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MACHT KUNST – Die Preisträger:
Weitermalen: Lovro Artuković


MACHT KUNST – Mit dieser Aktion wurden im April alle Berliner Künstler eingeladen, eines ihrer Werke für einen Tag in der Deutsche Bank KunstHalle zu präsentieren. Über 2.000 beteiligten sich, 8 Künstler wurden ausgezeichnet. Jetzt stellen wir Ihnen die die MACHT KUNST-Preisträger  und ihre Werke in einer großen Serie vor. Den Anfang macht der Publikumsfavorit  Lovro Artuković, der in seiner Heimat Kroatien zu den bekanntesten Malern zählt. Achim Drucks hat ihn in seinem Studio besucht.


Nebeneinander lehnen die beiden Gemälde mit den falschen Zwillingsschwestern an der Atelierwand. Das eine Bild strahlt in einer Variation von Weißtönen. Das andere zeigt das gleiche Motiv in gedämpften Grauschattierungen. Falsch seien die Schwestern auf dem Bild deswegen, erklärt Lovro Artuković, weil es sich bei den jungen Frauen immer um das gleiche Modell handelt, das er ganz einfach verdoppelt habe. Die helle „Tag“-Version des Motivs entstand 2009, die „Nacht“-Version malte er dieses Jahr. Es existiert sogar noch eine dritte Variante, die er 2007 schuf: Dafür hat er das Sternbild der Zwillinge auf die verdoppelte Frau projiziert. Das Zwillingsbild existiert also in drei Aggregatzuständen: Die in blautönen gehaltene Version mit dem Sternbild wirkt symbolisch aufgeladen, das „Tag“-Bild sachlich-nüchtern, die Nachtszene eher mysteriös.

Dass der Künstler ausgerechnet die düsteren Falschen Zwillingsschwestern in der Nacht bei MACHT KUNST einreichte, war Zufall. Im April hingen fast seine gesamten Arbeiten in einer Ausstellung in Artukovićs Heimatland Kroatien. Im Studio befanden sich außer den Zwillingsschwestern nur noch ein Porträt und ein Marsyas-Bild. Diese Darstellung des Satyrs, der von Apoll gehäutet wird, erschien ihm für die 24-Stunden-Ausstellung in der Deutsche Bank KunstHalle nicht besonders geeignet. So machte er bei allen Atelierbesuchern den Test – das Porträt oder die Zwillingsschwestern? Die Zwillingsschwestern gewannen und überzeugten auch in der KunstHalle: Mit deutlichem Vorsprung wählten die Besucher das Bild zu ihrem Favoriten der ersten MACHT KUNST-Ausstellung und Artuković wurde mit dem einjährigen, mit 500 Euro im Monat dotierten Atelier-Stipendium ausgezeichnet.

Solch großformatige, figurative Gemälde sind typisch für den 1959 im kroatischen Zagreb geborenen Künstler, der seit 2003 in Berlin lebt. Mit ihrer realistischen Malweise, die doch nie bemüht akribisch wirkt, erinnern sie an Lucian Freud oder Eric Fischl. In seinem geräumigen Studio in einem Gewerbehof an der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln arbeitet er gerade an zwei weiteren, fast vollendeten Leinwänden. Sie zeigen Leute aus seinem Berliner Freundeskreis. Die Tänzerin Ari und Giuliano, der Artukovićs Lieblingsrestaurant betreibt. Als Porträts sind diese Bilder allerdings nicht zu verstehen. „Es geht mir nicht darum, ihre Persönlichkeit oder ihren Charakter zu enthüllen. Es sind Inszenierungen. Meine Freunde sind ja eher so etwas wie Lebenskünstler. Ich zeige sie in einer Pose auf einer großen Leinwand, was ja traditionell nur „bedeutenden“ Personen vorbehalten ist. Für mich haben aber gerade sie es verdient, dass es solch ein repräsentatives Bild von ihnen gibt.“

Die Bilder lehnen an der Wand, die mit ihrem leicht fleckigem Weiß auch auf den Leinwänden selbst erscheint, denn Artuković setzt seine Freunde auch hier in Szene. Das Atelier als Bühne: Der theaterhafte Eindruck der Gemälde wird durch die Kostümierung der Dargestellten noch unterstrichen. Giuliano präsentiert sich im eigens entworfen Jeans-Ensemble und offenem Hemd, das den Blick auf den tätowierten Anker auf seinem Hals freigibt. Aris Kleid wirkt zunächst wie eine opulente Robe, besteht aber aus Noppenfolie. Eine Probe des Materials hat Artuković auf einem Gestell drapiert, um die Lichtreflexe auf dem gepolsterten Plastik besser studieren und auf die Leinwand übertragen zu können. „Das hat mich immer interessiert: Diese Spannung zwischen der Künstlichkeit der Malerei und dem Streben, etwas wie in echt abzubilden, das Reale zu repräsentieren, ein bearbeitetes Teil der Wirklichkeit in dieses Quadrat zu packen.“

