Go West
Die Berlin Biennale 2014

Das alte West-Berlin lebt wieder auf. Die internationale Kunstcommunity fährt jetzt nicht nur in die Auguststraße, sondern auch nach Dahlem oder Grunewald. Zumindest wenn es nach Berlin Biennale-Kurator Juan Gaitán geht. Achim Drucks hat sich auf den Weg gemacht und ist auf zahlreiche Arbeiten von Künstlern aus der Sammlung Deutsche Bank gestoßen.
Berlin ist berühmt für seine ausgefallenen Locations. Ob leerstehende Mädchenschule, Heizkraftwerk oder ehemaliger Jugendknast: Statt in keimfreien White Cubes stellt man lieber in mit Geschichte und Gefühlen besetzten Orten aus, an denen die Zeit sichtbare Spuren hinterlassen hat. Von dieser Ruinenromantik hat sich die aktuelle Berlin Biennale verabschiedet – und eigentlich auch von Mitte, dem Bezirk, in dem die Kunstschau 1998 ihren Anfang nahm.

Natürlich ist ein Teil der Biennale wie immer in den Kunst-Werken in der Auguststraße zu sehen. Doch seine beiden anderen Ausstellungsorte fand Kurator Juan Gaitán tief im Südwesten der Stadt: die Museen in Dahlem mit ihren ethnologischen Sammlungen und das Haus am Waldsee. So bringt der Kanadier mit kolumbianischen Wurzeln die Kunstszene dazu, in die Villenviertel des Westberliner Bildungsbürgertums zu pilgern, die so gar nicht dem Medienimage vom jungen, hippen Berlin entsprechen.
 
Der Parcours von Gaitáns Biennale führt zunächst ins Haus am Waldsee. Die in den 1920ern erbaute Fabrikantenvilla dient seit 1946 als Ausstellungshaus – zunächst für die von den Nazis verfemte Moderne, dann für zeitgenössische Positionen. Seine Glanzzeit hatte es etwa zeitgleich mit dem Ku’damm. In den 1960ern zeigte man kinetische Kunst, in den 1980ern stellten hier Cindy Sherman aus. Seit einigen Jahren erfährt das Haus eine Renaissance, aber den Schub durch die Biennale kann es gut gebrauchen. Wie in einer Prélude klingen hier schon einige der Motive an, die den Besuchern an den beiden anderen Biennale-Stationen erneut begegnen werden, etwa die Auseinandersetzung mit der Moderne oder dem Kolonialismus. So verwebt eine Installation von Mathieu Kleyebe Abonnencs die Kolonialgeschichte Schwarzafrikas mit seiner ganz privaten Familiengeschichte. Der 1977 in Französisch-Guayana geborene Künstler ist typisch für die ausgewählten Positionen: Gaitáns Biennale ist jung und sehr global. Nie zuvor wurden so viele Teilnehmer aus Südamerika, Afrika und Asien eingeladen.

Auch Abonnencs Interesse an der Vergangenheit sowie seinen Hang zu Archivrecherchen teilen viele Biennale-Künstler. Matts Leiderstam, der auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, durchforstet immer wieder Museumsgalerien und -depots. Der studierte Kunsthistoriker ist auf der Suche nach „doppelten Unbekannten“. Seine Serie Unknown Unknown besteht aus Reproduktionen von Porträts, bei denen man weder weiß, wer hier dargestellt wird, noch wer das Bild gemalt hat. Sie hängen nicht flach an der Wand. Wie geöffnete Fenster lässt Leiderstam seine Reproduktionen in die lichtdurchfluteten Galerieräume ragen, so dass auch die Rückseiten der Porträts zu sehen sind. Und die erzählen teilweise düstere Geschichten: Hier finden sich etwa Hakenkreuzaufkleber, die das Bild zum „Eigentum des Preuß. Finanzministeriums“ deklarieren.

