschied handelt. Wie die Landschaft bewegen sich die Körper an der Grenze zur Abstraktion, erscheinen verwaschen, unscharf, ähnlich einer aus der Bewegung aufgenommenen Fotografie. Doch gerade in dieser Unschärfe liegt die Präzision von Markovas Malerei: Jede malerische Geste, jeder Pinselstrich, jede Nuance im Zusammenspiel von Farbe und Licht ist Bestandteil einer psychologisch aufgeladenen Momentaufnahme körperlicher und emotionaler Beziehungen. Tatsächlich erinnern Markovas Arbeiten an Standbilder eines Films, der sich im Kopf des Betrachters weiterentwickelt.

Sie nutze Medien wie den Film nicht als Ausgangspunkt für ihre Malerei, sondern nur zur inneren Inspiration, erzählt die Künstlerin. Die Anregung zu Landstraße gab der 2005 entstandene israelische Film Geh und lebe, den sie zufällig eines Nachts im Fernsehen gesehen habe: „Es geht um einen kleinen afrikanischen Jungen, der nach Israel geht. Der Film beginnt in einem Flüchtlingslager im Sudan während der Hungersnot 1984. Tausende von jüdischen Äthiopiern sind hier vom Hungertod bedroht, ihre Kinder werden im Rahmen der Operation Moses nach Israel evakuiert, wo sie in Pflegefamilien leben werden. Eine christliche Mutter gibt ihren Sohn an die Israelis ab, obwohl er kein Jude ist, nur damit er überlebt. Nach einer jahrelangen Odyssee findet er sie endlich wieder. Und die Einstellung dieser Schlussszene war meine eigentliche Inspiration. Nur dieses Gefühl hat das Bild bestimmt, nicht die Geschichte, die der Film erzählt. Ich nehme solche Inspiration aber auch aus dem Leben, von meinen Freunden und Verwandten – Gefühle, die jemand gefühlt hat, die ich gefühlt habe oder von denen ich mir vorstelle, jemand habe sie gefühlt.“

Schon als Kind habe sie immer nur Menschen malen wollen, sagt die 35-Jährige, das würde sie bis heute beschäftigen. Deshalb habe sie auch ihre Mutter gedrängt, sie auf ein Kunstgymnasium zu schicken. Nach einem Kunstpädagogikstudium in Sofia ging Markova dann nach Münster an die Kunstakademie, wo sie 2006 ihren Meisterschüler machte. Die Frage, ob der an den Akademien in Bulgarien unterrichtete, vom sozialistischen Realismus geprägte Malstil sie beeinflusst habe, verneint sie vehement: „Ich versuche sogar einiges von dem zu vergessen, was ich früher gelernt habe. Unsinnige, rigide Kompositionsgesetze zum Beispiel, den goldenen Schnitt, solche Kindergesetze eben. Man versucht gerade am Anfang, bei Kindern diese Dinge festzuschreiben, damit sie sich an etwas halten können. Das Problem ist nur, die meisten können das nie wieder loslassen. Dabei muss man das Malen immer wieder neu erfinden und oft sogar Dinge in Frage stellen, die man vorher gemacht hat.“

Sie selbst habe während ihrer Studienzeit mit Installation experimentiert, aber immer wieder zur Malerei zurückgefunden. Und auch die hat sich im Laufe der letzten Jahre gewandelt. Mitte der 2000er waren ihre Bildräume noch definierter, detailreicher, es gab einen Ort: Hier heißt ein Gemälde von 2004, das eine Menschenmenge auf einem Platz im Gegenlicht zeigt. Auf Arbeiten wie Früh oder Aufstieg von 2005 erkennt man urbane Architekturen, Unterführungen, Wohnblocks, die dann aber allmählich verschwinden, dunstigen, angedeuteten Landschaften weichen. Auch die Menschen scheinen in ihren Beziehungen zunehmend isoliert, nur noch auf sich oder den anderen bezogen. Sie wirken immer wie auf der Durchreise, im Transit begriffen. Es fällt schwer, das Gefühl von Ortlosigkeit, das Markovas Bilder ausstrahlen, nicht mit Migration, dem Verlust von Heimat, Beziehungen und gewachsener Kultur zu verbinden. Das ältere Paar, das auf Station (2011) in den Nebel schaut, ist betont altmodisch gekleidet, der Stil der Schuhe und die Frisur der Frau lassen vermuten, dass sie aus dem ehemaligen Ostblock stammen. Sie scheinen in eine ungewisse Zukunft zu blicken, doch ineinander eingehakt wirken sie entschlossen.

