Der Geist in den Wäldern:
Rodel Tapayas magische Kunst

Riesen, Geister, Götter:  Der phillipinischen Künstler Rodel Tapaya schließt uralte Schöpfungsmythen mit dem 21. Jahrhundert kurz. Jetzt hat er einen Triptychon für die Deutsche Bank in Manila geschaffen. Oliver Koerner von Gustorf hat sich mit ihm unterhalten.
Glaubt man den Mythen der philippinischen Region Visayas, sind Manananggals wahrhaftig furchteinflößende Wesen. Am Tage treten sie als gewöhnliche Menschen auf, zumeist als Frauen. Doch nachts trennen sie ihren Torso vom Unterleib ab, breiten fledermausartige Flügel aus und suchen nach Opfern. Der abgespaltene Teil lebt eigenständig weiter. Doch wenn er bis zum Sonnenaufgang nicht wieder mit dem Oberkörper vereint wird, stirbt die Kreatur. Findet man einen abgetrennten Unterkörper, kann man diese Wiedervereinigung verhindern, indem man Salz auf den rumpflosen Körper streut.

In seiner Installation Modern Mananangals nutzt der der philippinische Künstler Rodel Tapaya diesen uralten Mythos und transferiert ihn in die Neuzeit. Dafür lässt er gleich eine ganze Gruppe dieser Dämonen mit Hartschalenkoffern losfliegen – jenen knallbunten Modellen, die man als Symbol des Massentourismus tausendfach an jedem Flughafen findet. Bei genauerem Hinsehen ist das gar nicht so irritierend. Denn wer auf Google nach Bildern dieser Fabelwesen sucht, wird erstaunt sein. Dieses „Filipino-Folk-Monster“ ist in Asien und den USA in allen Varianten verbreitet, im Fantasy-, Anime- oder Simpsons-Stil von mystisch bis erotisch. Der ursprüngliche Volksmythos hat erstaunliche Transformationen durchlaufen. Er ist im wahrsten Sinne auf Reisen gegangen, hat sich in der Berührung mit der globalen Massenkultur fortgepflanzt und verändert. Das Bild der zweigeteilten Frau trifft tief in die verunsicherte Psyche der heutigen Gesellschaft. In ihm verdichten sich sexuelle und gewaltsame Fantasien, Entfremdung, die Furcht, den Kontakt zu sich selbst, seinen Gefühlen, seiner Identität zu verlieren.

Eben von dieser Angst erzählen Tapayas Modern Manananggals. In seiner Ausstellung Bato-Balani, die er 2014 für die Ateneo Art Gallery in Manila realisierte, schwirren sie als männliche und weibliche Versionen paarweise und wohlgeordnet durch die Museumshalle wie zum Check-In. Tapaya spielt damit auf einen besonderen Umstand an: Etwa acht Millionen Filipinos, fast neun Prozent der Gesamtbevölkerung, arbeiten ständig im Ausland, philippinische Frauen besonders häufig in Hongkong, Singapur, Taiwan und arabischen Ländern, vor allem als Haus- oder Kindermädchen. Modern Manananggals erläutert Tapaya, sei so etwas wie eine Mahnung an die sogenannten „Filipino Oversees Workers“, in ihr Heimatland zurückzukehren und sich mit ihrer Familie, ihrer Heimat wiederzuvereinigen, um Leiden zu vermeiden.

Doch auch diejenigen, die diese Anspielung nicht erkennen, spüren die Entfremdung, die die hölzernen Skulpturen ausstrahlen. Es fällt auf, dass Tapaya seine Modern Manananggals wie die Gallionsfiguren der spanischen Herrscher erscheinen lässt, die die Philippinen im 16. Jahrhundert kolonialisierten und christianisierten. Tatsächlich wirkt es, als würde hier eine Eroberung unter umgekehrten Vorzeichen stattfinden. Nicht umsonst hieß eine von Tapayas frühen Einzelausstellungen 2008 im Drawing Room Singapore Folkgotten: Im Werk des Künstlers, der 1980 in Montalban unweit von Manila geboren wurde, sind es die alten, im heutigen Alltag marginalisierten Mythen, die vergessenen Dämonen, alten Geister und Gottheiten, die die moderne, säkularisierte Gesellschaft zurückerobern. Und damit hat der Künstler, der jetzt für die Deutsche Bank in Manila eine große Auftragsarbeit realisiert hat, inzwischen weltweit Erfolg.

