ArtMag by Deutsche Bank Deutsche Bank Gruppe  |  Verantwortung  |  Kunstprogramm  |  Deutsche Bank KunstHalle  |  English  
Home Feature On View News Presse Archiv Service
Diese Kategorie enthält folgende Artikel
Moderne, Mystik, Malereigeschichte: Victor Man in der Deutsche Bank KunstHalle
Musen und Models - Lagerfeld trifft Feuerbach
Überwältigende Aufrichtigkeit: Pawel Althamer im New Museum

drucken

weiterempfehlen
Überwältigende Aufrichtigkeit:
Paweł Althamer im New Museum


Bei seiner Schau im Deutsche Guggenheim, der heutigen Deutsche Bank KunstHalle, waren sie 2011 erstmals zu sehen. Inzwischen sind die lebensgroßen, aus Kunststoff gefertigten Porträtskulpturen zu Paweł Althamers Markenzeichen geworden. Nach der Biennale in Venedig erobern sie nun das New Museum. Karen Archey über die erste US-Retrospektive des polnischen Künstlers, in dessen Arbeit sich die Grenzen zwischen Kunst und Leben auflösen.


Wer meint, dass figurative Skulptur und soziale Interaktion völlig gegensätzliche Kunstformen sind, liegt grundsätzlich richtig – nicht aber im Falle von Paweł Althamer. Seine aktuelle Werkschau im New Museum veranschaulicht das breite Spektrum seiner Arbeiten. Und das reicht von aus Tiereingeweiden gefertigten Selbstporträts bis hin zu Straßenmusikanten und Videos, die den Künstler unter dem Einfluss diverser illegaler Substanzen zeigen. Zudem gibt es einen Raum, in dem sich die Ausstellungsbesucher mit Graffiti verewigen können, und eine „Manteltausch-Aktion“ zugunsten eines in der Nachbarschaft des New Yorker Museums gelegenen Obdachlosenheims.

„Ich bin kein Bildhauer“, erklärt Althamer dann auch im Gespräch mit Kurator Massimiliano Gioni, dem Associate Director des New Museum. „Ich betrachte meine Skulpturen als Totems. Sie zeigen, dass der Prozess gerade im Fluss ist und niemals endet. Die Arbeiten dienen dazu, Menschen miteinander in Kontakt zu bringen und ihnen ein gemeinsames Erlebnis zu ermöglichen.“ Ähnlich wie bei Konzeptkünstlern geht es hier also vor allem um Ideen und soziale Prozesse und weniger um traditionelle Medien wie Malerei oder Skulptur. Althamers Arbeiten entstehen aus dem Bedürfnis heraus, mit ganz unterschiedlichen Gruppen emotionale Verbindungen einzugehen und Räume zu schaffen, die Einfühlungsvermögen und zwischenmenschlichen Austausch fördern. „Meine Rolle besteht darin zu integrieren“, erklärt der Künstler. „Das ist nur ein Job und eigentlich die ursprüngliche Funktion des Künstlers – sie reicht ganz weit zurück zur Arbeit des Magiers oder Schamanen.“ Ideen, die bereits für Joseph Beuys eine ganz zentrale Rolle spielten. Althamer transportiert mit seinen „sozialen Plastiken“ den von Beuys in den Sechzigern entwickelten „erweiterten Kunstbegriff“ in die Gegenwart.

Althamers Engagement, die Betrachter zu aktivieren und sie unmittelbar in seine Arbeiten mit einzubeziehen, kommt nicht nur im Ausstellungstitel The Neighbors, die Nachbarn, zum Tragen. Vor allem der Draftsmen’s Congress, der „Zeichenworkshop“ im obersten Stockwerk des New Museums, steht für seinen partizipativen Ansatz. Die Aktion, die erstmals 2012 im Rahmen der Berlin Biennale stattfand, entwickelt sich gerade zum Publikumsfavoriten. Althamer lädt die Besucher dazu ein, die weißen Museumswände zu bemalen und zu bekritzeln. Utensilien wie Stifte, Farben, Pinsel und Leitern stehen dafür bereit. Einige dieser so entstandenen Graffiti gehen in eine künstlerisch ambitionierte Richtung, in der Art impressionistisch angehauchter Porträts und Zeichnungen von Bäumen. Andere Besucher werden emotional: „WILL YOU LOVE ME IN THE MORNING?“ oder nutzen die Gelegenheit für Werbung in eigener Sache: “MUSEUM TEEN SUMMIT! Follow us on FB, Twitter, Instagram, Tumblr.” Im Verlauf der Ausstellung überlagern sich die Zeichnungen und Slogans zu einer Art Landschaft – einem kollektiven Bild, das den unterschiedlichen Besuchern eine gemeinsame Stimme gibt. Zugleich verweist Draftsmen’s Congress darauf, dass die Graffiti im realen, physischen Raum zunehmend von denen in der virtuellen Sphäre verdrängt werden: So ersetzen Facebook Walls heute die Wände in öffentlichen Waschräumen.

