Zucker ist nicht immer süß
Kara Walker in New York

Es riecht süßlich und nach Verfall. Das ist der erste Eindruck beim Betreten der Domino Sugar Factory. Dunkle, klebrige Melasse, ein Nebenprodukt der Zuckerproduktion, bedeckt noch immer die Wände der 2004 stillgelegten Fabrik am Ufer des New Yorker East Rivers. In dieser Industriekathedrale – der 1892 errichtete Bau war einst die weltweit größte Zuckerraffinerie – hat Kara Walker ihr erstes monumentales Projekt im öffentlichen Raum realisiert: eine riesige Sphinx, die am Ende einer der Lagerhallen kauert.

A Subtlety, or the Marvelous Sugar Baby, so der Titel der Arbeit, steht für ein neues Kapitel im Werk einer der bedeutendsten afroamerikanischen Künstlerinnen. Für Creative Time, eine Non-Profit-Organisation, die seit 1973 tausende Kunstprojekte im öffentlichen Raum ermöglicht hat, realisierte sie erstmals eine große skulpturale Installation. Bekannt wurde Walker, deren Papierarbeiten in den Frankfurter Deutsche Bank-Türmen eine ganze Etage gewidmet ist, mit subversiven Scherenschnitten. Immer wieder konfrontieren sie den Betrachter mit rassistischen und sexistischen Stereotypen. Voller Wut, Humor und sehr obsessiv untersucht die 1969 geborenen Künstlerin die fließenden Übergänge zwischen Unterdrückung und lustvoller Unterwerfung, Macht und Ohnmacht, Täter und Opfer. Bereits 2002 stellte das Deutsche Guggenheim, heute Deutsche Bank KunstHalle, Walkers provozierende Arbeiten erstmals in Deutschland im Rahmen einer großen Ausstellung vor.

Walkers Sphinx trägt die Gesichtszüge einer afro-amerikanischen Frau, doch sie erstrahlt in grellem Weiß: die Skulptur ist mit 160.000 Pfund Zucker überzogen. Das über der Stirn geknotete Kopftuch erinnert an die Klischeebilder von schwarzen Köchinnen oder Dienerinnen – „Mammys“, die sich um das Wohlergehen weißer Familien kümmern. Die Nacktheit des Marvelous Sugar Baby bezieht sich dagegen auf stereotype Darstellungen schwarzer Frauen als Sexobjekte. Doch zugleich besitzt die imposante Figur die Ausstrahlung einer archaischen Gottheit. Walker verweist aber auch auf die Geschichte des Zuckers: Einst kostbarer Luxus wurde er mehr und mehr zu einem Massenartikel. Und zu einer der Säulen des transatlantischen Dreieckshandels: Auf Sklavenschiffen wurden Afrikaner als Arbeitskräfte auf die Zuckerrohr-Plantagen in der Karibik verfrachtet, mit Zucker beladen fuhren die Schiffe dann nach Europa, um von dort wieder nach Afrika zu segeln. Hier tauschte man Stoffe und Waffen gegen Sklaven ein. Zucker, so zeigt es Kara Walker, kann einen sehr bitteren Beigeschmack haben


Kara Walker – A Subtlety, or the Marvelous Sugar Baby
Bis 6.7.2014
Domino Sugar Factory in
Williamsburg, Brooklyn