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Let’s talk: Angelika Stepken, Ingrid & Oswald Wiener über „Heiße Füße“

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Let’s talk:
Angelika Stepken, Ingrid & Oswald Wiener über „Heiße Füße“


Mit Jan St. Werner, Rosa Barba und Klaus Sander treten sie als „Wichtel und die Wuchteln“ im Rahmen der Villa Romana Veranstaltung SÜDEN im Atrium der KunstHalle mit einer Text-Sound-Koch-Performance auf. Doch wie in jedem Sommer sind die Künstlerin Ingrid Wiener und der Schriftsteller, Kybernetiker und Sprachtheoretiker Oswald Wiener in ihrem Haus in der Goldgräberstadt Dawson City. Mit Angelika Stepken, der Leiterin der Villa Romana, chatten sie über Essen, Kunst und ihr Leben am Yukon.


[18:00:40] Angelika Stepken: Guten Morgen Ingrid und Oswald! Ihr seid seit ein paar Wochen wieder in Dawson, wo ihr seit 30 Jahren ein Haus habt. Ich habe nachgeschaut, dass dort 0.06 Einwohner auf einen Quadratkilometer kommen. Was hört ihr jetzt, wenn ihr am Rechner sitzt?

[18:01:17] Oswald Wiener: Tinnitus. Ingrid sagt mir ein und zwar eben: Wir haben in Dawson City (5 km von hier) 3.000 Einwohner. Das klingt nach viel, aber insgesamt sind‘s nur 30.000 im Yukon! Es ist schwer, über die hiesige Situation zu referieren, man bräuchte viel Zeit. Vieles ist ganz anders als in Europa.

[18:03:06] AS: Gibt es in Dawson noch das Claims Café, das ihr mal initiiert habt?

[18:06:01] Ingrid Wiener: Claims Café gibt es leider nicht mehr. Viele erinnern sich daran.

[18:06:54] AS: Was war das Besondere am Claims Café?

[18:09:56] IW: Das Besondere war, dass es viele Dinge gab, die ein Kanadier nicht kannte. In erster Linie gutes Essen, aber auch Kleinigkeiten -- wir hatten die erste Espresso-Maschine nördlich von Vancouver. Ein italienischer Goldgräber, Stammgast, aß Kutteln, trank danach einen Espresso und weinte.

[18:11:08] AS: Ein melancholischer Ort?

[18:12:28] AS: ... wo die Schlittenhunde singen...

[18:12:35] IW: Ja. Zwei Wochen Frühling, zweieinhalb Monate Sommer, zwei Wochen Herbst, der Rest Winter. Der Italiener aber weinte aus Begeisterung.

[18:13:57] OW: Habt Ihr unsere CD mit den Schlittenhund-Gesängen? (Herausgegeben von Klaus Sander) - Im Winter kamen viele Gäste mit dem Hundeschlitten!

[18:14:58] OW: Wir haben in den Neunzigerjahren einen jungen Nachbarn gehabt, der ein Schlittenhunde-Team erzogen hat. Seine Hunde sangen jede Winternacht durch und so ergreifend, dass wir eine automatische Aufnahme-Station (beheizt etc.) gebaut haben und eine große Sammlung von Hundeliedern anlegen konnten. Der supposé-Verlag (Klaus Sander) hat mit uns daraus eine CD gemacht, die noch zu haben ist.

[18:16:07] AS: Jetzt bereitet ihr im kurzen Sommer die „Heißen Füße“ für Berlin vor. Als ihr in der Villa Romana aufgetreten seid, wusste ich kaum, was mich erwartete. Und am Ende blieb ein wahnsinnig starkes Nachbild von dieser dichten Situation in einer kalten Nacht. Könnt Ihr schon etwas verraten?

[18:19:07] OW: Wir konnten uns mit Rosa (Barba), Jan (St. Werner) und Klaus noch nicht beraten. Rosa und Jan reisen hin und her und müssen ihre Arbeit auf das Intensivste vertreten, Klaus hat ein Baby; auch wir sind über die Ohren eingedeckt mit Deadlines, aber wir können wenigstens mit einander reden.

[18:22:05] IW: In den vergangenen Veranstaltungen hat sich bewährt, dass wir paarweise so verschieden sind; das verbindende Element war persönliche Sympathie. Die Spannungen kamen aus den natürlichen Kontrasten und es hat sich bewährt, dass wir jeweils nur knapp vor dem Auftritt Rezepte austauschten.