Wie alt die modernistischen Wohnbauten der 1960er Jahre inzwischen aussehen, zeigt Patrick Alan Banfield. Die Videoinstallation des Städel Schülers stellt den strengen Betonarchitekturen Impressionen aus den Wäldern des Taunus entgegen – knorrige Wurzeln, regennasse Farne, Baumstümpfe. Was zunächst wie eine etwas platte Dichotomie zwischen Natur und Kultur wirkt, entpuppt sich als suggestives Szenario mit Endzeitstimmung: alles ist menschenleer, Fassaden bröckeln, die Pflanzen sind längst dabei, sich ihr Terrain zurück zu erobern.

Die beiden Leinwände sprengen fast den Raum, in den man sie eingezwängt hat. Die meisten im Haus am Waldsee versammelten Arbeiten besitzen allerdings mit ihren wohnzimmertauglichen Formaten genau jenen „privaten“ Charakter der Kunst, den der Kurator an diesem Ort betonen will. So begegnet man auch einer kleinen abstrakten Wolfgang Tillmans-Arbeit oder einem Flachbildschirm, auf dem ein Video von Anri Sala zu sehen ist. Beide Sammlungskünstler bespielen dann auf der nächsten Biennale-Station jeweils einen ganzen Raum. Doch auch wenn dies hier das Vorspiel ist, sagt die Präsentation etwas aus – die poetisch-politische Kunst passt erstaunlich gut in den großbürgerlichen Kontext  

Mit der Biennale hat Gaitán die Museen in Dahlem aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt. Nach dem Wegzug der Gemäldegalerie machen sich nur noch wenige Besucher auf den Weg, um die dort verbliebenen Sammlungen zu sehen. Demnächst werden auch diese ins Zentrum der Stadt verlagert – ins Humboldt-Forum, wo die ethnographischen Artefakte dann in der, so der Kurator, „imperialistischen Architektur“ des rekonstruierten Preußenschlosses zu sehen sind. Kunst und Kultur werden mehr und mehr in Mitte konzentriert, was nicht zuletzt den Interessen der besseren touristischen Vermarktung Berlins geschuldet. Dass sich Gaitán dieser Entwicklung widersetzt und den Blick auf die „Peripherie“ lenkt, ist ein echtes Verdienst seiner Biennale.

Im Museumsfoyer ist eine der wenigen Arbeiten zu sehen, die sich ganz direkt mit Berlin beschäftigen: Olaf Nicolai, der auch zum „Artistic Team“ der Biennale gehört, hat hier die abstrakten Bodenornamente aus dem Atrium eines leerstehenden Einkaufszentrums im östlichen Stadtteil Lichtenberg aufmalen lassen. Migration der Formen: Dem Vokabular der Moderne begegnet man ebenso in Shopping Malls wie im Sechziger-Jahre-Bau des Museums.

Mit den hier gezeigten Artefakten setzen sich nur wenige Künstler auseinander. Eine der Ausnahmen ist Carsten Höller, der stakkatohafte Lichtblitze auf Vitrinen mit präkolumbianischen Schätzen prasseln lässt. Dagegen kombiniert Wolfgang Tillmans ausgediente Erklärungstafeln des Museums zum Thema „Kulturwandel durch europäische Einflüsse“ mit eigenen Arbeiten – Aufnahmen von Computerbildschirmen, Duty-Free-Shopping Areas oder den martialischen Grenzanlagen zwischen den USA und Mexico. In den Vitrinen findet sich die „Einflüsse“, die in der globalisierten Welt von heute lokale Erzeugnisse verdrängen: fetischartige High-Tech-Sneakers oder auf Vintage getrimmte Jeans mit maschinell produzierten Rissen. Alberto Baraya nimmt mit seiner Installation den eurozentrisch-ethnologischen Blick aufs Korn: Fotografien zeigen, wie sich der Kolumbianer mit obskuren Geräten vermessen lässt, so wie es einst die Wissenschaftler mit den Vertretern indigener „Naturvölker“ taten.

