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Der Mann, der die Pop Art erfand
London feiert Richard Hamilton


Er prägte den Begriff „Pop Art“ wie kein anderer, arbeitete zusammen mit Marcel Duchamp und scheute nie die Auseinandersetzung mit politischen Themen. Richard Hamilton, der mit zahlreichen Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, gilt als einer der bedeutendsten britischen Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts. Drei Jahre nach seinem Tod feiern ihn mit der Tate Modern und dem ICA gleich zwei Londoner Institutionen. Eddy Frankel über einen Pop-Art-Pionier, dessen Einfluss auf jüngere Generationen kaum zu überschätzen ist.


Es ist nicht gerade ein spektakuläres Bild. Stattdessen wirkt Richard Hamiltons Just What is it that Makes Today's Homes So Different, So Appealing? eher unruhig, widersprüchlich, beinahe vollgestopft mit Details und Motiven. Die 1956 entstandene Collage kommt leise, aber angriffslustig zur Sache – der Attacke auf Werbebilder, Konsumgüter und luxuriöse Haushaltsgeräte. Auf den ersten Blick scheint es kaum vorstellbar, dass ausgerechnet dieses Werk für eine ganze Generation zur Ikone wurde und den Grundstein für eine neue Bewegung legen sollte.

Und doch ist mit Bestimmtheit zu sagen, dass Hamiltons berühmtestes Bild den ersten Schritt hin zu dem markiert, was wir heute Pop Art nennen. Es waren Hamiltons Fußstapfen, in die Größen wie Andy Warhol und Roy Lichtenstein treten sollten. In den letzten Jahren ist das Interesse an Pop seitens der Museen wieder enorm gewachsen. Die internationalen Pop Art-Ausstellungen in der Tate oder dem Whitney Museum waren Publikumsmagneten. Für das Art Institute of Chicago war seine Lichtenstein Schau die erfolgreichste des letzten Jahrzehnts. Als sie im Anschluss von der Tate Modern übernommen wurde, brach sie auch dort alle Zuschauerrekorde. Die Blase der Pop Art ist weit davon entfernt zu platzen: In 2014 werden rund um den Globus sogar noch mehr Pop-Shows stattfinden.

Hamiltons Pionierrolle für die Entwicklung dieser Strömung ist in akademischen Kreisen unbestritten. Und doch hat er beim breiten Publikum längst nicht dieselbe Aufmerksamkeit erfahren wie seine bedeutend erfolgreicheren amerikanischen Zeitgenossen. Allem Anschein nach soll sich das nun ändern: Die Tate Modern präsentiert eine große Retrospektive der Arbeiten des 1922 geborenen Künstlers in Zusammenarbeit mit dem Institute of Contemporary Art (ICA), das zeitgleich zwei seiner Installationen aus den 1950er-Jahren zeigt.

So ist es nicht nur konsequent, dass auch das ICA bei dieser Wiederentdeckung eine zentrale Rolle spielt, denn eben hier nahm Hamilton am ersten Independent Group Meeting teil, wo er auf Künstler und Theoretiker wie Eduardo Paolozzi, William Turnbull und John McHale traf. Es waren die knallbunten amerikanischen Werbebilder, die Paolozzi bei diesem ersten Treffen projizierte, die Hamilton anregten, den Massenmarkt als Inspirationsquelle für seine eigenen Arbeiten zu nutzen. Die dort versammelten Künstler entwickelten eine Definition von Pop Art, die an Phänomene wie die Konsumwelt, das Starsystem Hollywoods und die Populärkultur anknüpfte. Als sie 1956 mit der bahnbrechenden Ausstellung This is Tomorrow in der Whitechapel Art Gallery erstmals öffentlich auftraten, sorgte ihre unverfrorene, signalhafte Ästhetik für Schockwellen in der Kunstszene. Hamiltons ikonische Collage, in der das Wort „Pop“ unübersehbar den überdimensionalen Lutscher in der Hand des halbnackten Bodybuilders zierte, wurde dort zum ersten Mal gezeigt.

