The Question:
Ist das Museum nur noch eine schöne Hülle?

Blockbuster-Schauen, steigende Besucherzahlen, spektakuläre Neubauten wie das Guggenheim und der Louvre in Abu Dhabi: Weltweit erleben Museen einen Boom. Obwohl mittlerweile in der Massenkultur angekommen, steckt die Institution Museum in der Krise. Grundlegende Aufgaben wie die Pflege der Sammlungen und ihre Vermittlung werden kaum noch öffentlich finanziert. Auch der westliche Kunstkanon wird angesichts der globalisierten Kulturlandschaft immer fragwürdiger. Ist das traditionelle Museum ein Auslaufmodell? Was sind wirkliche Chancen für die Zukunft?


Richard Armstrong
Direktor, The Solomon R. Guggenheim Museum
and Foundation, New York
Photo: Courtesy Richard Armstrong.

Richard Armstrong

Auf keinen Fall sind Museen nur „schöne Hüllen”, im Gegenteil, sie quellen förmlich über. Und sie spiegeln die Neugier der Menschen wider, die sie bevölkern: Sie sind soziale Konstrukte. In Amerika lassen sich an ihnen die kulturellen Ambitionen der Politiker der Gemeinden und Städte ablesen, sie zeigen aber auch die spezifischen Interessen lokaler Privatsammler. Beide Faktoren ändern sich von Zeit zu Zeit.

Heute nutzen die Menschen das Museum anders als in der Vergangenheit, die Kunstwerke jedoch überdauern. Wir erleben gerade einen hyperaktiven Moment: noch mehr Kunst, mehr Sammler, mehr Museen.






Chris Dercon
Direktor, Tate Modern, London
Photo: Klaus Haag. Courtesy Chris Dercon.

Chris Dercon

Unsere westlichen Kunstmuseen waren schon immer Orte konstanter Verwerfungen  und Transformationen. Daher sind viele Ausbauvorhaben der Vergangenheit und der Gegenwart nicht nur räumlichen Fragen geschuldet, sie bestimmen den besonderen Charakter von Kunstmuseen. Das Museum wird sich immer im Wandel befinden. Dabei entwickelt es sich allmählich zu viel mehr als nur zu einem kontinuierlich wachsenden Aufbewahrungsort für Kunst – es wird zu einer einzigartigen Begegnungsstätte. Für Kunstmuseen sind die stetig wachsenden Besucherströme heute kein Problem mehr. Sie beziehen das Publikum ein wie nie zuvor. Das Museum bietet eine neue Form des öffentlichen Raums, einen Ort für soziale Experimente und Innovationen, der neue Formen von Kunst, Kreativität und Denken ermöglicht, wo Menschen Kunst betrachten und auch mit ihr und miteinander interagieren können.

Das Lernen selbst wird zu einer künstlerischen Aktivität. Das Museum wird zu einem Ort für geistige, aber auch körperliche Erfahrungen, die das Verhältnis von Performance und Öffentlichkeit untersuchen. Die Besucher werden angeregt, an der ausgestellten Kunst mitzuwirken. Es werden Kunstwerke aus der ganzen Welt präsentiert, die es ganz unabhängig von ihrer geografischen Herkunft erlauben, neue Verbindungen herzustellen, so dass wir unseren eigenen Platz in der Welt besser verstehen können. Um dies zu erreichen, darf das Museum nicht nur „on site“ als Bauwerk existieren, es muss auch „on line“ seine Angebote vorantreiben und einen offenen Dialog ermöglichen. Möglichkeiten zur Erweiterung und zum Dialog bieten. Kunst ist eine der dynamischsten und engagiertesten Formen menschlichen Verhaltens, schon deshalb muss das Museum völlig neue Ausstellungskonzepte entwickeln. Wir leben in einer globalisierten Kulturnation. Das Auswählen, Bearbeiten, Interpretieren, Kommentieren und Ausstellen von Kunst – und das Hinzufügen unseres Wissens, unserer Subjektivität und Empathie – sind unsere grundlegenden Aufgaben für die Mehrheit der Nutzer von kulturellen Angeboten. Künstlerische Studien und Diskurse werden ebenso entscheidend sein wie die künstlerische Praxis. So ist das Museum weniger ein zurückhaltender Aufbewahrungsort als ein überschwänglicher Begleiter. Wenn Menschen ins Museum gehen, wollen sie nicht aus ihrem Leben fliehen. Sie wollen ihm näher kommen. Das Museum der Zukunft ist nicht leer, sondern voller neuer Ideen, Aktivitäten und Menschen.