Neben Filmen und Installationen setzt Gaitán vor allem auf das Medium Zeichnungen, das, wie er es formuliert, den „propositionalen Charakter des Kunstwerks betont.“ Malerei fehlt dagegen völlig, denn sie besäße, so Gaitán, eine zu starke Präsenz. Gerade angesichts der eindringlichen Filmbilder von Biennale-Künstlern wie Rosa Barba, Carlos Amorales und Anri Sala, dessen Beitrag Unravel bereits auf der Venedig Biennale 2013 zu sehen war, mutet diese Einschätzung allerdings etwas fragwürdig an.

Die Zeichnungen konzentrieren sich in Dahlem auf einen Raum. Eine ganze Wand bedeckt eine Arbeit von Kemang Wa Lehulere, der vor kurzem auch in der Ausstellung The Circle Walked Casually in der Deutsche Bank KunstHalle vertreten war. Der Südafrikaner verschmilzt auf seiner Kreidezeichnung Anspielungen auf die Zeit der Apartheit mit Medienbildern und Texten zu einem visuellen Bewusstseinsstrom.

Auch die große Halle in den Kunst-Werken ist der Zeichnung gewidmet. Auf einem ganzen Bataillon von Blättern überträgt Irene Kopelman ihre Beobachtungen des Ökosystems der Lianen oder Spuren, die Krabben auf dem Sandstrand hinterlassen, in reduzierte Linien und Farbtupfer. Das wirkt wie manch anderer Biennale-Beitrag ziemlich spröde und nicht wirklich von großer Dringlichkeit. Da wünscht man sich ein wenig von der hysterischen Atmosphäre der umstrittenen letzten Biennale-Ausgabe zurück, als Artur Zmijewski die Schau in ein Agit-Prop-Spektakel verwandelte.

Doch glücklicherweise gibt es in den Kunst-Werken aber auch Arbeiten, die still, aber doch absolut auf den Punkt gebracht sind. So beschäftigt sich Shilpa Gupta mit den Chitmahals – indischen oder bangladeschischen Enklaven, die jeweils auf dem Gebiet des anderen Staates liegen. Rund 51.000 Menschen leben in diesen Arealen und werden zu Spielbällen der beiden verfeindeten Staaten. Mit Fotografie, Zeichnung und Video veranschaulicht die indische Künstlerin, der in den Frankfurter Deutsche Bank-Türmen eine ganze Etage gewidmet ist, die schwierigen Lebensumstände in den Chitmahals. Dabei setzt sie nicht auf große Gesten und Empörung: Stattdessen markiert sie in Aufnahmen von sattgrünen Landschaften mit weißen Linien die Grenzverläufe, die Menschen kategorisieren – als Einheimischen oder Fremden.

Um Arbeiten wie diese zu verstehen, braucht man nicht unbedingt den Ausstellungsführer. Vor vielen anderen Beiträgen steht man dagegen selbst nach der Lektüre etwas ratlos und fragt sich, warum gerade diese Arbeit Teil der Biennale ist. Gaitán hat sich ganz bewusst gegen einen Leitgedanken für seine Schau entschieden. Die Arbeiten sollen eben nicht dazu dienen, eine These zu illustrieren. Das Problem an diesem an sich sympathischen Ansatz ist, dass die Auswahl nicht wirklich zwingend wirkt. Seine Ausstellung wirkt zu wohltemperiert und hermetisch. „Artur Zmijewski hat mehr einen Agitprop-Zugang“, kommentiert er die Strategie seines Vorgängers. „Er schüttelt gern den Baum.“ Bei Gaitán wiegt sich der Baum eher sanft im Wind. Ein paar Böen hätten seiner Biennale gut getan.


8. Berlin Biennale
bis 3. August 2014
KW Institute for Contemporary Art, Haus am Waldsee, Museen Dahlem