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Künstler gestalten das Polen von Morgen

„Lass' dich nicht vom ersten Eindruck in Warschau täuschen. Such' lieber nach den vielen kleinen Fehlern der glänzenden Stadtfassaden“, sagt Karol Sienkiewicz. Ein Trip durch die polnische Hauptstadt der Kunst.


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In Edward Krasińskis Atelier, im obersten Geschoss des Warschauer Wohnblocks, steht die Zeit still. Der 2004 verstorbene Künstler hinterließ ein eigentümliches Gesamtkunstwerk, voller visueller Wortwitze und Fallen. Doch durch die vertikalen weißen Streifen, die Daniel Buren in den 1990er-Jahren an den Fensterscheiben anbrachte, als er zum wiederholten Mal hier zu Gast war, erhascht man einen einzigartigen Blick auf die Warschauer Skyline. Rund um den pyramidenförmigen Kulturpalast schießen neue Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden. Da sind wir also, Warschau.

Am Zbawiciela-Platz, einem der angesagten Orte der Stadt, stößt man auf einen mehrere Meter hohen Regenbogen, für den Tausende von Papierblumen an einer Stahlkonstruktion angebracht wurden. Erschaffen hat ihn die Performancekünstlerin Julita Wójcik, die Rainbow erstmals in Brüssel, im Rahmen eines kulturellen Austauschprogramms anlässlich der Feier der polnischen EU-Ratspräsidentschaft 2011, aufstellen ließ. Das kunterbunte Objekt vermittelt eine positive Botschaft: „Wir sind cool und entspannt.“ Ökonomisch ist Polen eine blühende Insel mitten in einem Ozean aus depressivem Rot, wie es Premierminister Donald Tusk einmal stolz verkündete. Paradoxerweise ist der Regenbogen auch das Symbol der Schwulen-, Lesben- und Transgenderbewegung und Polen ist weit davon entfernt, ein Bollwerk für Schwule und ihre Rechte zu sein. Wiederaufgebaut an einem der Knotenpunkte des Warschauer Nachtlebens, leicht zugänglich und leicht brennbar, zog das Objekt berauschte Kletterer und kurz entschlossene Brandstifter an. Zum Teil verbrannt, spiegelt der Regenbogen jedoch erheblich treffender die Doppeldeutigkeiten des heutigen Polens wider. Mit Drinks in der Hand werden die Gäste der umliegenden Bars nicht müde, Witze über ihn zu reißen. Er sieht zwar trashig aus, doch zumindest erzeugt er einige Spannungen.


Artist Tymek Borowski
Photo: Ramon Haindl

Spätestens als Polen 2004 der Europäischen Union beitrat, ist die hiesige bildende Kunst zu einem Exportprodukt geworden. Häufig sozial engagiert, bescheiden und die Grenzen zwischen Kunst und Leben überschreitend, erlangten Künstler wie Paweł Althamer, Katarzyna Kozyra, Wilhelm Sasnal oder Artur Żmijewski internationale Aufmerksamkeit. Zugleich stachelten sie die Ambitionen zahlreicher Möchtegern- Künstler an. Doch in den 1990er-Jahren waren die sogenannten kritischen Künstler auch die Prügelknaben für die Ultrakonservativen. Als die Skandale verklungen waren und Polen in den Club der „besseren“ Mitgliedsländer Europas aufstieg, kam die Kunst allerdings immer häufiger gelegen – als Zeichen eines grundsätzlich gewandelten polnischen Staates.

Tatsächlich war es das Muzeum Sztuki Nowoczesnej, das Museum für Moderne Kunst in Warschau, das den Begriff der „Modernisierung“ im Hinblick auf die Gegenwartskunst geprägt hat. Ironischerweise muss gerade das Team dieses Museums unter der Leitung von Joanna Mytkowska ständig wahre Kunststücke vollbringen, um die Stadt von der Notwendigkeit ihrer Institution zu überzeugen. Und nicht nur „die Stadt“ – auch ihre Bewohner. Jedes Jahr organisiert das Museum das Festival Warsaw Under Construction, mit dem die drängendsten urbanen Themen, wie Wohnungsbau, das Erbe der modernen Architektur oder die omnipräsenten Werbeflächen in der Stadt, angesprochen werden. Während Warschau buchstäblich einer einzigen großen Baustelle gleicht, leidet auch das Museum unter seiner immerwährenden „temporären“ Situation. Derzeit ist es in einem weiteren Übergangsdomizil untergebracht, dem spätmodernistischen Pavillon des ehemaligen Möbelgeschäftes Emilia. Letztes Jahr kündigte der Warschauer Bürgermeister den Vertrag mit dem schweizerischen Architekten Christian Kerez, der bereits 2006 einen internationalen Wettbewerb für den Museumsneubau gewonnen hatte.