Eine andere „Arbeit zum Mitmachen“ ist Black Market – ein Workshop für das Schnitzen von Ebenholz, den Althamer 2007 in der Berliner Galerie neugerriemschneider organisierte. Im New Museum sind die Ergebnisse dieses Workshops zu sehen: Eine große schwarze Figur rücklings auf einer Transportpalette, umgeben von einem Ensemble anderer geschnitzter Skulpturen, die an traditionelle afrikanische Kunst erinnern. Für Black Market arbeitete Althamer mit einer Gruppe in Warschau lebender Afrikanern zusammen, die keinerlei Erfahrungen mit der Produktion derartiger Objekte hatten. Der Workshop in Berlin fungiert somit als ironische Replik auf die weit verbreitete Meinung, dass den afrikanischen Mitstreitern die Fähigkeit solche Artefakte zu Schnitzen naturgemäß im Blut läge.

Hier stellt sich die Frage, ob Althamer die Mitwirkenden seiner Aktionen und Workshops möglicherweise ausbeutet. Nicht genug, dass er die Kunstwerke von anderen produzieren lässt. Er betont auch noch die Gegensätze Schwarz und Weiß, Migrant und Einheimischer, gelernt und ungelernt. Diese Dualität kennzeichnet auch zwei weitere Aktionen, die im Rahmen der Ausstellung stattfinden: Bei Coat Drive erhalten Museumbesucher freien Eintritt, wenn sie einen neuen oder kaum getragenen Mantel für die Bowery Mission, ein Obdachlosenheim, spenden. Für The Musicians beauftragt Althamer Straßenmusiker, in der Eingangshalle des Museums zu spielen, wobei ihre Musik auch in den Ausstellungsbereich im dritten Stockwerk übertragen wird. Im Zentrum steht hier die Zweiteilung zwischen bekleidet und unbekleidet, wohlsituiert und obdachlos, öffentlich und privat. Althamers ethische Haltung bietet Zynikern einiges an Angriffsfläche. In The Neighbors spürt man hingegen eine überwältigende Aufrichtigkeit. Im Gespräch mit Massimiliano Gioni erzählt Althamer, dass einer der wichtigsten Wendepunkte seines Lebens war, als ihm während seines Studiums eine entscheidende Sache bewusst wurde: Nämlich, dass er kein besonders guter Akademiker ist. Seine wahre Begabung läge vielmehr darin, Menschen kennenzulernen und sich mit ihnen anzufreunden – ein Aspekt, der seine gesamte künstlerische Praxis prägt.

Besonders eindrucksvoll sind Althamers Skulpturen oder “Totems” – meist Selbstporträts oder Bildnisse seiner Freunde, Verwandten oder Nachbarn. Sie bestehen aus organischen Materialien, die sowohl für den Betrachter als auch die Restauratoren eine echte Herausforderung darstellen können: Hanf, Haar, Keramik, Wachs, Tierinnereien, Stroh und Fell. Für das Porträt seiner kleinen Tochter Weronika verwendete er sogar einen echten Totenschädel. Diese seit 1989 entstehenden Arbeiten sind überaus sorgfältig komponiert und wirken dabei fast surreal, manchmal sogar abstoßend. Self Portrait (1989/2013) besteht aus in der japanischen Raku-Technik gebrannten Keramikplatten, deren Oberflächen an Stoffe oder Rüstungen erinnern. Mit Lederbändern sind sie an einem aus Metall gefertigten Rumpf befestigt. Sein Self Portrait as the Billy Goat (2011) entpuppt sich als menschengroßer Ziegenbock, der in der Pose von Rodins Denker auf einem Styroporblock sitzt und über das Leben – vielleicht sogar auch über die Porträts um ihn herum – zu sinnieren scheint.

