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Freundliche Monster
Street Artist Fefe Talaveras Projekt für die Deutsche Bank Türme


Fefe Talavera ist ein Star der brasilianischen Street-Art. Jetzt ziert eines ihrer farbenprächtigen „Monsterpaintings“ das Portal der Deutsche Bank-Türme in Frankfurt. Die Arbeit entstand für die Schau „Street-Art Brazil“, die an den Fassaden der Schirn Kunsthalle und im gesamten Stadtraum zu sehen ist. Sarah Elsing hat die Street Art-Künstler bei der Arbeit beobachtet.


An diesem schönen Tag im August geschieht vor der Zentrale der Deutschen Bank Ungeheuerliches. Eine kleine brasilianische Frau – Sneakers, Hoodie, große Kopfhörer um den Hals – klebt Buchstaben auf das Eingangsportal. Ein fettes, gelbes A an das nächste. Es folgen Ns und Es und plötzlich purzeln alle möglichen Buchstaben bunt durcheinander. Es ist helllichter Tag, Mittagpause sogar – und keiner greift ein. Dabei sind Graffiti doch illegal und gerade eine Bank möchte Parolen auf ihrer Fassade möglichst vermeiden. Doch die junge Frau ist nicht irgendeine Sprayerin. Fefe Talavera ist eine bekannte brasilianische Künstlerin und ihre Arbeit ist Teil des von der Frankfurter Schirn Kunsthalle organisierten Ausstellungsprojekts Street-Art Brazil.

Für die Deutschen Bank hat Talavera einen Drachen entworfen, dessen Körper sich vertikal auf der hohen Glasfläche des Eingangsportals schlängelt. Wie viele der Figuren, die die 34-Jährige in Brasilien, den Niederlanden und Schweden geschaffen hat, erinnert auch das Frankfurter Exemplar an die farbenprächtigen Pappmaché-Figuren, die der mexikanische Künstler Pedro Linares in den 1930er Jahren gefertigt hat. Inzwischen sind seine freundlichen Monster, die sogenannten „Alebrijes“, Teil der mexikanischen Volkskunst. Bei Talavera bestehen die Schuppen dieser Fabelwesen aus Buchstaben. Da es in Brasilien früher kaum gute Sprühfarbe gab, schnitt sie Buchstaben aus alten Werbeplakaten aus und setzte daraus ihre Figuren zusammen. Seitdem Reklame im Stadtraum von São Paulo verboten ist, druckt Talavera ihre Buchstaben selbst. In riesigen Koffern hat sie eine Auswahl mit nach Frankfurt gebracht. „Ich bin sehr interessiert an Typografie. Ein einziges Zeichen kann so viele verschiedene Bedeutungen haben. Das finde ich faszinierend.“ Diese Symbolgläubigkeit sieht man sogar an ihrem Körper. Auf jeden Finger der rechten Hand hat sie sich ein Symbol für eine ihrer Charaktereigenschaften tätowieren lassen: Die Sonne steht für das Fröhliche, das Gypsy-Herz für das Wilde, der Mond für ihre nachtaktive Seite und das dritte Auge für das Spirituelle.

Nicht ohne Grund bestehen die Flügel ihres Deutsche Bank-Monsters aus den vier Buchstaben ihres Vornamens: FEFE. Sie möchte freier werden und offener und das wünscht sie sich auch für die Menschen, die in den Banktürmen arbeiten. Auf dem Vorplatz hat Talavera schon jetzt eine Atmosphäre der Herzlichkeit geschaffen. Jeden Fremden, dem sie vorgestellt wird, nennt sie beim Vornamen und blickt ihm freundlich in die Augen. Die Kuratorin der Ausstellung begrüßt sie, als wären sie alte Freundinnen. Dann steigt Talavera mit ihrem Assistenten wieder auf den Kran und macht sich an den Hals des Drachens. Mit ihren Masken, die sie vor dem Geruch des Sprühklebers schützen, sehen die beiden fast selbst wie freundliche, kleine Monster aus – wie Insekten, die auf den Schuppen eines Buchstabenmonsters gelandet sind. Einmal fegt der Wind Talavera ein A aus der Hand. Es flattert ein wenig vor der Glasfassade herum und landet dann in der Regenrinne. Der Drache hat Feuer gespuckt.

