ArtMag by Deutsche Bank Deutsche Bank Gruppe  |  Verantwortung  |  Kunstprogramm  |  Deutsche Bank KunstHalle  |  English  
Home Feature On View News Presse Archiv Service
Diese Kategorie enthält folgende Artikel
Zwischen Mythos und Realität - Victor Mans existenzielle Malerei
"Das kontemplative Kunsterlebnis findet nicht mehr statt" - Olaf Nicolai über die Zukunft der Biennalen
MACHT KUNST - Die Preisträger - Versteckspiele: Die Selbstporträts von Annina Lingens
Eine amerikanische Angelegenheit - Ein Gang über die Whitney Biennale 2014
Let's talk: Dayanita Singh & Gerhard Steidl über die hohe Kunst des Büchermachens
Six Feet Under - Warum feiert die Gegenwartskunst so gerne Alte Meister und vergessene Outsider?
"Optimismus ist Teil einer revolutionären Einstellung" - Drei Fragen an Sydney Biennale-Leiterin Juliana Engberg
Die Sprache der Kunst neu denken - Die Whitney Biennial 2014 erweitert den Diskurs
Der Mann, der die Pop Art erfand - London feiert Richard Hamilton
Dunkle Metamorphosen - Victor Man ist Künstler des Jahres 2014
MACHT KUNST - Die Preisträger - "Die Farben waren mir nie stark genug": Ein Besuch bei Nicolas Fontaine
MACHT KUNST - Die Preisträger - Lena Ader: Eine gewisse Stärke

drucken

weiterempfehlen
MACHT KUNST – Die Preisträger
Versteckspiele: Die Selbstporträts von Annina Lingens


Ich bin eine andere: Auf ihren Selbstporträts verkörpert Annina Lingens Künstlerinnen wie Nan Goldin oder Sarah Lucas. Jetzt sind die Arbeiten der MACHT KUNST-Preisträgerin im Studio der Deutsche Bank KunstHalle zu sehen. Achim Drucks hat die Künstlerin zum Gespräch getroffen.


Herausfordernder Blick, androgyner Look: Breitbeinig sitzt die junge Frau in einem Sessel und fixiert den Betrachter. Auf ihrem schwarzen T-Shirt hat sie zwei Spiegeleier platziert – genau dort, wo sich ihre Brüste befinden. „Kenne ich“, denken wahrscheinlich viele beim Anblick dieser Fotografie. Doch wir sehen hier eben nicht das ikonische Sarah Lucas-Bild aus den 1990ern. Vielmehr hat Annina Lingens Self Portrait with Fried Eggs nachgestellt, als Teil ihre Serie me / copy, für die sie 13 weitere Selbstporträts von unterschiedlichen Fotografinnen re-inszenierte. Auf jedem Bild schlüpft Lingens selbst in die Rolle der jeweiligen Künstlerin: Als Nan Goldin blickt sie versonnen aus einem Zugfenster, als Rineke Dijkstra steht sie verunsichert in einem Duschraum. Selbstbewusst mustert sie uns auf einem „Selfie“, das allerdings nicht per Smartphone entstand, sondern mit einer simplen Pocketkamera. Genau so, wie es Tina Bara, eine Fotografin aus der oppositionellen Prenzlauer Berg-Szene der späten DDR, gemacht hat. Denn Lingens stellt nicht nur die einzelnen Motive akribisch nach, sie nutzt auch die jeweiligen Aufnahmetechniken der zwischen 1863 und 2007 entstandenen Vorlagen.