Joanna Mytkowska
Director of the Muzeum Sztuki Nowoczesnej w Warszawi.
Photo: Ramon Haindl

Sein Projekt wird jedoch nie umgesetzt werden. Nur dessen Schreckgespenst überlebt: in der Museumssammlung, als Teil der jüngst entstandenen Skulptur Barge-Haulers von Paweł Althamer. In dem für ihn charakteristischen weißen Plastikstil, den Althamer erstmals 2011 im Deutsche Guggenheim in Berlin bei seinem Projekt ALMECH einsetzte, bildet der Künstler die zehn Mitarbeiter des Museums ab: die Direktorin, Kuratoren, Wachleute. Wie die Wolgatreidler auf Ilja Repins berühmtem, 1873 vollendeten Gemälde ziehen die Zombiefiguren des Museumspersonals eine Karre mit Kerez’ Modell hinter sich her – Helden des Fortschritts. Doch Mytkowska, die einen Posten als Kuratorin am Centre Pompidou in Paris aufgab, um diese noch im Aufbau begriffene Institution zu leiten, scheint gerade in schwierigen Situationen aufzublühen. Sie hat das Museum bereits durch viele Stürme geführt. „Es ist besser, wenn irgendetwas passiert, als dass gar nichts passiert“, sagt sie, während sie ihr Konterfei auf Althamers Skulptur betrachtet. Draußen an der Fassade hängt Cezary Bodzianowskis Banner. „Die Kunst von Heute gestaltet das Polen von Morgen“, können die vorbeilaufenden Passanten darauf lesen. Das klingt wie ein Angebot, aber auch wie eine Warnung.

Im Gegensatz zum Museum für Moderne Kunst muss sich die Zachęta Nationalgalerie nicht sehr um ihre Zukunft sorgen. Mitte des 19. Jahrhunderts als „Gesellschaft zur Ermutigung zur Kunst“ (Zachęta = Ermutigung) gegründet, ist sie seit 110 Jahren in einem Neo-Renaissance-Bau untergebracht. Hinter sich hat sie eine Geschichte mit Irrungen und Wirrungen, doch jetzt geht es gradlinig in die Zukunft. Heute scheint sie reibungslos wie ein Uhrwerk zu funktionieren. Hanna Wróblewska, seit einigen Jahren die Direktorin der Zacheta, kennt das Haus wie die eigene Westentasche. „Ich bin nicht gut in oberflächlichem Geplänkel“, sagt Wróblewska und lacht über ihren Dackel, der sich beharrlich weigert, für den Fotografen zu posieren. Die Zachęta und das Museum für Moderne Kunst waren die stärksten Unterstützer des letztjährigen Künstlerstreiks, mit dem auf die prekäre gesellschaftliche Situation von Künstlern aufmerksam gemacht wurde. Zugleich spielen beide Direktorinnen eine zentrale Rolle bei der kulturellen Lobbyarbeit, denn das Image, mit dem im Ausland geworben wird, passt nur schwer mit den unterfinanzierten Kunstinstitutionen zu Hause zusammen.

Die Zachęta ist gewichtig. Hier eine Retrospektive zu haben, bedeutet für jeden Künstler einen Höhepunkt seiner Laufbahn. Zugleich fördert sie aber auch junge Generationen. Einer der wichtigsten und begehrtesten Preise für die junge polnische Gegenwartskunst ist der gemeinsam mit der Deutsche Bank Stiftung initiierte„Views“-Preis, der alle zwei Jahre vergeben wird. Als der Preis 2003 ins Leben gerufen wurde, wurden Positionen wie Paweł Althamer, Julita Wójcik oder Cezary Bodzianowski noch als „junge“ Künstler gehandelt. Die letzten Präsentationen von „Views“ geben besonders gut wieder, wie dynamisch sich die polnische Kunstszene entwickelt hat.


Dan Perjovschi, Warsaw Notebook, 2013
part of the exhibition “In the Heart of the Country”
Museum of Modern Art, Warsaw