Auch wenn seine Gemälde und Installationen auf philippinischen Mythen und Sagen basieren, sagt Tapaya, gäbe es dabei natürlich große Überschneidungen mit anderen Kulturen und Ländern. Die Details, Handlungen und die Namen seien vielleicht anders, aber die Motive, Themen und Archetypen ähnlich: „Es ist auch schwer zu behaupten, dass es in meinem Werk um nationale Identität geht, denn die philippinische Kultur ist eine Mischung aus indigenen, spanischen, japanischen Einflüssen. Alles was ich tue ist, mir diese Volkssagen anzuschauen und in ihnen die vielfältigen Verbindungen zur Gegenwart und vielleicht auch sogar zur Zukunft zu entdecken.“     
      
Die Gemälde, die Tapaya aus diesen Verbindungen schafft, haben geradezu halluzinogene Wirkung: Häufig monumental, ziehen sie den Betrachter in labyrinthische Bildgeflechte, die ebenso an die Phantasmagorien von Hieronymus Bosch, wie auch an den Magischen Realismus Lateinamerikas denken lassen. „Ich glaube, in einem Land aufgewachsen zu sein, das 300 Jahre unter der spanischen Kolonialherrschaft stand, hatte großen Einfluss auf mein Werk, ebenso wie der Umstand, dass ich selbst Katholik bin und einen ausgeprägten Sinn für diese visuelle Sprache habe“, sagt Tapaya. Es ist sicher auch kein Zufall, dass seine Bilder an die allegorischen Wandgemälde des mexikanischen Malers und Kommunisten Diego Rivera erinnern, die dieser als Mittel zur Verbreitung der Ideale der Revolution verstand. Wie bei Rivera ist auch in Tapayas Werk die Schöpfung eines der Hauptmotive und auch er nutzt die Malerei, um politische, soziale und spirituelle Ideen zu formulieren, historische Persönlichkeiten zu verewigen, nationale Geschichte zu thematisieren.  

Tapaya konstruiert dabei aus organisch wuchernden Formen, geometrisch-abstrakten und architektonischen Elementen die Bühne für eine eigenwillige Kosmologie. Zum wiederkehrenden Personal gehören mythische Figuren wie Kobolde, riesige Pferdemenschen (Tikbalang), der zwischen zwei Bergen eingeschlossene Riese Bernardo Carpio oder historische Persönlichkeiten wie der Revolutionsführer Andres Bonifacio oder der Nationalheld José Rizal. Die Welt der Geschichte und der Mythen trifft auf die Welt der Städte, des Krieges, der Arbeit. In Tapayas Gemälden tritt der Mensch seinen Göttern und Dämonen mit den Attributen der Zivilisation entgegen: Büromöbeln, Pingpongplatten, Kanonen.

Die mythischen Wesen bilden zugleich so etwas wie einen moralischen Kommentar zur menschlichen Welt. Das gilt auch für eines seiner jüngsten Werke, das als Auftragsarbeit für die Deutsche Bank entstand und in diesem Juni in der Lobby der Deutsche Knowledge Services (DKS) in Bonifacio Global City in Manila eröffnet wird. Rodel Tapayas Triptychon The First Beings: The Supreme Planner, The Ten-Headed Creature and The Mediator wurde im Rahmen des “Appreciating Art in Deutsche Bank” Programms in Auftrag gegeben. Mit Ankäufen, Ausstellungen und Führungen soll Kunden und Mitarbeitern Kunst tagtäglich nahegebracht werden. „Für mich war die Versuchung natürlich groß“, erzählt Tapaya, „nach Geschichten und Volkslegenden über Reichtum Gold und Schätze zu suchen. Doch das fand ich zu direkt und vorhersehbar. Ich wusste zunächst, dass es ein Triptychon werden würde und ich wollte lange etwas mit diesem einzigartigen Schöpfungsmythos aus Bukidnon, einer Region im südlichen Teil der Philippinen, machen, in dem es drei Hauptfiguren gibt. Jedes der Panele ist einer der Figuren gewidmet, die auch auf den anderen Tafeln erscheinen. Mir wurde deutlich, dass es hier nicht nur um die Schöpfung des Universums geht, sondern um die Schöpfung von allem, für das man Kreativität braucht. Das kann die Karriere, den Wohlstand betreffen oder Vorhaben bei denen Planungen und Visionen, ein großartiges Team, Ressourcen, Berater und Unterstützer für den Erfolg entscheidend sind.“     