Schräg gegenüber von den Türmen ist schon der nächste Street-Art-Künstler am Werk. Von Weitem sieht es so aus, als würde Alexandre Orion mit einem Besen malen. Dabei hat er nur einen breiten Malerpinsel an eine Teleskop-Stange montiert, um vom Kran aus an jede Fläche heranzukommen. Schließlich soll das Gemälde an der Fassade des leer stehenden Sparkassengebäudes am Ende 400 Quadratmeter groß werden. Ein Passant bleibt stehen und betrachtet den Entwurf eindringlich. Er glaubt in der im Schneidersitz hockenden Gestalt Dagobert Duck zu erkennen. „Ei des sieht doch aus als hätt dä Goldnuggets in dä Hand“, erklärt er in breitem Hessisch. Doch die Geschichte ist eine andere. Für sein Projekt Ossario (Grabstätte) wischte Alexandre Orion in einem Tunnel in São Paulo den Ruß so ab, dass daraus auf einer Strecke von 300 Metern Totenköpfe entstanden. Obwohl er damit eigentlich keinen Straftatbestand erfüllte, die Wände blieben  völlig unbeschädigt, wurde das Bild von der Stadtverwaltung entfernt. Den Ruß aus São Paulo hat er nach Frankfurt gebracht und mischt damit nun weiße Farbe zu unterschiedlichen Grautönen. Was der Passant für einen Schnabel hielt, ist in Wirklichkeit ein Mundschutz, mit dem sich die Figur vor den Abgasen der vielbefahrenen Junghofstraße schützt. Und die Goldnuggets sind nichts als graue Steine.

Ähnlich gruselig-grau sieht es momentan auch an der Hauptwache aus. Herbert Baglione arbeitet hier auf einer Wanderbaustelle mitten auf dem Platz. Hinter den Absperrungen sieht man lang gezogene Gestalten, die sich geisterhaft ineinander verschlingen. Gestern sah das noch wie eine Schwarzweiß-Version von Munchs Schrei aus, aber heute sind zwei hellblaue Geister dazu gekommen, einen davon schmückt jetzt ein weißes Gerippe. Passanten bleiben stehen und fotografieren mit ihren Handys. Ihnen ist klar: Das hier ist mehr als die naiven Kreidezeichnungen unten beim U-Bahn-Eingang. Das hier ist Kunst. Und so gelingt der Frankfurter Schirn mit ihren brasilianischen Street-Art-Künstlern das, was sich Städteforscher nur wünschen können: Die Bewohner gehen mit offeneren Augen durch ihre Stadt und nehmen den Raum, in dem sie sich tagtäglich so selbstvergessen bewegen, wach und kritisch wahr. Und zugleich veranschaulicht die Vielfalt von Techniken und Stilen, die bei dem Ausstellungsprojekt zum Einsatz kommen, warum die brasilianische Street-Art-Szene als eine der weltweit aufregendsten gilt.