Gerade um das Gefühl von Hoffnung, von möglicher Gemeinschaft und Begegnung geht es Markova. Ebenso wie sie sich weigert, als „naturalistische“ Malerin bezeichnet zu werden, will sie auch nicht als Künstlerin aus dem Ostblock verstanden werden oder dass ihre Gemälde als „melancholisch“ bezeichnet werden. Immer wieder betont sie, dass auch der Vergleich mit anderen Künstlern in der Szene oder das ständige Netzwerken sie eher vom eigentlich Wichtigen abhalten, dem Malen. Ihr wichtigster Partner für den Austausch sei ihr Mann, der südkoreanische Maler Kwang Sik Im, den sie beim Studium in Münster kennenlernte. Sie haben zwei Kinder zusammen, arbeiten im selben Studio, auf gewisse Weise ähnelt sich sogar ihre Auseinandersetzung mit der Malerei. Bei genauerem Hinsehen erkennt man auch, dass sie die Modelle für einige der Paare auf Markovas Bildern sind, dass es unterschiedliche Stadien oder Momente ihrer eigenen Beziehung sind, die hier verhandelt werden.   

Radoslava ist eine zierliche Frau, die Disziplin und Ernsthaftigkeit ausstrahlt – und trockenen Witz. Auch wenn es um die finanziellen Schwierigkeiten geht, mit denen das Maler-Ehepaar zu kämpfen hat, um seinen Beruf auszuüben, um die mangelnden Ausstellungsmöglichkeiten, den ganz alltäglichen Überlebenskampf, ist sie immer unprätentiös. Man spürt, dass die Isolation auf ihren Bildern auch ihre eigene ist, dass sie ganz bewusst allzu viel Kontakt mit der umtriebigen Berliner Kunstszene meidet.
Auch ihre Teilnahme bei MACHT KUNST war eher ein Zufall: „Die ganze Aktion war sehr spontan. Eine Kollegin, die wir aus Münster kennen, hatte uns angerufen: "Die Deutsche Bank macht so eine Aktion." In Berlin haben wir noch nie ausgestellt, obwohl wir seit fünf Jahren hier leben. Also haben wir gesagt, OK, das machen wir. Wenn man schon etwas macht, will man ja auch ein repräsentatives Bild zeigen. So haben wir mit anderen Künstlern einen Transporter gemietet. Das war auch der Grund, warum wir geblieben sind und gewartet haben, obwohl es so voll war. Wir waren ganz am Ende der Schlange und haben den ganzen Tag gewartet. Und es war sehr kalt. Wir dachten, sind wir bescheuert, sind wir so arm, dass wir hier sitzen müssen? Die Leute von der Bank haben uns Kaffee gebracht und versucht nett zu sein. Es hätte also auch viel schlimmer kommen können.“

Sie hätte nie erwartet, dass ihr Bild gewinnt, betont sie, für sie sei dies „ein Kompliment“. Trotz dieser Bescheidenheit wirkt Radoslava Markova fest entschlossen, ihren Weg zu gehen. Es könne sein, sagt sie, dass die Figuren auf ihren Bildern vielleicht bald verschwinden, dass sie ganz zur Abstraktion übergehe, sie wisse nicht genau, was dabei herauskomme. Dann schaut ihr Mann herein, vorsichtig, beinahe überhöflich. Es ist befremdlich, plötzlich einer der Figuren aus ihrer Malerei gegenüber zu stehen. Tatsächlich ist der gesamte Raum in dieses Grau von Markovas Gemälden getaucht, das gar kein Grau ist, sondern von den unterschiedlichsten Farbtönen durchsetzt ist: dunkle Blaus und Grüns, Magenta. Für einen kurzen Moment wirkt es, als stünde man in einem ihrer Bilder, eine weitere Figur in diesen unbestimmten Räumen aus Licht und Farbe.

Oliver Koerner von Gustorf




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