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„Die Farben waren mir nie stark genug“
Ein Besuch bei Nicolas Fontaine


In Nicolas Fontaines Gemälden trifft Glam-Rock-Ästhetik auf altägyptischen Totenkult. „Pimp my Ride to Heaven“ lautet dann auch der Titel seiner Ausstellung im Studio der Deutsche Bank KunstHalle. Oliver Koerner von Gustorf hat den Macht Kunst-Gewinner in seinem Kreuzberger Atelier getroffen.


Nicolas Fontaine ist ein Chamäleon. Als er mir an einem kalten Frühlingsnachmittag die Tür zu der riesigen Kreuzberger Altbauwohnung öffnet, in der er mit anderen Künstlern lebt und arbeitet, erkenne ich ihn nicht wieder. Bei der Verleihung des „Macht Kunst Preises“ im April 2013 wirkte er noch wie ein Mitte-Bohemien mit dunklen Haaren und Bart, Röhrenjeans und silbernen Sneakers. Jetzt steht mir eine komplett andere Person gegenüber: ein wasserstoffblonder, androgyner Goth-Waver. „Es passiert mir sehr oft, dass Leute mich nicht wiedererkennen“, sagt Fontaine etwas später mit einem leichten Grinsen. „Jedes Mal, wenn ich sie treffe, habe ich eine neue Frisur oder Haarfarbe oder ein neues Outfit. Ich selbst merke das nicht mehr, denn ich mache das schon, seitdem ich achtzehn bin. Damals war ich mit meiner Freundin in Montreal viermal die Woche auf Glam-Rock-Partys unterwegs. Unser Motto: Niemals zweimal das gleiche Outfit! Wir hatten wirklich Spaß.“  

Eine Hälfte von Fontaines Studio strahlt in Weiß, die andere ist Schwarz gestrichen. Aus den Boxen schallt ein Elektro House Mix von Rihanna. Und tatsächlich wirken auch seine Bilder an den Wänden im ersten Moment wie verkleidet, oder besser, wie im Fummel. Über und über mit Glitter bedeckt, funkeln sie im Scheinwerferlicht wie Kostüme von Glam-Rock-Bands oder Las Vegas Show-Acts. Pimp my Ride to Heaven ist der Titel des riesigen, eigens für die Ausstellung in der Deutsche Bank KunstHalle konzipierten Gemäldes, an dem Fontaine gerade arbeitet. Die Motive, mit denen der seit fünf Jahren in Berlin lebende Kanadier seinen Himmelstrip ausstattet, könnten wirklich von der Kühlerhaube eines frisierten Autos stammen. Vor einer stilisierten Feuersäule steigt eine nackte Frau in ein wahres Trash-Jenseits auf. Zwischen ihren Beinen schlängeln sich die Noten von Mozarts Requiem, während ihr gerade ein Pumps vom Fuß gleitet. Umschwirrt wird sie von Alien-artigen Wesen und New-Wave-Symbolen, die den Flair von Miami Vice verströmen: aufschäumende Sektflasche, Palme, Orangenscheibe. Unter ihr treibt ein Boot, das an das Schiff erinnert, in dem in der altägyptischen Mythologie die Seelen ins Totenreich reisen. Die goldenen Türklopfer in Löwenkopfform, die eine Kette mit Schloss zwischen ihren Mäulern halten, wirken allerding wie die Wächter eines Totenreiches, in dem nicht Osiris, sondern Versace und Chanel regieren.