Ein paar Tage später in einem U-Bahn Depot im Frankfurter Norden. Neben Schienenschleifwägen und alten Straßenbahnwagons steht ein Zug, dessen Fenster mit Plastikfolie abgeklebt sind. Zwei junge Typen mit Stöpseln im Ohr machen sich mit Spraydosen daran zu schaffen. Auch hier greift keiner ein – die Verkehrsbetriebe haben sie eingeladen, diesen Zug zu bemalen. Er verkehrt während der dreimonatigen Ausstellung auf der Linie U5. „Das ist ein Traum für mich“, sagt Onesto, einer der beiden Künstler, die die Schirn für die U-Bahn-Aktion ausgewählt hat. “Meine Arbeit wird durch die Stadt gefahren. Das heißt, dass viel mehr Menschen sie sehen können, als wenn ich auf einer Wand an einem festen Ort gemalt hätte.“ Onesto lässt sich für seine Arbeiten durch Alltagsszenen inspirieren, die er auf der Straße beobachtet. In Frankfurt ist ihm aufgefallen, wie eilig es die Menschen immer haben. „Sie rennen zur Arbeit, sie rennen nach Hause. Und sie sind immer gestresst“, sagt er. Deshalb malt er auf seine Seite der U-Bahn graue Gestalten mit Krawatten und leeren Gesichtern.

Tinho, der auf der anderen Seite des Zugs arbeitet, ist gerade mit einer Figur am hinteren Ende fertig geworden. Ein kauerndes Mädchen, das dem Betrachter den Rücken zuwendet. Daneben ein kleiner Junge, der sich direkt unter die U-Bahn-Tür gelegt zu haben scheint. Jeder der einsteigt, muss den Fuß über seinen Köper setzen. Tinho erinnert damit an die ungezählten Kindesentführungen, die Brasilien in den 1990er Jahren erschütterten. Das Schicksal dieser Kinder hat ihn nicht losgelassen. Der Künstler ist ein nachdenklicher Typ, seine Stimme weich und leise. Er liest sehr gern. Romane, aber auch Bücher deutscher Philosophen: Kant, Nietzsche, Benjamin. Von den Franzosen mag er Sartre und Baudrillard. Schon immer habe er eine Arbeit mit Büchern machen wollen und jetzt, wo Brasilien das Gastland der Frankfurter Buchmesse sei, gebe es keinen besseren Zeitpunkt. Als zweiten Beitrag zu „Street-Art Brazil“ sprühte Tinho farbenfrohe Büchertürme auf die Fassade des alten Polizeipräsidiums in der Friedrich-Ebert-Anlage. Oben drauf und drum herum platziert er wieder seine verstörenden Kinderfiguren. Hier, auf halbem Weg zwischen Hauptbahnhof und Messe, kann sie keiner ignorieren. Während der Buchmesse werden die Menschen zu Hunderten an ihnen vorbei laufen.

Inzwischen ist Fefe Talavera mit ihrem Drachen an den Deutsche Bank-Türmen fertig. Es ging schneller als erwartet, auch wenn der Sommer zwischendurch ein verregnetes Wochenende geschickt hat. Müde und erschöpft steigt die Künstlerin vom Kran, von dem aus sie noch ein paar Fotos gemacht hat. Kleberreste hängen an ihren Händen. Die Schutzhandschuhe hatte sie nach ein paar Minuten abgelegt, weil sie die Buchstaben nicht richtig fühlen konnte. „Ich bin sehr glücklich über das Ergebnis“, sagt sie. „Es bringt so viel Farbe und Leben an diesen Ort.“ Tatsächlich scheint der Drache zwischen den gläsernen Türmen regelrecht zu leuchten – Pink und Blau und Gelb und kunterbunt. Am meisten glitzert jedoch das Symbol über dem Kopf des Monsters: Ein goldener Kreis mit einem silbernen Halbmond darunter. „Das ist das Dharma-Zeichen“, erklärt die Künstlerin. Im Buddhismus und Hinduismus steht es für Reinigung und die moralische Transformation des Menschen. Es soll die Stabilität und Harmonie des Universums bewahren. Für Feve Talavera heißt das: „Wir sollen mehr nachdenken, bevor wir handeln und mehr fühlen. Das kann auch einer Bank nicht schaden.“


Street-Art Brazil
Fassade der Schirn Kunsthalle und im Stadtraum von Frankfurt am Main
Bis 27. Oktober 2013




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