Es ist beinah unmöglich, die exakten Ursprünge der Bewegung festzumachen. Unterschiedliche Quellen schreiben die Prägung des Begriffs „Pop“ mal McHale, mal Paolozzi oder eben Hamilton zu. Mark Godfrey, der Kurator der Tate-Retrospektive, erklärt, er stamme ganz allein von Hamilton. „Im Januar 1957 schrieb er einen Brief an die Architekten Alison und Peter Smithson. Darin listete Hamilton seine Stichworte in Sachen Pop Art auf: populär, flüchtig, jung, massenproduziert, sexy, big business, billig, überflüssig, witzig und glamourös – das waren seine Kriterien für Pop Art. Er prägte den Begriff. Natürlich erschien das Wort bereits im Jahr zuvor in seiner Collage und ich kann mir vorstellen, dass die Mitglieder der Independent Group schon damals darüber diskutierten. Aber es war dieser Brief an die Smithsons, der den Begriff wirklich prägte.“

Hamiltons Kunst entsprach vielen dieser Kriterien, nicht zuletzt dadurch, dass er Produktdesign zu Kunst erhob – inspiriert von Marcel Duchamps Ready-mades. Der französische Kunstrevolutionär zählte zu Hamiltons großen Helden und Freunden. Staubsauger, Fernseher, Tonbandgerät, Dosenfleisch – in Just What is it… sind sie ebenso wichtig wie alle anderen Bildmotive. Die Idee der Schönheit von Design, vom Kunstwerk als massenhaft produziertem Ready-made, kommt auch in Toaster (1967) aus der Sammlung Deutsche Bank deutlich zum Ausdruck – dem Bild eines Braun-Küchengeräts, kombiniert mit Texten aus Werbebroschüren. Hamiltons Bewunderung für Dieter Rams, den Chefdesigner von Braun, ist hier offensichtlich. Ebenso wie die Bezüge zu dem berühmt-berüchtigte Ready-made Fountain (1917), für das Duchamp ein handelsübliches, umgedrehtes Urinal zum Kunstwerk deklarierte. Das Beeindruckendste an Toaster ist jedoch, wie Hamilton sich kommerzielles Material für seine künstlerischen Zwecke aneignet. Er sah in kommerziellen Produkten dieselbe Schönheit wie in Bildern für Galerien – eine Idee, die später auch die Karrieren von Warhol, Lichtenstein und zahlreichen anderen Künstlern bestimmen sollte.

Doch Hamilton war alles andere als ein unkritischer Verfechter der Konsumgesellschaft. Stets gibt es einen satirischen Aspekt in seinen Arbeiten. „Er ist nicht völlig von den Werten des Konsumkapitalismus überzeugt, denn die meisten seiner politischen Arbeiten zeugen von einer eher linken Position“, erläutert Godfrey. „Zwar schätzt er die neuen Objekte der Konsumkultur, aber er betrachtet sie eben nicht nur positiv.“

Auch wenn die politischen Aspekte seiner Arbeiten erst im späteren Verlauf seiner Karriere offensichtlich werden, ist es vor allem die Vielfalt seiner Arbeiten, die ihn so interessant macht. Von den frühen Collagen über die ikonischen Darstellungen der Verhaftung seines Freundes Mick Jagger auf dem Gemälde Swingeing London 67 (1967) bis hin zu seinen späten Bildern experimentierte er unentwegt . Darin sieht Godfrey einen wesentlichen Grund für Hamiltons Aktualität: „Man interessiert sich für ihn, weil er ein Künstler ist, der sich auf komplexe Weise zwischen den Extremen bewegt – Werken über Designprodukte und Werken, die sich mit ernsten politischen Themen wie dem Irland-Konflikt und Tony Blairs Irak-Krieg auseinandersetzten.“ Der Kurator betont einen ganz entscheidenden Aspekt: Hamilton ruhte sich nie auf seinen Lorbeeren aus.