[18:25:18] AS: Aber du weißt ja schon, was du kochen wirst, Kalbsfüße. In Florenz war es ein falscher Auerhahn. Wo findest Du diese Rezepte, was interessiert Dich an diesen "vergessenen" Gerichten?

[18:28:26] IW: Ich habe viel in alten Kochbüchern gelesen und finde das Kochen der Alten spannender als die heutige Hauben-Kocherei. Das ist ein Begriff für einen Standard, der von den "Gourmet"-Medien durchgesetzt wurde. Alle Restaurants mit Hauben sehen mehr oder weniger gleich aus und bieten mehr oder weniger dasselbe; das Gebotene ist sauber, hat Namen und Marken, die man kennt. Der Wiener Ausdruck dafür ist "aufgemascherlt": viel Beiwerk und wenig Substanz, dafür teuer.

[18:29:51] AS: Du kochst bei der Performance vor und für das Publikum, aber es gibt auch einen Film, wo man sieht, wie du das Fleisch zerlegst, und in Florenz hast Du Deine Gobelins in einen Baum gehängt. Wo fängt das Kochen an und wo hört die Kunst auf?

[18:30:06] IW: Vielen Leuten heute graust es vor solchen an sich durchaus reinen und gesunden Teilen wie Kalbs- oder Schweinefüßen, und das macht mir Spaß. Das ist eben die Koch-Kunst ... „Kunst ist, wenn man‘s trotzdem macht“.

[18:31:22] IW: Einen Film über die Zubereitung des Kalbsfußglibbers werden wir auch machen und während unseres Auftritts zeigen.

[18:32:56] IW: Wir sollten übrigens auch wissen, dass, was ich anbieten werde, in der traditionellen spanischen Küche (und auch in der türkischen, wie eben früher auch in der österreichischen) zum Standard gehört.

[18:33:59] AS: Noch ein PS zu den unreinen Füßen: Ist das ein Ergebnis der Steak-Kultur, dass in Deutschland die normale Verwertung von allem Fleisch unterschlagen wurde? In Italien findet man auf den Märkten ja auch noch Füße und Kuhköpfe und die 5 Mägen...

[18:34:02] IW: Die Steak-Kultur kommt aus Amerika. Ich hätte nie gedacht, dass sich der amerikanische Konformismus bis in den europäischen Alltag durchsetzen wird, aber jetzt haben wir es.

[18:34:17] AS: Wenn ich es richtig weiß, tretet Ihr jetzt zum 3. Mal gemeinsam auf. Du sagst schon, dass ihr "paarweise" so unterschiedlich seid und es ist ja ein Phänomen eurer Performance, dass da scheinbar Unzusammenhängendes gleichzeitig geschieht: Text und Glibberfüße, Elektro-Sound und andere Akustik und Materialien und Handlungen. Wie habt ihr zu den Wichteln und Wuchteln zusammen gefunden? Und wie kam der Name in die Welt?

[18:40:44] IW: Das vierte Mal. Mit "paarweise" meinte ich -- wie Du richtig verstehst -- dass je zwei von uns stark voneinander abweichen, also auch Rosa und Jan, Oswald und ich, Klaus und Oswald ... Das Unzusammenhängende hängen wir zusammen, indem wir während des Vortrags auf einander eingehen, z.B. mit einem Text eine musikalische Phrase beantworten. Fast Alles wird improvisiert sein, aber wir wissen (ungefähr ...!), womit sich die jeweils anderen beschäftigen.

[18:47:56] OW: Wichtel und die Wuchteln haben wir alle zusammen erfunden, als wir unser "Nicht-Kollektiv" benennen mussten (für eine CD aus Musik-Hohn). Ein Wichtel ist ein Wichtelmann, eine Wuchtel ist wienerisch für ein "Hefeteig-Süßgebäck"; für uns steckt natürlich auch das Wort "Wucht" drin. Wichtel ist jeder von uns; Wuchtel auch. Vielleicht auch so: Wir sind skeptische Freunde.

[18:53:48] AS: Wie ernährt Ihr Euch in Dawson? Was esst Ihr heute Mittag oder Abend?

[18:57:43] IW: Der Nachbar hat uns Deutsche Bank KunstHalle einen Lachs gefangen und geräuchert, von dem ist ein Stück zu Mittag dran. Am Abend gibt es einen Auflauf mit Ziegenkäse von einer Insel im Yukon-Fluß. Manchmal bekommen wir Gemüse aus einem benachbarten Glas-Beet. Im Laden im Dorf bekommt man nur US-amerikanisches Obst und Gemüse ohne Geschmack (manchmal, mit Glück, mexikanische Ware, die essbar ist).