Tod und Vergänglichkeit waren für Fontaines Kunst schon immer bestimmende Themen. So wird er Pimp my Ride to Heaven in der gleichnamigen Ausstellung in der Deutschen Bank KunstHalle tatsächlich in einer Art Grabkammer zeigen. Den Mittelpunkt der Ausstellung bildet ein mit Autolack und Neon „aufgepimpter“, prunkvoll verzierter Sarg, auf dem sich die Motive seiner jüngsten Gemälde-Serie wiederholen. Dabei können die Titel der Bilder, etwa Satana yo te boco (2014), auch von Songs stammen, die Pedro Almodovar Anfang der 1980er mit seiner Elekto-Punk-Band Almodóvar y McNamara performte. Ähnlich wie die Filme des spanischen Regisseurs führt auch Fontaines Malerei ganz offensiv über die Klippen des „guten“ Geschmacks.

Doch seine Gemälde vermitteln auf sehr faszinierende Weise beides – totale Oberflächlichkeit und subtile Tiefe. Denn bei genauerem Hinsehen wirken die Motive eher wie assoziative Platzhalter in einer semi-abstrakten, im Grunde sehr formalen Komposition. Und die ist erstaunlicherweise nicht unbedingt von Wave-Kitsch, sondern vielmehr von den tektonisch-synthetischen Kompositionen inspiriert, die Wassily Kandinsky in den 1930er Jahren in Paris entwickelte. Die Nähe ist frappierend: In seinem Spätwerk ließ Kandinsky nicht nur semi-abstrakte Formen vor farbigen oder schwarzen Hintergründen schweben, die an Gegenstände oder Lebewesen erinnern, sondern mischte auch feinen Sand in die Farbe, um eine andere Oberflächenstruktur zu erzielen. Kandinsky und auch Miro waren bereits zu Studienzeiten Fontaines große Vorbilder, doch damals „war es an der Kunsthochschule verboten so zu malen, zu klischeehaft.“

Nach Jahren, in denen er an der Zentralperspektive festhielt, ist seine jüngste Serie ein weiterer Schritt hin zu einer malerischen Befreiung, bei der Konstruktion und Rhythmus bestimmend sind. Damit steht Fontaine sogar in einer Art Familientradition, denn sein Großonkel Jean-Paul Jérôme war einer der ersten geometrischen Maler in Kanada. Mitte der 1950er Jahre wurde er als Mitglied der Künstlergruppe Les Plasticien international bekannt. Der Glitter, der im heutigen Kunstbetrieb sehr häufig mit „Queerness“ in Verbindung gebracht wird, ist für Fontaine eher ein formales Mittel: „Ich habe zunächst mit Acryl und Öl gearbeitet und dabei immer versucht, möglichst intensive Farben hinzubekommen. Aber sie waren mir nie stark genug. Mit dem Glitter bekomme ich diese Intensität der Farbe und Leuchtkraft und außerdem dieses Element der Interaktivität, denn mit jeder Bewegung des Betrachters ändert sich die Farbigkeit und das Gefühl von räumlicher Tiefe.“

Bilder, das sind für Fontaine immer auch Objekte. Er ist durch und durch Maler, doch hat er seine Gemälde immer wieder in raumfüllenden Installationen in Kombination mit Objekten und Skulpturen präsentiert oder sie mit opulenten, mit Swarovski-Kristallen besetzten Rahmen ausgestattet. Erstaunlich ist, wie ungezwungen er dabei mit der Malerei umgeht, geometrische Abstraktion mit Aspekten von Popkultur, Outsider-Art, Kunstgeschichte, Mode oder Spiritualität auflädt. Das Streuen der Kristalle auf die noch nassen Farbflächen erinnert ihn an den meditativen Prozess, der auch bei der Herstellung von Mandalas im Vordergrund steht. Die glitzernden Glaspartikel haben für ihn ganz bestimmte Bedeutungen: „Als ich klein war, hatte ich eine Steinsammlung und Kristalle. Manche Steine waren geologisch interessant, andere hatten bestimmte Heilwirkung in der New Age Kultur. Zugleich faszinierten mich immer schon die aufwändigen, mit Edelsteinen und Kristallen besetzten Bildrahmen des Barock. Der Auswahl der Materialien wie Steinen oder Samt wurde große Bedeutung beigemessen. Diese wertvolle Ausstattung spielt auch in der Volkskunst eine große Rolle, etwa in Kambodscha, wo meine Ex-Freundin herkommt. Dort sind die Menschen sehr arm. Dennoch ist es ihnen sehr wichtig, dass ihre Tempel schön sind. Sie werden mit Blattgold und Malerei verziert. Das ist etwas, das bleibt. Wenn etwas sehr schön und fein gemacht ist, dann besteht es für andere weiter, für eine längere Zeit, auch nach dem Tod.“ Ob er denn Angst vor dem Tod habe, frage ich. „Nein“, entgegnet Fontaine, „denn das ist kein Ende, sondern nur ein Punkt in einem Text. Ein Punkt hinter einem Satz, und du willst dein ganzes Leben lang den schönstmöglichen Satz machen.“