Diese Rastlosigkeit mag auch von seinem Idol Duchamp inspiriert sein. Die beiden Künstler freundeten sich in den 1960er-Jahren an, und Hamilton erhielt Duchamps Erlaubnis, Kopien von dessen Vitrinen-Arbeit Großes Glas (La Mariée mise à nu par ses célibataires, même) (1915-23) anzufertigen, sodass die zerbrechliche Arbeit auf Reisen gehen konnte. Tatsächlich ist die von Duchamp signierte Version der Tate Modern eine Kopie Hamiltons. Die Idee der Kopie zog später weitere Kreise – als Hamiltons eigene Collagen mit der Zeit ebenso fragil wurden. So hängt das Original von Just What is it… weiterhin an den Wänden der Kunsthalle Tübingen, während das in der Retrospektive gezeigte Werk eine Kopie aus dem Jahr 1992 ist. Dieses Infragestellen der Autorschaft, das Kopieren und die Aneignung von Bildern sind nicht nur für Hamiltons Werk charakteristisch, sondern für die gesamte Pop Art.

In einer Zeit großer politischer Konflikte entfachte Hamilton eine weitere Kontroverse – mit The Citizen (1982-83), einem Porträt des in Folge seines Hungerstreiks verstorbenen IRA-Aktivisten Bobby Sands. Damals machte ihn seine Bereitschaft, solch schwierige Themen anzugehen, zu einem Außenseiter in der britischen Kunstszene. Doch stets wandelte er sich, änderte die Richtung. So paraphrasiert sein Siebdruck Soft Blue Landscape aus der Sammlung Deutsche Bank Giorgiones berühmtes Landschaftsgemälde Das Gewitter (1505). „Die Botschaft der Ausstellung ist, dass die Pop Art nur eines von vielen interessanten und wichtigen Kapitel seines Lebens ist“, erklärt Godfrey.

Hamilton ist ein ebenso wichtiger wie prominenter Künstler. Aber lässt sich ein offensichtlicher Einfluss auch auf zeitgenössische Positionen erkennen – etwa auf Jordan Wolfson, Laure Prouvost oder auch Damien Hirst, die sich ebenfalls mit Themen wie Werbung und Medien- und Konsumgesellschaft beschäftigen? Vielleicht nicht. Und doch kann man eine direkte Linie von seinem Werk zu den Arbeiten zahlreicher Gegenwartskünstler ziehen. Hamilton fungiert als Pionier, als eine Art revolutionäre Vaterfigur, die Grenzen einriss und den Weg für heutige Künstler ebnete. Seine Arbeiten öffneten der Kunst den Zugang zu Ideen von Appropriation und der Auseinandersetzung mit der Konsumgesellschaft, die das zeitgenössische Kunstschaffen noch immer entscheidend prägen. Mark Godfrey: „Seinen Einfluss erkenne ich in ganz unterschiedlichen Positionen, etwa in den Fotografien von Christopher Williams, den Arbeiten und der Ausstellungspraxis von Mark Leckey oder bei Jeremy Dellers Pavillon auf der Biennale von Venedig mit seiner starken politischen Haltung. Andere interessieren sich wiederum für seine Bezüge zur Mode oder zu Roxy Music [Hamilton war an der Universität der Lehrer von Roxy Music-Sängers Bryan Ferry], oder seinen Einsatz von Polaroid-Fotos. Sein Werk ist reich an ganz unterschiedlichen Aspekten, an die die Jüngeren anknüpfen können.“ Wieder ist es Hamiltons Vielseitigkeit, die den Schlüssel für seine Wirkung zu bilden scheint. Er war stets weit davon entfernt, „nur“ ein Pop-Künstler zu sein.

Die beiden großen Ausstellungen in London sowie kleinere Shows, die zeitgleich etwa in der Alan Christea Gallery stattfinden, eröffnen dem Publikum zum ersten Mal die Möglichkeit, alle Aspekte von Hamiltons Schaffen an einem Ort kennenzulernen – eine Gelegenheit, die man sich nicht entgehen lassen sollte.


Richard Hamilton
Tate Modern
13.2. – 26.5.2014

ICA
12.2. – 6.4.2014

Alan Christea Gallery
14.2. - 22.3.2014




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