Six Feet Under
Warum feiert die Gegenwartskunst so gerne Alte Meister und vergessene Outsider?

Auf internationalen Ausstellungen, Biennalen und Messen begegnet man ihnen immer häufiger – Alten Meistern und Künstlern, die zu ihren Lebzeiten übersehen wurden. Massimiliano Gioni zum Beispiel stellte in seiner Schau „Encyclopedic Palace“ auf der Venedig Biennale die Outsider-Kunst programmatisch auf die gleiche Stufe wie die Gegenwartskunst. Doch lockern sich die Grenzen zwischen Epochen und Genres tatsächlich? Oder eröffnen diese Wiederentdeckungen und Neuinszenierungen nur zusätzliche Vermarktungsmöglichkeiten?


Daniel Baumann. Kurator der Adolf Wölfli Foundation, Kunstmuseum
Bern, und Co-Kurator der 2013 Carnegie International in Pittsburgh.
Photo: Courtesy Daniel Baumann

Daniel Baumann

In kultureller Hinsicht spiegelt dieses Phänomen die Besessenheit unserer Gesellschaft von Jugend und Erfolg wider. Beide sind sie Anti-Helden – der Outsider-Künstler, weil ihm der Erfolg (scheinbar) gleichgültig ist, der Alte Meister, weil er die Jugend erfolgreich überlebt hat und noch immer relevant ist. In ökonomischer Hinsicht ist es ein Ausdruck für einen starken und übersättigten Markt, der nach neuen Bereichen sucht: Die Jungen und die Stars sind überbewertet, die Alten und Außenseiter unterbewertet. Besonders Menschen, die von einer Kunst begeistert sind, die etwas über unsere Geschichte und unser Leben aussagt, fühlen sich von Alten Meistern und Outsidern angesprochen. Wir brauchen aber mehr als aufregende Entdeckungen und naiven Enthusiasmus. Übersehene Künstler stellen unser Denken, unseren Kanon, unsere Kategorien und Sammlungen infrage. Sie regen uns dazu an, die Geschichtsschreibung zu überprüfen und alternative Versionen zu formulieren. Sie fordern uns auf, unser Hirn zu benutzen und nicht nur unsere Bankkonten.






Amy Cutler. Künstlerin, New York.
Photo: Witold Riedel

Amy Cutler

Als Künstlerin habe ich mich von den Grenzen zwischen Disziplinen, Strömungen und Epochen nie beschränken lassen. Meine Arbeit wird von vielen, ganz unterschiedlichen Interessen geprägt. Dazu gehört genauso Kunst aus dem 15. Jahrhundert wie auch alle möglichen Arten von Volkskunst aus der ganzen Welt. Wenn ich mir diese Kategorien und Labels aufbürden würde, bekäme ich nie etwas zustande. Es gibt da draußen eine Menge Kunsthistoriker, die sich um diese Themen kümmern können. Für mich ist diese Art zu denken kontraproduktiv, sie erstickt unweigerlich jede Art von Kreativität. Was in der kommerziellen Kunstwelt passiert, hat keinerlei Einfluss auf meine Arbeit im Atelier. Mich interessieren vielmehr die Arbeiten meiner Künstlerkollegen, aber auch die gesamte Kunstgeschichte sowie Kunst und Kunsthandwerk anderer Kulturen. Wenn ich arbeite, ist mir nichts ferner als der Kunstmarkt. Ich betrachte das nicht als eine Wiederentdeckung bzw. Wiederbelebung von toten Outsidern und Alten Meistern. Ihre Werke bleiben eine feste Größe und sie sind viel mehr als nur eine weitere Möglichkeit zum Geldverdienen. Kunst, die aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst wurde und dabei immer noch Künstler anderer Generationen inspiriert, ist äußerst kraftvoll. Diese Stärke fasziniert mich. Die Ideen und die Fähigkeiten des Künstlers transzendieren alle Trends und ökonomischen Belange.






Massimiliano Gioni. Direktor Ausstellungswesen New Museum, New York;
Direktor Trussardi Foundation, Mailand; künstlerischer Leiter Venedig Biennale 2013.
Courtesy: la Biennale di Venezia. Photo: Giorgio Zucchiatti

Massimiliano Gioni

Ich bin mir gar nicht so sicher, ob die Gegenwartskunst wirklich gerne Alte Meister und tote Außenseiter feiert. Wenn man sich die Berichterstattung in den Mainstream-Medien anschaut, wirkt es, als gehe es in der Gegenwartskunst vor allem um Auktionsrekorde, Partys, Messen und um einige wenige Künstler, für die unglaublich hohe Preise aufgerufen werden. Ich glaube, das Interesse an unbekannten oder übersehenen Künstlern hat auf die eine oder andere Weise viel mit der Ablehnung dieser übertrieben kommerziellen Haltung zu tun, die augenblicklich das Image der Gegenwartskunst zu beherrschen scheint – innerhalb und außerhalb der Kunstwelt. Dieses Interesse zeugt von einer Sehnsucht nach mehr Komplexität – man will einen Beweis, dass Kunst weit mehr sein kann als ein Freizeitspaß für Reiche oder eine Form von visuellem Entertainment: Dahinter steht der Glaube an die Kunst als kompromissloses, existenzielles Abenteuer – deswegen auch die Betonung der biografischen Aspekte bei der Rezeption und Würdigung bestimmter vergessener Meister. In anderen Worten: Das Interesse für Figuren, die nicht so sehr im Kanon verankert sind, drückt ein Bedürfnis nach Authentizität aus, die manchem wie ein Gegengift gegen das überzogene Spektakel und den Glamour in der Gegenwartskunst erscheint. Doch Vorsicht ist geboten, denn es ist einfach, aus Authentizität einen Mythos zu machen und dabei in die Kitsch-Falle zu tappen: Die Debatten darüber, ob man Outsider mit in eine Mainstream-Ausstellung einbeziehen soll, verlocken durch übermäßige Sentimentalität auch zum Kitsch und verführen uns häufig dazu, den Outsider als gänzlich unschuldigen „Edlen Wilden“ zu betrachten. Ich selbst bin mit einigen meiner Ausstellungen vielleicht auch in diese Falle getappt. Aber wenn das so war, dann nur, weil ich daran glaube, dass wir einen neuen Zauber in der Kunst und durch die Kunst brauchen. Man könnte diese Falle vermeiden, indem man beides – die Kunst, die zum Kanon gehört, und die weniger beachteten Positionen – gleich behandelt: als Zeugnisse verschiedener Sichtweisen auf die Welt, die unsere Vorstellung von der Kunst und von der Welt bereichern. Wenn uns dies gelingt, kann das dazu beitragen, eine Kunstgeschichte und einen Blick auf die Gegenwartskunst zu entwickeln, der reicher, vielstimmiger, strukturierter und weitaus befriedigender ist als diese sterilen Top-100-Listen der mächtigsten und teuersten Künstler.