Der Gedanke einer liebevoll ausgeschmückten Kunst, die aus großer innerer Notwendigkeit, aus Spiritualität, als „Lebenswerk“ entsteht, verbindet Fontaine mit den Outsider-Künstlern, die seine Arbeit beeinflusst haben. Dazu gehört Augustin Lesage (1876-1954), der 1911 als 35-jähriger Bergarbeiter eine Stimme im Dunkeln hörte, die ihm verkündete, er würde eines Tages Künstler werden. Lesage, der nur einmal im Leben ein Museum betreten hatte, begann Kontakt zum Geisterreich aufzunehmen, wobei ihm eine Stimme aus dem Jenseits genau instruierte, was und wie er zu malen hatte, welche Farben und Materialien er kaufen sollte. Bestimmte Aspekte seines detailreichen Stils finden sich auch immer wieder in Fontaines Werk, wie etwa symmetrische und ornamentale Formen, die auch an ägyptische oder orientalische Kulturen erinnern.   

Wie bei Lesage schließen sich für Fontaine Spiritualität, formale Kühnheit und kommerzieller Erfolg nicht aus. Nach nur wenigen Jahren war Lesage in der Lage sich ausschließlich von seiner Kunst zu ernähren, 1948 wurde er von Jean Dubuffet entdeckt, der eine seiner „historischen“ Leinwände für 50.000 Franc für seine Art Brut Sammlung erwarb. Und auch Fontaine arbeitet bereits sehr erfolgreich. Gerade erst dieses Jahr hat er sein Studium an der Kunsthochschule Weißensee abgeschlossen, doch in seiner Heimat Montreal ist er bereits in ein Netz aus Sammlern und Institutionen eingebunden. Noch ohne Galerievertretung hat er im letzten Sommer bereits fast 30 Bilder verkauft. Fontaine ist ein Arbeitstier. Hier in Berlin hat er sich bislang nur aufs Studium konzentriert und fängt – was den Markt betrifft – „gerade erst an“. Er pflegt Kontakte zu Malern und Galeristen und hofft, dass sie auch in die KunstHalle kommen. Ein Museumsdirektor aus Zürich hat bereits eine Arbeit von ihm erworben. Insofern kommt seine Ausstellung Pimp my Ride to Heaven genau richtig. Damals, als er den Flyer für „Macht Kunst“ fand, erzählt Fontaine, hat er einfach gedacht „Why not?“ und zwei Tage nicht geschlafen, um eigens für die Aktion ein Bild zu malen und sich dann einen Tag lang in klirrender Kälte in der Schlange vor der Deutsche Bank KunstHalle anzustellen. Zeit, Geld, Leidenschaft – Fontaine steckt ganz selbstverständlich alles in seine Arbeit. Als ich ihn frage, warum ihm das so leicht fällt, antwortet er: „Ich nehme meine Arbeit sehr ernst, mich selbst aber nicht.“


Nicolas Fontaine. Pimp My Ride to Heaven
25.4 – 11.5.2014
Studio der Deutsche Bank KunstHalle
Berlin




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