Die Idee zu dieser Serie, mit der sich die MACHT KUNST-Gewinnerin jetzt im Studio der Deutsche Bank KunstHalle vorstellt, lieferte ihr ein 1927 entstandenes Bild von Claude Cahun: „Beim Durchblättern eines Fotobuchs sah ich eines ihrer Selbstporträts und dachte unwillkürlich ‚Oh, das bin ja ich‘“, erklärt sie im Gespräch am Küchentisch ihrer Altbauwohnung in Berlin-Treptow. „Das Gesicht, der Körper, ihre Art zu sitzen – das alles erinnerte mich an mich selbst.“ Doch anders als Cahun, eine Künstlerin aus dem Umfeld der Surrealisten, die sich selbst als Wesen jenseits der Geschlechter inszenierte, steht für Lingens bei me / copy nicht die Auseinandersetzung mit weiblichen Rollenbildern im Vordergrund. „Ich möchte da nichts gewollt in Frage stellen. Mich interessieren vielmehr die Selbstdarstellungen der einzelnen Frauen. Natürlich beschäftigen sich einzelne dieser Künstlerinnen mit Rollenbildern, etwa Sarah Lucas. Das ist dann aber vorrangig ihr persönliches Thema. Zwar mache ich es durch die Kopie, durch den Moment, in dem ich ihre Rolle einnehme, auch zu meinem Thema. Doch mir geht es primär um Ähnlichkeit oder darum, ob ich Empathie für die Frau auf dem Bild empfinde.“

Bei ihren Re-Inszenierungen verzichtet Lingens auf Perücken oder auffälliges Make-Up. Das unterscheidet sie von Cindy Sherman, dem Vorbild aller Verwandlungskünstlerinnen. Aber auch von jüngeren Positionen wie Gillian Wearing, die auf ihren Selbstporträts Mitglieder ihrer Familie darstellt, oder von Nikki S. Lee, die sich in ihrer Fotoserie Projects als ein wahres Chamäleon entpuppt. Lee wird Teil unterschiedlicher Gruppierungen wie Punks, Yuppies oder Latinos, um sich dann im entsprechenden Look zusammen mit ihren neuen Freunden fotografieren zu lassen. Dagegen bleibt Lingens auf ihren Bildern immer als sie selbst erkennbar. Doch bricht sie mit ihren Rollenspielen zugleich mit dem traditionellen Verständnis des Selbstporträts als authentischem Ausdruck einer Person „so wie sie ist". In dieser Ambivalenz liegt der Reiz der Serie, bei der sich die Bilder in ihrer Gesamtheit zu einem Statement über die Künstlerin verdichten. „Diese Auswahl spiegelt verschiedene Facetten meiner Persönlichkeit, sagt etwas über mich aus. Trotzdem verschwinde ich hinter den verschiedenen Identitäten, auf keinem Bild sieht man einfach nur mich.“

Dem Thema des Sich-Versteckens begegnet man häufig im Werk der 1983 geborenen Künstlerin. Auch die Selbstporträts ihrer Serie Sometimes I think (2010) verweigern sich den Konventionen des Genres – ganz einfach dadurch, dass Lingens ihren Kopf so weit nach hinten beugt, dass ihr Gesicht nicht mehr zu sehen ist. Gerade der Teil des Körpers, aus dem wir so gerne die Persönlichkeit des oder der Porträtierten herauslesen, wird uns vorenthalten.

Auf andere Weise setzt sich diese Verweigerung sich zu zeigen auch in der Serie Heimat I (2011) fort. Die Motive dazu fand Lingens in ihrem Heimatdorf in der Norddeutschen Tiefebene. Es sind merkwürdig unpersönlich wirkende Einfamilienhäuser, die sich hinter ihren Wacholder- und Buchenhecken zu verstecken scheinen. Den fast surrealen Eindruck dieser Aufnahmen steigert die Künstlerin bei ihrem Nachfolgeprojekt Heimat II. Hier ließ Lingens die Fenster und Türen der Häuser am Computer verschwinden, so dass nur noch undurchdringliche Fassaden übrig bleiben.

Als diese Bilder entstanden, hatte sie der norddeutschen Tiefebene schon lange den Rücken gekehrt. Zunächst studierte Lingens im englischen Leeds klassischen Bühnentanz. Doch eine Knieverletzung zwang sie dazu ihren ursprünglichen Plan Tänzerin zu werden, aufzugeben. Lingens ging nach Amsterdam, wo sie Performance Arts an der Kunsthochschule sowie Freie Kunst an der Gerrit Rietveld Academie studierte, wobei sie sich vor allem auf Fotografie und Film fokussierte.