Jerry Saltz. Kunstkritiker New York Magazine.
Photo: Courtesy Jerry Saltz

Jerry Saltz

Jede Kunst ist Gegenwartskunst. Von Höhlenmalereien bis zu den „Slave Narratives“ von  Kara Walker.

Jede Kunst stammt von anderer Kunst ab.

Jede Kunst ist ein Kommentar zu all der Kunst, die je gemacht wurde.

Die Vergangenheit wird nicht mehr so verherrlicht, wie es früher üblich war.

Kunst währt lange.

Fragen wie diese sind kurzsichtig.














Victoria Siddal. Direktorin Frieze Masters, London.
Photo: Jonathan Hokklo

Victoria Siddall

Über zeitgenössische Kunst wird häufig so diskutiert, als sei sie von der Kunstgeschichte abgetrennt, doch jede Kunst war einmal zeitgenössisch. Die Gegenwart wird beständig von der Vergangenheit beeinflusst. Das wissen die Künstler seit Jahrhunderten. Die Renaissance hätte es ohne die antike Kunst, die Jahrhunderte zuvor entstand, nicht gegeben.

Besser als alle anderen können das meist die Künstler erklären. Lucian Freud sagte einmal, dass für ihn ein Besuch in der Londoner National Gallery wie ein Arztbesuch sei. Ed Ruscha bemerkte über Millais’ 1851/52 entstandenes Bild Ophelia: „Es fühlt sich an, als ob es einen kleinen silbernen Faden zwischen diesem und meinem Gemälde gäbe. Vielleicht ist die Zeitspanne zwischen diesen beiden Werken doch nicht so groß.“

Die Frieze Masters Talks brachten Künstler wie John Currin, Luc Tuymans und Beatriz Milhazes mit Kuratoren kunsthistorischer Museen zusammen, damit sie sich über ihre Sicht auf die Gemälde Alter Meister austauschen konnten. Ihre Erkenntnisse  über die Beziehungen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart waren wirklich faszinierend. Alle Gespräche sind auch online zu finden.








Axel Vervoordt: Antiquitätenhändler, Antwerpen.
Photo: Bertrand Limbour

Axel Vervoordt

Kunst ist immer zeitgenössisch, zugleich ist jedoch Zeitlosigkeit ihr Kennzeichen. Alle Objekte, unabhängig von ihrer Herkunft und ihrem Wert, sind durchdrungen von einer universellen Bedeutung und einer immanenten Reinheit, die ihre Relevanz für die Gegenwart lebendig erhält. Eine Leidenschaft für die Künste beschränkt sich nicht auf einen bestimmten Zeitabschnitt, sondern umspannt Kontinente, Jahrhunderte und Kulturen.

Das zunehmende Interesse der heutigen Kunst an Alten Meistern und vergessenen Außenseitern beruht auf der Tatsache, dass das 21. Jahrhundert mehr produziert, konsumiert und entsorgt, als es die Erde verträgt. In der Zeitlosigkeit der Kunst suchen wir nach Stille, Schutz und Gelassenheit. Der Wunsch und die Notwendigkeit, das Alte wirklich zu schätzen, werden immer größer. Das wollten wir mit Artempo: Where Time Becomes Art, unserer ersten Ausstellung 2007 im Palazzo Fortuny in Venedig, zum Ausdruck bringen.













Julia Voss. Leiterin des Kunstressorts der Frankfurter Allgemeine Zeitung,
Frankfurt am Main.
Photo: Courtesy Julia Voss

Julia Voss

Die Frage muss doch genau umgekehrt lauten: Warum hat der Kunstbetrieb diese Künstler so lange ausgegrenzt? Weshalb können sie erst jetzt in die Ausstellungshäuser einziehen? Die schwedische Malerin Hilma af Klint (1862-1944) ist ein gutes Beispiel. In Stockholm und Berlin konnte 2013 endlich ein großes Publikum ihr Werk in einer umfangreichen Retrospektive sehen. Auch Massimiliano Gioni zeigte einige ihrer Gemälde im Rahmen der Biennale in Venedig. Das Werk ist einzigartig. Auf ganz eigenen Wegen gelangte die Künstlerin 1906/07 zu einer neuen Formensprache: riesige abstrakte Bilder, organische Formen, glühende Farben. Wer Kandinsky sagt, wird in Zukunft auch Hilma af Klint sagen müssen. Diese Schau war längst überfällig.