[18:58:29] IW: Bis vor fünfzehn Jahren hat es überhaupt nur Tiefgefrorenes gegeben (wie auch jetzt noch in diversen kleinsten Indianer-Siedlungen).

[18:59:13] AS: Baut Ihr auch selbst Gemüse an? Und angelt und jagt?

[19:02:26] IW: Wir müssten mit dem Gemüse-Anbau im März beginnen, aber dazu haben wir sowieso keine Zeit und solange wir den Nachbar haben... er ist zum Fischen berechtigt, weil er mit einer Indianerin verheiratet war (außerdem ist er Trapper und Kapitän der Fähre über den Yukon, mit der wir ins Dorf fahren). Lachse gibt es kaum mehr, weil die Amerikaner am Unterlauf und vor der Mündung des Yukon alles leergefischt haben.

[19:05:35] IW: Jagen dürfen auch nur die Indianer, die dabei sind, die letzte große Caribou-Herde auszurotten, und die Großwild-Jäger aus Deutschland, der Schweiz und USA, die ein Vermögen für das Killen eines Bergschafs oder eines Grizzly zahlen (müssen).

[19:07:00] IW: Ansonsten ist ein jeder "legal resident" des Yukon Territory berechtigt, jährlich auf Antrag einen Elch zu töten, aber das machen wir nicht.

[19:07:29] AS: Ihr kommt Anfang September wieder zurück nach Europa. Dawson ist ja kein Paradies, wie Du beschreibst. Was zieht Euch immer wieder hin und her?

[19:12:49] OW: Wir haben hier ein winterfestes Haus gebaut und können sehr gut arbeiten - wenn wir einmal (was jährlich schwieriger wird) den Anreisestress überwunden haben. Dawson ist kein Paradies, aber das Land, die Wildnis, die Arktis gewissermaßen ums Eck, zwischen der Tundra und den ungeheuren Bergen (Sechstausender) ganz in der Nähe, das ist woanders nicht zu haben. Vergesst nicht, dass wir bis vor kurzem ein Flugzeug hatten und damit den ganzen Nordwesten von Amerika durchforscht haben.

[19:13:32] IW: Wir haben unzählige Fotos gemacht von allen möglichen Winkeln in Alaska (50 km Luftlinie von unserem Haus entfernt) und im Yukon etc.

[19:15:43] OW: Ich bekomme wegen Herz-Rhythmus-Schwierigkeiten keine medizinische Tauglichkeits-Bestätigung mehr. Vor drei Jahren haben wir unsere Cessna 182 verkauft.

[19:17:23] AS: Hast Du in Kanada den Pilotenschein gemacht? Als ihr ankamt?

[19:19:51] OW: Den ersten Pilotenschein habe ich in den siebziger Jahren in Deutschland gemacht und hier 1985 dann noch den kanadischen.

[19:19:56] IW: Dawson ist kein Paradies und die jährlich immer mehr werdenden Touristen (Dawson City ist das Zentrum des berühmten Goldrausches 1898) sind dabei, uns wieder ganz nach Europa zu vertreiben. Ein Art Center gibt es auch schon hier, neuerdings.

[19:20:24] AS: Wahnsinn. Wer ist denn auf diese Geschäftsidee gekommen?

[19:23:40] OW: Gute Frage! Aber sie beantwortet sich von selbst: Hier ist "Kultur" angekommen, weil es das Einzige ist, was die Indianer haben (fast alle, könnte man meinen, sind Künstler geworden), und weil die touristischen Besucher den Schichten angehören, bei denen die Kunst als Lebensfaktor ca. 1980 angekommen ist.

[19:20:58] AS: Und, Oswald: Gibt es Texte von Dir über das Fliegen?

[19:24:18] OW: Ich habe nie über Dinge geschrieben, die mich sentimental berührt haben.

[19:26:37] AS: Un abbraccio + bis bald in Berlin! Angelika

[19:27:37] IW: Wir grüßen herzlich zurück: Guten Abend!    

Süden
Villa Romana: Art, Music & Performance

27.8. – 8.9.2013
Deutsche Bank KunstHalle, Berlin

Finissage Performance
Wichtel und die Wuchteln,
"Heiße Füße"

8.9.2013
19:00
Deutsche Bank KunstHalle




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