2009 gewann Wojciech Bąkowski den Preis. Er erschafft Animationen, ohne eine Kamera einzusetzen, und unterlegt sie mit poetischen Kommentaren. Außerdem ist er der Frontmann mehrerer musikalischer Projekte und des Künstlerkollektivs Penerstwo, das sich in Posen zusammengefunden hat. Kein Wunder, dass er diesen Bühnenlook hat. Und es war definitiv Posen, das ganz starke musikalische Impulse in die polnische Kunstszene getragen hat. Aber es zieht die Künstler in die Hauptstadt. So auch Konrad Smoleński, ein weiteres Mitglied von Penerstwo, der heute in Warschau und Bern lebt und 2011 mit dem „Views“-Preis ausgezeichnet wurde. Er ist Mitbegründer der Band BNNT, die Einflüsse von Post-Punk mit Noise verbindet. Dafür entwirft er völlig verrückte Instrumente, bei BNNT spielt er auf einer alten Missile-Rakete, bei seinen Soloauftritten auf einem Hundeschädel. In letzter Zeit ist die Ästhetik seiner Sound- Installationen minimalistischer und weniger rebellisch geworden. Er arbeitet auch noch heute mit riesigen Lautsprechern, die so starke Schallwellen ausstoßen, dass es wirkt, als würden sie den menschlichen Körper durchdringen. So funktioniert auch Smoleńskis Installation im Polnischen Pavillon auf der diesjährigen Biennale in Venedig. Sie besteht aus zwei Glocken; zwei Barrikaden aus gigantischen Lautsprechern und 200 minimalistischen Metallregalen, die die Wände bedecken. Jede volle Stunde läuten die Glocken, der Klang wird zeitverzögert durch den Verstärker gejagt und dröhnt dann verzerrt durch die Boxen – in einer unerträglichen Lautstärke, die so gewaltig ist, dass die Regale vibrieren und Teil der Klangerfahrung werden. Smoleński verwandelt die gesamte Architektur in ein Musikinstrument, einen Resonanzkörper. Dabei betont er die sinnliche Wahrnehmung des Hörens. „Das mag ich besonders an der Arbeit mit Sound“, sagt er. „Du kannst ihn dir vorstellen, ihn gestalten, darüber reden. Aber letztendlich gleicht nichts der tatsächlichen Erfahrung.“

Zwar stellen der Künstler und die Kuratoren die Installation ausschließlich in den Zusammenhang von abstrakten Diskursen um Klangkunst. Doch das polnische Publikum brachte sie automatisch mit der katholischen Kirche und Ereignissen aus der jüngeren polnischen Geschichte in Zusammenhang, etwa mit dem Flugzeugabsturz 2010 in Smolensk, bei dem der polnische Präsident Lech Kaczyński umkam. Es scheint, als prallten hier der „kosmopolitische“, minimalistische Ansatz und das „Polnische“ der Interpretation aufeinander – ganz so, als litten wir unter einer ausgewachsenen Identitätskrise. Mit Sicherheit ist Sound eine große Sache in der polnischen Gegenwartskunst. Auf der Shortlist der diesjährigen Ausgabe von „Views“ steht ein anderer interdisziplinärer Künstler: Piotr Bosacki, ein Kollege von Smoleński und Bąkowski, macht nicht nur Videos, sondern ist gleichfalls ein experimenteller Komponist. Auch die anderen Nominierten repräsentieren ein weites Spektrum künstlerischer Strategien. Agnieszka Polska, die von Krakau nach Warschau gezogen ist, arbeitet an ihrem Schreibtisch in einer Fabriketage, die sie mit Designern und anderen bildenden Künstlern teilt. In ihren Videos animiert sie gefundene Fotografien, die eine gewisse nostalgische Ebene haben. Häufig erforscht sie dabei Wissensprozesse und die Frage, wie Kunstgeschichte geschrieben wird. Ein anderer „Views“-Kandidat, Tymek Borowski, lehnt die Regeln des Kunstbetriebs ganz grundsätzlich ab. Einst ein vielversprechender Maler, misstraut er heute der Macht von Pinsel und Leinwand und wendet sich Medien zu, die der marktorientierten Seite der Kunst entgegenstehen, wie etwa Images aus dem Internet oder computergenerierte Bilder. So ist er zum Beispiel auch einer der Mitbegründer der Onlineplattform Billy Gallery, die das Internet als seriöses Kunstmedium nutzen will. Diese weniger verkrampfte Art der Kunstvermittlung und Zirkulation bietet ihm Platz, existenzielle, manchmal ganz einfache Fragen zu stellen: Was ist gute, was schlechte Kunst? Was macht dich glücklich? Wie funktioniert Kunst?

Diese jüngste Generation polnischer Künstler will sich nicht mehr an den Debatten um ein gespaltenes Polen beteiligen, die das Land in ein katholisches, provinzielles und ein neues, modernes, EU-freundliches Polen teilen. Diese Kategorien mit all ihren Facetten und Feinheiten sind ihnen einfach egal. Aber was kümmert sie? Besucher, die zum ersten Mal in Warschau sind, werden beeindruckt sein von den belebten Straßen, den vielversprechenden Künstlern, den brechend vollen Restaurants. Schnell verflüchtigen sich die vorgefertigten Vorstellungen vom Grau in Grau, von einer Stadt im Schatten des stalinistischen Kulturpalastes und weichen einem überraschten: „Ach, das haben wir gar nicht erwartet.“ Doch man sollte aufpassen: Wie die faszinierenden Farben eines Regenbogens könnte auch dies eine weitere Täuschung sein.


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