Tapayas drei Bilder zeigen die Wesen, aus deren Zusammenspiel die Welt entsteht: Das einköpfige Wesen ist der höchste Planer, der die Vision der Welt hat, während das zehnköpfige Wesen die Mittel hat, diese Vision umzusetzen und zu materialisieren. Der geflügelte Gott ist der Mediator, der bei der Schöpfung hilft und Streit zwischen den anderen beiden Gottheiten schlichtet. Diese Balance ist unerlässlich für die Schöpfung. Werte wie Gemeinschaft, Spiritualität, der Respekt vor der Natur durchziehen Tapayas Werk wie ein roter Faden. In vielen seiner Bilder verbirgt sich dabei genauso mehr oder minder verschlüsselte Kritik an Gewalt und Materialismus.

Es ist wohl kein Zufall, dass es in Tapayas Werk nicht die Metropolen sind, in denen kulturelle Identität verhandelt und vermittelt wird. Ihr Schauplatz liegt zumeist im als exotisch oder barbarisch verrufenen Dschungel, abseits der Orte, an denen sich politische und ökonomische Macht ballt. In seinen Bildern erscheint er transformiert – wie ein magischer Grenzbereich zwischen Natur und Zivilisation, Tradition und Fortschritt. Hier regiert nicht eine weltliche, sondern eine uralte, spirituelle Macht. Dieses Denken zeigt Parallelen zum Werk eines der wichtigsten Künstler aus dem asiatisch-pazifischen Raum – dem thailändischen Regisseur Apichatpong Weerasethakul, der in Filmen wie Tropical Malady aus volkstümlichen Mythen eine völlig neue Bildsprache schöpft. Weerasethakul wurde nicht nur in Cannes mit dem Jurypreis ausgezeichnet, sondern war auch als Künstler auf der documenta vertreten und wurde mit großen Ausstellungen etwa im Münchner Haus der Kunst (2009) geehrt.

Wie zuvor Weerasethakul ist Tapaya auf dem besten Weg, nicht nur die globale Kunstwelt zu erobern, sondern aus der Rückbesinnung auf die lokale Tradition ein völlig modernes Werk zu schaffen. Bereits 2001 gewann er den großen Preis der Nokia Art Awards, der es ihm ermöglichte, an der Parsons School of Design in New York und der Universität von Helsinki zu studieren, um seinen Abschluss dann am College of Fine Arts der Universität der Philippinen zu machen. Seit Jahren arbeitet Tapaya mit asiatischen und europäischen Galerien zusammen und gilt als einer der erfolgreichsten Maler im asiatisch pazifischen Raum. 2011 erhielt er den renommierten Signature Art Prize, der von der Asia-Pacific Breweries Foundation und dem Singapore Art Museum vergeben wird. In diesem Herbst wird er auf der 10. Gwangju Biennale vertreten sein, dem wohl wichtigsten institutionellen Kunstereignis Asiens.

Animistisch geprägte Weltbilder, der Glaube an die Seelenwanderung zwischen Menschen, Pflanzen, Tieren und Geistern – das wären vor einigen Jahren noch „exotisch“ verpönte Motive gewesen, die gerade Künstler aus den neuen Kunstlandschaften gemieden hätten. Heute dienen sie Tapaya im Gegenteil dazu, diesen Exotismus in Frage zu stellen. Sie bieten neue Möglichkeiten, um den Konflikt zwischen Fortschritt und Tradition, rapider Urbanisierung, Landflucht und postkolonialen Befindlichkeiten zu beschreiben. Und nicht zuletzt zeugen sie von tiefer Spiritualität, dem Antriebsmotor Tapayas. „Ich glaube an ein Leben nach dem Tod“, sagt er, „ich glaube, dass es mehr Welten gibt, als wir gerade wahrnehmen. Es gibt auch dort verschiedene Kräfte, manche sind gut, andere nicht, genau wie in unserer Gesellschaft gibt es Gut und Böse. Aber ich glaube daran, dass das Gute überall ist, in jedem Ding, in jedem Menschen.“