In seiner jüngsten, 50-teiligen Serie The Venetians (2013) kombiniert Althamer seine Vorliebe für Skulpturen in gemeinschaftlicher Zusammenarbeit. Er betraute die Plastikfabrik seines Vaters im polnischen Wesola mit der Herstellung einer Gruppe lebensgroßer Porträts von Menschen, die er in den Straßen von Venedig kennengelernt hatte. Er zeigt sie als geisterhafte Figuren, ihre maskenhaften Gesichter sitzen auf Körpern, die nur aus Knochen, Muskeln und Sehnen bestehen, nachgeformt aus dunkelgrauem Kunststoff.

Die Kooperation mit der Fabrik seines Vaters begann 2011 mit Althamers Ausstellungsprojekt Almech, seiner Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim. Hierfür formte er die Gesichter des Museumspersonals, von Besuchern sowie Mitarbeitern der Deutschen Bank und der Guggenheim Foundation ab. Zugleich drehte er auch hier die Verhältnisse um und verlegte die Produktionsstätte seiner Skulpturen temporär in die Berliner Ausstellungshalle. Analog dazu trug das Deutsche Guggenheim während der Schau den Namen der Plastikfabrik, Almech. Die Produktionsstätte in Polen firmierte hingegen als Deutsche Guggenheim. Im Verlauf der Ausstellung schuf Althamer ein monumentales kollektives Porträt, das das Deutsche Guggenheim sozusagen mithilfe seiner Mitarbeiter und Besucher definiert. Dabei entstand nicht nur ein statisches Kunstwerk, sondern auch ein Gefühl von Gemeinschaft, welches die üblichen Hierarchien hinterfragte. Derzeit wird in der Kunstwelt heiß über ernsthafte Gefühle, die Einbindung von Communities oder Minderheiten und auch Formen von künstlerischer Repräsentation debattiert. Althamer regt uns dazu an, Diskurse und Zynismus hinter uns zu lassen – nur dann können wir uns den Menschen um uns herum tatsächlich zuwenden.


Paweł Althamer: The Neighbors
12.2. – 13.4.2014
New Museum, New York




Newsletter
Bleiben Sie immer Up to Date in Sachen Gegenwartskunst – mit ArtMag. Abonnieren Sie hier unseren Newsletter.
 

Alternative content

Get Adobe Flash player

Feature
Zwischen Mythos und Realität - Victor Mans existenzielle Malerei / "Das kontemplative Kunsterlebnis findet nicht mehr statt" - Olaf Nicolai über die Zukunft der Biennalen / MACHT KUNST - Die Preisträger - Versteckspiele: Die Selbstporträts von Annina Lingens / Eine amerikanische Angelegenheit - Ein Gang über die Whitney Biennale 2014 / Let's talk: Dayanita Singh & Gerhard Steidl über die hohe Kunst des Büchermachens / Six Feet Under - Warum feiert die Gegenwartskunst so gerne Alte Meister und vergessene Outsider? / "Optimismus ist Teil einer revolutionären Einstellung" - Drei Fragen an Sydney Biennale-Leiterin Juliana Engberg / Die Sprache der Kunst neu denken - Die Whitney Biennial 2014 erweitert den Diskurs / Der Mann, der die Pop Art erfand - London feiert Richard Hamilton / Dunkle Metamorphosen - Victor Man ist Künstler des Jahres 2014 / MACHT KUNST - Die Preisträger - "Die Farben waren mir nie stark genug": Ein Besuch bei Nicolas Fontaine / MACHT KUNST - Die Preisträger - Lena Ader: Eine gewisse Stärke
News
Zucker ist nicht immer süß - Kara Walker in New York / Open House: Deutsche Bank beteiligt sich zum zehnten Mal an der Initiative "Kunst privat!" / Revolutionär: Das Logo der Deutschen Bank feiert seinen 40. Geburtstag / Internationale Kunst, Fußball und ein Hotel auf Zeit: Die Deutsche Bank ist Hauptsponsor der Frieze New York / Träume und Utopien - Deutsche Bank ist Partner der 19. Biennale von Sydney
Presse
"Linien zum Leben erwecken" - Die Presse über The Circle Walked Casually in der Deutsche Bank KunstHalle
Impressum  |  Rechtliche Hinweise  |  Zugänglichkeit  |  Datenschutz  |  Cookie Notice
Copyright © 2016 Deutsche Bank AG, Frankfurt am Main


+  ++  +++