Julia Grosse
Chefredakteurin, Contemporary And (C&), Berlin
Photo: Courtesy Julia Grosse.

Julia Grosse

Aus Sicht des westlichen Kunstbetriebs ist das sicherlich eine wichtige Diskussion. In vielen afrikanischen Städten stellt sich die Frage nach dem Museum als drohendem Kultur-Disneyland, gebaut von Zaha Hadid und Co., weniger.

Häufig fehlen zunächst einmal die Hüllen, um große Ausstellungen zu zeigen. Natürlich wandern Ausstellungen wie Rise and Fall of Apartheid aus München in das Museum Africa in Johannesburg. Oder der frühere Vorstandsvorsitzende von Puma, Jochen Zeitz, realisiert in Kapstadt „Afrikas erstes Mega-Museum“. Aber das ist nicht die Regel und viele nationale Ausstellungshäuser haben zu wenig Mittel, um Ankäufe für ihre Sammlungen oder Restaurierungen zu finanzieren.

Dabei gibt es eine große Kunstszene, die mitnichten nur davon träumt, „endlich“ in Europa auszustellen. Gerade hat eine Künstlergruppe aus Dakar ein Manifest verfasst, das senegalesische Sammler auffordert, am Aufbau einer Ausstellungsinfrastruktur mitzuarbeiten, indem sie ihre Schätze der Öffentlichkeit zugänglich machen.






Ramin Salsali
Sammler, Salsali Private Museum, Dubai
Photo: Courtesy Ramin Salsali.

Ramin Salsali

Der rapide gesellschaftliche Wertewandel und Paradigmenwechsel der letzten Jahre stellt auch öffentliche Kultureinrichtungen, besonders die Museen, kontinuierlich auf den Prüfstand. Finanzielle Einbußen und ausbleibende Förderung haben dazu beigetragen, dass sich das Museum neu erfinden muss. Steigende Grundstückspreise in den Innenstädten, führen dazu, dass über die Funktion von Bauwerken neu nachgedacht wird. Ein Museum könnte zum Beispiel zusätzlich als Hotel fungieren oder als Ort für die Spitzengastronomie. Die Möglichkeit, im Museum zu leben oder in dem Gebäudekomplex eine Wohnung zu besitzen, ist ein Projekt, dem sich das SALSALI PRIVATE MUSEUM als Teil eines Konzepts zur optimalen Stadtentwicklung verschrieben hat.

In den Metropolen Chinas tragen Privatmuseen bereits einen wesentlichen Anteil zur Entwicklung von Real Estate bei. Franchise-Konzepte wie das Guggenheim und der Louvre in Abu Dhabi sind Beispiele für innovative Lösungen. Eine aktuelle Prognose des Center for the Future of Museums für das Jahr 2034 nennt einige der kommenden Herausforderungen. Dazu zählen etwa steigende Energiepreise und sinkende Subventionen. Durch immer weniger anspruchsvolle Ausstellungsangebote, den Druck, Blockbuster-Schauen produzieren zu müssen, und dem schleichenden Verlust des von Experten definierten Kunstkanons verlieren Museen zunehmend die traditionellen Stützpfeiler ihrer Autorität.

Die Mehrheit der Kultureinrichtungen hat es verpasst, sich auf die radikalen sozialen, kulturellen und technologischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte einzustellen. Interessant ist hierbei die Rolle die Museen in Megametropolen wie Mexico City oder Tokio im Verhältnis zu ihrem Land einnehmen. Beide Städte haben mehr als 25 Millionen Einwohner und fungieren eher wie ein „Staat im Staat“, der sich von der Entwicklung des Staates abkoppelt. Diese Museen haben ihre ganz spezifischen Interessen und unterliegen ihren eigenen Entwicklungsprozessen. In den Megametropolen und Großstädten stellt die steigende Zahl privater Museen mit ihren spezifischen Nischenprogrammen und niedrigen Betriebskosten eine weitere Herausforderung für das traditionelle Museum dar.

Es ist für ein Museum unrealistisch, auf die ganze Bandbreite sozialer Veränderungen in unserer gegenwärtigen Welt reagieren zu wollen. Nur indem Museen sich eine flexiblere Rolle aneignen und ihre Funktion permanent überdenken, werden sie Bestandteil der kulturellen Infrastruktur aller Länder bleiben; andernfalls könnte die „leere Hülle“ tatsächlich Realität werden.






Bernd M. Scherer
Intendant, Haus der Kulturen der Welt, Berlin
Photo: Peter Adamik.