Nicht nur in me / copy mischt Lingens ihre beiden Studienschwerpunkte Performance und Fotografie. Für ihr aktuelles Projekt Prototyp, das bei seiner Vollendung rund siebzig Arbeiten umfassen soll, hat sie sich erneut Bilder angeeignet – Aufnahmen von psychisch Kranken, die bis in die 1950er Jahre, häufig gegen den Willen der Patienten, angefertigt wurden. Der Zwang, unter dem sie entstanden, ist diesen Bildern anzusehen. „Visuelle Gewalt“ – so charakterisierte sie die Medienwissenschaftlerin Susanne Regener, die Annina Lingens mit ihrem gleichnamigen Buch zu dieser neuen Werkserie anregte. „Es sind Selbstporträts, doch es geht hier nicht um mich, sondern darum, dass mit diesen Bildern bestimmte Prototypen von Schizophrenen oder Depressiven entworfen wurden, die dazu dienten, Menschen bestimmten Gruppen zuordnen zu können.“

Diese Kategorisierung ist auch das Thema von Kinderaltar, einer großformatigen Fotoarbeit, für die Lingens bei MACHT KUNST ausgezeichnet wurde. Sie basiert auf Bildern, die während eines Ringerturniers für Kinder entstanden, bei dessen Zweikämpfen es am Ende nur Sieger oder Verlierer gibt. Lingens fotografierte die Verlierer, die ihre Frustration über die Niederlage regelrecht herausschreien. Diese Porträts integrierte sie in ein Ensemble, wie man es millionenfach nicht nur in deutschen Wohnungen findet: Eine Kommode mit gerahmten Familienfotos, Trockenblumen, Kerzen und Porzellanfigürchen. Lingens bestückte dieses Arrangement aus der Wohnung einer älteren, befreundeten Frau mit ihren eigenen Aufnahmen und fotografierte es ab: Statt wie erwartet mit Familienglück und brav lächelnden Enkeln werden wir mit einer Ansammlung weinender, verzweifelter Kinder konfrontiert, die jede Vorstellung von einer heilen Welt torpediert.

Fast hätte sich Lingens gar nicht an der Aktion MACHT KUNST beteiligt. „Ich war damals etwas angeschlagen und als ich diese riesige Schlange von Leuten vor der KunstHalle sah, bin ich mit dem Bild wieder nach Hause gefahren. Abends dachte ich dann plötzlich: Mist, irgendwie glaube ich, ich gewinne. Am nächsten Tag wartete zum Glück niemand mehr und ich konnte den Kinderaltar sofort abgeben.“ Gewonnen hat Lingens dann tatsächlich. Manchmal muss man eben einfach seiner Intuition vertrauen.


Annina Lingens: me / copy
16.5. – 1.6.2014
Studio der Deutsche Bank KunstHalle
Berlin




Newsletter
Bleiben Sie immer Up to Date in Sachen Gegenwartskunst – mit ArtMag. Abonnieren Sie hier unseren Newsletter.
 

Alternative content

Get Adobe Flash player

On View
Moderne, Mystik, Malereigeschichte: Victor Man in der Deutsche Bank KunstHalle / Musen und Models - Lagerfeld trifft Feuerbach / Überwältigende Aufrichtigkeit: Pawel Althamer im New Museum
News
Zucker ist nicht immer süß - Kara Walker in New York / Open House: Deutsche Bank beteiligt sich zum zehnten Mal an der Initiative "Kunst privat!" / Revolutionär: Das Logo der Deutschen Bank feiert seinen 40. Geburtstag / Internationale Kunst, Fußball und ein Hotel auf Zeit: Die Deutsche Bank ist Hauptsponsor der Frieze New York / Träume und Utopien - Deutsche Bank ist Partner der 19. Biennale von Sydney
Presse
"Linien zum Leben erwecken" - Die Presse über The Circle Walked Casually in der Deutsche Bank KunstHalle
Impressum  |  Rechtliche Hinweise  |  Zugänglichkeit  |  Datenschutz  |  Cookie Notice
Copyright © 2016 Deutsche Bank AG, Frankfurt am Main


+  ++  +++