Der Künstler schließt das Genre des klassischen repräsentativen Porträts mit der Berliner Gegenwart kurz. Und auch sein bislang größtes Gemälde bezieht sich auf Vorlagen aus der Kunstgeschichte. Ein Historienbild hat er dafür mit einer Abendmahlsszene gekreuzt.  Unterzeichnung der Deklaration über den Anschluss von Westherzegowina und Popovo Polje an die Republik Kroatien (Wer hat das Bier bestellt?) lautet der Titel der fast 15 Quadratmeter großen Leinwand. Das zwischen 2008 und 2011 entstandene Bild ist als Parodie gedacht  – auf die Unterzeichnung des Daytoner Friedensabkommens, das 1995 den Krieg in Bosnien und Herzegowina beendete. 22 Freunde des Künstlers spielen hier Geschichte. Bosnier, Kroaten und Serben schlüpfen in die Rollen von Staatspräsidenten, internationalen Beobachtern oder UN-Unterhändlern. Sie diskutieren, rauchen, begutachten Schriftstücke und Karten. Eine Berliner Kiezkneipe bildet das Setting. „Von Künstlern aus der Balkan-Region wird erwartet, dass sie die dortigen politischen Entwicklungen und Konflikte oder den Versöhnungsprozess thematisieren. Dem wollte ich etwas entgegensetzen.“ Die Kneipenszene ist nicht nur eine ironische Replik auf heroische, nationalistisch gefärbte Geschichtsbilder, sondern auch auf die Erwartungshaltung des westlichen Publikums.

Von den acht MACHT KUNST-Preisträgern ist Lovro Artuković der mit Abstand Älteste. Stehen die anderen erst am Anfang ihrer Karriere, kann er mit entspanntem Selbstbewusstsein auf eine längere Laufbahn zurückblicken. In Kroatien zählt er zu den bedeutendsten gegenständlichen Malern. Parallel zu seiner künstlerischen Tätigkeit unterrichtete er neun Jahre an der Akademie der Künste in Zagreb, wo er selbst von 1979 bis 83 studiert hatte. Eine Retrospektive seiner Gemälde war nach Stationen in Split und Dubrovnik auch 2002 im Lissaboner Museu da Água zu sehen.

Diese 24 Bilder sind allerdings heute verschollen: Beim Rücktransport nach Kroatien wurde das Auto, in dem sie unterwegs waren, gestohlen. Ein Jahr später zog Artuković von Zagreb nach Berlin – eine Stadt, in der er niemanden kannte. Wie haben diese beiden Erfahrungen seine Kunst beeinflusst? „Ich weiß nicht, ob diese Ereignisse wirklich so schicksalhaft waren, wie es sich anhört, oder ob sich meine Malerei nicht durch einen ganz normalen Entwicklungsprozess verändert hat. Der Umzug nach Berlin war schon wichtig. Die Szene in Zagreb ist zwar bunt, aber auch sehr überschaubar. Wenn du zu einer bestimmten Szene gehörst, machst du auch Kompromisse. Du willst akzeptiert werden. Du weißt, wie diese Szene tickt und kannst das für deine Arbeit nutzen. Auf der anderen Seite gibt dir die Gruppe, zu der du gehörst, ein Gefühl von Sicherheit. Was die Kunstszene anbetrifft war und bin ich hier in Berlin ein Außenseiter. Die Szene ist sowieso unüberschaubar. So konnte ich in aller Ruhe das machen, was mich interessiert hat – ohne darauf Rücksicht zu nehmen, wie man malen muss, soll oder darf. Die Tatsache, dass meine Bilder verschwunden sind, war am Ende nicht so schlecht, denn das hat mich gewissermaßen auch von ihnen entlastet.“

Vergleicht man die älteren Bilder mit denen, die in Berlin entstanden sind, fällt jedenfalls auf, dass sie sich mehr und mehr auf Menschen und den Raum, der sie umgibt, fokussieren. Berlin als Stadt ist dabei kein Thema. Artuković beschränkt sich auf Freunde, die er in seinem Atelier inszeniert. In der Serie Platz/The Place geht er noch einen Schritt weiter und zeigt nur noch Wände, Folien, ein altes Sofa. Er zeigt die Wechselwirkungen von Licht und Strukturen, goldglänzenden Kunststoff, stumpfes Leder. Und auch, dass Malerei nur Illusion ist: manchmal sind auf den gemalten Wänden auch Projektionen zu sehen. Nur der Holzboden, der unter dem türkisen Wasser oder der rotglühenden Lava am Bildrand zu sehen ist, verweist auf das Bild im Bild. Früher habe er komplizierter gemalt, erklärt der Künstler, jetzt erzählen seine Bilder weniger. Diese Einfachheit bekommt ihnen gut.

Als Maler geht Artuković beharrlich seinen Weg. Bereits auf der Akademie stand er mit seiner figurativen Malerei relativ alleine. „Schon damals galt die Art, wie ich male, nicht gerade als modern. Viele meiner Kommilitonen experimentierten mit Videos. Meine Lehrer kamen von der Op Art. Abstraktion war mir aber immer fremd. Ich brauche die Auseinandersetzung mit dem Modell und dem Raum.“  Die Zeit in Berlin war für Artuković nicht immer einfach.  Es ist schwer, hier mit seiner Auffassung von Malerei Fuß zu fassen. Einmal, so erzählt er mit lakonischem Lächeln, war eine Gruppe von wohlhabenden amerikanischen Sammlern zu Gast in seinem Studio. „Eine Frau blätterte kurz durch mein Portfolio. Zwar hat sie nichts gekauft, doch sie sagte: ‘Male weiter.’ Und das hab ich gemacht.“




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