Poetische Raumfahrt
Berlin feiert Otto Piene

Himmelsstürmer, Pionier der Multimediakunst und in seiner engen Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern auch Vordenker einer heutigen Künstlergeneration, die naturwissenschaftlich, ökologisch und technologisch forscht und arbeitet. Ohne Otto Piene und die von ihm gemeinsam mit Günther Uecker und Heinz Mack gegründete Gruppe ZERO würden die aufsehenerregenden Projekte von Olafur Eliasson oder Thomas Saracceno heute sicher anders gesehen. Zugleich nahm Piene in seiner Arbeit den Gedanken des „Kollektiven“, das gemeinschaftliche Produzieren und Erleben von Kunst, vorweg, das für die heutige Kunstpraxis so relevant ist. Wie die Kunst von ZERO steht auch Pienes Werk für das Aufbrechen von Grenzen, Ideologien und Nationalitäten.

Ab dem 17. Juli bietet die Deutsche Bank KunstHalle in Kooperation mit der Neuen Nationalgalerie die Gelegenheit, Piene neu- oder wiederzuentdecken: Im Zusammenspiel zwischen beiden Häusern dokumentiert More Sky wie Piene aus seiner Malerei in den späten 1950er Jahren eine völlig neue, multimediale Kunstform entwickelte. Frühe Lichtdrucke und -grafiken, Rauchbilder und Lichtskulpturen, die zum Teil aus der Sammlung Deutsche Bank stammen, machen in der KunstHalle den Experimentiergeist Pienes erfahrbar. Er trieb die Entgrenzung der Kunst mit allen Mitteln voran, malte mit Rastern, Rauch und Feuer. Die Rastersiebe setzte er im Zusammenspiel mit Lampen und Folien für seine ersten „archaischen Lichtballette“ ein, aus denen er ab 1960 Lichtplastiken oder ganze kinetische Environments entwickelte – wie auch die „Lichträume“, in denen der Besucher von unterschiedlichen Lichtmustern und -sequenzen überflutet wird. Eigens für die KunstHalle schafft Piene einen großen Lichtraum. Zugleich sind in der Ausstellung Videos seiner Performances und „Sky Events“ zu sehen, für die er mehr als 300 Meter lange beleuchtete Polyäthylenschläuche in den Himmel schweben ließ, etwa auf der Olympiade 1972 in München.

Auch mit der Dia-Performance The Proliferation of the Sun ging Piene neue Wege. 1967 wurde sie für das New Yorker Black Gate Theatre konzipiert. Mit über 1000 handbemalten Dias bestückt, entfachten Projektoren und Dia-Karussells einen visuellen Sturm. Nun ist die Arbeit in einer rekonstruierten Fassung in der Neuen Nationalgalerie jeweils in den Abendstunden von 22 bis 3 Uhr zu erleben. Als „poetische Raumfahrt“ hat Piene die Performance beschrieben. Im Zusammenspiel mit Mies van der Rohes visionärer Architektur erlangt sie eine neue Dimension.  

Zum Auftakt der Ausstellungskooperation findet am Abend des 19. Juli 2014 ein spektakuläres Sky Art-Event im Außenbereich der Neuen Nationalgalerie mit Unterstützung der Deutschen Bank statt. Mit drei bis zu 90 Meter hohen, illuminierten Luftskulpturen in Sternenform – darunter der Berlin Superstar, den Otto Piene erstmals 1984 an der Technischen Universität zeigte – wird der Künstler auf den Berliner Nachthimmel zum Leuchten bringen.


Otto Piene. More Sky
17.7.-31.8.2014
Deutsche Bank KunstHalle / Neue Nationalgalerie