Bernd M. Scherer

Aufgabe des Museums war es, den Kanon zu definieren. Dieser Aufgabe sollten sich die Museen auch in der Zukunft stellen. Die institutionelle Kritik der letzten 20 Jahre forderte das Museum heraus, das in bürokratischen Verfahren erstarrt war und einen alten Kanon konservierte, der in keiner Weise die vielfältigen neuen globalen Entwicklungen in den Künsten abbildete. Vielmehr trug und trägt er im Zusammenspiel mit dem Markt teilweise bis heute dazu bei, ökonomische Ungleichheiten wie ästhetische Verzerrungen zu stabilisieren. Die berechtigte Attacke der institutionellen Kritik darf aber nicht dazu führen, den Kanongedanken aufzugeben. Wir benötigen dringend einen neuen Kanon, der die aktuellen globalen Entwicklungen reflektiert und zu einer Neubewertung der nichteuropäischen Modernen beiträgt. Dabei ist klar, dass dieser Kanon ein Konstrukt ist. Er ist aber notwendig, um einen Referenzrahmen für Beurteilungen und Bewertungen bereitzustellen. Im Gegensatz zu einer, die Sinne wie den Verstand abtötenden, Erlebniskultur der Konsumgesellschaft heißt es für Museen, wieder Verantwortung für Positionen zu übernehmen.






Bisi Silva
Kuratorin & Künstlerische Leitung
Centre for Contemporary Art, Lagos, Nigeria
Photo: Natalie Slow

Bisi Silva

Postkoloniale Regierungen in ganz Afrika haben offensichtlich die Entwicklung einer kulturellen Infrastruktur vernachlässigt. Dennoch sind in diesem Vakuum neue, dynamische und manchmal auch radikale Initiativen von Künstlern und Kulturschaffenden entstanden. Diese Plattformen engagieren sich für soziale und politische Themen und auch für ihr ständig wachsendes Publikum, wie es nur wenige der Mega-Museen weltweit leisten können. Eines der jüngsten Projekte ist das am 2. Mai diesen Jahres gegründete Molue Mobile Museum of Contemporary Art (MMMoCA): ein umgebauter Stadtbus aus der symbolträchtigen Yellow Lagos Serie, der „der Gesellschaft als Forum für die beispiellose Vielfalt kritischer zeitgenössischer Kunsterfahrungen dienen soll“, so Emeka Udemba, Künstler und Initiator dieses ersten Museums für Gegenwartskunst in Nigeria. Für sein erstes Projekt fährt der Künstler mit dem Bus zur diesjährigen Dakar Biennale in den Senegal und teilt Kunst und Ideen mit Menschen, denen er auf seiner Reise durch Westafrika begegnet. Während herkömmliche Museen eine definierte Aufgabe haben, zeigen Initiativen wie das MMMoCA Alternativen und andere Realitäten auf.






Jochen Volz
Programmleitung, Serpentine Galleries, London
Photo: Courtesy Jochen Volz.

Jochen Volz

Die Frage könnte lauten, ob ein Museum überhaupt eine Hülle braucht? Soll die Kunst hier aufbewahrt, beschützt, abgegrenzt, erhöht oder besonders hervorgehoben werden? „Kunst für alle“ proklamierten Gilbert & George publikumswirksam 1970 in ihrer Magazine Sculpture. Seitdem haben alle Kunstinstitutionen auf unterschiedliche Weise versucht, an ihren Mauern zu rütteln oder sie sogar einzureißen. Sie legten ihre Fundamente frei und öffneten ihre Häuser – tatsächlich oder symbolisch.

Für die Museen ist es Herausforderung und Dilemma zugleich, das Erbe zu bewahren, kulturelles Wissen zu vermitteln, neue Kreativität und kritisches Denken zu fördern, und dabei auch noch allen den Zugang zu ermöglichen. Ich hatte in den letzten zehn Jahren das Privileg, bei Inhotim in Brasilien zu arbeiten – einer Institution, die eine Sammlung zeitgenössischer Kunst zeigt, in der einige herausragende Künstler unser Zeit vertreten sind. Alles wird dort in einem offenen Garten präsentiert, nicht in einem geschlossenen Museum. Inhotim ist nur ein Beispiel, das zeigt, wie Kunsterfahrung immer wieder neu erfunden wird. Hülle oder nicht – solange das Museum ein Ort bleibt, an dem das Unbekannte erfahren und das Undenkbare gedachte werden kann, wird es nicht leer sein.